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Der Israelit · 1931-08-13 · Heft 33 (13.8.1931) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 33 (13.8.1931)
Date
1931-08-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 33 Der Israelit Seite. Hätte sich diese Majorität auf die Dauer durchgesetzt, das jüdische Volk wäre niemals nach Erez Jisroel gekommen. pL'2v nennt sie der Midrasch Tauchuma, eine blöde, beschränkte Gesellschaft, deren geistiges Niveau aus ihrem ganzen Bericht über Erez Jisroel erhellt. Was wissen sie von Erez Jisroel zu berichten? Daß es von Milch und Honig flieht und von Antisemiten wimmelt. Gut Essen und Trinken und Angst vor dem Antisemitismus: das waren die beiden Pole, um die ihre Gedanken und Gefühle kreisten. Und diesen pwsa, dieser blöden, beschränkten Gesellschaft gelang esß das ganze Volk zur Revolution gegen Moses und Ahron aufzuwiegeln die nur mit knapper Not dem SLeinigungstod entgingen! — Und im Angesicht einer solchen g'ttverlassenen Majorität hätte Josuas Minorität bescheiden sein dürfen? Wäre es nicht Verrat am Höchsten und Heiligsten gewesen, hätte Josuas Minorität sich an die Wand drücken lassen? — Sehen Sie, in dieser wundervollen Tatsache, daß die paar Menschen aus dem Volke die Träger und Verkünder der g'ttlichen Wahrheit waren, während die große Masse des Volkes den Hetzreden von zehn stwov zum Opfer fiel, darin liegt die eigentliche Tendenz des biblischen Kundschafter-Dramas. Und wie zur Zeit der Kundschafter waren es immer Wenige, die inmitten einer von Irrungen und Wirrungen erfüllten Welt sich offen zur Wahrheit bekannt haben: Von Abraham bis zu den 70 Seelen in Mizrajim, von Moses und Ahron Leim goldenen Kalbe bis zu Pinchas, Jerubaal und Obadja, von Elijahu am Karmel bis zu Esra und Matisjohu. Durch die Jahrtausende der jüdischen Geschichte erklingt bis auf den heutigen Tag das Hohelied von der Minorität als dem Träger und Verkünder der jüdischen Wahrheit: vvan arm ihr seid die Wenigen! — Und wenn' nichtTausend e wären, wenn's nur Hunderte w är en , j a , w enn 's nur e in M injan aufrechter Juden wären, die in der Freien Vereinigung sich zusammenfänden, um die Interessen des orthodoxen Judentums zu fördern: ayan ans, ihr seid d i e Wenigen, deren geschichtliche Aufgabe es ist, in einer schwächlichverzagten, haltlos zermürbten Zeit den Glauben an die Zukunft der Thora zu pflanzen! n e n. Gar mancher gibt M Stillen zu, daß es ohne Orthodoxie kein' Judentum gäbe, aber er möchte bei diesem Zugeständnis nicht ertappt werden^nicht um alles in der Welt möchte er zu den Altmodischen gerechnet werden. Diese Angst vor dem Altmodischerscheinen hängt wesentlich mit der Angst vordem A l t w e r d e n zusammen, die ebenfalls ein charakteristisches Merkmal unserer Zeit ist. Vor dem Sterben haben sich die Menschen immer gefürchtet, sie waren aber und sind auch heute vernünftig genug, sich mit dem Tode, welch unangenehmer" Geselle er auch fern mag, als einer unaufheblichen Einrichtung im Großen und Ganzen abzufinden. Anders liegt die Sache beim Altwerden. Die Menschen unserer Zeit haben dem Altwerden einen förmlichen Krieg angesagt. Es möchte wohl jeder die äußerste Grenze des Lebens erreichen, doch er möchte nicht dabei ertappt werden; er möchte wohl alt werden, doch nicht alt e r s ch e i n e n. Darum versucht er es mit allen Mitteln der Technik und des Sportes, noch im vorgerückten Alter eine Jugendlichkeit vorzutäuschen, die in ihrer _ künstlichen Maskerade so unnatürlich, so abstoßend, so. widerwärtig, so weltenfern von jener ergreifenden Schlichtheit und Natürlichkeit ist, mit der einst unsere Stammutter Sara sprach: 'nns rm» 'V nn'n 'nba „mir soll noch ein spätes Mutterglück erblühen? Ich bin doch schon so alt geworden!" Wo sind die Menschen in unserer Zeit, die sich zur rhythmischen Höhe dieses 'n^a '"ins, dieser Seelengymnastik aufzuschwingen vermögen, die auch dem Greisenalter gibt, was ihm gebührt, die auch von der Schönheit eines Sonnenunterganges zu sagen und zu singen weiß, die in der Ehrfurcht vor dem Alter ein Gebot des Naturschöpfers erkennt, dessen Herrscherwillen du ehrst, wenn du aufstehst vor dem grauen Haupt, wenn du Ehre erweisest dem Greise: n '2S nsTi ]j?T '22 imm mpn nn'w '222 Wer die a’jpr nicht ehrt, der wird schließlich auch die Ehrfurcht vor G'tt, dem ]'av> p'ns dem „Alten der Tage" verlieren. Dieser beinahe krankhaften Angst vor dem Alterscheinen und dem Altmodischerscheinen tritt die Freie Vereinigung mit der vollen Wucht einer bewußten Absichtlichkeit e n t g e g e n , wenn sie das offene Bekenntnis zum alten orthodoxen Judentum schon in ihrem Namen zum Ausdruck bringt, obwohl sie ganz genau weiß, daß sie mit dem Namen „Freie Vereinigung" für die Interessen des orthodoxen Judentums" weiten Kreisen des orthodoxen Judentums geradezu auf die Nerven fällt. Aber es geht nun einmal nicht anders. 'Tin' irr aibs irr Wer das Judentum wirklich will, dre muß die Angst vor dem Altmodischen von sich abtun, der muß die Kraft besitzen, auch der Mode den Krieg anzusagen, zumal dort, wo ihre Torheiten mit jüdischer Zucht und Sitte einfach unvereinbar sind. Wir stehen am Vorabend des Monates Tamus. Wissen Sie, was das Wort Tamus bedeutet? Ich will es Ihnen sagen. Einst, kam der Geist G'ttos über den Propheten JecheÄel'.' Eine Hand streckte sich aus und faßte''iyn bei den Locken seines Hauptes. Ein Mind trug ihn zwischen Himmel und Erde und brachte ihn nach Jerusalem. Dort zeigte ihm G'tt die Entartung seines Volkes. Jecheskel steht am Eingang des inneren Tores, das gen Norden liegt. nann ns maaa niaw' D'^2n atz? n:m „Und siehe, dort saßen die Frauen und beweinten den Tamus.,, Tamus ist dasselbe wie Adonis. Adonis, dieser heidnische G'tt von einer sprichwörtlich gewordenen Schönheit, personifiziert die alljährlich sich erneuernde Vegetationskraft des Frühlings. Ihm gegenüber steht Artemis, die römische Diana, die Spenderin der Fruchtbarkeit, die Göttin der Geburt, ausgestattet mit den Attributen der Jagd, mit Bogen und Köcher. Im Monat Tamus wenn nman ns bvib ’ia mwa nabna nann, wenn die Sonne sich anschickt, den Früchten die letzte Reife zu bringen, da geht die jungfräuliche Schönheit des Frühlings in den fruchtbaren Erntesegen des Sommers über; da wird Adonis, der G'tt des Frühlings, von Artemis, der Spenderin der Fruchtbarkeit, der Göttin der Geburt, mit Bogen und Köcher niedergestreckt; da setzten in. Mancher würde, dem innigsten Zuge seines Herzens folgend, der Freien Vereinigung als Mitglied beitreten, wenn ib" »ön Oetti Beitritt sticht' etwas Mr'"^h"cken würde, was für die feelstche ^^nung unserer Zeit überaus charakteristisch ist: die Angst v o r d e m A l t m o d i s ch e r s ch e i- __ . 13. August 1931 sich einst die heidnischen Frauen hin um den Tod des Adonis zu beweinen . . . Und wenn nun dem jüdischen Propheten Jecheskel als tiefste Entartung gezeigt wird: mann ns manamaty a'win an nini, so begreifen wir, was das bedeutet: Sie beweinen den Tamusweil sie im-Frühling der Natur ein Gleichnis ihres eigenen Frühlings erkennen; und sie beweinen seinen Tod, weil sie im Tode des Frühlings ein Gleichnis ihres eigenen Altwerdens erkennen; sie beweinen den Tamus, weil sie selber ewig jung bleiben möchten; weil sie von einem ewigen Frühling ihres eigenen Lebens träumen; weil sie gram sind der Spenderin der Fruchtbarkeit; weil sie Haß empfindenfür die Göttin der Geburt; weil sie Kinder nicht als Segen, sondern als Last empfinden; weil sie niedriger sind als Pflanze und Tier, niedriger als die vernunftlose Natur, die wohl im Frühling zu prangender Schönheit aufersteht, jedoch ohne zu weinen und zu klagen, sich der Last des sommerlichen Erntesegens unterwirft. rnsin '^s nas’i INS masnnn ns m^sra nn.T maV hpin ans p ’2’sr oinn s^ nana mzws ’2S nxi . - . ns m •anis vaws s*?i ^np '2Tsa isnpi Vians s^i „Da sprach G'tt zu mir: Siehst Du es, Menschensohn? Sind sie geringfügig, die Greuel, die das Haus Juda hier verübt? . . . Aber auch ich werde gegen sie in Zorn geraten; mein Auge wird nicht schonend auf sie blicken; kein Erbarmen will ich mit ihnen haben; und rufen sie vor meinen Ohren mit lauter Stimme so werde ich sie nicht erhören." (Jecheskel 8, 17). Mit solch harten, grausigen Worten haben unsere alten jüdischen Propheten die Angst vor dem Altwerden, die Sehnsucht nach einer ewigen Jugend als ein Symptom tiefster sittlicher Entartung gegeißelt! (Schluß folgt.) Korrespondenzen « ßacbricbten. Deutsches Reich. Aufhebur^ zweier Iudengefehe. Berlin, 7. Aug. Der preußische Justizminister hat unter dem 9. Juli ds. Js. auf Grund Gesetzes vom 23. März 1931 eine große . Reihe von veralteten VßoüneU unb Strafgesetzen aufgehoben. Auf Grund dieser Ermächtigung sind merkwürdigerweise vom Minister unter den Nummern 50 und 51 auch der Titel I des preußischen Judengesetzes von 1847 und das gesamte Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Juden im ehemaligen Königreich Hannover vom 30. September 1842 aufgehoben worden. In der „Jüdischen Rundschau" macht Rechtsanwalt Dr. Kollenfcher darauf aufmerksam, daß der Erlaß des Justizministers in Bezug auf diese beiden Gesetze rechtsunwirksam ist, weil das Gesetz, auf welches sich die Aufhebung stützt, nur auf Polizei- und Strafgesetze Anwendung finden kann, diese beiden Gesetze aber weder Polizeinoch Strafgesetze sind. Während der Titel I des Judengesetzes von 1847 ohnedies heute nicht mehr anwendbar ist, beruht die ganze innere Ordnung der Gemeindeverhältnisse in der Provinz Hannover auf dem Gesetz von 1842, so daß von einer Aufhebung dieses Gesetzes, solange nicht neue Bestimmungen getroffen sind, auch aus sachlichen Rücksichten, keine Rede sein kann.

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