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Der Israelit · 1931-07-23 · Heft 30 (23.7.1931) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 30 (23.7.1931)
Date
1931-07-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nleikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Menschenschicksals und einer Zeilepoche. Von S. Jzchali. (Fortsetzung). Es weinten in der Schweiz keine Mütter um ihre Kinder, keine jungen Männer rissen sich aus den Armen ihrer Frauen, um in1' den Tod zu ziehen. Aber vom gewaltigen Orkane, der über die halbe Welt fuhr, war auch der Schweizer Boden zwischen den ewigen Bergen und leuchtenden Seen heftig durchschüttert. Das Heer wurde zum Grenzschutz eingezogen, es rasselten schwere Kanonen und marschierten kriegsgerüstete Soldaten durch die Straßen, als stünde das Land mit in Flammen. An iner Grenze bei Bafel und Schaffhaufen hörte man das Brummen der Haubitzen und sah nachts das ewige Aufblitzen der Scheinwerfer am Horizonte. Alles, was in der Schweiz heimisch war, sah sich nach seinem Militärpaß und seiner Waffe um. Die Kontrolle über die Ausländer verschärfte sich, aber grade jetzt wurde keiner, der es unterlassen hatte, dem Rufe „Heimat in Not" zu folgen oder sich über den Rhein gerettet hatte, der nach ihm fahndenden Heimat hergegeben. Die Grenzen waren in ununterbrochener Kette besetzt. Wem es aber gelang, durch die Bergkette oder schwimmend über Rhein und Seen die Grenze zu erreichen und Schweizer Boden zu betreten, genoß Gastrecht. Es waren auf einmal so viele, die den Weg in die Klubs von Bern und Zürich fanden, daß Jljitsch eine strenge Sichtung anordnete. Wer nicht innerlich mit der Sache verbunden war und hier nur aus Eigennutz Zuflucht suchte, wurde schonungslos hinausgewiesen. „Kopf hoch, Auge scharf, Herz warm, Mut stark und Hände r e i n! " lautete die Parole der Führer. Es stiegen die Blutströme an, denn es war große Schneeschmelze letzten Völkervorfrühlings. Feuerschein spaltete drüben den Himmel. Noch nie ward etwas Großes ohne Schmerzen geboren. Geburtsrvehen der Welt. Das Schiff im „Liberias" stand startbereit, mit dem Kurs nach Moskau... Je länger der Krieg dauerte, um so mehr wuchs die Zahl der Flüchtlinge in der.Schweiz. Äm Züricher Klub perfolgte der, Generalstab den Gang der Schlachten fast nicht minder lebhaft als der im Hauptquartiere. In aller Ruhe und Stille abwarten, bis der Weizen auf diesem durchwühlten, blutgetränkten Boden genügend in die höhe geschossen ist! Keine Unvorsichtigkeit und keine Dummheit, insbesondere nichts tun, was die gastliche Schweiz irgendwie in Unannehmlichkeiten bringen könnte! Man hielt diese Parole strengstens ein. Wer nicht parierte, war bald draußen. Man arbeitete im Stillen, aber fieberhaft und nach dem zweiten Kriegsjahre hatte man sogar Verbindungen mit Rußlandwieder und direkte Berichte aus der Front. Russische Gefangene, die in deutschen Lagern oder im okkupierten Nordfrankreich in den Schanzen arbeitelen, flüchteten über die Grenze und fanden sich bald zu dem Kreise ihrer Gesinnungsgenossen. . Zwei und einhalb Jahre und mehr leuchteten schon die Scheinwerfer über die Grenze und sollte nachts das Donnerecho der Kanonen. Im Men reichte die deutsche Zone bis tief hinein ins oarenland, durch die russischen Krön- und Randl^nder zogen sich die deutschen Linien. Wie der Sinter des Jahres 1917 zu Ende ging und das Wasser des Zürichersees in der Vorfrühlingssonne zu glitzern begann, wußten sie schon im Klub: der russische Koloß wankte, der Boden war aufgelockert . und reif für die neue Saat. Er wartete auf die berufenen Sämänner. Eine blutige Ernte sollte es sein und zugleich Zeit neuer Aussaat, auf Feldern der Leichen und Trümmer. Eine peinliche Auslese wurde gehalten. Hohe Worte verstummten, und Männer, die sie führten, wurden mit sanfter Gewalt beiseite geschoben. Die Führer um Jljitsch Machten die Nacht zum Tage.- Jljitsch selbst war eine Sphinx, aber mitdrohendem Gesichte. Die Wegebereiter, im ganzen siebenzlg oder achtzig Mann, standen gerüstet, Gewehr bei Fuß, in Erwartung des Kommandos zum Aufbruche, t Meikemeier war wie Skobeljew unter, den Geweihten und Erkorenen. Man brauchte treue und wortkarge Arbeiter von seiner Art mehr denn je. An einem frühen Aprilmorgen fuhren die Achtzig, von den anderen, die bei ihrem Geschwätze im Klub blieben, kaum beachtet, die knappe Wegestunde nach der Grenze bis zum großen Wassersturze von S ch a f f h a u s e n. Dort stand im taufrischen Vorfrühlingsmorgen auf einem stillen Hintergeleise ein Zug, nur zwei lange Transportwagen hinter einer rauchenden Lokomotive. Mehrere deutsche und schweizer Beamte rauchten Schweizer Stumpen, als handelte es sich um einen harmlosen Buttertransport und unterhielten sich in allerliebstem Schweizerd'eutsch von Brot- und Zuckerpreisen. Sie hatten Amt und Instruktion und keine Meinung. Diese Instruktion lautete: die Russen abziehen lassen! Bevor sich noch das gewohnte Tagesleben auf dem Perron entwickelte, rollte der Russenzug, geschlossen und plombiert, ein fahrendes Gefängnis, mit seinen achtzig Passagieren, über die Grenze, der russischen Heimat zu. In diesen Stunden der Entscheidung blieb Meikemeier keine Minute zur Ueberlegung übrig. Es war alles naturnotwendig, zwangsläufig. Mit nachtwandlerischer Sicherheit setzte er sich in den Zug, der in den Weltuntergang sauste. Ein Erwachen, ein Nachdenken hätte vielleicht den Todessturz bedeutet. Dachten die einzelnen Räder und Schrauben der Maschine, die den Zug vorwärts zogen, an etwas? Sie waren ineinander geschlungen und von einer zentralen Kraft getrieben. In achttägigem ununterbrochenem Rauschen und Rattern der Walzen und Räder wurde fast jeder dieser Heimkehrer Stück ' und Teil der großen ^Maschine, die 'sich mit'Rauchen und Fauchen furchtbar gegen die' alte Zeit in Bewegung setzte. Der letzte Rest von Eigenwillen und Denkvermögen war ausgestaltet.; . XIX. ' > - Mütterchen Moskau nahm die Heimkehrer nicht gleich beglückten Auges schützend in ihren Schoß. Sie Hatte ein verzerrtes, unfreundliches Gesicht, woran auch-steigende Sonne und blühende Blumen im Stadtpark zunächst nichts ändern konnten. Die Stadt war ein Vulkan, aus Feuerschlünden züngelten Flammen und aus den Tiefen grollte der Donner. Es gab noch viele Scherben, der Koloß zerbrach nicht auf einmal, er zerbröckelte langsam,.und begrub viel Menschengut unter seinen Trümmern. Merkemeier, zur Sektion der Rrchtkombattanten gehörend, erfuhr direkt wenig von all dem. Er faß in einem Büro und arbeitete, wie alle, fast Tag und Nacht. Er hatte kaum die Konturen der rätselhaften Stadt in sich aufgenommen, kannte sich in ihren verschlungenen Straßen Von den täglichen und nächtlichen Kämpfen, von dem Tosen, um die Worte Zar, Kerenski, Duma, Revolution erfuhr er aus der Zeitung, zuweilen nicht früher als die Leser in Berlin, London und Paris. Oft aber erfuhr er aus der Zeitung erst den Text zu der Musik der Maschinengewehre, die ihm den Schlaf der Nacht raubte, den Sinn der Truppenmärsche, die ihm bm Weg verstellten, die Bedeutung nächtlicher Schreie und begeisterter Hurrarufe. Und eines Tages — es war mehr als ein halbes Jahr vorüber und ein eisigkalter Novembertag — wehte auf dem gewaltig, in den Himmel ragenden Iwan Weliki-Turm in der Mitte des auf Kilometerweite sich erstreckenden Steinwaldes des Moskauer Kreml die rote Fahne. Es war, als hätte eine in Jahrhunderten zum Himmel schreiende Rot von Millionen sich da oben auf halbem Wege festgehackt. Das wehende Rot gab dem Farbenspiel der aus diesem Fünfeck aufsteigenden, unzähligen goldenen Zinnen und Kuppeln eine eigene Rote. Von welcher Sette der Stadt man auch hinsah, das rote Tuch schrie und schrieb über Tore und Türme der alten Zeit hinweg in den Himmel: Freiheit! Volk, Der Kreml, Moskau und Rußland gehören Dir! Du selber gehörst Dir! . . . Die bolschewistische Sowjetrepublik war ausgerufen, und Uljanow, ihr Wladimir Jljitsch Lenin war erster Präsident des erwachten und befreiten HundertmMonenvolkes. Es war betäubend, zu henken, daß dieser Mann unter ihnen all die Zeit wie ihrer einer ge,^bt hatte; daß das alles dort in den Klubs gerichtet und. vorbereitet wurde, wie die Köchin in der Küche den Braten richtet, um ihn den Gästen bei der Tafel aufzutragen. Roch betäubender der Gedanke, daß er, Meikemeier, der Schächtersohn aus dem Städtchen, an all dem mitgeschaffen hatte! Aus Cheder und Jefchiwa führte sein rätselhaft verschlungener Weg nach dem Kreml. Er wußte immer schon, daß aus diesem Jljitsch die Millionen sprachen. Nun hatte er die MiMonen, hatten die MiMonen ihn, ihren ersehnten Erlöser ... Alle fünf Tore zum Kreml waren durch Doppelposten von Soldaten in roter Bluse bewacht. Im Krönungssaale des großen Palastes saß der große Rat der Arbeiterregierung, grobe Arbeiterkittel oder graue Soldatenröcke mit irgend einem roten Besatz lehnten in den goldenen Thronsesseln. Alle Kathedralen waren Kasernen, die Glocken riefen die Soldaten zum Appell oder zum Essen. Die Schatz- und Waffenkammern waren in Büros verwandelt. Um die Erzengel und Patriarchen in Gold, Marmor und Bronze unter dem Heiligenschein geweihter Lampen bewegten sich im dröhnenden Schritte schwerer Stiefel wetterfeste Menschen, die kurze, rauhe Kommandoworte ausstießen. Der große Platz vor dem Denkmal Alexander H. war ein rotes Feldlager mit Kanonen, Maschinengewehren und Panzerautos. Kleine Kofakenpferde wieherten und! strampelten, ihre Reiter hatten rote Bänder um das Grau ihrer Uniform gezogen. Alle Menschen hatten etwas Rotes an sich, wenn auch nur einen Lappen, eine rote Papierblume. Wer dieses Zeichen nicht hatte, schlich sich scheu und schüchtern an diesem Platze vorbei. Zuweilen sah man ein Bäuerlein oder ein altes Weib verstohlen hmkmeen vor einem der Heiligen- oder Zarenbilder: ihr Mund bewegte sich leise, wie zur Beschwörung böser Dämonen. Dann standen sie rasch auf und. liefen, was sie nicht aus. Cr arbeitete mit Tmte und Feder. konnten, wie die Diebe davon. (Fortsetzung folgt.) *%. &

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