Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1931)
- Date
- 1931-08-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 34 Der Israelit Leser! ■unwmin Tragen Sie „die gute ... " Kleidung“ Spezialität: “ V e r a r b e i t u n g einer neuen Schönheit überziehen wollen. Ist aber diese sogenannte Renaissance des Judentums, diese sogenannte Wiedergeburt des jüdischen Volkes, diese sogenannte Auferstehung des heiligen Landes nicht in Wirklichkeit ein künstliches Wiederjungwerdenwollen eines alten Volkes, das seine erste Jugend unwiederbringlich verlor und nun mit Enthusiasmus, mit Energie, mit Sehnsucht und Opfermut von den schöpferischen Kräften einer zweiten Jugend träumt? Auch die Freie Vereinigung will und erstrebt eine Renaissance des Judentums, eine Wiedergeburt des jüdischen Volkes, eine Auferstehung des heiligen Landes. Aber sie will beim Hinausblick in die Zukunft den Zusammenhang mit der Vergangenheit nicht verlieren, denn sie weiß, daß durch die Preisgabe dieser Vergangenheit kein individuelles und kein nationales Glück für Israel erzwungen werden kann. Glück läßt sich überhaupt nicht erzwingen. Glücklich ist nur der Geduldige. Leben heißt: Warten können, warten auf das Wunderbare. Das Wunderbare nicht mit Gewalt herbeizwingen wollen, sondern warten, bis seine Stunde kommt, nicht mit Haß und Neid auf das geschäftliche Gedeihen des Konkurrenten Hinschauen, nicht sein Unglück wollen und erstreben, sondern warten, bis die Stunde des eigenen Glückes schlägt; nicht waghalsig und phantastisch geschäftliche Lustschlösser bauen, nicht Twvab p sein, nicht gewaltsam den Reichtum erjagen wollen, sondern warten, bis für die gebulbig.ausgeftreute Saat die Stunde ihrer Reife kommt; nicht voreilig schon in jungen Jahren mit,öen Allüren eines Lebemannes den sogenannten Vergnügungen nachgehen und dabei schon frühzeitig Körper und Seele vergiften, noch bevor sie zu richtigem Leben erwacht sind, sondern warten, warten, geduldig warten, bis die Stunde der Reife und Erfüllung kommt: das heißt Leben, heißt glücklich leben — leben auf einer Höhe, die kein Kriegsheld und keine Stadteroberer je errichtet. Denn (t"v tv mbn mm Vwm *ra*n ö’ös "px div „höher steht ein Geduldiger, der warten kann, als ein Kriegsheld, und wer sich selbst bezwingt höher als ein Stadteroberer". Oder, wie ein deutscher Dichter (Herder) diesen Mischnavers in seine Sprache übersetzte: „Tapfer ist der Löwensieger, tapfer ist der Weltbezwinger, tapferer, wer sich selbst bezwingt." Das bürgerliche Jahr hat 365 Tage, jedes durch 4 teilbare Jahr hat durch Einschaltung des 29. Februar 366 Tage. Das jüdische Jahr hat je nach der Tagesanzahl der .Monate Cheschwan und Kislew drei Längemöglichkeiten und zwa,x,das einfache Jahr 353 Tage (D) 354 Tage (23) 355 Tage (F) und,,fm Schaltjahr 383, 384/385 Tage; in einem Zyklus von 19 Jahren ist jedesmal das 3., 6., 8., 11.,' 14., 17. und 19. ein Schaltjahr-durch Einfügung eines Monats von 30 Tagen. Im D-Jahr haben Cheschwan und Kislew je 29 Tage V-Jahr hat Cheschwan 29 und Kislew 30 Tage F-Jahr haben Cheschwan und Kislew je 30 Tage. Um uns mehr in der Gegenwart zu halten, seien nur die Daten des Beginnes der beiden letzten Jahreszyklen erwähnt: 2. Oktober 1902 und 3. Oktober 1921. 1902 1903 1904 1905 1906 1907 1908 1909 1910 F V F F V D FD V 1911 1912 1913 1914 .1915 1916 1917 1918 1919 F F V D F V F D V 19*20 1921 1922 1923 1924 1925 19*26 1927 1928 F F D V F F D V F 1929 1930 1931 1932 D V F F (Die mit * versehenen Jahreszifsern sind Schaltjahre.) Wenn Rosch-Haschonoh im Jahre 1921 am 3. Oktober war, so ist es im Jahre 1932 am 1. Oktober, denn feit 1921 sind verflossen: 5 F-Jahre, 3 V-Jahre und 3 D- Jahre; von diesen 11 Jahren sind 4 Schaltjahre. Die bürgerlichen 11 Jahre hatten 365 Tage mit Ausnahme 20. August 1931 Sich selbst bezwingen und warten können, bis die Stunde der Reife und Erfüllung kommt: Darin liegt das Geheimnis aller Oebenskunst, Wo wären wir Judest, wenn wir nicht warten könnten! j'2,? »a»na aasy nsn Fluch denen, die ungeduldig das Ende der Zeiten berechnen, denn es heißt, X2 'a ib ron nanarr dx “imr xb xt „wenn es auch zögert, harre sein, denn es wird sicher eintreten, es kommt nicht zu spät." (Habakuk 2, 3). Nicht ungeduldig das Ende der Zeiten herbeizwingen wollen, nicht fpn nx phrrgüfein, eingedenk zu sein jenes Schwures, den G'tt Israel hatte schwören lassen, als es seine Wanderung antrat durch die Wüste der Völker und Zeiten: Dpyn maiaa rna* Kben naira ibm xbrv nicht in voreiliger Auflehnung gegen die Völker der Welt die politische Auferstehung des jüdischen Volkes und des jüdischen Staates erkämpfen wollen, sondern zu warten, geduldig zu warten, bis für Israels politische Wiedergeburt die Stunde der Reise und Erfüllung kommt: das war zu allen Zeiten des Golus die oberste Maxime der jüdischen Politik und wird es auch wieder in unsren Tagen werden, wenn alle, alle, die heute noch alles Heil für Israel von der Gebelaune der heutigen Weltbeherrfcher erwarten, sich erfüllen werden mit der Wahrheit jenes alten jüdischen Wortes: a'niü.D’ipyai nnwna xbx ’iVn “irrn ]’xi 1^2 Noch immer sind alle sogenannten Weltwenden ergebnislos vorübergegangen — es hangt alles davon ab, ob wir durch Rückkehr und gute Werke das Wohlgefallen G'ttes erreichen oder nicht. Den Geist der trau? D’ipyai ,-1212m hineinzutragen in das ganze deutsche Judentum: d a s i st d i e vorne h m st e Aufgabe der Freien Vereinigung. Ich habe soeben das deutsche Judentum als den Wirkungskreis der Freien Vereinigung bezeichnet. Dies trifft deshalb zu, weil, wie bereits einer meiner Vorredner treffend ausführte, die Freie Vereinigung die Gründung des Weltverbandes der Orthodoxie in erster Linie entscheidend inaugurierte und dieses um so mehr tun konnte, da sie ja von ihrem großen Gründer, Samson Raphael Hirsch, ursprünglich als ein Verein für die Interessen des orthodoxen Judentums der ganzen Welt gedacht wurde. Gleichwohl hat die Freie Vereinigung ihre Abkunft aus dem geistigen Mutterboden der deutschen Orthodoxie nie verleugnen können und wollen. Im Geiste Samson Raphael Hirschs erblickt sie in einer harmonischen Verbindung von nun und px fTr von Glauben und Wissen, von Religion und Kultur ein unentbehrliches Mittel, um nicht nur die breiten Masten der gesetzestreuen Juvon 1924, 1928 und 1932 mit je 366 Tagen. Der Einfachheit halber lassen wir in unseren Berechnungen nur die über 350 hinausgehenden Tagesziffern gelten: 5 F-Jahre 3 V-Jahre 25 Tage 12 Tage 11 bürgerliche Jahre 11X15 165 Tage 3 bürgerl. Schaltjahre 3X1 3 Tage 3 D-Jahre 9 Tage 4 Schaltjahre 120 Tage __ 166 Tags 168 Tage Also ist Rosch-Haschonoh 1932 um 2 Tage eher als 3. Oktober 1921, dementsprechend am 1. Oktober, woraus sich die anderen Daten leicht errechnen lassen. Es ist am 21. Oktober Hoschana Rabba, alljährlich genau 6 Monate früher, am 21. April Pessach, und zur selben Tagesziffer, 3 Mo- ■ : nate früher, am 21. Juli Schiwoh ossor be'Tamus. Auf diese Weise läßt sich der ganze Kalender selbständig von Jedermann, der sich dafür interessiert, leicht ausrechnen. F. (Iawne.) Die hebräische Zeitschrift Jawne läßt soeben ein besonders reich ausgestattetes Doppelheft erscheinen, an dem hervorragende Mitarbeiter, u. a. die Herren Rabbiner T. I. Guttentag, I. Reicher, Dr. I. I. Weinberg, Friedmann, Guttmann, ferner Jacob Landau, S. Nadler, E. Steierer und . viele andere Schriftsteller und Dichter beteiligt sind. Eine Förderung dieser wertvollen Zeitschrift, die die geisllgen und religiösen Interessen des orthodoxen Judentums in vornehmer, anziehender Form vertritt, wäre höchst wünschenswert. Briefadresse Redaktion Jawne, Lwow, Zolkiewska 25. denheit vor der Gefahr der geijtigen Verengung und sozialwirtschaftlichen; Verelendung zu bewahren, sondern auch für die Thora selbst die Weltstellung zu erreichen^ auf die sie im Sinne! unserer Talmud- und- Midraschweisen Anspruch hat. Die Freie Vereinigung betrachtet daruni die Erhaltung und Förderung Wischer Schulen, die auf dem Boden des px Dy -pn rrnrJ Prinzips stehen, als eine der wichtigsten Aufgaben des orthodoxen Judentums. Nur dann, wenn wir in unserem jüdischen Denken, Fuhlen und Wollen niemals den Blick auf -das--Ganze und für das Ganze verlieren,., können mir den drohenden Dtyn *?V?n begegnen, als das Volk der Thora immer mehr und mehr aus dem Strom der Welt ausgsfchaltet zu werden. Und nur dann, wenn wir auf dem Boden jenes Prinzips verharren, dem die deutsche Orthodoxie im Zeichen Samson Raphael Hirschs ihre Weltgeltung verdankt, j verbleiben wir im Zusammenhang mit den weltweiten Anschauungen unserer nmn öie.unsj in ihrer unübertrefflichen Weise den Sinn des! Judentums als eines g'ttlichen Hebels der Welt-j entwickluug gedeutet haben. In drei Etappen vollzieht sich nach der Anschauung unserer Weisen die geschichtliche Ent-j Wicklung. (Vgl. zum folgenden: Verachot 36, Sanhedrin 16a, Arachin 136, Tanchuma zu 4. B. M. 8, 6). Erste Etappe: Einzug G'ttes in die Welt. Zweite Etappe: Auferstehung Israels und der Thora. Dritte Etappe: Vereinigung der Menschheit in Gehorsam gegen das G'tteswort, der ewige Friede. Diesen drei Etappen der geschichtlichen Entwicklung entspricht die siebensaitige Harfe Davids, die sich einst zu einer acht- und zehnfaitigen vervollkommnen wird, ihnen entspricht ferner das dreifache Bild, unter welchem David selbst vor unseren Augen schwebt. David, der Künstler und Sänger, über dessen Lager die Harfe hängt, das Symbol der Kunst und des Gesanges! David, der Lerner und Lehrer der Thora, der sich um Mitternacht von feinem Lager erhebt, um Thora zu lernen bis zum Anbruch des Morgens! David, der König, der Politiker, der Staatsmann, der Feldherr, der zur Waffe greift, wenn soziale und wirtschaftliche Nöte es gebieten! Kein Mensch auf Erden hat den Einzug G'ttes in die Welt, hat die Verbindung der sichtbaren Welt mit dem unsichtbaren G'tt so wirksam gedeutet, wie David, der Psalmsänger, dessen Harfensang in den G'tteshäusern der ganzen kultivierten Welt ertönt. Die Zahl 7 hat sich die Welt bereits erobert, David braucht seine Harfe nicht mehr selber zu spielen i^xa pia sie klingt selbständig weiter, wenn der Nordwind kommt, um ihre Töne durch die ganze Welt zu tragen . . . Dagegen warten die Zahlen 8 und 10 noch auf ihre Auferstehung. Den Tag des Sieges der Thora und des Thoravolkes,, den Tag der im G'tteswort geeinten Menschheit, den Tag der ewigen Freiheit: den wird uns erst die Zukunft bringen ... Sehen Sie: das ist px pi qv mm — das ist der Weg der Thora über die Erde — das ist orthodoxes Judentum, zu dessen Wegbereiten unsre Freie Vereinigung ganz Israel aufrufen möchte. Wochenkalender. v. 22. Aug. - 29. Aug. 1931 > n 9. Elul bis 16. (Etui 5891 Samstag Aug. 22 9 kx/t’s Sonntag 23 10 Montag 24 11 Dienstag 25 12 Mittwoch 26 13 Donnerstag 27 14 Freitag 28 15 Samstag 29 16 Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Sch achnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. SB.: S. Schach« nowitz, ebenda. —Jfür die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck: Hermon-Druckeret, Frankfurt et, M.