Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1931)
- Date
- 1931-08-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 33 Der Israelit 13. August 1931 Helene Hanna Thon hat ganz recht: Eine Jugend, die feelisch f ä h i g ist, am Sabbat öffentliche Fußballspiele zu veranstalten, zeigt damit schon, daß in ihrem Herzen der Funke wahren Sabbatgeistes unter dem Drucke der rrinrr rrnvv völlig erloschen, daß sie für das Judentum und für das jüdische Volk verloren ist, wenn die Rettung nicht durch eine innere Erneuerung vollbracht wird. Bekanntlich hat Bialik, der nach seinen Sturm¬ und Drangjahren im Alter zuweilen konservative Neigungen zeigt, durch Einrichtung von sogenannten Oneg Schabbos-Veranstaltungen den Versuch unternommen, dem jungen zionistischen Geschlecht in Palästina wieder ein wenig Geschmack an vergeistigteren Sabbatfeiern beizubringen. Wir sind uns gewiß darüber klar, welch himmelweite Kluft die auf recht morschem weltanschaulichen Grunde ruhenden und darum lediglich ästhetisierenden Sabbatzusammenkünste Vialiks von dem echten, zur G'ttesnähe aufstrebenden Sabbattische des schlichtesten Juden alten Schlages trennt. Es ist aber dennoch deprimierend, aus den Ausführungen von Frau Thon zu sehen, daß selbst diese Bialik'schen Surrogate des alten Oneg Schabbos, von denen in der Presse doch genügend Lärm geschlagen worden ist, in der palästinensischen Jugend so gut wie gar keinen Anklang gefunden haben sollen. Eines steht jedenfalls fest: Gerade die Betrachtung von Helene Hanna Thon, die einem in der folgenden Nummer der „Jüdischen Rundschau" sich äußernden „ g e s e tz e s t r e u e n N i ch t z i o n i st e n " Gelegenheit gibt, eine ganz andere Seite der Frage anzuschneiden, zeigt mit Deutlichkeit, wie wenig Sinn es hat, das Problem von dieser anderen Seite, nämlich von der rein halachischen, anzupacken. Der „gesetzestreue Nichtzionist", von dem wir reden, erhebt den von Zeit zu Zeit wiederkehrenden Ruf nach einem neuen Sanhedrm, das, um es deutlich herauszusagen, hauptsächlich den Zweck haben soll, „Hetterim zu paskenen". Der „gesetzestreue Nichtzionist" wünscht die Tragweite und Bedeutung des Fußballspiels am Sabbat zuerst einmal durch e i n S a n h e d r i n geklärtzusehen und zwar nach dem Grundsatz m^m 8M2. Er gibt zu, daß das Gefühl sichdagegen empöre, wenn die althergebrachte Sabbatruhe in der heiligen Stadt durch Fußballspiel preisgegeben wird. Aeußerlich wenigstens solle doch die Sabbatruhe in Palästina allenthalben herrschen. Aber, so meint er, „die Thora sei für die jüdische Religion maßgebend und nicht das Gefühl." Der Schofar iönk. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. WM Die kreisende Zeit schließet bald wieder einen Jahresring. Mit Macht klingt da an unser Ohr und Herz mahnend, ansifernd der Weckruf des Schofars. Zu Einkehr und Besinnung fordert er auf. Was das Leben mit all' feinen Wechselfällen nicht immer vermag und auch der Ernst der Zeit nur selten zuwege bringt, das will jetzt in den Tagen und Wochen des Ellul an uns die Religion vollbringen. Wir sollen Schein und Wirklichkeit, Zeitlichkeit und Ewigkeit, Vergängliches und Dauerndes von einander scheiden und den Sinn des Lebens recht erfassen lernen. Dieser Weg führt zur Höhe und läßt uns in unserer wahren Menschenwürde erstrahlen. Da ist das rechte Wort zur rechten Zeit die Mahnung der heiligen Schrift: 'i ns? rrnn n’nn Ganz sollst du mit dem Herrn deinem G'tte sein." Dieser Satz beschließt die Reihe jener Verbote, die jeden Aberglauben in unserer Mitte zu bannen suchen, um uns hoch über die Völker zu stellen, die ihr Schicksal an finstere Macht geknüpft wähnten und darum statt zu den Höhen, in die Tiefe schauten. Israel soll keine Macht auf Erden fürchten denn G'tt in der Höhe. Ihm hingegeben mit all' unseren Kräften und Fähigkeiten, in allen Verhältnissen und Äußerungen unseres Daseins, läuft unser ganzes Leben nach dem Willen G'ttes und dem Walten seiner Vorsehung ab, und wir bleiben Wir halten diese Betrachtungsweise für gänzlich abwegig. Soviel uns bekannt, haben die rabbinischen Führer Erez Jisroels einschließlich des offiziellen Oberrabbinates bereits einmütig erklärt, daß das Fußballspiel am Sabbat auch an und für sich, ohne die damit verknüpften Autofahrten, Billettverkäufe und Konsumtion an brennenden Zigarren und Zigaretten, verboten ist. Daß es sich um ein rabbinifches und nicht um ein biblisches Verbot, um ein pm und nicht um ein rrw'nirri handelt, weiß jeder. Aber es weiß auch jeder, der im Geiste der Thora erzogen ist, welche Rolle gerade am Sabbat der Begriff des X'vnis, also grade die Rücksicht auf die öffentliche Heiligung oder Entweihung des G'ttesnamens spielt, und es sollte auch der „gesetzestreue Nichtzionist" wissen, daß das „Gefühl", das sich gegen die öffentliche mutwillige Verhöhnung der öffentlichen Sabbatruhe empört, auch bei der halachischen Entscheidung ein durchaus in die Wagschale, unter Umständen sogar entscheidend in die Wagschale fallendes Moment darstellt. Formal-halachifche Beurteilung, Erwägung von bewußtseinsmäßigen oder äußeren Konsequenzen und Rücksicht auf das legitime Volksempfinden, diese drei Momente, sind keine Gegensätze, sondern auch die beiden letzteren Gesichtspunkte haben in d i e h a l a ch i f ch e Entscheidung e i n z u g e h e n und bei ihrem Zustandekommen in entscheidendem Maße mitzuwirken. Es gibt für die Praxis keine abstrakte, nur auf formal juristische Momente gestützte Halacha im Judentum. Wir fürchten aus diesem. Grunde, daß diejenigen Kreise, die heute so. laut nach einem Sanhedrm'rufen, wahrscheinlich sehr bald enttäuscht sein würden, wenn ein solches Sanhedrm wirklich eines Tages zustandekäme und sich zeigte, daß auch für diese Körperschaft nicht die gewünschte Produktion von „Hetterim" der maßgebende Gesichtspunkt sein würde, sondern die demütige Unterordnung unter den Willen des G'ttesgesetzes und die vovausschauende Rücksicht auf die Erziehung des ganzen jüdischen Volkes zum Respekt vor der Thorawahrheit. Im übrigen möchten wir glauben, daß das Verlangen einer SynhedrialentscheidunK nirgends so wenig angebracht ist, wie in diesem Falle. Die „öffentlich - rechtlich" anerkannte Gemeinschaft der zionistischen Juden in Erez Jisroel, die Kn e f e s Israel, besitzt ja ein Oberkübbinat, dessen Zuständigkeit zwar inVerfassung der Kneses Israel auf ein recht enges Gebiet eingeschränkt ist, das aber doch, wenn man schon ausdrücklich eine halachische Entscheidung wünscht, die gegebene Instanz wäre, um sie mit bindender Rechtskraft abzugeben. Soimmer G'ttes Kinder, ganz und gar mit Ihm verknüpft, wie immer sich auch unser Schicksal gestalten mag, ob wir durch des Lebens lachende Fluren wandeln oder nur mühselig über Klippen und steinichten Boden dahingehen. Tag und Nacht, Tod und Leben, Diesseits und Jenseits, sie werden durch Ihn, den Einig-Einzigen zu einer Einheit. Dieser Glaube, die Grundlage und Blüte des Judentums, soll der Quell unserer Kraft werden, das Leitseil unseres Lebens, mit dem wir G'tt dem Herrn, dem Gestalter unseres Schicksals, der die Liebe und Gerechtigkeit D’amn mn und pin ma in einem ist, in unserer Ganzheit dienen. Das macht uns a’»n, ganz und vollkommen, zu Menschen, die nicht wie ein schwankendes Rohr hin und her sich bewegen, zu Persönlichkeiten mit geschlossener Weltanschauung, die zielbewußt ihre Lebensbahn geradlinig wandeln, bis schließlich ihr Dasein in den Hafen der Ewigkeit einläuft. Stammvater Abraham war es als Weisung für ihn und all'seine Nachkommen gegeben worden für den jüdischen Lebensweg: „B'swi tivi -ifcwn Wandle vor mir, damit du ganz, vollkommen werdest" Ihm war gesagt worden nach einer sinnigen Erklärung: r-iaV ^rrem daß du ja nicht fragest, warum? Dieses restlose Sichhingeben an G'tt und seinen Willen, dessen höchste Probe Abraham bestanden, ist die Vorbedingung für die getreue Erfüllung aller heiligen Gebote, der rvixn wie sie in der Lehre G'ttes verankert sind. Alle Fragen nach dem Warum und Weshalb müssen verstummen, wenn uns die Antwort fehlt und der Zweifel sich regt. Wie der Wechsel von Tag und Nacht und der Wandel der Jahreszeiten und überhaupt der Bestand von Himmel Erde nur dadurch verbürgt sind, daß die Natur und was sie füllt, den ehernen Gesetzen gehorcht, die des Schöpfers Allweisheit in sie gelegt, so ist auch der Menschen Heil nur dann gesichert, wenn G'ttes Willen die Welt beherrscht. Dieser Wahrheit zu leben und sie zum Siege zu führen, ist unsere jüdische viel in der Oeffenttchikeit bekannt, hat das Ober-' rabbinat durchaus gegen die Zulässigkeit des Fußballspiels Stellung genommen und die Frage sollte daher nicht nur nach der Ansicht des „gesetzestreuen Nichtzionisten", sondern sogar auch für die n i ch t g e s e tz e s t r e u e n Z i o n i st e n, durchaus entschieden sein. An dem Fußballspiel scheiden sich die Geister: Auslieferung des Sabbats an das M u s k e l j ud e n t u m einer ent ge i st i g - ten Jugend oder seelische Erhebung zum G'ttlichen am Sabbattag wie seit Jahrtausenden. Das ist die Frage, um die es bei diesen Kämpfen letzten Endes geht. Vielleicht ist es nachträglich bester, daß nach allem Ringen um Wahrung äußeren Respektes vor dem Schabbos die Schicksalsschwere dieser geistigen Entscheidung nicht mehr verschleiert wird durch ein politisches Zugeständnis an die „Gefühle" der orthodoxen Judenheit. Diese Erkenntnis ändert allerdings nichts an der unmittelbaren und unzweideutigen, aus dem w2iv-Gedanken fliehenden religiösen Verpflichtung, durch jedes legale Mittel, auch dasjenige polizeilicher oder gesetzlicher Verbote, oder äußerer Demonstrationen oder politischer Verhandlungen die Entweihung des Sabbats durch Juden, wo immer mög- , sich, zu verhindern. Wochenrundschau. Der Volksentscheid. Dem Ergebnis der am letzten Sonntag stattgehabten Volksabstimmung in Preußen hat man in jüdischen Kreisen mit besonderem Interesse entgegengesehen, denn es läßt sich leider nicht leugnen, daß eine der mächtigsten Triebkräfte, die der Hitlerpartei und einem Teile der Nachbargruppen die Masten Zuführt, der Judenhaß ist. Noch am Vorabend des großen Tages, der j dem unsittlichen, ganz auf Zerstörung gerichteten Bündnis zwischen den Radikalismen von rechts und links den Triumph über die Politik dev Mitte bringen sollte, verkündete Dr. Goebbels im Berliner Sportpaläste vor 15 000 Zuhörern, jetzt müsse der „Herrschaft der jüdischen Hetzev und jüdischen Bluthunde" ein Ende gemacht wer- Pflicht. Daran mahnt uns diese Zeit der Weihe und- Erhebung. Schön heißt es in Midrasch Tanchuma: Hadrian hatte drei Philosophen zu Beratern. Eines Tages überraschte er sie mit dem Ansinnen: Helfet mir, ich will mich zu einem G'tte machen. Jene erhoben allerlei Einwände. Betrübt wandte er sich mit dem gleichen Verlangen an seine Gattin. Diese sprach zu ihm: „Zuvor gib das Pfand, das du bei dir trägst, zurück." „Welches ist dies? fragte der römische Gewalthaber. „Die Seele," entgegnete ihm seine Frau. Erschreckt sagte er: „Was kann ich noch vollbringen, wenn die Seele erst von mir gegangen?" „Siehst du," sagte das kluge Weib, „du kannst selbt über deine eigene Seele nicht Herr werden, und du wolltest dich zu einem G'tte machen?" Der Gedanke an G'tt als Herrn und Gebieter über Leben und Tod sollte auch uns nimmer verlassen. So würden wir in uns.gehen und all' unser Hoffen und Vertrauen auf Ihn setzen und es immer von neuem beherzigen zu unserer Stärkung und Beseligung: „oanmn «in ’as -»ik Ich, Ich bin es, der euch tröstet." „ ... Daß man nicht verarme!" In der Form, in welcher den ema*) bringt, nämlich mit dem im», man soll dem Gast am 1. Tag Mastgeflügel, am 2. Tag Fische, am 3. Fleisch, dann Hülsenfrüchte reichen, spricht sich unbedingt eine Lehre aus. Wir sollen dem Beispiel folgen, das uns rrapn in der sich verringernden Zahl der Festopfertiere gibt, man soll dem Gast allmählich weniger bieten. Das befremdet. Stellt sich auf den ersten Blick als Unhöflichkeit dar, als Ausdruck der Gleichgültigkeit dem Gast gegenüber . . . „er wird schon dann verstehen und — gehen". *) Siehe „Israelit" Nr. 31: Eine Raschistelle von Dr. S. Kaatz.