Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1931)
- Date
- 1931-08-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 34 Der Israelit 20. August 1931 Die DreilSnderfahrl des Keren Hathora. (Mit drei Bildern.) II. R a b k a. Mittwoch früh hingen schwere Wolken über den Höhen der Tatra. Die Welt im Polenlande ist nicht schön, wenn der Himmel ein trübes Gesicht macht. Eine Regennacht wirst die Arbeit von zehn Sonnentagen über den Hausen und verwandelt den Boden in metertiefen Schlamm. Die Polen nennen das „Blatte" und haben sich damit abgefunden, als gehörte es mit zur Schöpfung. Mit pünktlicher Verspätung von einer Stunde holt uns der Autobus in Zakopane ab. Etwa zwei Stunden patscht er durch den Morast zwischen den dichten Karpathenwäldern und ist gegen 11 Uhr am ersten uns für Mittwoch gesteckten Ziele, in R a b k a. Das eigentliche „Rabka", die Lehrkurse für die Lehrerinnen der Bes Jakow-Schulen, sehen wir nicht. Die Kurse beginnen erst später. Jetzt treffen wir etwa 150 Knaben in zwei niedlichen hölzernen Landhäusern bei Sang und Spiel. Trotz Regen ist die Kinderkolonie in Sonne getaucht, die aus zweihundert jugendlichen Gesichtern — eine kleine Kolonie der Poale Agudas Jisroel ist dort zur Zeit ebenfalls untergebracht — strahlt. Kinder aus der Ferienkolonie der Agudas Jisroel in Rabka bei Krakau. SP Sie kleinen Bleichgesichter aus verschiedenen Gegenden Polens und Galiziens haben in den Wochen der Erholung Farbe bekommen. Munter und zutraulich sind die Jungen und zeigen all ihre erlernten Künste in Ton und Tanz. Hebräische Lieder steigen, und Turnübungen rverden mit Eleganz und erstaunlicher Sicherheit vorgeführt. Die Lehrer im Kaftan singen, tanzen und turnen mit. Daß in Polen auch für den Körper des jüdischen Kindes etwas getan wird, ist ein Novum, und ein Verdienst der polnischen Landesorganisation der Agudas Jisroel. ' Selbstverständlich geht es auch hier nicht ohne Begrüßungen, Reden und Gegenreden ab. Senator Deutscher hatte sich aus Krakau eigens hierher bemüht, um uns mit einem Grußwort zü empfangen, und auf der Veranda harrte unserer ein ansprechendes Frühstück. Die Kinder, höchst angeregt und beglückt von den freundlichen Worten und der Anerkennung ihrer Leistungen, finden sich auf dem aufgeweichten Boden im Garten zu einem Reigen und singen' „Uzu Ezo", indem wir den Wagen bestiegen, um die Fahrt nach Krakau, dem zweiten Ziele dieses Tages, sortzusetzen. Ein Bild aus Midrasch kommt mir in den Sinn: Mordechai, Träger der Not eines Volkes, stößt auf Kinder, die Vibelverse hersagen, „Uzu Ezo" singen . . . Krakau. Gegen drei Uhr mittags fahren wir in die alte polnische Königsstadt Krakau ein, von einem Komitee mit dem trefflichen Herrn Oscher Spira an der Spitze, empfangen. Sinnig gestaltet sich hier der erste Empfang nicht durch eine Rede, sondern durch eine erquickende Mittagstafel in den Räumen des Bes Jaakow-Seminars. Hier erfahren wir, was Gastfreundschaft in Polen bedeutet und erleben es in steigendem Maße bis zum Endpunkt unserer Studienfahrt in Wilna. Krakau kann eine schöne Stadt genannt werden. Das Uebereuropäertum, das manche Straßenviertel in Warschau überglitzert, fehlt hier, aber auch die Massenquartiere des Elends daneben. Man sieht einige Paläste, ein Königsschloß und neben gut gebauten Häusern auch Hütten der Armut, aber das Bild ist nicht so düster wie in Nalewki und Twarda oder im Schulhof zu Wilna. Alt und Neu greifen ineinander, und der jüdische Typ beherrscht fast alle Straßen. Ein graubärtiger Jude mit baumelnden Schaufäden unter dem offenen Kaftan, mit großer Samtkappe aus dem Kopf, der sich mitten durch den Verkehr mit seinem Karren schiebt, fällt nur uns auf, dem Krakauer ist er eine tägliche Erscheinung. Droschkenkutscher und Gepäckträger sind zumeist Juden. Die „Zudringlichkeit des jüdischen Bettlers" ist, wenigstens in Krakau, ein Märchen. Hier und da streckt einer die Hand aus, aber auch dieser Akt hat seine versöhnende jüdische Form. Zumeist beginnt es mit einem „Scholem Alechem". Dann: „Wird der Herr eppes a Nedowoh geben?" Ich sagte einmal spaßhalber: „Es war uns verboten, Kapitalien aus Deutschland auszuführen." „Asoj, asoj!" seufzt er voller Mitleid. Und da ich befürchten mußte, daß er m i r etwas anbietet, beeilte ich mich, ihm mit einem kleinen Obolus zuvorzukommen. Er bedankt sich und wünscht alles Gute. Der deutsch-österreichische Einfluß macht sich in Krakau im Bild der Straße wie in Sprache und Mentalität der Menschen noch stark bemerkbar, und das ists, was Krakau als Stadt so sehr von den anderen Städten Polens, die wir später sahen, auszeichnet. Begrüßung der Reisegesellschaft des K. H. im jüdischen Hotel zu Zakopane (Polen). Was die neuerwachte Orthodoxie in Galizien geleistet, das zeigt der noch nicht ganz fertige Bau des Bes Jaakow-Seminars. Die steinrote Fassade mit den vielen großen Fenstern der sechs Stockwerke ist eine Zierde der Stadt. Eine Führung durch das Haus überzeugt uns von der Trefflichkeit und Zweckmäßigkeit der Lern-, Wohn-, Schlaf- und Eßräume. Eine Fülle von Liebe, Verstand und Opferkrast ist in diesen Quadern, die den Anbruch einer neuen Aera für die galizische Judenheit bedeuten, investiert. In Begleitung und unter Führung der Krakauer Freunde machen wir eine Wanderung durch die alte Stadt, besuchen die Remo-Sch ul und die anderen altehrwürdigen Schulen und Bethäuser. Heiliger Schauer erfaßt uns an den Städten, wo Rabbi Jsterles und Jomtow Lippmann Heller, ein „Megaleh Amukoth" gebetet hatten. Wir wallen zu ihren heiligen Gräbern. Gänze Berge von Steinchen und Zettelchen lagern an und auf den Gräbern. Kein schöner Anblick, aber die Not und der Kummer, die seit Jahrhunderten bedrückte und beladene Menschen in diese heiligen Steine hineinweknen, haben mit Stil und Anmut nichts zu tun. Unser Führer, Herr Freilich, kennt jeden Stein auf dem alten Friedhöfe und in der Judengasse und ist unermüdlich im Berichten. Man zeigt uns den Stock des Remo, mit dem man heute noch den Vorhang vor der heiligen Lade auf- und zumacht. Wir sehen eine handschriftliche Bibel, die Rabbi Josef Caro an seinen großen Mitarbeiter Jsserles geschickt hatte, daß er danach die Thorarollen anfertigen lasse. Wir dürfen den kostbaren silbernen Becher mit den getriebenen phantastischen Verzierungen bewundern, der dem Nemo — der Becher war damals bereits mehrere hundert Jahre alt — zum Kiddusch diente. Eine eigene Geschichte knüpft sich an. diesen Becher, die keine Legende ist, diewell sie sich erst vor einigen Jahren, sozusagen vor den Augen und Ohren der Gemeinde zutrug. Diebe waren in die Schul eingedrungen und hatten mit anderen Kostbarkeiten auch den Becher gestohlen. Beim Verlassen des Raumes gerieten sie durch die andere Türe auf den alten Friedhof, und am Grabe des Remo um die Mitternacht — natürliche Angst oder ein Wunder? — blieben sie wie gelähmt stehen und warfen in panischem Schrecken das Diebesgut von sich. Man fand am Morgen den Becher auf dem heiligen Grabe starkbeschädrgt wieder. Ein Goldschmied besserte im Vorraume der Schul unter ständiger Bewachung den Schaden aus. Krakau ist wieder im Besitz seines heiligen Bechers und hütet ihn mehr denn je. Draußen auf dem großen freien Platze zwischen den alten Schulen sehen wir das geheimnisvolle und unheimliche „Chuppohaus". Ein weißer Bretterzaun umfriedet etwas, wovon man nicht gerne spricht. Die Krakauer erzählen: An dieser Stelle wohnte eine angesehene Familie, die Hochzeit feierte. Die Hochzeit fand, wie überall and immer, am Freitag statt und zog sich immer weiter in die Nacht hinein. Der Remo ließ einmal und noch einmal warnen und mahnen, ohne Gehör zu finden. Da sprach er ein Zorneswort aus. Sofort versank das ganze Haus mitsamt den Menschen in den Boden. Das ist das unheimliche Chuppohaus. Vis auf den heutigen Tag darf in der Stadt Krakau keine Hochzeit am Freitag gefeiert werden. Wir können unsere Neugier nicht bewältigen und schauen, was kein Krakauer tut, über den Zaun. Nichts wie Gras und Geröll . . . Aber aus Gras und Geröll ranken sich, nicht nur hier und in Krakau, die Blumen hoch, aus denen das Volk seine schönsten Sagenkränze windet. Mittwoch abend ist der schönste Raum im unfertigen Seminargebäude mit Fahnen und Girlanden geschmückt und bis auf ben lebten Platz ungefüllt. Offizieller Empfang und Bankett. Auf der „Galerie der Unsterblichen" oben sitzen neben uns, den Helden des Tages, die Führer der Skguda, Vertreter der Kehilla und alles, was in Krakau Rang und Amt hat. Der unermüdliche Rabbi Oscher Spira begrüßt und berichtet über die Entstehung des Seminars. Herr Dr. F i s ch e l ergreift das Wort, erst polnisch, dann deutsch, für die Kultusgemeinde. Herr Freilich, der vortreffliche Kenner des alten Krakau, spricht als Präsident der Krakauer Aguda, Herr Hirsch Skernberg im Namen der orthodoxen Fraktionin der Kehilla. Ein frisches freies Wort für die Poale Agudas Jisroel spricht Herr David R o s e n f e l d. Von den Gästen grüßt zunächst Herr Rabbiner Dr. Jung, Newyork, als Vorsitzender der amerikanischen Veth Jakob-Landesverwaltung. Herr Red. S. Schachnowitz spricht davon, wie ihm und den Gästen der Remo und die anderen Heiligen und Großen nicht aus dem alten Gräberfeld, sondern vielmehr in den Schulen, den Jeschiwoth und hier im Bes Jaakow-Bau begegnet wären. Eine geistvolle Rede hält dann Herr Direktor Dr. Deutsch, Budapest. Herr Rabb. Vredenburg aus Holland überbringt in herzlichen Worten die Grüße der holländischen Aguda und seines Vaters, des Herrn Oberrabb. Vredenburg in Arnheim, des Vorsitzenden des holländischen Keren Hathora. Dr. Deutschländer, mit Jubel empfangen, erzählt in seiner schlichten, herzlichen Art von der Entwicklung des Bes Jaakow und der Entstehung des Seminars. •j Ä Empfang der Reisegesellschaft des K. H. im Garten der Bes Äaakaurv-Sommerschule in Zobor bet Neutra. Mit einem kräftigen und eindrucksvollen Schlußworte des Herrn Oberrabbiner I. Carlebach aus Altona findet drese Festsitzung, die erste größere Veranstaltung auf unserer Stuöienfahrk, in später Nachtstunde ihr harmonisches Ende. Donnerstag Vormittag wohnen wir der Prüfung im Bes Jaakow-Seminare bei. Die Lehrkurse finden noch, bis zur Fertigstellung des Neubaues, im alten Hause statt: Die von der Leiterin- Frl. Dr. Judith Rosenbaum, und den anderen sechs Lehrkräften vorgenommettert Prüfungen fetzen alle in Erstaunen und ringen den Berufspädagogen in unserer Reisegesellschaft höchste Anerkennung ab, die auch in einer Ansprache des Herrn Oberrabbiner Dr. Carlebach rückhaltlos zum Ausdruck kommt- Was diese hundertzwanzig jungen Mädels alles wissen, ist geradezu erstaunlich. Es ist das Erlebnis von Sobor, ins Große übertragen. Ein junges Mädchen verliest einen Aussatz — es ist schon ein richtiger Vortrag —, über Moschtach, voll schöner, jüdischer Gedanken und strahlender Wortbilder. „Hat Ihnen jemand dabei geholfen?" entringt sich uns unwillkürlich die Frage. „Ja," lautet die prompte Antwort, „Jesaja, der Nowi, hat mir dabei geholfen." All diese Menschen, Schülerinnen, Lehrerinnen und Mitarbeiterinnen — Frau Schenierer ist unter ihnen — sind von einer Glut beseelt, von einer Liebe zum Werke getragen, daß sich das eigene Herz an dieser Flamme entzündet. Hier weist ein Licht in jüdisches Zukunstsland. Gegen Jahresende werden mit diesem Lehrmaterial 25 bis 30 neue Beth Jakob-Schulen eröffnet werden können. Das erleben wir in Galizien, im Lande, in dem die Jirmejade der mangelhaften Töchtererziehung nicht verstummte, in dem sich jüdische Schriftsteller ihre Merelaika-Motive holten . . . Noch nicht alle sind erfaßt, aber es kann gar nicht anders sein, als daß sie bald alle von diesem wachsenden Lichte angelockt und heimgeführt werden, alle, die dazu bestimmt sind, einstmals als Mütter eine neue jüdische Generation in Galizien und Polen großzuziehen. In gehobener Stimmung sitzen wir im Zuge, um weiteren Höhepunkten zuzustreben. Wir reisen nach Lublin, und die Krakauer Freunde hatten nicht versäumt, uns reichliche Liebespakete in den Wagen zu werfen, die zwischen Welle und Welle der Hochstimmung den Kontakt zwischen Leib und Seele ausrecht erhalten. —tz. (Fortsetzung folgt.)