Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1931)
- Date
- 1931-08-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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20. August 1931 Der Israelit Nr. 31 Seite 11 Matthias Jacob Schleiden. Einem Iudenfreund zum 50. Todeslage. Am 5. April 1804 wurde in Hamburg Matthias Jacob Schleiden als Sohn einer in Norddeutschland beheimateten Familie geboren. Nachdem er bereits 1826 den juristischen Doktorgrad in Heidelberg erworben, aber in der Anwaltpraxis keinen Erfolg gehabt hatte, warf er sich auf das medizinische Studium und zeigte sein besonderes Interesse der Botanik, der seine Wertvollsten und bedeutendsten Arbeiten gewidmet sind. Seine Anerkennung stieg von Jahr zu Jahr. Er wurde Mitglied der bedeutendsten Gelehrtengesellschasten, Professor der Botanik in Jena, gab aber 1862 dieses Amt auf und zog sich ins Privatleben zurück. Er wohnte in Dresden, Wiesbaden, Frankfurt a. M. und starb dortselbst am 23. Juni 1881. ' Weshalb haben wir als Juden dieses Mannes zu gedenken? Wix verdanken seiner Feder zwei Schriften, die es verdienen, noch heutzutage von jedem Nichtjuden zur Belehrung und Mahnung, von jedem Juden zur Erhebung gelesen zu werden. Seine botanischen Arbeiten, die auch historisch von ihm ausgenommen wurden, brachten ihn zu den arabischen Schriftstellern des Mittelalters. Hierbei erkannte er rasch, welche große Bedeutung den Juden als den Vermittlern zwischen der Bildung des Altertums und der orientalischen Weisheit zukam. So versuchte er in der Abhandlung „Die Bedeutung der Juden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalte r" (Aus Westermanns illustrierten deutschen Monatsheften mit Genehmigung des Herrn Verfassers und der Verlagsbuchhandlung besonders abgedruckt und herausgegeben vom Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes zu Leipzig, Leipzig 1877) nachzuweisen, „wie durch das ganze Mittelalter, während alle europäischen Nationen stillstanden und zurucrgingen, oder, die germanischen Völker, kaum noch einen Schritt vorwärts getan hatten, die Juden rüstig auf der Bahn der geistigen Entwicklung vorwärts strebten und jede Seite des wissenschaftlichen Lebens ausbildeten, und wie viel von ihren Errungenschaften am Ende des Mtitelalters auf die ein neues Geistesleben beginnenden Völker überging. Aber sie haben noch ein anderes unendlich großes Verdienst. Als die abendländischen Völker anfingen, sehnsüchtig die Hände nach köstlichen Früchten aller Geisteskultur auszustrecken, mußten die Juden hinzutreten und sie ihnen zugänglich machen, denn die Christen in ihrer entsetzlichen Unwissenheit verstanden nicht die Sprachen, in denen der Geist der Alten sich mitteilts. Wenn die Juden nicht als Ueberfetzer gearbeitet hätten, so wurden wir wohl noch lange im finsteren Mittelalter stecken geblieben sein. Das erste Volk, welches nach der Nacht der Völkerwanderung und ihren wüsten Orgien neues geistiges Leben entwickelte, waren die maurischen Araber, und ihnen machten nur Juden die griechischen Werke zugänglich." Die Tatsachen, die hier vermittelt werden, werden der historischen Wahrheit vollkommen gerecht, geben dem Verfasser gelegentlich auch die Möglichkeit, ein scharfes Wort gegen seine Glaubensbrüder zu sagen. Letzteres geschieht in noch erweitertem Maße, ia in einem Maße, das man bewundern, mit Dank rühmen muß, in einer zweiten Schrift, die den Titel „Die Romantik des Martyriums bei den Juden im M itt e lt er " lührt (zuerst Westermanns Monatshefte, 44, 1878, jetzt neu herausgekommen bei M. Rath, W i e n). Diese Schrift wendet sich zunächst gegen Billroth, der behauptet hatte, daß es den Juden an der eigentlichen Freude an der Romantik des Martyriums fehle. Schleiden geht zunächst von der Geschichte der Juden aus und gibt seiner Schrift einen einleitenden Ueberblick bis zu den neuen Verhältnissen, die allenthalben die Diaspora geschaffen hatte. Er findet schon hier anerkennende Worte für sie, so, wenn er schreibt: „Schwer genug war diesem Volke seine Bildungszeit geworden, unter bitteren Leiden waren sie zu einem reinen innigen G'ttvertrauen und zur strengen sittlichen Zucht erzogen worden und diese beiden Güter mußten hinfort, wie sie das Unterscheidungsmerkmal von allen anderen Völkern waren, auch das Band der Einheit unter ihnen werden." Dann geht Schleiden die Gesetze der Römer wegen der Juden und der früheren Kirche durch. Er erkennt: „Die Fürsten waren ursprünglich milder zu den Juden, Kirche und Volk haben sie erst zu Judenfeinden werden lassen. Die Vorwürfe, daß die Juden die Sklaven zu Juden machten und daß sie Christenblut zu Passah benötigten, weist Schleiden ganz energisch zurück. Einmal schreibt er: „Woher hatten die Juden ihre Sklaven? . . . Aber die Christen raubten Menschen, auch Christen und verschacherten sie dann als Sklaven. Wenn die Juden also mit Christenkindern handelten, so fielen diese doch nicht vom Himmel auf sie herab. Es waren Christen, die ihnen, aus Geldgier, ihre eigenen Kinder verkauften, und also Christen, nicht Juden waren das verworfene Gesindel dieser Zeit." Vom Blutmärchen schreibt er: „Das Volk ist unschuldig daran. Dasselbe konnte nicht lesen, noch schreiben, was es in dieser Hinsicht erfuhr, kam ihm von den meistens dummen und unwissenden Mönchen zu, und daß solche verrückte Meinungen noch jetzt nicht ausgerottet sind, ist ebenfalls die Schuld derjenigen, die dem Volke Aufklärung und Belehrung schuldig sind. Aber keine Regierung oder richtiger keine Gesetzgebung war ehrenhaft und gerecht genug, die Urheber zur Verantwortung zu ziehen." So werden die Beschuldigungen wegen der Hostienschändung, wegen des Wuchers usw. widerlegt. Frankfurts größtes Spezialhaus bietet „Beste Qualität zu billigsten greisen“. Uhren aller Arft Gold » llber Juwelen Bes f ecke Trauringe unD sown Nur Zeil 95 u. Töngesg. 25-27 auf welchem die Wissenschaft und die den Idealen zugewandte Menschheit einen nie verwelkenden Kranz niecerregt", werden wir Juden dankbaren Herzens bekennen. Wir dürfen Schleiden zu den Besten der Völker der Welt zählen und wünschen, daß seine Gedanken in allen Kreisen der nichtjüdischen Umwelt auch jetzt Verbreitung finden mögen. Die neue Ausgabe der Romantik bringt auch einen kurzen Aufsatz von Obermedizinalrat Dr. Heinrich Haase „M. I. Schleidens Wissen um das Judentum, eine biographische Studie." Leider hat Haase das Hauptwerk über Schleiden, das ich auch in meinem Artikel im Jüdischen Lexikon zitiert habe, nicht gekannt. Rudolph Schleiden hat in den „Jugenderinnerungen eines Schleswig-Holsteiners" 1886 schreiben müssen: „M. I. Schleiden harrt noch seines Biographen, der nur ein naturwissenschaftlich gründlich gebildeter Gelehrter sein kann." Dieser Wunsch ist 1904 durch M. Möbius in Erfüllung gegangen, der zum 100. Geburtstage eine gute Biographie erscheinen ließ, die auch Schleidens Stellung zum Judentum bestens berücksichtigt. Die Neuausgabe der „Romantik", die vergriffen ist, ist sehr anzuerkennen und das Bekanntwerden ist von Herzen zu wünschen. A. P. Das gesamte Arsenal der heutigen Antisemiten findet in diesem Schriftchen seine Ablehnung. „Man hat gesagt, die Juden seien doch nun einmal Fremdlinge, auf dem Boden, von dem man sie vertrieben. Das ist aber eine kolossale Absurdität und eine freche historische Lüge. Eine Absurdität, weil in ganz Europa kein Volk autochthon ist, also alle mit demselben Rechte wie die Juden vertrieben werden dürften. Eine Lüge, denn tatsächlich sind die Juden frühere Bewohner der meisten Länder gewesen, als diejenigen, die sie vertrieben." Am Abschluß dieses Beweises kann man bei Schleiden lesen: „Es ist eine traurige Aufgabe, der man sich nur mit Widerwillen unterzieht, besonders, wenn man selbst Christ heißt, die endlose Reihe der Scheußlichkeiten aufzuzählen, die die Christen unter Mißbrauch des Namens ihres G'ttes begangen haben." Und nun werden Beispiele der JudenverchsZungen in deutschen und anderen Städten gebracht. Es fällt ihm sichtlich schwer, zu bekennen: „Am tollsten ging es in Deutschland her, wo das Volk damals das roheste und unwissendste war." Solche Leiden mußten auf Körper und Geist der Juden lähmend wirken, mußten ein Gebaren aufkommen lassen, das vielleicht abstoßen kann. Aber „Wenn jetzt die Juden von so manchen Christen . . . mit Widerwillen angesehen werden, o muß der Christ nie vergessen, wer die Schuld an ihrem heruntergekommenen Zustand trägt. Der Christ steht gegenwärtig dem Judentum gegenüber, wie ein Mann der Asche und den rauchenden Trümmern eines herrlichen Tempels, den er selbst in Brand gesteckt. Wenn noch eine Faser sittlichen Gefühls in ihm zuckt, so muß ihn Reue und tkie Scham erfüllen, und er muß alle Mittel ergreifen, um frühere Schandtaten zu ühnen." Schleiden beschließt die ganze Abhandlung mit folgenden Bemerkungen: „Aber trotz aller dieser furchtbaren Verfolgungen haben sich die Juden erhalten und gehen, wo man ihnen nur irgend menschenwürdiges Dasein gestattet, icher ihren Weg religiöser und sittlicher, geistiger und physischer Entwicklung fort." Was die Nationalzeitung in ihrem Nachruf auf Schleiden geschrieben hat: „Zu seinem übrigen Ruhm nimmt er noch diesen mit sich ins Grab, Oer Esra in Dettelbach a. M. Nach vierwöchentlichem Aufenthalt schied die Esra- Knabengruppe-Frankfurt a. M. aus unserem schönen, altertümlichen Main- und Weinstädtchen. In der idyllisch 10 Minuten außerhalb des Ortes gelegenen „Maiers' mühle", entfaltete sich ein dort niemals erträumtes jüdisches Leben durch die etwa 35 Köpfe starke Ferienkolonie, die Führer und Wirtschafterinnen inbegriffen. In dem sonst so stillen, isoliert gelegenen Anwesen konnte man sich ungeniert jüdisch „ausleben", oren, singen, lernen. Ein Spielplatz nebenan bot Gelegenheit zur körperlichen Kräftigung, ein zur Mühle gehörendes Wäldchen mit Tischen und Bänken lud zum kühlen Aufenthalt ein, der Main zu erfrischenden Bädern. Die Wirtschafterinnen sorgten für eine tadellose „Küche" und fanden ungeteiltes Lob. Am Schabbos aß man „kalt"; allerdings die idealste und zugleich radikalste Lösung der großen kopszerbrechenden Frage j'iviv nva.! Auch für die Geistesnahrung war vorzüglich gesorgt. Man hielt täglich zwei von je 1/ Stunde. Es wurde in Gemoro in zwei Abteilungen anm und ir-irst gelernt, in Tenach, 'a und nj’n außerdem Sidra mit '"vi. Die Führer und Dozenten — M. Posen, S. Lange, Leo Ansbacher, M. Breuer-Frankfurt a. M., und M. Lustig-Kitzingen, folgten dem Prinzip des Arbeitsunterrichtes und der Arbeitsgemeinschaft. Sehr anregend gestaltete Herr Lustig auch eine Aussprache über Zölle und Freihandel, über Tausch- und Kaufwert, in zwei Stunden. Man suchte hier auch den Weitblick des Jugendlichen zu erweitern und konnte so manches reife Urteil hierbei hören. Die Gemeinde Dettelbach hatte am ersten Freitag-Abend den Esra offiziell begrüßt; außerdem hielt Frl. Lotty Benjamin beim Mittagsmahle eine längere poetische Ansprache unter Ueberreichung zweier Blumensträuße mvvi mar *ma und eines Körbchens nav-Obst. Herr Hauptlehrer Mannheimer hielt in der Esragruppe einen informierenden Vortrag über die r-nrp, ein zweites Mal über jüdische Sprüchwörter und Redensarten. Durch die Heranziehung fast aller Jugend als Vorbeter und *Vs>a war ohnedies der engste und schönste Kontakt mit der Gemeinde gefunden. Bei der Abschiedsfeier in der Synagoge war die Gemeinde vollzählig erschienen. Der Esra erfreute durch Darbietung jüdischer Gesänge. Es hielten Ansprachen Herr Posen für den Esra, Herr Kultusvorstand Sittenheim und Herr Hauptlehrer Mannheimer boten Abschiedsgrüße für die Gemeinde. In der politisch bewegten Gegenwart mag nicht unerwähnt bleiben, daß nicht der leiseste Mißklang' den Aufenthalt der Esra in Dettelbach störte. Es waren gern gesehene Gäste. In dem gut katholischen Städtchen hat man noch Sinn und Verständnis für konservative Lebensauffassung und Lebensäuherung auch Andersgläubiger, auch der Juden. Um so begreiflicher der Entschluß des Esra, auch in nächsten Jahren hierher zu kommen. Inzwischen pin pmwi'und na!