Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1931)
- Date
- 1931-08-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 32 Der Israelit 6. August 1931 Du könntest meinen, dieser harte Nacken sei ein Fehler, nein, er ist Israels Ruhm. Man ist entweder Jude, oder man ist es nicht. Nicht umsonst hat Achijah Haschiloni Israel mit seinem Schilfrohr verglichen; das Rohr steht im Wasser, sein Stumpf verjüngt sich, es hat viele Wurzeln, und wenn alle Stürme der Welt gegen es anbrausen, können sie es nicht von der Stelle bringen; das bescheidene Schilfrohr ist charaktervoller und darum mächtiger als die stolze Zeder, die dem Angriff des Südsturms erliegt. Was uns fehlt, das sind jüdische Charaktere, die den Stürmen der Zeit mit der ganzen Unbrechbarkeit und Unverrückbarkeit ihrer jüdischen Ueberzeugung und ihres jüdischen Bewußtseins zu begegnen wissen. Unsere Gegenwart gleicht jenem grausigen Ort, den der große italienische Dichter Dante in seinem Inferno schildert: Ringsum ist die sternenlose Luft von Klagen, Seufzen und Stöhnen erfüllt. Wer aber ists, die da klagen, seufzen und -stöhnen? Das sind die Charakterlosen, die keine wegweisenden Sterne über sich leuchten sehen, die ohne feste Grundsätze und Ueberzeugungen durch das Leben vegetieren, die keinen Halt haben und keine Hemmung kennen, die in ihrer Sternenlosigkeit jeder Mode, jeder Laune, jedem Schlagwort, jeder Stimmung, jeder Versuchung zum Opfer fallen. Ist denn der Schrei nach dem „starken Mann", der heute so oft im politischen Leben ertönt, etwas anderes als die Sehnsucht nach einem festen, unverrückbaren Ideal, das stark genug ist, um aus haltlos Schwankenden Charaktere zu formen, die dem verwirrenden Druck der Außenwelt wieder so etwas wie eine Innerlichkeit entgegenzusetzen vermögen? Wir müßten uns selbst betrügen, wenn wir behaupten wollten, daß wir jene vertiefte Innerlichkeit, nach der sich die Umwelt sehnt, bereits glücklich besäßen. Nein, auch wir Juden sindsternenlosgeworde n.Auch wir sind die Opfer jener sogenannten Zivilisation geworden, die es in einer geradezu raffinierten Weise versteht, die materielle Seite der menschlichen Natur auf Kosten ihrer geistigen und seelischen Seite zu bedienen. Auch uns hat das Fieber der irdischen Bedürfnisse gepackt. Auch für uns steht das Greifbare und Meßbare höher im Rang als die seelischen und religiösen Mächte der Welt. Auch uns fehlt es an sittlichen Imperativen, an leuchtenden religiösen Idealen, an charakterstarken Vorbildern der Selbstdisziplin. Auch bei uns gibt es Minderwertige, die das, was unsere Vorfahren Liederlichkeit nannten, als Sexualresorm bezeichnen und moralischen Schwachsinn mit der stolzen Etikette einer neuen Lebensweisheit versehen. Und diese Widerstandslosigkeit gegenüber den Anstürmen des individuellen und sozialen Trieblebens, sie hat nicht nur das jüdische Haus und die jüdische Familie, sondern ebenso die jüdische Gemeinde und die Gemeinschaft Mischer Gemeinden erfaßt. Fragen Sie dochein - mal die großen jüdischen Gemeinden und die großen jüdischen Verbände, wie sie grundsätzlich über die religiösen Imperative unseres Thoragesetzes denken? Sie werden im besten Falle eine ausweichende Antwort bekommen. Die Wahrheit werden Sie niemals hören. Die Wahrheit aber lautet: In den jüdischen Großgemeinden, und Gemeindeverbänden haben eine bestimmte Religion nur die einzelnen Menschen, die ihnen angehören. Die G e m e i n d e n und V e r b ä n d e a t s solche habe n überhaupt ke ine Religion. Sie stellen bloß den äußerem Rahmen einer Gemeinschaft dar, die das Bekenntnis zu Thora und .Mizwoh dem; persönlichen Belieben jedes Einzelnen überläßt. Auch sie sind sternenlos geworden. , 1 Es ist das große geschichtliche Verdienst der Freien Vereinigung, schon vor einem halben Jahrhundert das offene Bekenntnis zum orthodoxen Judentum als die einzig legitime Grundlage, als die unerläßliche Voraussetzung jüdischer Gemeinschaftsbildung verkündet zu haben. Zu einer Zeit, als noch kein Mensch an die heute bestehenden jüdischen Organisationen dachte trat die Freie Vereinigung auf den Plan und erklärte die Fürsorge für die Interessen des orthodoxen Judentums für ein Anliegen der g e s a m t e n jüdischen Gemeinschaft. Denn es ist ja gar nicht so, wie man vielfach glaubt, daß die. Freie Vereinigung ein von der großen jüdischen Gesamtheit abgesplitterter Verein einer Handvoll orthodoxer Juden sei, die jede Beziehung zur jüdischen Gesamtheit abgebrochen haben. Ausdrücklich heißt es in den Satzungen der Freien Vereinigung, daß Mitglied der Freien Vereinigung jeder bürgerlich unbescholtener Jude werden kann. Ihr ist jeder Jude willkommen, der das orthodoxe Judentum als die Seele der jüdischen Gemeinschaft und als Grundlage und Ziel der jüdischen Gemeinschaftsarbeit anerkennt und ihr feine geistigen und materiellen Kräfte widmen möchte. Die Freie Vereinigung steht auf dem Standpunkt, daß in jeder jüdischen Seele eine unzerstörbare Sehnsucht nach Thora und Mizwoth lebt, daß auch diejenigen unter uns, die in ihrem privaten Leben dem G'ttesgefetz den schuldigen Gehorsam nicht erweisen zu können glauben, gleichwohl innerlich doch davon durchdrungen sind, daß die Zukunft des Judentums mit der Erhaltung der Orthodoxie, mit der Förderung von Thora und Mizwoth steht und fällt. Die Freie Vereinigung appelliert an den gesunden Kern der jüdischen Gesamtheit. Sie kann und will nicht glauben, daß das, was im Judentum seit Mendelssohn geschah, der jüdischen Weisheit letzter Schluß bedeute. Sie kann und will nicht glauben, daß all die jüdischen Männer und Frauen, die gedankenlos und kurzsichtig aus ihrem häuslichen und geschäftlichen Leben die Forderungen des G'ttesgesetzes verbannen, nicht doch einmal stutzig werden, wenn sie an die Folgen ihres Abfalls denken; wenn sie an die Zukunft ihrer Kinder denken, wenn sie an die Zahl der Mischehen denken, die als mahnendes, aufrüttelndes Schrecksignal den Fluch der bösen Tat verkünden. Und weil die Freie Vereinigung nicht glauben kann, daß Israel jemals auf die Dauer aufhören kann, tmp ’m ü’ina ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk zu sein, darum'hat sie von Anbeginn ihre Pforten offen gehalten für alle, die Kinder einer jüdischen Mutter sind. Sie glaubt an den Morgen, auch, wenn es Nacht ist ■— rrnrr nbch nn npn —> und sie spricht mit dem Wächter der NE: rnK int? •■pjrn j-pinn dn wenn ihr pur wollen möchtet — o, wollet doch — kehrt zurück, kommt! (Fortsetzung folgt.) Vom Schaaknes-Verbote. Die wiederholten Hinweise und mehr oder minder ausführlichen sachlichen Erörterungen, die in den letzten Jahren in den Spalten der orthodoxen Bresse über die besondere Bedeutung des Schaatnes-Verbotes und über die technischen Schwierigkeiten, die seiner genauen Beachtung heute entgegenstehen, geführt worden sind, haben einen gewissen Abschluß gefunden durch das dankenswerte Merkblatt über S ch a a t n e s , das die Lebensmittelkommission der Vereinigung träditionell-gesetzestreüßr Rabbiner Deutschlands zusammengestellt und veröffentlicht hat. Dieses Merkblatt, das in unserem Blatte wiederholt wiedergegehen worden, ist und das.jederzeit.gegen Erstattung der Versandkosten von der genannten Stelle in Berlin N., Linienstr. 147 p. zu beziehen ist, stellt übersichtlich zusammen, welche Schaatnesmöglichkeiten bei der heute üblichen Kleiderkonfektion vorhanden find. Zehw Stellen sind es, die in Betracht kommen, die wch im folgenden noch einmal aufzäblen möchten:^ 1. Die Stoffknöpfe können Leinenbutzen enthalten. 2. Beim Annähen der Knöpfe wird gewöhnlich Leinenzwirn verwendet. 3. Bei den Knopflöchern zusammengedrehter Zwirn. 4. An den Kanten von Rock, Weste und Hose kommt Eckband aus Leinen vor. 5. Für die Wattierung von Rock und Mantel zwischen Stoff und Futter auf Brust, Kragen und Achsel wird Wattierleinen aus Flachs verwenden. 6. Bei dem Armloch von Rock und Mantel Eckband aus Leinen. 7. Beim Bund der Hofe Klötzelleinen. 8. An zwei Stellen der Hosenschlitze Eckenband aus Leinen. 9. An der Schnallgurte und unten innerhalb des Saumes der Hosen Leineneinlage. 10. Bei der Taschenbefestigung Wattierleinen und Leinenzwirn. Das Merkblatt gibt genau an, in welcher Weise die verbotenen Flachsleinen-Materiälien durch erlaubte Stoffe, also Baumwolle, Seide, Kamelhaarstoff, Jute, Hanflein-en usw. ersetzt werden können. Es ist aber natürlich ebenso wichtig, daß b er e i t 5 f e r t i g g e ft e 111 e Kleidungsstücke auf ihren Gehalt an den zusammen mit Wolle verbotenen Leinenmaterialien zuverlässiggeprüft werden können. Zu diesem Zwecke muß man zweifelfrei feststellen können, ob ein Faden aus Flachsleinen ist oder aus Baumwolle oder Hanfleinen. In Bezug auf diesen Punkt geben wir folgende dankenswerte Anweisung wieder, die Herr Leopold Mosbacher - Frankfurt a. M. in der Wiener „Jüdischen Presse" veröffentlicht und' durch Mikrophotographien erläutert hat. Flachs Vergr. 108 fach Han'f^ Baumwolle . /fcrgr. 265 fach Herr Mosbacher schreibt: „Der einzige sichere Weg ist die mikroskopische Feststellung. In der Hauptsache dreht es sich ja darum, mit aller Bestimmtheit festzustellen, ob