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Der Israelit · 1931-08-06 · Heft 32 (6.8.1931) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 32 (6.8.1931)
Date
1931-08-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 32 Der Israelit ganisiert und politisiert, um dem Weltparlament das Gepräge ihrer Wesensart aufzudrücken-. Die sogenannten liberalen und assimilatorischen Kreise aber können weder an politischer Aktivität den Führern des Nationalismus das Wasser reichen, noch besitzen sie die notwendige Prinzipienklarheit, um im Kampf mit der nationalistischen Ideologie eine tragfähige jüdische Politik zu begründen und zu vertreten. So wäre es vollendete Torheit zu glauben, daß ein scher Weltkongreß etwas anderes bedeutete, als die Unterwerfung des Weltjudentums unter die zionistisch-nationalistische Führung. Nicht viel weniger Torheit verriete es, an die Möglichkeit zu glauben, daß ein gewähltes Weltparlament sich etwa auf ein bestimmt umgrenztes Programm wie den wirtschaftlichen Aufbau Palästinas oder die Emigration beschränken lassen würde. Wer im Sattel sitzt, wird auch reiten, und die Logik der Tatsachen würde das Weltparlament gar bald auch in die Fragen der Kulturpolitik u-nd des religiösen Lebens hineinführen. Damit aber berühren wir das letzte und für uns nicht unwichtigste Bedenken, das uns, abgesehen von den entwickelten Erwägungen, dazu drängt, schon jetzt gegen den Kongreßplan Front zu machen; das jüdische Volk ist uns zu heilig, als daß wir die Bekundung seines Wesens und Wollens von der unberechenbaren Zufälligkeit parlamentarischer Wahlen und parlamentarischer Mehrheitsbildung abhängig machen dürsten. Uns ist der nationale W i l l e f ü r alle Zeiten von Sinais Höhen bestimmt worden, und solange nicht im voraus das sinaitische Volksprogramm von allen Schichten und Parteien der Gesamtheit als unveräußerliche Verfassungsgrundlage des parlamentarischen Schaffens anerkannt ist, dürfen und können die Träger des historischen Judentums, die man als „„Orthodoxie" zu bezeichnen pflegt, nicht ohne Not auf den Boden dieses Parlamentarismus treten. So erscheint die ganze Propaganda für den Weltkongreß als eine der schweren Gefahren der Stunde. Die Verwirklichung der Kongreßidee wäre praktisch unzweckmäßig, politisch eine katastrophale Gefahr, religiös mit schweren Bedenken verknüpft." Das war vor mehr als einem Dezennium. Inzwischen haben wir noch einiges hinzugelernt. In mehreren Ländern des Ostens hat sich gezeigt, daß man auf dem Wege ruhigen Verhandelns und ruhiger Verständigung der jüdischen Minderheit mit den Regierungen und Staatsvölkern zu weit besseren Ergebnissen gelangt, als durch die Berufung auf internationale jüdische Solidarität, oder gar auf den au sich gut gemeinten und wünschenswerten öffentlich-rechtlichen Minoritätenschutz. Was auf dem Wege dieser ruhigen Verhandlungen erreicht wurde, kann durch einen Weltkongreß wieder gefährdet werden. Um dem Palästinaaufbau Mittel zuzuführen, i bedarf es keines Weltkongresses, der im Gegenteil durch Aufreizung und Auspeitschung des arabischen Chauvinismus die Lage nur hoffnungslos verschlimmern und die Wege zu einer Verständigung mit der arabischen Mehrheit in Erez Jisroel verrammeln würde. Wir mochten aus. all diesen Gründen einen dringenden Appell an die Initiatoren der Weltkongreß-Idee richten, ihre Bemühungen einzustellen, vor allem aber diejenigen Kreise der jüdischen Gesamtheit, die der zionistischen Ideologie noch nicht verfallen sind, zur rechtzeitigen Gegenwehr aufrufen. Wochenrundschau. Von Einem, der nicht beim Songretz war. Aus dem Baseler Zionistenkongreß hat der Advokat P a c i f i c i aus Florenz eine Rede gehalten, die wie ein fremder, ferner Ton in die Atmosphäre zionistischer Menschen- und Kraftvergötterung Hineinklang, und die wir darum wenigstens der nichtzionistischen jüdischen Welt zum ewigen Andenken hier aufbewahren möchten. Pacifici sagte: „Nicht im Namen Italiens, nicht im Namen einer kleinen oder großen Landsmannschaft, nicht auch im Namen einer Partei oder Fraktion, habe ich das Wort hier verlangt, vielleicht kann ich sagen, auch nicht als Zionist, nicht als Jude, sondern einfach und elementar als Mensch. Als Mensch habe ich den Mut, in diesem Kongreß, von dieser so mechanisierten Tribüne, die nur die anonyme Kraft der Zahl kennt und wertet, von dem Unzählbaren zu sprechen, von G'tt, dem Ewigen, dem Einen, dem Könige. -_ 6. August.1931 Er ist hier der wahre Abwesende, der große Vergessene. Für alles hat man hier ein Gedächtnis gehabt, für alle Kräfte oder sogenannten Kräfte eine Abschätzung und für die Kraft der Kräfte, für den Mächtigen, keine realistische Beachtung mehr gefunden. Das wäre ja „religiös", „synagagal", „rabbinisch"! Daß G'tt in Israel, in der alltäglichen Geschichte Israels, die realste aller Realitäten ist, dafür hat man keinen Sinn mehr. Und doch hat die Welt das von uns erwartet. Millionen von Gläubigen haben das von uns erwartet. Ich sage Ihnen, daß in diesem Geiste auch die Balfour-Deklaration uns gegeben wurde, in dieser Erwartung, die die tiefe religiöse Erwartung war, unter andern, der Balfour und Cecil und Lloyd George, aller dieser Leute, die zusammen mit Millionen von Nichtjuden, die Rettung Israels als eine dogmatische Voraussetzung der definitiven Rettung der ganzen Menschheit erwarten. Es scheint mir, daß es eine große politische Blindheit oder eine schreckliche geistige Armut von unserer Seite war, dieser brennenden Erwartung nicht entgegenkommen zu können. Wir haben diese Erwartungen enttäuscht, weil wir nicht gewußt haben, Israel, das Volk des Ewigen, das Volk des Einen inmitten der Zerspaltung des modernen Lebens zu sein. Im Gegenteil haben wir uns selbst verfälscht als ein kleines demokratisches Völkchen, wie es fo viele gibt, ein Volk, ein Völkchen wie alle andern mit den gleichen Notwendigkeiten und mit den gleichen Aspirationen wie alle andern. Und daher sind wir mit anderen Völkchen „wie wir" gemessen worden und daher wurden wir besiegt und geschlagen, weil wir den einzigen möglichen wahren Titel für unsere Rückkehr nach Zion vergessen hatten, das ist das Wort des Ewigen und das Wort seiner Nebiim, das Wort, das uns diese Rückkehr für die Geulla der ganzen Welt versprochen hat. Ich weiß, es ist vielleicht eine Torheit, die Erinnerung an dieses Wort auf dieser Tribüne wiedergebracht zu haben. Aber das sollte nur als erste Anzeige jener Zeit kommen — ob sie nahe oder ferne ist, weiß ich nicht—, wo diese Erinnerung nochmals der königliche Weg Israels werden wird. Dann werden alle Kleinlichkeiten der jetzigen Politik mit ihren Mechanismen und Parteien- und Klaffenkämpfern, als das, was sie in Wahrheit sind, erscheinen: Kleinlichkeiten. Dessen seien Sie sicher. Keiner der heutigen Menschen, keiner der verschiedenen Politiker und Methoden und Zieldefinitionen, derentwegen in diesem Kongreß alle Geister so tief betrübt und zerspalten sind, werden uns zum Sieg führen. Keiner! * : > Aller und Zugend. Don Rabbiner Dr. M. Lewin kn Hamburg. Jene Wochen, die alljährlich der Erstarkung unseres nationalen Selbstbewußtseins gewidmet sind, in denen die jefajanifchen Reden unfern Blick in eine trostvolle lichtrekche Zukunft lenken, sollen vollends unfern Willen zum Judentum festigen und unfern Eifer in der Erfüllung unserer Pflichten steigern. Darum ruft uns Jesajas mit der ihm eigenen Begeisterung zu: „*pa E=nt-?i? 211 n *r>ab *pa Sai „Sind alle deine Kinder Lehrlinge G'ttes, fo ist groß der Friede deiner Kinder." Wem die Jugend gehört, dessen ist die Zukunft. Das abrückende Geschlecht bleibt aufrecht, unverzagt und schaffensfroh, wenn es auf eine kraftvolle tatenfreudige Jugend blicken kann. Der Jugend den Weg zu weisen, sie mit Werten zu versehen, die unabhängig sind von Raum und Zeit und beständig in ihrer Kraft und Bedeutung für alle Verhältnisse und alle Lebensaufgaben, das ist unsere Pflicht und soll den wesentlichen Inhalt unseres Lebens darstellen. Heilige Arbeit ist es, die wir da zu leisten haben- Zukunftssaaten sind es, die wir ausstreuen, Ewigkeitswerte, die wir für unser Volk sichern, wenn wir uns unserer Verpflichtung bewußt bleiben. Das ist die Meinung unserer Lehrer, wenn sie unfern Satz ein wenig umbiegen und uns einschärfen: „°pi2 kVr -pa mpn V* Deine Kinder das sind deine Erbauer." . . . Das sind wahrlich keine guten Freunde der Jugend, die es vorgeben, Anwälte ihrer Selbstbestimmung zu sein, wenn sie für ihre Unabhängigkeit von den „Alten" eintreten. Bauen wir denn nicht in allem auf dem Grunde, den die Väter gelegt? Kann die Wissenschaft, die Technik, so großartig auch ihre Errungenschaften in unseren Tagen sind, sich wohl unabhängig von der Vergangenheit nennen, muß nicht vielmehr der Spätere immer anknüpfen an das, was der Frühere schaffend geleistet? Das kann auch nicht anders sein an dem, was der Kern der jüdischen Volkes ist. Wir sind das Volk der Religion. Als solchem allein ist uns Zukunft und Bestand zugesichert. Wir sind das dVw ny, das Volk der Ewigkeit, weil wir eingesetzt sind zum *>23, zum Heilskünder unter den Völkern. In diesen Rahmen gilt es unser Leben und das unserer Kinder einzuspannen, wollen wir uns selber nicht untreu werden. Unsere Söhne und Töchter sollen fortbauen an dem Werke, zu dessen Baumeister wir erkoren sind unseren Vorfahren gleich, darum müssen sie Lehrlinge G'ttes fein, das will sagen, wir müssen sie den Weg durch die Schulen unserer Thora führen, daß sie G'ttesfurcht lernen und auch die Wege erkennen und erfassen, auf denen sie in Sittlichkeit und Herzensreinheit wandeln, für die Erhabenheit unserer Lehre zeugen und dem heiligen Ziele entgegenstreben, das unserem Volke als Ziel aller Menschheitsvervollkommnung, als Ideal und ewige Hoffnung entgegenleuchtet. Elijahu, der uns als „Bundesengel", als der gute Genius unseres Volkes gilt, erscheint einst als Mittler und Versöhner zwischen Alter und Jugend. Er ist überall da schon heimisch und wirksam, wo echtjüdischer Sinn, patriarchalischer Geist und edle Pietät in unsern Häusern und Familien walten. Unsere Kinder die Bauenden am Werke unserer Zukunft und wir selbst ihre Wegweiser, dieses scharf umrissene Ziel steckt der Prophet unserer Lebensarbeit. Wollen wir dieses nicht verfehlen, soll sie von reichem Erfolge gekrönt sein, dann dürfen wir niemals Mofis große bedeutsame Worte außer acht lassen: ,/pbx nb nnx nna Kinder seid ihr des Ewigen eures G'ttes." Je mehr wir „Lehrlinge G'ttes" selber sind und als solche unsere Kinder zu Baumeistern am Werke unserer Zukunft erziehen, desto mehr erweisen wir uns als Kinder G'ttes. Meines Feuilleton. Line zeitgemäße Mahnung. Man schreibt uns von geschätzter Seite: Wer heute den Nächsten nach seinem Ergehen fragt, wird von Mann und Frau, Jung und Alt regelmäßig die Antwort erhalten: „Es geht schlecht." Und diese Antwort wird wohl fast immer mit lebhaftem Klagen über die allgemeinen und besonderen Sorgen begleitet, mit denen jeder Einzelne zu kämpfen hat. Nichtsdestoweniger sollten wir uns im Sinne einer der schönsten Klagedichtungen, die wir am letzten Tischobeaw gelesen und in der es heißt: caunp -E n» B’s’-na 16 w» 1DX n«i ll'N'i-m die Frage vorlegen, ob es in einer Zeit so allgemeiner Not nicht angebracht ist, doch auch einmal das eigene Tun und Lassen zu prüfen und an der Hand des Thoragesetzes sich klar darüber zu werden, inwieweit wir selber vielleicht für unser Schicksal verantwortlich sind. Wenn Katastrophen über uns hereknbrechen, so bedeutet das für den wahrhaften Iehudi die Tatsache der b'üb mnon. Wenn G'tt fein „Antlitz verbirgt", wenn seine n»tns nnawn auch nur einen Augenblick aussetzt, dann sind

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