Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1931)
- Date
- 1931-08-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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6. August 1931 Nr. 32 Frankfurt a. M„ den 23. Ab 5691 Begründet von Dr. Lehmarm in Mainz: Abonnement ab Juli 1929: Deutschland 1.39 Mark monatlich; Ausland: Bierteltahrpretse (eutsprechenL'dem deutschen-Jnlandspreis zuzüalich-Kosten des Ttreifband-Bersandes) Deutsch-Lsterreich: SchMina e.—^ Amerika l Dollar; England fL; ab 1 Juli < Fra^reichSSFr.;Belgienabl:7.37. BekgaS.; Holländ-^ffr; Italien ab 1.1.38.18 Lire; Jugöflavien 88 Di«.; Litauen 7.50 Lit.; Rumänien ab 1. 7. 37. 189 Lei; Polen 4 deutsche Toldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 8 Fr.; Tschecho-Slowatei 38 Kronen;. Ungarn Pengo 6ab1.Juli1937; Dänemark 3.89 Krön.;.Narwegett 8.39 Kroü:; Schweden 3.80 Krön. .. . Einzelnummer vierzig Goldpfennige. ' Der Israelit erscheint jeden .Donnerstag. Inserate 8V Toldvf. für die stebeugesp alteue Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stelleagesuchen und Familienanzeigen nur 49 Pf. Die Tö iiim brette Reklamrretle:. letzte Tertseile 3.— Rk., vorletzte Textsette 250 Rk.; Thtffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Jnserataufträge« tarifm. Preiserhöhung jeder«. Vorbehalt. Inferatenannahme durch den Berlaa des Israelit T. m. b. H., Frankfurt a. M, Rechneigrabenstratzy 7, Tel. Hansa 31084 -' sow. durch fiimtl.; Anno»een-E»ped. d. In» und Auslands. Alleinige Inseratenann. für Franks. iSefchäftsänz.': Jul. Schmidt, Hölderlinftratze 38 Tel. 49388. Platzvorschr. ohne Berbindlichk. 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Damals lag ein äußerer Anlaß vor, den Gedanken nachdrücklich zu vertreten: Man träumte davon, daß auf einem im größten Stile aufgezogenen allgemeinen Weltfriedenskongreß der Nationen das jüdische Volk unter zionistischer Vormundschaft als ein plötzlich im Rate der Völker rechtsfähig gewordener Gesamtkörper austreten und mit einem Schlage die seiner nationalen Würde und seinem primitiven Lebensrecht unentbehrlichen Rechtsgarantien in allen Ländern der Kulturwelt erlangen könnte. Der Traum verflog, und die Idee scheiterte nicht nur an dem scharfen Widerspruch der Orthodoxie, sowie eines kleinen Teiles besonnener liberaler Kreise, sondern auch an dem ganzen Lauf der Ereignisse, der die Voraussetzungen des Planes zerstörten. - Aber kaum zwei Jahre waren vergangen, da tauchte die Idee aufs neue auf, wiederum von den zionistischen Wortführern in die Masse geschleudert mit der Begründung daß die Judenschaften der angelsächsischen Länder, auf deren Wohlwollen die mitstl- und osteuropäische Judenheit doch unbedingt angewiesen sei, den Weltkongreß für unbedingt erforderlich hielten. Wer sich nicht anschließen wolle, der zerstöre die jüdische Solidarität und belade sich mit unauslöschlicher Blutschuld. Wir glauben einen Teil des Verdienstes daran'in Anspruch nehmen zu können, daß der unglückselige Gedanke auch vor 11 Jahren keine Wirklichkeit wurde. Wenn er setzt wieder auftaucht — eine Gruppe von Journalisten hat die soeben stattgehabten Baseler Tagungen benutzt, um ein Komitee für die Propaganda des Weltkongrehgedant'ens zu gründen — so fühlen wir uns mehr als je verpflichtet, von vornherein den schärfsten Protest gegen den inzwischen nicht annehmbarer gewordenen Gedanken anzumelden. Die Motive für diese ablehnende Haltung, die wir vor mehr als einem Jahrzehnt geltend machren, bestehen auch heute noch zu Recht, und neue sind inzwischen hinzugekommen. Unleugbar ist die Lage der gesamten Judenheit in der ganzen Welt materiell und geistig von schwersten Gefahren umdräut. Religiöse Verfolgung und Entwurzelung bedroht die Existenz von Millionen jüdischer Seelen in Sowjetrußland, wirtschaftliche Verelendung in den Massensiedlungen der östlichen Randstuaten und im großen Ghetto Polens wie in Mitteleuuropa, ein ungeheures Sinken der Leistungsfähigkeit und damit auch der geistigen Energie in Amerika und Südafrika, Zusammenbruch der weitgreifenden politischen und wirtschaftlichen Hoffnungen, die sich für weite Kreise der jüdischen Gesamtheit an die Balfour Erklärung knüpften, all das läßt es gewiß begreiflich erscheinen, daß man nach Auswegen sucht und daß dabei auch der Weltkongreß-Gedanke wieder auftaucht. Aber wenn es sonnenklar ist, und keines Beweises bedarf, daß zur sachlich ernsten Behandlung konkreter politischer Fragen oder Wirtschafts- Probleme ein Weltkongreß mit seinen Redeturnieren gewiß nicht das geeignete-Instrument ist — man vergleiche den letzten Basster Kongreß, auf dem die Ziegenböcke hemmungslos im Porzellanladen tobten — so fällt der einzige legitime Beweggrund weg, der ein solches Unternehmen rechtfertigen könnte. Fehlt' aber diese sachliche Rechtfertigung, dann bleiben nur die ungeheuren Gefahren übrig, die mit! jeder leeren Demonstration jüdischer Einheit und jüdischkollektiven Lebenswillens nach außen verknüpft fein würden. Wie wird, so schrieben wir vor zehn Jahren, ein jüdischer Weltkongreß aus die Stimmungen der Umwelt einwirken, mit denen wir zu rechnen haben? „Er wird — man mag wollen oder nicht — der Welt ein Bild jüdischer Macht Vortäuschen, das ein Hohn auf die Wirklichkeit, aber gerade gut genug ist, um den Giftmischern des internationalen Judenhasses die wirksamsten Ingredienzien für ihr Hexengebräu zu liefern. Auf diesem Judenkongreß werden nicht die Millionen jüdischer Seelen sichtbar sein, die in selbstlos bescheidener Sittlichkeit ihr kleines großes Leben der Erfüllung der G'tteswillens, dem fernen Ziel der Menschheitsvollendung weihen — nicht die Betenden und Hoffenden, nicht die Schaffenden, Lernenden und Duldenden, nicht die unzähligen stillen Opfer zähester religiöser Treue wird man schauen und hören, sondern die Rufer im Streit, die Politiker und Rechtsvertreter, die Ankläger und Richter! Man wird schelten, fordern, drohen — wird dem Macht-Nationalismus der Völker den Nationalismus des jüdischen Volkes in ganz der gleichen Aufmachung mit der ultima ratio des Schwertes »der des Revolvers entgegensetzen, wird dem Märchen von der Jnteresten-Solidarität der Weltjudenheit durch eine parlamentarische Tragikomödie den Schein der Wirklichkeit zu verleihen suchen unö so — in säst unbegreiflicher Blindheit — die Triebkräfte zu neuen Katastrophen schaffen, ehe noch die Wunden der kaum erst erlebten vernarbt sind. Eifersüchtig wachen die neu geschaffenen wie die alten Staaten über ihre nationale Geschlossenheit — fast nirgendwo ist man beflissen, die den nationalen Fremdkörpern widerwillig zugestandenen Minderheitsrechte auch nur mit erheuchelter Freudigkeit zu wahren oder gar auszugestcilten. Und in einem solchen Augenblicke, zwischen Tod und Leben schwebend, soll die Judenheit der ganzen Welt sich einer kleinen Gruppe von weltfremden Theoretikern zuliebe mit lautem Getöse als politisch-nationale Einheit, das heißt als politischer Fremdkörper in jedem Staate, proklamieren? Man komme uns nicht mit ethischen Einwänden, die uns nicht treffen. Wir verachten und verwerfen die assimilatorische Lüge — wir bekennen uns stolz und kühn als Söhne des unsterblichen, allen Völkern wohlbekannten Volkes der Bibel, aber wir bekämpfen mit ebensolcher Entschiedenheit die zionistische Lüge, die aus diesem Volke der Bibel ein Volk unter Völkern macht, politische Forderungen, ja ein ganzes System jüdisch-nationaler Politik nach dem Schema der Macht- und Jnterestenpolitik der Völker konstruiert und durch dieses Unterfangen das in alle Welt zerstreute machtlose Volk des Geistes in eine geradezu unmögliche Lage bringt. Der Weltkongreß der Judenheit auf Grund allgemeiner Wahlen in allen Ländern wäre ein glänzendes Mittel, um die gesamte Judenheit wider ihren Willen auf die zionistisch-nationalistische Politik festzulegen. Nicht Religion und nicht Humanität wäre ja das einigende Band, das hier die über die Erde Zerstreuten zu gemeinsamer Willensbildung einte, sondern lediglich die Rassen-, Stammes- oder Volkseinheit. Die orthodoxen Masten, obgleich sie sicherlich die ungeheure Mehrheit des jüdischen Volkes ausmachen, sind heute leider noch viel zu wenig or-