Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1931)
- Date
- 1931-08-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Dr.M MI jsraetit Aleikemeiers Weg zum Kreml. Mw iS? SÄ* Die Geschichte eines TNenfchenschicksals und einer Zeitepoche. Don S. Izchali. ^Fortsetzung) Von dieser Stelle gingen alle Instruktionen bis ins letzte Judendorf aus. Das Wort dieses Rabbi — er heiße S ch n e e r f o h n und man nenne ihn nur „der Lubawitscher"— sei den jüdischen Massen heilig und vermöge sie mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen für ihre Religion ins Feuer und ins Wasser zu treiben. Von ihm ginge die Weisung aus, nicht zu weichen und insbesondere die Bibel- und Talmudschnlen im geheimen mit allen Mitteln zu erhalten. Wanderredner führen -in seinem Aufträge durch das Land, die in geheimen. Versammlungen den kommunistischen Staat verdammen und die Menschen zum Widerstande ausreizen. Unsummen würden für die Erhaltung der von den Behörden verbotenen Institutionen ausgeworfen. Wo kamen die Gelder her? Die jüdische Bevölkerung in Rußland sei proletarisiert, deklassiert und verarmt, habe aus eigenen Mitteln nichts übrig. Also kämen die Gelder aus dem Auslande. Gewisse Anzeichen ließen auf Berlin, London und Paris schließen, also Länder, die in ihrem rücksichtslosen Imperialismus die grimmigsten Feinde des neuen Rußlands feien. Meikemeier kannte die Bedeutung dieses Aktes, der den Weg von der Jewfektia nach dem Kreml und von dort zurück nach der Tfcheka nahm. In seiner Brust entbrannte wieder der wilde Kampf, und einen Augenblick schien die jüdische Seele aus dem frommen Schächterhause die Oberhand zu gewinnen, mit der sich ein Stück Papier. glatt vernichten ließ . . . Dann aber überlegte er und sah ein, wie naiv und aussichtslos solches Unterfangen wäre. Für ihn selbst konnte es einen gänzlich nutzlosen Opfertod bedeuten. Die Dokumente waren in mehreren Abschriften auch an andere Stellen gelangt. Außerdem würden sich die Leningrader nicht 'den Empfang bestätigen lassen und die ausbleibende Antwgrt mitsamt den Weisungen nicht reklamieren? Er gab instruktionsmäßig die Schrift weiter. Daß er aus eigenem nichts dazu schrieb und nichts tat, fiel weiter nicht auf. Schon nach acht Tagen ging durch feine Hand ein neuer Rapport aus Leningrad über die auf Grund der Moskauer Befehle getroffenen Maß-, nahmen. Ein kurz gefaßtes Telegramm: „Lubawitfcher verhaftet. Aufregung unter den Juden ungeheuer. Was tun? Rasches Handeln nötig ..." Rasches Handeln bedeutete in der von ihm gut beherrschten Behördensprache des neuen Rußland:. Stille Exekution in einem Winkel des Gefängnisses. Beruhigung der Masten durch vollzogene Tatsache . . . Auch dieses Telegramm nahm seinen amtlichen Instanzenweg, sogar beschleunigt. Der Telegraph zwischen Leningrad und Moskau arbeitete unentwegt. Meikemeier weihte Sonja Posnakow, die sich noch immer in Moskau aushielt, in die Sache ein. Vielleicht war in den Adern dieses temperamentvollen, wandlungsfähigen Weibes die Stimme des chassidischen Blutes einer Ahnen- ^eihe noch nicht ganz zum Schweigen gekommen. ^>onja glühte vor Zorn. „Die Weißen Garden", erregte'sie 'sich, 'führen die Waffen gegen die 2uden, hinterher machen es die Roten nicht bester. Was gehen sie ihre Rabbis, ihre Religion, an?" Auch Skobeljew, der in einer anderen Amtskanzlsi im Kreml faß, wurde mit ins Vertrauen gezogen. Er war auf die Tfcheka nicht gut zu sprechen. Alle seinesgleichen, die den größten Teil ihres Lebens im. Kampfe mit den „Ochrana" vertaten, verabscheuten deren rote Tochter, die „Tfcheka", gefühlsmäßig und mit der ganzen Kraft ihrer Ueberzeugung. Da es für'Meikemeier einem Bruch des Amtsgehermmstes gleichgekommen wäre, übernahm es Sonja, die j ü d i f ch e n Gemeindeinftanzen in Moskau in Kenntnis zu setzen. Sie kam mit der Nachricht zurück, daß sich die jüdischen Notabeln Moskaus, von Leningrad aus informiert, schon seit Tagen mit der Sache befaßten. Daß ernste, sogar dringende Gefahr für das Leben des Rabbi besteheahnten sie nicht, auch in Leningrad nicht. Skobeljew wiederum hatte feine Fühler nach den höheren und höchsten Stellen im Kreml ausgestreckt, ebnete auch, so gut er konnte, jüdischen Vertretern den Weg zu den Machthabern. Er hatte wenig Hoffnung. Die Herren im Kreml hätten andere Sorgen und seien der Meinung, mit den Juden sollten die Juden am besten fertig werden. Sie hätten die Jewfektia. Mehr könnten die Juden nicht verlangen. Für konterrevolutionäre Umtriebe gäbe es die Tfcheka. Diese sei autonom. Wenn sie von der Jewfektia für einen jüdischen Hochmeister der Gegenrevolution angerufen werde, so würde es schon damit seine Richtigkeit haben, und Rücksicht wäre fehl am Orte. Meikemeier hatte eine schlaflose Nacht. Und wenn er für Minuten in Halbschlummer verfiel, standen schwankende Gestalten seiner Kindheit und Jugend bittend, betend, drohend und gebietend vor ihm. Sein Vater, der alte Schächter, schüttelte das graue, müde Haupt: „Mein Kind, wie kamst Du hierher? . . Alle Lehrer feiner Kindheit traten einer nach dem andern vor ihn hin. Und zuletzt stand Rabbi Noach, der Mustarlehrer aus Slabotko, vor ihm, sah ihm tief in die Augen und sang in der wehmutsvollen Mustarmelodie: „Jüngele, Jüngele ..." Und es wurde ein ganzer Gesang daraus, in einer Melodie, die durch Herz und Nieren ging, mit dem einen Texte nur: „Jüngele, Jüngele! . . ." „Du hast es allein in der Hand und willst es geschehen lasten, daß ..." Morgens ließ er sich im Büro von' seinem nichtsahnenden Vorgesetzten in einer Sondermission, die mit der Sache Rabbi Schneersohns nichts zu tun hatte, nach Len-ingrad schicken. .. . Kap. xxi. Müde und zerbrochen kam Meikemeier in der früheren Zarenresidenz an. der Newa an. Es war Donnerstag mittag. Bis zum Abend hatte er sich seiner eigentlichen amtlichen Mission entledigt. Daraus fuhr er unverzüglich nach der Peter Pauls-Festung, ins Gefängnis des Rabbi Schneersohn. Der Amtsrock der „Jewfektia" gab ihm Autorität. Ein ihm von Skobeljew überreichter. Amtsbogen mit unheimlich vielen Stempeln tat ein übriges. Alle Türen öffneten sich ihm, alle Posten salutierten. Meikemeier war überrascht, in dieser wie die Hölle gefürchteten Festung den Rabbi in ganz ansehnlichen und sauberen Räumen anzutreffen. Es war kein komfortables, aber durchaus erträgliches,, aus Wohn- und kleinerem Schlafraum bestehendes Gefängnis. Meikemeier hatte keinen Anteil an der chassidischen Ideenwelt. In seiner kleinen Heimat dicht an der Kulturgrenze Deutschlands sprach man von Ehassidim und Chassidismus wie von einer Angelegenheit anderer Sphären, vertreten von Menschen eigener Art auf irgend einer fremden, weit entfernten Insel. Er selbst lebte von Kindheit auf zu sehr im Mussargeist, zuerst dem von Rabbi Israel Galanter, dann in der Gedankenwelt von Tolstoi, Marx und Lenin, um sich in einer Welt der Mystik, für die er den Chassidismus hielt, auszukennen. All diese Dinge und die Personen, die sie vertraten, lagen ganz außerhalb seiner Interessensphäre. Trotzdem und vielleicht gerade deswegen reizte es ihn gewaltig, diesen Mann, der solche Gewalt auf Hunderttausende ausübte, einen „Fürsten in Ketten", kennen zu lernen. Die Ketten waren aber höchst unsichtbar. Der Rabbi saß in einer freundlichen hellen Stube vor einem Buche. Es war ein kleines Büchlein von kleiner Schrift. Noch weniger war von den geistigen Ketten zu merken. Der Mann sah nicht jung und nicht alt aus. Der lange bis zur Brust in schöner Rundung wallende Bart war leicht angegraut, die Augen müde, aber voller Güte und Ergebung, gemischt mit einer Energie und Entschlossenheit, die so gar nichts mit Trotz und Eigenwillen gemein hatten. Ein mildes Feuer leuchtete aus diesen Augen, das wärmte, aber vielleicht auch sengen konnte, wenn man ihm zu nahe kam. So muß es aus den Augen Rabbi Akibas und all der alten Märtyrer geschaut haben, als sie in ihrer Gefängnisgrube ihres letzten Ganges harrten. Er hatte einen langen Atlasrock an und eine große runde Samtkappe auf dem Kopfe. Er glaubte, solches Gesicht schon einmal irgendwo auf einem Bilde gesehen zu haben. Der Rabbi sah leicht von seinem Buche aus. Ein kurzer fragender Blick streifte den Besucher, er fuhr ein wenig zusammen. „Muß ich schon gehen?", fragte der Rabbi. Er hielt ihn offenbar für einen .Schergen, der ihn holen wollte. Der Besucher wehrte freundlich ab, bat den Rabbi, sitzen zu bleiben und fragte, ob es auch ihm gestattet sei, daß er sich setze. Er komme eben direkt aus Moskau und sei nach zwanzigstündiger Fahrt zerbrochen an allen Gliedern. Der Rabbi sah noch einmal auf, und sein Blick drang jetzt dem Beamten tief bis aus den Grund der Seele. Er war wohl an diesem Orte solche Sprache längst nicht mehr gewöhnt. So sprachen die Ehassidim, die als treue Anbeter zu ihm kamen. Hier, die Kommissare, die Beamten und Büttel der Sowjets, pflegten anders zu reden. Sie sagten auch nie Rabbi, sondern Bürger. Einer sagte sogar spöttisch „Genosse", was ihm gar nicht mißfiel . . . Wer war dieser Mann, der aussah wie ein Sowjetbeamter und sprach wie ein Chabadchassid? Der Besucher gab keine Auskunft, nagnte seinen Namen nicht, sagte nur, er se.i tzkgeü's' gekommen,. um sich nach ihm> ümzüsehen. Er habe hier einiges zu singen und möchte wissen, ob der Rabbi irgend einen Wunsch habe, ob er ihm irgend einen Dienst leisten könne? Der Rabbi schüttelte mit dem Kops. „Unter meinem Volke wohne ich," zitierte er ein hebräisches Wort aus dem „Buche der Könige". „So denkt der Rabbi über seine Verfolger?" konnte sich Meikemeier nicht enthalten, auszurufen und erschrak bald vor seinem eigenen Worte. „Verfolger, Feinde? Dem Namen G'ttes sei es gedankt, daß er mich nicht in die Hände von Feinden, ausgeliefert hat." „Ich gestehe, ich dachte und denke noch anders über den Casus", wandte Meikemeier vorsichtig ein. „Ihr seid'Jude?" Der Rabbi sah noch einmal auf und es, schien, als las er die Worte aus dem kleinen Büchlein heraus. „Ihr habt vielleicht in der Jugend Cheder oder gar Jeschiwah besucht? Ich merke es Eurem Gesichte, Eurem Benehmen, Eurer Sprache an . . ." „Ja," sagte er ganz leise. (Fortsetzung folgt.)