Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1931)
- Date
- 1931-08-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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13. August 1931 Der Israelit Nr. 33 Seite 5 Galizien. Zur Lemberg« Rabbinatsfrage. Lemberg, 31. Juli. Seit den letzten Sejmwahlen hat sich, wie begreiflich, der Führer der galigischen zionistischen Politik eine starke Depression bemächtigt. Sie suhlen sich besonders stark von dem Ausgang der Wahlen in Warschau betroffen, wo eine der beliebtesten Persönlichkeiten Galiziens, der Rabbiner von Rzeszow, zum Sejmabgeordneten gewählt wurde. Die Popularität dieses Mannes bedeutet natürlich eine Gefahr für das Monopol der zionistischen Politiker in Galizien selbst. Dazu ist in der letzten Zeit ein neues Problem gekommen, das den Zionisten starke Kopfschmerzen macht. Bekanntlich^ ist seit einer langen Reihe von Jahren das Lemberger Rabbinat verwaist. In ganz Galizien ist bekannt, daß außer dem Rzeszower Raw ein irgendwie für Lemberg in Betracht kommender Kandidat, dessen Persönlichkeit als würdiger Nachfolger von Männern wie Rabbi Jizchok Schmelkes und Rabbi Leib Braude angesehen werden könnte, überhaupt nicht vorhanden ist. Trotzdem ist es den zionistischen Rädelsführern zusammen mit den der Agudo abgeneigten orthodoxen Gruppen bisher immer noch gelungen, die Lemberger Rabbinerwahl zu verschleppen. Es hat jedoch jetzt den Anschein, daß dieser Verschleppungstaktik durch das Eingreifen der Regierung ein baldiges Ende bereitet werden wird. Aus diesem Grunde benutzt man jetzt das, wie bekannt, neu geschaffene Rabbinerkollegium in Warschau, das zur Nachprüfung der jvo°>»o der polnischen Rabbonim bestimmt ist, und dem auch Rabbiner Lewin angehört, um diesen in der Oeffentlichkeit zu diskreditieren. Rabbiner Lewin hat in einem ausführlichen Artikel, der im Warschauer „Togblatt" erschien, dargelegt, daß er selbst bis zum letzten Augenblick gegen den Gedanken des rabbinischen Prüfungskollegiums opponiert und zunächst die Wahl einer Körperschaft von 60 Rabbinen vorgeschlagen hat. Später zog er auf Veranlassung des Chofez Chajim und des Gerer Pebbe auch diesen Vorschlag zurück und verlangte aufs dringendste, daß man die ganze Idee fallen lassen solle. Der Versuch der zionistischen Hetzer, Rabbiner Lewin dadurch zu diskreditieren, daß man ihm Pläne zur Schaffung einer rabbinischen Hegemone unterschiebt und ihm gar den Wunsch nach Einführung eines „Numerus clausus für Rabbonim" insinuiert, muß also an der Gewalt der Tatsachen und auch an dem gesunden Sinn der jüdischen Bevölkerung Galiziens scheitern. Rußland. Antireligiöse Rofch Hafchonohkampagne in öowjekruhland. M o s k a u, 8. Aug. Die energischen Vorbereitungen der antireligiösen Vereinigungen in Sowjetrußland lassen darauf schließen, daß die antireligiöse Kampagne anläßlich des herannahenden Rofch Haschonoh-Festes in diesem Jahre in viel größerem Maßstabe durchgeführt werden wird als in früheren Jahren. Der Zentralausschuß der militanten Atheisten hat am Donnerstag, den 6. August, ein Zirkular versandt, in dem alle jüdischen und nichtjüdischen Sowjetorganisationen ausgefordert werden, an der demnächst zu eröffnenden Kampagne, die gegen alle Religionen, insbesondere aber gegen die jüdische Religion, gerichtet sein soll, teilzunehmen. Es wird ein Zyklus antireligiöser Vorträge angekündigt, darunter Vorträge über die Themen „Das Antlitz des modernen Judentums" und. der „Klassencharakter der jüdischen Feiertage". Wie auf ein verabredetes Signal hat gleichzeitig die gesamte jüdische Presse Sowjetruhlands einen Artikelsturm gegen die jüdische Religion und gegen die „konterrevolutionären Kleriker" in Rußland und im Ausland eröffnet. Die jüdischen Handwerker in Rußland verlieren die Freizügigkeit. Moskau, 4. Aug. Soeben wurde eine vom Vizepräsidenten Sowjetrußlands und Vorsitzenden der Regierungskümmission tür Ansiedlung der Juden auf dem Lande, Komzet, M. Smidowitfch, Unterzeichnete- Vreordnung erlassen, derzüfolge künftighin jüdischen Handwerkern, die Mitglieder von kooperativen Artels sind, und die in ihrem Betrieb nicht auf die Einfuhr von ausländischem Rohmaterial angewiesen sind, nicht mehr gestattet werden soll, ihre Kooperative zu verlassen, auch nicht zum Zweck der Ansiedlung auf dem Lande. In der gleichen Verordnung werden jene Kategorien von Handwerkern angeführt, denen es erlaubt sein soll, ihre gegenwärtigen Wohnorte zu verlassen. Hierher gehören erstens Mitglieder von Handwerkerkooperativen, zu deren Betrieb ausländisches Rohmaterial erforderlich ist. Zweitens Mitglieder von Handwerker-Artels solcher Handwerkszweige, für die in den betreffenden Gebieten eine Ueberfülle an Betrieben besteht. Drittens Angehörige solcher Kooperative, deren Produktivität die ausreichende Versorgung ihrer Mitglieder nicht gewährleistet. Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit“ für den Monat September Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G. m. b, H., Frankfurt a.M. B Palästina. Arabische Protestaktion gegen die angebliche „Bewaffnung der jüdischen Kolonisten". Jerusalem, 4. Aug. In Nablus fand eine von der mohammedanischen Vereinigung junger Männer zum Zweck des Protestes gegen die angebliche Bewaffnung der jüdischen Kolonisten in Palästina einberusene Konferenz statt, an der 60 Delegierte teilnahmen. Es wurden aufreizende Reden gehalten und drohende Resolutionen angenommen, Aus zahlreichen Städten des Landes waren Anhänger und Gegner des Großmufti erschienen, die einander in Hetzreden zu überbieten suchten. U. a. wurden Massen-- demonstrationen in ganz Palästina am 16. August angökündigt. In einer Resolution wird erklärt, die Araber würden alle notwendigen Gegenmaßnahmen ergreifen, wenn die Regierung fortfahren werde, die jüdischen Kolonisten zu bewaffnen. Es wurde ein Komitee eingesetzt, das beauftragt wurde, von der Regierung die Bewaffnung der arabischen Stämme Und Dorfbewohner zu fordern und „die gesamte mohammedanische Welt einschließlich der Könige und Fürsten über den Schaden zu unterrichten, den die Palästinaregierung durch die Bewaffnung der Juden angerichtet hat." , Zur Sicherung von Ruhe und Ordnung hatte die Palästinaregierung anläßlich der Tagung der arabischen Konferenz Panzerwagen und . mit Maschinengewehren armierte Lastautos nach Nablus entsandt. Vom Lrziehungswefen im Reuen Jifchuw. Jerusalem, 27. Juli. Die hebräische Presse veröffentlicht einen ausführlichen Bericht über-das Kinderdorf Ben-Schemen, das seit vier Fahrest besteht und heute ca'. 200 Kinder erzieht. Die Institution wird durch einen Verein, „Waisenhilfe", in Berlin gefördert. Unter den Kindern sind eine Anzahl WaiseD deren Eltern orthodox waren. Fünf Stunden täglich gibt es Schulunterricht, vier Stunden landwirtschaftlichen Unterricht. Der Schulunterricht umfaßt Sprachen, Rechnen, Literatur, Geschichte, Geographie, Naturkunde und — Bibel. Die Kinder werden ohne jede Spur religiösen Judentums erzogen.! SCHLESICKY-STRÜHLEIN \ X KAISERSTRASSE 27 In Tel-Awiw hat das Herzl-Gymnafium (Direktor der bekannte Dr. Mofsinfohn) sein 25jähriges Bestehen gefeiert. Auch hier vom religiösen Judentum keine Spur! Etwa achthundert Schüler hat die Schule hinausgeschickt. Es würde interessant sein, festzustellen, wieviele in dieser ersten und bedeutendsten Institution des Neuen Jischuw so erzogen wurden, daß sie sich später mit dem jüdischen Leben verbanden. Zofe al Zion. Regierungsmaßnahmen gegen -re arabische Hetze in Palästina. Jerusalem, 5. Aug. Im Hinblick darauf, daß die arabische Agitation gegen die Juden in der Presse und in Versammlungen einen Grad der Intensität erreicht hat, wie er etwa vor dem Ausbruch der Unruhen i. I. 1929 festzustellen war, hat eine jüdische Deputation, bestehend aus den Herren Colonel Kisch, Ben Zwi, Elmaleh, Smilanski und Golum, beim High Commifsioner, Sir John Chancellor, vorgesprochen, um in zwölfter Stunde ihren Befürchtungen über die möglichen Folgen dieser Verhetzung Ausdruck zu verleihen. Im Verlaus der Unterredung wurden Fragen der allgemeinen Sicherheit und der Maßnahmen anläßlich des bevorstehenden Chauffeur-Streiks besprochen. Der High Commifsioner, Sir John Chancellor, erklärte, die Regierung werde entsprechende Maßnahmen gegen die Pressehetze ergreifen. Militär und Polizei seien hinreichend stark und gerüstet, jeden Versuch, Ruhe und Ordnung zu stören, im Keim zu ersticken. Ueber den Verlauf der Unterredung wurde ein offizielles Communique herausgegeben, in dem auch die Maßnahmen der Regierung angesichts des bevorstehenden Chauffeurstreiks bekannt gegeben werden. Der Chefsekretär der Palästina-Regierung, M. A. Poung, berief angesichts der gespannten Lage die Redakteure sämtlicher in Palästina erscheinenden Tageszeitungen zu sich. Er empfing zunächst die Redakteure der arabischen Blätter und dann gesondert die jüdischen Pressevertreter. Chefsekretär Poung warnte die Zeitungen davor, Hetzartikel zu veröffentlichen. An die Vertreter der jüdischen Presse richtete er im besonderen die Aufforderung, die Negierung nicht zu beschuldigen, daß sie die Araber bei der Aufreizung zu Angriffen oder bei deren Vorbereitung unterstütze, denn dies entspreche nicht den Tatsachen. Schließlich ermächtigte Chefsekretär Poung die Vertreter der Presse, folgende Erklärung zu veröffentlichen: Die Regierung hat die Situation vollkommen in der Hand. Sie ist zur Unterdrückung etwaiger Unruhen viel besser gerüstet als im Jahre 1929. Die versiegelten Waffenlager in den jüdischen Kolonien bleiben bestehen. Jerusalem, 5. Aug. Infolge der in letzter Zeit mit besonderer Heftigkeit betriebenen Agitation der arabischen nationalistischen Kreise gegen die Institution der versiegelten Waffenlager in den jüdischen Kolonien hat sich die Palästina- Regierung veranlaßt gesehen, in einem offiziellen Communique darzulegen, wie es zur Einrichtung dieser Waffenlager gekommen ist. In dem Communique wird ferner erklärt, die Regierung betrachte die Anlage dieser Waffendepots als richtige Maßnahme, die der Politik der Regierung entspricht und die sie nicht ändern wolle. An die arabische Presse wird die Aufforderung gerichtet, die Agitation gegen diese Einrichtung aufzugeben, widrigenfalls energische Maßnahmen gegen sie ergriffen werden würden. Ausgabe der Fragebogen zur Volkszählung in Palästina. Jerusalem, 5. Aug. Soeben wurden die Fragebogen für die bevorstehende Volkszählung ausgegeben. Die Bogen enthalten 18 Fra-. gen, darunter Fragen nach dem Religionsbekenntnis, dem Geburtsland, nach der wirtschaftlichen Stellung (selbständig Erwerbender oder Lohnempfänger), nach dem Berufszweig, - der Umgangssprache und dem Bildungsgang.