Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1931)
- Date
- 1931-08-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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13. August 1931 Frankfurt a. M., den Nr. 33 30. Ab 5691 ^SUSjP'’ flRB «[]]] Ein Centralorgan tDr das orthodoxe Judentum (((SÄ » aff ©earünbet von Dr. Pphmrmn trr 9Ttöhn_ 14 1 «re&PKlISääv * J Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Juli 1929: Deutschland 1.39 Mar!" monatlich; Ausland: Bterteljahrpreise (entsprechend dem deutsche» Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: Schilling 6.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1 Juli Frankreich25 Fr.; Belgien ab 1.7.37. Belga5.; Holland 3 fl.; Italien ab 1.1.88.18 Lire; Jugoslavien 55 Din.; Litauen 7.50 Lit.; Rumänien ab 1. 7. 37. 180 Lei; Polen 4 deutsche Toldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty: Schweiz 8 Fr.; Tscheche-Slowakei 23 Kronen; Ungar« Pengo 5 ab 1. Juli 1927; Dänemark 3.59 Krön.; Norwegen 3.99 Krön.; Schweden 3.59 Krön. Einzelnummer vierzig Goldyfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 59 Goldpf. für die stebengesp altene Nonpareille-Zeile. 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Eine Geschichte des Abfalls vom Judentum, des Abfalls in den vielgestaltigen Formen, in die er im Laufe der Jahrtausende sich kleidete, ist noch ungeschrieben. Wenn sie einmal ihren Bearbeiter findet, so dürfte dieser an der merkwürdigen Tatsache nicht vorübergehen, daß es immer wieder und wieder scheinbar geringfügige, mindestens aber untergeordnete. Verstöße gegen die überlieferten religiösen Rechtsordnungen und Lebensformen waren, an die sich die weitreichendsten revolutionären Strömungen anknüpften. Was will beispielsweise die Orgel im jüdischen G'ttesdienst an Schwere der buchstäblichen Versündigung gegen die g'ttliche Lehre bedeuten im Vergleich zu dem vollendeten mips nivnip'281, wie es in den Reformg e b e t - büchern und in der Lehre des Reformjudentums auf KanzelundKatheder zum Ausdruck gelangt. Und dennoch ward grade die O r - g e l zum Symbol der reformjüdifchen Abspaltung, zum Schibboleth, das die körperschaftlichen Gestaltungen, die Gemeinden der Gesetzestreue und der religiösen Willkür, gegeneinander abgrenzt und voneinander trennt. Aufzuweisen, inwiefern die äußere historische Ursache dieses merkwürdigen Vorganges und sein innerster Sinn durchaus nicht weit auseinander klaffen, ist heute nicht unsere Absicht.' Vielmehr möchten wir aus eine ganz ähnliche historische Entwicklung Hinweisen, die sich auf dem heiligen Boden von Erez Jisroel zu vollziehen im Begriffe ist. Was die zionistische Weltanschauung von der jüdischen trennt, ist ein logisch klarer Gegensatz: dort die Rückverwändlung der jüdischen Nation in ein Wald- und Wiesenvolk ohne religiöse Erwählung unter dem Schlagworte „Religion ist Privatsache", hier die .Festhaltung der völligen Identität von Religion und Nation, die treue Bewahrung des nbiav rav-Charakters d. h. des vollendeten A u snähme- Charakters des jüdischen Volkes als nationalen Trägers der G'ttesoffenbarung in der Menschheit. Wie mag es auf den ersten Blick kleinlich und zufällig erscheinen, daß dieser in die Tiefe der metaphysischen Wesensart reichende Gegensatz in einem Kampfe um — dasöffentliche Fußballspiel am Sabbat zum Ausdruck kommt. Bevor wir Nachweisen daß hier in der Tat kein Zufall mitspielt, möchten wir jedoch auf zwei Aeußerungen Hinweisen, die in den letzten Wochen von zionistischer Seite zu den Kämpfen um das Fußballspiel gefallen sind, und die uns eine klärende Antwort zu erfordern scheinen. In einem Artikel unter der Ueberschrift: „Fußball und anderes Werk am Sabbat" hat Helene Hanna Thon in der „Jüdischen Rundschau" sich bemüht, um Verständnis für die Psyche der zionistischen Jugend zu werben, die angeblich nicht aus revolutionärem Uebermut und noch viel weniger aus Animosität gegen die Religion, sondern aus einem innersten persönlichen Bedürfnis heraus auf die sportliche Betätigung an ihrem einzigen freien Wochentage, dem Schabbos, nicht verzichten zu können glaubt. Mit Recht weift die Verfasserin jedoch darauf hin, daß diese Jugend, der man neben ihrer Sportlust einen gewissen Idealismus nicht absprechen kann- .iy der Zumutung des Verzichtes auf die sabbat'lichkm Fußballspiele nur deshalb etwas Unerhörtes und Unannehmbares erblickt, weil sie für den unvergleichlich höheren geistigen Wert des Sabbattages selbst gar kein Empfinden hat. Zwar dürste man von jungen Menschen, in deren Seelenleben der nationale Gedanke das beherrschende Zentrum sein soll, auch dann auf alle Fälle erwarten, daß das Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit und der nationalen Würde schon an und für sich stark genug wäre, um den Trieb zur Muskelbetätigung, wenn er mit der nationalen Disziplin zusammenstöht, zu paralysieren, so wie es ja auch vor zwei Jahren letzten Endes die Erschütterung des Pogromerlebnisses war, die den „Makkabi" für die Forderungen der Agudas Jisroel innerlich reif und empfänglich machte. Aber Frau Thon trifft dennoch den Kern des ganzen Konflikts, wenn sie auf das völlige Erstorbensein des religiösen Sabbatem pfinde n s in den Seelen dieser jungen Sport Helden als letzteUrs a ch e ihres u n g eb e r d i g e n V e r h a l - Lens h i n w e i st. Damit ist aber auch schon der Weg zu der Erkenntnis gebahnt, daß es sich in diesem scheinbar bloß um das Fußballspiel gehenden Kampfe in der Tat um höhere Werte handelt. Der Sabbat ist, mit Recht hat man dies treffende Bild geprägt, der g eisti g e Mirjamsbrunnen, der das jüdische Volk durch die Jahrtausende seiner Wanderung durch die Zeiten begleitet und ihm, Woche für Woche, nicht nur physische Lebenskraft und seelische Tragfähigkeit gespendet, sondern d er vor allem, für Millionen jüdischer Individuen und damit für das g a n z e Volk die innere, durch keine Skepsis und kein Leid zu vernichtende ewige Brücke zu seinem Gotte, die Brücke zur religiösen Wirklichkeit, geschlagen hat. Die nTrp nQiva der Seelenzuschuß, den jeder Sabbat dem Juden bringt, mag in seiner rein st e n Vollendung, in der Intensität höchsten Erlebens vielleicht nur auserwählten Individuen zum Bewußtsein gelangen oder aber dem einzelnen Durchschnittsjuden nur auf Höhepunkten seines Lebens in voller Tiefe sich entfalten. Aber in millionenfacher Abschattung ist doch ein Glanz dieser nTir» matzn b i s auf den heutigen T a g a u ch i n d i e ü r m st e u n d d ü r f t i g st e jüdische Seele hineingefallen, solange sie sich aus dem Zusammenhänge gläubigen Vertrauens mit der g'ttverbundenen jüdischen Volksseele nicht gänzlich herausgelöst hat. - Pie Basis aber dieser seelischen Erhebung zum G'ttlichech. wie sie jeder Sabbat sichert, ist natürlich die gebotene Ruhe des Körpers und der Sinne von äußerer Anst^gung- ' heftiger Bewegung, Zerstreuung und AblenkMtz.n.Ohne das gewaltige System der y»rvnw, der r a b b i n i s ch e n Ausgestaltungen des Sabbatverbotes, hatte der Sabbat dem jüdischen Volke niemals das werderst^^ können, was er geworden ist. d’tpt nm f’rrnn .lim na"»! Kaum auf irgend einem sonstigen Gebiete der jüdischen Gesetzeslehre und Gesetzespraxis fühlt der thoratreue Jude so gegenwärtig wie am Sabbat, wie unendlich weit der Wert dieser den biblischen Sabbatgedanken und die biblische Sabbatpraxis erst sichernden rabbini - scheu Bestimmungen reicht. Das Verbot von bini ]*niy, der Ausübung aller wochentägig berührenden Betätigungen, das Verbot übermäßiger Anstrengungen wie Turnen, Sport usw. (m'ir smö), das große Gebiet der nspira '->ivn, d i e aus unserem ganzen Gesichtskreis alles das verschwinden lassen, was am Wochentag zur Hantierung und Benutzung im Dienste äußerer Zwecke uns umgibt, alle diese Jüan prvoff, die uns in ihrer Gesamtheit wie mit einem Zauberstabe in eine Sphäre höherer Lebensgestaltung hinaufheben, von all dem darf man wahrhaft sagen: nr”» D’Tn ■nm sta'an min: köstlicher und lebenzeugender ist das, was die wahren „Freunde des jüdischen Volkes", unsere Weisen, als „Gefäß" unserer na® geschaffen haben, denn der Wein der Thora selber, dessen belebende Kraft ganz von der Unversehrtheit dieser Gefäße abhängt.