Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1931)
- Date
- 1931-08-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 32 Der Israelit 6. August 1931 Polen. Von der Studienfahrk des Keren Hathora. Lublin, 2. August. Die Keren Hathora-Reisegesellschaft ist von Krakau, wo sie sich 2 Tage aufgehalten hatte, Donnerstag spät bei Nacht hier angekommen. Sie wurden Freitag in der Jeschiwo durch eine Ansprache des Lubkiner Raws, Rabbi Meier Schapiro, begrüßt. Abends fand ein Bankett statt. Während des ganzen Sabbats war das Jeschiwogebäude von Tausenden von Juden umlagert, die sich mit Gewalt Eingang oerschassen wollten, um die westeuropäischen Gäste kennenzulernen. Der ganze Sabbat war ein herrliches Erlebnis, über das noch ausführlich zu berichten sein wird. Für die ganze Zeit, während deren die Reisegesellschaft in Polen weilen wird, hat das polnische Eisenbahnministerium einen speziellen Wagen unter Gewährung wesentlicher Verbilligung zur Verfügung gestellt. Warschau, 3. August. Die Keren Hathora-Reisegesellschaft ist gestern Mittag von Lublin hier angekommen und wurde von Hunderten von Menschen, meist Zeire Agudas Jisroel, am Bahnhof empfangen. Auch auf dem ganzen Wege von Lublin nach Warschau waren auf den Bahnhöfen Delegationen und Massenansammlungen zur Begrüßung erschienen. Die Gäste sind gemeinsam im Hotel Britannia abgestiegen. Abends fand eine Begrüßung im Agudo- Lokal, Graniczna 9, statt. Die Gäste werden zwei Tage in Warschau weilen und von hier nach Mir fahren. Meinungsstreit im polnischen Iudentmn über die Frage der Teilnahme von Rabbinern an der 7 Wahl der Gemeindepräsidien. Warschau, 30. Juli. Das polnische Kultusministerium hat vor kurzem ein Zirkular an alle Wojwodschaften versandt, in welchem die Behörden dahin instruiert werden, daß die Ortsrabbiner überall das Recht haben, sich gleich den gewählten Repräsentanten der jüdischen Gemeinden an der Wahl der Gemeindepräsidien zu beteiligen. Der zionistische Abg. I. Grünbaum wandte sich im Namen des Klubs der zionistischen Sejmdeputierten an den Kultusminister mit einem Schreiben, in welchem erklärt wird, daß das erwähnte Zirkular in Widerspruch stehe zu den bestehenden Gesetzen, die lediglich vorschreiben, daß der Rabbiner das Recht habe, an den Sitzungen der Gemeindeverwaltung, aber erst nach deren Konstituierung, teilzunehmen. Würde sich der Rabbiner an der Wahl der Gemeindepräsidien beteiligen, so würde er in zahlreichen Gemeinden den Ausschlag geben zugunsten der „klerikalen" und gegen die nationaljüdischen Elemente. Grünbaum forderte die Zurückziehung des erwähnten Zirkulars. In einem Schreiben des polnischen Rabbinerverbandes an die ITA. wird gegenüber dem Schritt Grünbaums beim Kultusminister erklärt, daß die Verfügung des Kultusministers kein Novum schasst, sondern lediglich dem Rabbiner alte Rechte zurückgibt. Seitdem organisierte jüdische Gemeinden in Polen bestehen, hätten die Rabbiner nicht nur das Recht gehabt, einen Gemeindevorsitzenden mitzuwählen, sondern hätten in vielen Gemeinden selber den Vorsitz in der Verwaltung geführt. Der Rabbineroerband hoffe, daß Grünbaums Forderung, daß man den Rabbinern ihr Recht nehmen solle, nicht verwirklicht werde. Ein judenreines Stadtviertel in kielce. Warschau, 31. Juli. In Kielce wurde vor kurzem ein neues, aus zwei langen Straßenzügen mit imposanten modernen Wohnbauten bestehendes Stadtviertel fertiggestellt. Das neue Viertel wird hauptsächlich von Regierungsbeamten bewohnt. Die Genossenschaft, die das neue Viertel errichtete, mußte sich beim Ankauf des Bodens gegenüber dem früheren Eigentümer verpflichten, daß sie die auf dem Grundstück zu errichtenden Gebäude innerhalb der nächsten sieben Generationen an Juden weder verkaufen noch vermieten werde. Im Zentrum des neuen Viertels wurde ein großes Kreuz aufgestellt, das folgende Inschrift enthält: „Betet zum Herrn, daß polnisches Land nicht in jüdische Hände übergeht!" Diese Inschrift wird täglich von Tausenden von Schulkindern und Hunderten Beamten, die an dem Kreuz Vorbeigehen, gelesen und trägt so dazu bei, die antisemitische Stimmung der Bevölkerung zu verstärken. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde von Kielce hat eine außerordentliche Sitzung des Rates der Jüdischen Gemeinde einberufen, in der ein Protestmemorandum an die Behörde gegen die Anbringung der verhetzenden Inschrift an öffentlicher Stelle entworfen werden soll. Die jiddische Zeitung „Unser Expreß" knüpft an die Nachricht von der Errichtung des neuen judenreinen Viertels in Kielce die Frage, ob Polen beabsichtige, neue Ghetti für die Juden einzuführen. (ITA.). Rutzland. Verschärfter Feldzug gegen die Synagogen in Rußland. Moskau, 28. Juli. Aus Briefen, die in Moskau eingetroffen sind, geht hervor, daß in verschiedenen Teilen der Ukraine und Weißrußlands ein wahrer Vernichtungsfeldzug gegen die Synagogen im Gange ist. In Krivojrog hatte man auf dringenden Wunsch der jüdischen Bevölkerung vor einiger Zeit begonnen, die Chorsynagoge, welche vor drei Jahren in ein Kulturhaus umgewandelt worden war, allmählich wieder ihrer früheren Bestimmung zuzuführen. In den letzten Tagen aber wurde eine Kampagne mit dem Ziel eröffnet, daß die Synagoge allen möglichen, nur nicht religiösen Zwecken dienen soll. In der Stadt Brailow (Ukraine) wurde auf Veranlassung der aktiven „Apikorsim" gegen den Willen der übrigen jüdischen Bevölkerung der städtische Beth Hamidrasch in einen Klub umgewandelt. Das Vorgehen der Behörden hat im Hinblick darauf, daß es sich auf die Schließung des Beth Hamidrasch beschränkte, während gegen das in derselben Stadt bestehende Nonnenkloster bisher keinerlei Schritte unternommen wurden, auf die jüdische Bevölkerung besonders verstimmend gewirkt. In Krassilow (Ukraine) ist der Kampf zwischen den antireligiösen Arbeitern und der glaubenstreuen jüdischen Bevölkerung um die Synagoge noch nicht beendet. Es scheint aber, daß die antireligiösen Elemente mit ihrer Forderung nach Umwandlung der Synagoge in eine Schule auch hier durchdrungen werden, so daß den Juden dieser Stadt anläßlich des Neujahrsfestes kein entsprechender Betraum zur Verfügung stehen wird. In religiös-jüdischen Kreisen ist man der Ansicht, daß durch die Schließung zahlreicher Synagogen die Wirksamkeit der vom Apikorsim-Verband ausgegebenen Parole, zu Rofch Hafchanah und Jomkippur zu arbeiten und den Synagogen fernzubleiben, verstärkt werden soll. PalÄMna. Arabischer Presse- und Versammlungsfeldzug gegen die Institution der versiegelten Waffendepots in den jüdischen Kolonien. Jerusalem, 30. Juli. Die arabische Tageszeitung „Al Jamea el Arabia", das Organ des Obersten Moslemitischen Rates und des Großmufti wurde wegen Veröffentlichung mehrerer Artikel, in denen in aufreizender Weise gegen das Bestreben versiegelter Waffendepots in den jüdischen Kolonien Stellung genommen worden war, vom Chefsekretär der Palästina-Regierung, M. A. Poung, verwarnt. Im Zusammenhang damit weisen die jüdischen Zeitungen darauf hin, daß es Artikel solcher Art waren, die den Ausbruch der Unruhen von 1929 herbeigeführt haben und daß die Hetze der arabischen Presse gegen die Institution der versiegelten Wasfenlager ■ um so auffälliger sei, als in der letzten Woche allein 26 Araber wegen Besitzes verbotener Waffen verurteilt wurden. Nicht nur in der arabischen Presse, sondern auch in Versammlungen stellen die Araber die Forderung nach Beseitigung der versiegelten Waffendepots in den jüdischen Kolonien auf. In Nablus wurde eine Versammlung abgehalten, in der u. a. auch der Führer der arabischen Scout Organisation eine aufreizende Rede hielt. Er schloß seine Ansprache mit den Worten: Euer Boden, Euer Leben und Euer Eigentum sind in Gefahr. Wenn wir nicht rechtzeitig aufwachen, werden wir mit den jüdischen Waffen getötet werden. Proteste sind wertlos. Gehen wir zur Tat über-. Amnestie für die illegal nach Palästina Eingewanderten. Jerusalem, 3. August. Die Official Gazette, das palästinensische Amtsblatt, veröffentlicht eine Verordnung, durch die es auch Personen, die weniger als 1000 Pfund besitzen, ermöglicht wird, sich als Einwanderer der Kapitalistenkategorie registrieren zu lassen. Die neue Verordnung, über deren Vorbereitung die ITA. bereits vor zwei Wochen berichtet hat, ist als eine Amnestie für alle zur Zeit der Veröffentlichung der Verordnung in Palästina wohnhaften Personen, die auf illegale Weise ins Land gekommen sind, aufzufassen. Ihre Geltungsdauer endet am 30. September 1931. Auf Grund dieser Verordnung werden ungefähr 10 000 Juden und eine beträchtliche Anzahl von Arabern, die illegal eingewandert sind, das Ausenthaltsrecht in Palästina erlangen. Dadurch wird die bevorstehende Volkszählung in Palästina wesentlich erleichtert. In jüdischen Kreisen wird die neue Verordnung als die weitherzigste und entgegenkommendste Maßnahme gegenüber den Juden während der gesamten Amtsperrode des gegenwärtigen High Commissioners betrachtet. Amerika. Eine Gejamtorganijation der ungarischen Inden in den Vereinigten Staaten. N e w y o r k, 30. Juli. Die ungarischen jüdischen Vereine in Amerika haben auf ihrem in Newyork abgehaltenen Kongreß beschlossen, eine jüdische Zentralkanzlei zu errichten, die berufen sein soll, religiöse, Erziehungs-, Kultur- und Wohlfahrtsangelegenheiten der amerikanischen ungarischen Vereine einheitlich zu regeln. In der jüdischen Zentralkanzlei soll jeder ungarische jüdische Verein eine ständige administrative Vertretung finden. Im Herbst d. I. soll abermals ein großer Konrgeß abgehalten werden, auf dem über praktische Maßnahmen zur Durchführung der geplanten Organisierung der ungarisch-amerikanischen Judenheit beraten werden soll. Dem vor kurzem gebildeten Organisationskomitee gehören Hermann Hoffman als Präsident, Moritz Engelman als Sekretär, sowie die Herren Moritz Cukor, Isidor Großmann, Ludwig Rittenberg, Albert Herskooitz, Albert Holländer, L. Max und S. M. Rosenfeld an. Personalien. Warschau, 28. Juli. In Otwock, dem großen Kurort in der Nähe von Warschau, verstarb im Alter von 73 Jahren Rabbiner Jizchak Menachem I a n o w s k i, einer der angesehensten polnischen Rabbiner, der 42 Jahre lang, davon 22 Jahre in Otwock, das Rabbineramt bekleidete. rraxan Vermischtes. Dinkelsbühl, 2. Aug. Heute Vormittag 11 Uhr fand durch Se. Ehrw. Herrn Vezirksrabbiner Dr. Munk, Ansbach, die feierliche Einführung des neu angestellten Lehrers Karl Krebs statt. Herr Krebs, dessen Eltern es vergönnt war, diesen Ehrentag ihres Sohnes mitzuieiern, stammt aus einem frommen Ansbacher Haus und )at feine Ausbildung auf dem Würzburger Seminar genossen. Die Feier versammelte die Gemeinde in den schon 'eit Jahrzehnten von Herrn Adolf Hamburger unentgeltlich zur Verfügung gestellten Beträumen und wurde durch Wechseloortrag der Psalmen 91 und 100 eingeleitet. Hierauf begrüßte Herr David L e v i t a den Herrn Rabbiner, den Herrn Lehrer, seine Eltern und die Gemeinde. In bewegten Worten, die allen Teilnehmern zu Herzen gingen, feierte er den heutigen Tag als eine Tat wahrhaften Mutes der Gemeinde. Dank und Freude erfülle uns alle, daß wir diese Feier abhalten können. Dann ergriff Herr Rabbiner Dr. Munk das Wort zu seiner Festpredigt, die tief in den Herzen widerklang. Herr Lehrer Krebs dankte für das Vertrauen, das man ihm durch feine Berufung entgegenbringe und gelobte, dasselbe zu rechtfertigen, damit an der Gemeinde das Wort der gestrigen Sidrah wahr werde: Er wird dich lieben, dich segnen und dich vermehren. (V. 7, 13). WUt dem Vortrag eines Abschnittes aus dem Hallel-- gebet endete die Feier, die ein Beweis dafür war, was jüdischer Wille zu leisten vermag in einer Zeit tiefster,; Not, da jeder Einzelne die schwersten Kämpfe um seines Existenz ausfechten muß. , Vad Gastein. 2. Aug. Der nun zur Kur in Bad \ Güstern weilende weltberühmte Oberkantor Kwartin \ 'teilte am vergangenen Sonntag, den 28. Juli, im Hotel Bristol seine unvergleichliche Kunst in den Dienst der Wohltätigkeit. Er trug, unter liebenswürdiger Mitwirkung des Frl. Marguerite Oppenheimer, Frank-