Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1931)
- Date
- 1931-07-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 31 Der Israelit 30. Juli 1931 Poleru Die Konstituierung der neuen Warschauer Gemeindeverwaltung. Warschau, 23. Juli. Die mit reichlichen Jntriguen und Kesseltreibereien hinter den Kulissen ausgefüllten Wochen, die seit der Neuwahl der Warschauer Gemeinderepräsentanz und dem entscheidenden Sieg der Agudo verflossen sind, haben nun ihr Ende erreicht. Alle von zionistischer Seite unternommenen Versuche, die Agudas Jisroel um die Früchte ihres Sieges zu bringen, sind mißglückt und nachdem man auch die von agudistischer Seite ausgestreckte Hand zum Frieden und zur Verständigung durch Wahl eines neutralen Präsidiums scharf zurückgewiesen hatte, blieb nichts anderes übrig, als daß der Agudo- Block die Konstituierung nach seinen Wünschen vornahm. Am vorgestrigen Abend fand die Konstituierung der Verwaltung (Vorstand), am gestrigen diejenige des Rates (Gemeinderepräsentanz) statt. Zum Vorsitzenden der Verwaltung, d. h. also zum Präsidenten der Gemeinde Warschau wurde der Agudist E l i a M a s u r, zum Vizepräsidenten der agudistische Vorsteher Mosche L e r - n er gewählt, während Jakob Trockenheim Vorsitzender der Gemeinderepräsentanz wurde, sein Stellvertreter Herr Bürgin. Der neugewählte Präsident erklärte, daß er sein Amt nicht als Parteimann, sondern im Interesse der gesamten jüdischen Bevölkerung ohne Unterschied der Parteiangehörigkeit führen werde. Er werde in einer der nächsten Sitzungen ein ausführliches Arbeitsprogramm dem Vorstände vorlegen. In der Sitzung der Gemeinderepräsentanz kam es noch einmal zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen den Parteien. Der Vorsitzende der Agudo-Fraktion Herr I. M. L e w i n, wies in einer würdigen Erklärung die haßerfüllten Angriffe zurück, mit denen man bis zum letzten Augenblick die agudistischen Repräsentanten verfolgt habe. Die Agudo sei gewillt gewesen, zum Vorsitzenden der Repräsentanz eine unparteiische Persönlichkeit, evtl, sogar einen Zionisten zu wählen, wenn man nur davon absehe, dabei die unmögliche Kandidatur des Herrn Farbstein herauszustellen. Lediglich das Beharren der Gegenseite auf dieser Kandidatur habe die Mehrheit gezwungen, von ihren Rechten Gebrauch zu machen. Jetzt gelte es vor allem, daß die Gemeinde sich der katastrophalen wirtschaftlichen Lage der jüdischen Bevölkerung bewußt werde und sich den daraus für sie folgenden Aufgaben mit Energie und Stetigkeit widme. Die Sitzung stand unter dem Eindruck des ganz plötzlichen Hinscheidens eines besonders verehrten Kollegen, des Herrn Chajim B i a l e r s. A., dem die Gemeinde in Anerkennung seiner großen Verdienste um das jüdische Leben in Warschau ein Ehrengrab zubilligte. Rutzland. Eröffnung einer antireligiösen Kampagne in Rußland anläßlich des herannahenden jüdischen Reujahrsfestes. Moskau, 26. Juli. Die jüdische Sektion des Bundes der Gottlosen hat die Kampagne gegen die Beobachtung der hohen jüdischen Feiertage, Neujahr und Versähnungstag, bereits eröffnet. Der frühe Beginn dieser Kampagne wird auf den Mißerfolg der letzten Antipessachkampagne des Apikorfim-Verbandes zurückgeführt. Die jiddisch-kommunistische Tageszeitung „Emeß" kündigt die Veröffentlichung von vier antireligiösen Broschüren in jiddischer Sprache an, die in Massen unter der jüdischen Bevölkerung, hauptsächlich unter den jüdischen Landarbeitern und Handwerkern, verbreitet werden sollen. Die Broschüren sind, wie „Emeß" mitteilt, gegen den „jüdischen Nationalismus und Chauvinismus" gerichtet. In ihnen soll der Nachweis geführt werden, daß die jüdischen Feiertage ausgesprochene Klassenfeiretage sind, mit denen Proletarier nichts zu tun haben. Wie „Emeß" ferner mitteilt, wurde ein Art „Kontrollkommission" eingesetzt, die feststellen soll, wie weit die Beschlüsse der ersten im letzten Frühjahr abgehaltenen antireligiösen jüdischen Konferenz ausgeführt wurden. Eine Neuerscheinung in der antireligiösen Herbstkampagne wird die Organisierung eigener antireligiöser Brigaden sein, die im Kamps, gegen die jüdischen Feiertage als „Stoßtrupps" nach Art der von der Sowjetregierung an der „industriellen Front" eingesetzten Stoßtrupps arbeiten sollen. Im Gegensatz zu den Städten scheint die antireligiöse Kampagne in den Kolonien der Krim keinerlei Fortschritte zu machen. In einem in der Zeitung „Emeß" veröffentlichten Brief heißt es: „Die antireligiöse Propaganda unter den Elementen, die vor kurzem zur Landarbeit übergegangen sind, ist schwach . . . Abgesehen davon, daß man fast überall das Wort „G'tt" hören kann, ist unter den Kolonisten auch vielfach Beobachtung religiöser Vorschriften festzustellen. Man findet Juden, die an den traditionellen Tagen fasten. Man findet ferner Juden, die ein Minjan bilden, um am Sabbat zu beten. Eine der besten Kommunen im Distrikt hat die Leiche eines Genossen einen ganzen Sonnabend hindurch in der Synagoge verborgen, damit die Bestattung nicht am Sonnabend stattfinde, was den jüdischen Religionsgesetzen widersprochen hätte. Eine andere Kolonie, die zu 100 Proz. kollektiviert ist, hat eine Geldsammlung eingeleitet, damit die Synagoge in Jankoj zu den bevorstehenden Feiertagen instand gesetzt werde." England. Kritische Bemerkungen von „Manchester Guardian" zur Regierungserklärung über den Landentwicklungsplan. London, 21. Juli. Von den großen englischen Tageszeitungen hat vorläufig bloß „Manchester Guardian" zur Regierungserklärung über die Vorbereitung der Durchführung des Landentwicklungsplans Stellung genommen. Das Blatt unterzieht in seinem Leitartikel vom 21. Juli diese Erklärung einer scharfen Kritik und behauptet, die britische Regierung habe das Bodenproblem in Palästina nunmehr in einer Weife dargelegt, die „sich mit dem Geist des Mandats, das England die Pflicht auferlegt, eine dichte jüdische Siedlung zu ermutigen, nicht vereinbaren lasse." Palästina sei ein kleines Land, die Regierung aber habe es noch kleiner gemacht. Die Araber hätten die Möglichket, zwischen dem Lande östlich und westlich des Jordans zu wählen; während Palästina stark bevölkert sei, sei Transjordanien ein leeres Land. Obwohl der arme Fellache auf einer neuen Pachtung jenseits des Jordans glücklicher leben könnte als in seinem alten Heimatsdorf, lehne es die britische Regierung ab, eine solche Lösung in Betracht zu ziehen, und behandle Transjordanien vollkommen als ein unabhängiges Gebiet, obwohl es rechtlich einen Teil des palästinensischen Mandatsgebietes bildet. Zum Schluß wird erklärt, der Landentwicklungsplan würde bessere Aussichten haben,- wenn die britische Regierung ihre Ansichten in diesem wichtigen Punkte ändern würde. Mnoritäläsrechke im Qvient. London, 24. Juli. Im Unterhaus wurde im Verlauf einer Debatte über den Eintritt Iraks in den Völkerbund die Stellung der jüdischen Minderheiten in Irak und in den anderen Ländern des nahen Ostens erörtert. In Irak wohnen 90 000 Juden über das ganze Land zerstreut. Namens der Regierung stellte Unterstaatssekretär Dr. S h i e l s fest, daß die Juden in Irak anscheinend glücklich und zufrieden lebten. Ihre Rechte seien von den Arabern und der allgemeinen Bevölkerung in vollem Maße anerkannt; hierfür sei der beste Beweis, daß sich unter den Juden in Irak nicht das Bedürfnis gezeigt habe, von dort nach Palästina auszuwandern. In der Verfassung des Irak seien Bestimmungen zur Sicherung der vollkommenen Gewissensfreiheit, ferner solche über die Errichtung von Minderheitsschulen und zur Sicherung des gleichen Personenrechtes aller Bürger in jeder.Beziehung enthalten. Mohammedaner, Christen und Juden hätten dort Jahrhunderte hindurch friedlich zusammengelebt. Am Schluß der Debatte sprach der ehemalige Colonialminister Amery. Er erklärte, es sei nicht zu erwarten, daß der Völkerbund dem Irak besondere Bedingungen hinsichtlich der gerechten Behänd-- lung von Minoritäten auferlegen werde. Die beste Sicherung dieser Minoritäten liege in der richtigen Einschätzung der eigenen Verantwortlichkeit durch die Regierung und eingehenden und aufrichtigen Beratungen zwischen dieser und den britischen Beratern. Amerika. Tagung der „orthodoxen" Rabbinervereinigung in Amerika. Lang Branch, 17. Juli. Hier fand die Jahresversammlung der sogenannten „Rabbinical Assembly" von Amerika statt, einer Vereinigung, die sich orthodox nennt, aber kaum noch den Namen konservativ verdient. Im Rahmen einer allgemeinen Aussprache über die aktuellen Fragen des religiösen Lebens der orthodoxen Judenheit Amerikas, sowie auch in einem Appell, den Mr. Moß aus Brooklyn als Präsident der sogenannten Vereinigten Synagoge von Amerika an die Versammlung richtete, zeigte sich, daß man kein dringenderes Anliegen kennt, als die möglichst baldige Abschaffung von Vorschriften und Gebräuchen des orthodoxen Judentums, die angeblich den Bedürfnissen des heutigen Lebens nicht mehr entsprechen. Auch die Aussprache über Erziehungsfragen, die von Rabbi Lang geleitet wurde, ließ erkennen, daß man auf jede wirklich jüdische Erziehung mit gründlicher Thorakenntnis verzichten und die Jugend durch Traktierung mit Sittenlehre, Dogmatik und jüdischer Geschichte zu komplettem Amrazus erziehen will. Ein Rabbiner Steinberg aus Indianapolis erklärte das konservativ jüdische Ritual als unzureichend für die gegenwärtigen Bedürfnisse, weil es zu wenig den Gedanken der sozialen Gerechtigkeit, des Friedens und des — Zionismus 'zum Ausdruck bringe. Darauf erwiderte ein anderer der anwesenden Geistlichen, Rabbi Greenberg aus Philadelphia, man solle diese vermißten Ideale in der Predigt zum Ausdruck bringen, das Gebetbuch aber unverändert lassen. Interessant ist, daß die beiden zuletzt genannten Herren das Jüdisch-theologische Seminar in Newyork, dessen Präsident Cyrus Adler ist, wegen seiner angeblich reaktionären Haltung zurechtwiesen und vom Seminar eine „fortschrittlichere" Gesinnung forderten. Zum Präsidenten wurde Rabbi Israel H. Levinthal in Brooklyn gewählt. China. Zusammenschluß der aschkenasischen Inden in Shanghai zu einer Gemeinde. Shanghai, 23. Juli. Die in Shanghai lebenden einige Tausend aschkenasischer Juden aus England, Deutschland, Rußland und Polen haben sich nun zu einer Einheitsgemeinde zusammengeschlossen. Auf der letzthin stattgefundenen Gründungsoersammlung wurde in fünf Sprachen (deutsch, englisch, jiddisch, russisch und polnisch) debattiert. Es wurde ein provisorisches Gemeindekomitee gewählt, dem Noblston aus England, Dr. Rosenzweig aus Deutschland, ferner Poliak, Lipkowski, Chasser u. a. m. aus Osteuropa angehören. Es wurde beschlossen, außer der auf dem Gebiete der englischen Konzession bestehenden asch.kenasischen Synagoge Ohel Mosche eine zweite Synagoge auf einem anderen Gebiete zu errichten und auch den sozialen Dienst zu zentralisieren. Palästina. Tischobeaw in Jerusalem. Jerusalem, 24. Juli. Während in der Nacht zum Tischobeaw die religiösen Kreise, wie seit Jahrhunderten üblich, auf dem in vollständige Finsternis gehüllten Platz vor der Klagemauer fru'pi ,i2'rr sagten, zog die zionistische Jugend in feierlicher Prozession an der Klagemauer vorüber. In den Durchgängen patrouillierten britische Polizisten, während auf dem Platze selbst 50 jüdische Ordner eine Kette bildeten. Der Vorbeimarsch der etwa 10 000 Menschen dauerte von Sonnenuntergang bis Mitternacht. Die Polizei beschlagnahmte Flugblätter, die die revisionistische Jugend verteilen wollte. Freisprechung jugendlicher Agudisten. Jerusalem, 22. Juli.! Im Zusammenhang mit den Protestkundgebungen gegen die Sabbatentweihung beim Fußballspiel hatten sich dieser Tage zwei junge Agudisten vor dem Friedensrichter Zuckermann als Einzelrichter wegen Teilnahme an einer „Zusammenrottung" und wegen sonstiger vom Staatsanwalt aus dem Strafgesetzbuch zusammengesuchter Delikte zu verantworten. Nach Verneh-