Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1931)
- Date
- 1931-07-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450652-2450682--78097-2535764- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
b b nd □ E.D-G,.- Organ -es Kun-rs gesetzestreuer Mischer Lehrer Deutschtan-s. Verantworrltche Schriftleitung: L. Kaufmann, Sprendlingen (Kreis Offendach). Die Erziehung der jüdischen Zugend im Hinblick aufdie Gegenwartslage und Zukunftsaussichten der Zuden in Deutschland. (Referat, gehalten von Lyzeal-Oberlehrer Karl Ochsenmann beim Elternabend der Samson Raphael Hirsch- Schule am 26. Februar 1931.) (Schluß.) Wie können nur jüdische Mütter zur Beisallsbezeugung die Hände rühren, wenn aus anderen Weltanschauungskreisen kommende „Schwätzer unserer Tage", um den Pestalozzischen Ausdruck zu gebrauchen, es wagen, die Familie zu degradieren. Was würdest Du, Johann Heinrich Pestalozzi, sagen, wenn Du in einem hell erleuchteten Vortragssaal des 20. Jahrhunderts von Deinen Jüngern hören müßtest, daß die Gemeinschastsbewegung wichtiger sei als das Haus — Du, der Du in Deinen Abendstunden es ausgesprochen hast, daß die häuslichen Verhältnisse der Menschen die wichtigsten sind für seine soziale Bildung, der Du in Deinem Schweizerblatt geschrieben hast, daß kein Haus- und kein Schullehrer, keine Anstalt die häusliche Weisheit eines frommen Weibes, die Einfalt ihrer Tugend bei der Auferziehung der Kinder zu ersetzen vermag. Nennt doch selbst Paul Oestreich, der entschiedenste Schulresormer, die künstliche Gemeinschaft ein konstruiertes Erlebnis. Ich bestreite keinesfalls, daß die jüdische Erziehung natürlich sehr viel aus anderen Gebieten hinzulernen kann, aber in ihren Grundsätzen braucht sie nicht umzulernen. Es wäre selbstverständlich mehr als Torheit, wollte man unbeachtet lassen die Forschungsergebnisse der Kreise, die sich um Ludwig Klages, Alfred Adler, Sigmund Freud sammeln, die auf neuen Wegen in die tiefen Zusammenhänge des Seelenlebens Licht zu bringen suchen. Die Probleme der Klages'schen Charakterlehre rücken immer mehr in den Mittelpunkt des modernen Denkens und geben uns beachtliche Anweisungen für die Charakterkunde. Die Jndioidualpsychologie ist ein Prinzip, das uns in vielen Fällen zur Deutung des Seelenlebens hervorragende Dienste leistet. Gerade sie, die sehr stark die Anschauungsweise betont, daß Druck Gegendruck erzeugt, macht uns manche Fehler jüdischer Charaktere als Kompensationen verständlich. Und wer, der sich Erzieher nennt, darf Freuds Arbeiten über den Trieb, das Unterbewußtsein, die Verdrängung und Sublimierung unberücksichtigt lassen. Wenn Freud betont, daß Schlagen, oft nicht mit Unbeherrschtheit, ebenso wenig am Platze ist wie die Verzärtelung, so ist das selbstverständlich auch dem jüdischen Erzieher eine ernste Mahnung, die er nicht außer Acht lassen wird. Aber immer wieder dürfen wir in unserer Einstellung zu diesen modernen Theorien nicht vergessen, daß Erziehung stets durch weltanschauliche Gesichtspunkte bestimmt ist. Die Technik der Tiefenpsychologie, die — als Ganzes gesehen — in unüberbrückbarem Gegensätze zum Judentum steht, wollen wir bei unseren Erziehungsmaßnahmen in Rechnung stellen, im Herzen aber wollen wir Juden bleiben. Ich setze keinerlei Zweifel in das lautere Wollen der jüdischen Mütter, die begeistert individual-psychologischen und psycho-analytischen Dozenten lauschen. Wir dürfen aber doch nicht unbesehen ihre Lehren, die unser Judentum unterminieren, auf Misere Verhältnisse anwenden. Eduard Spranger in seiner „Psychologie des Jugendalters" weist selbst darauf hin, daß seine Typen Jugendlicher nicht ganz das Wesen der jüdischen Jugend treffen. Der jüdische Jugendliche zeigt in mancher Beziehung abweichende Züge. Die Charakterentwicklung des Kindes ist als Reaktion auf die Verhältnisse zu verstehen. Der Jude ist aber immer und überall eingelagert in eine nichtjüdische Umgebung, die ihm zum großen Teil feindlich gegenübersteht. Das jüdische Kind ist erregter, ist empfindlicher, ist feinfühliger, ist gereizter, ist explosibler, weil es sich in einer ständigen Abwehr befindet, weil dauernd Spannungen in ihm entstehen. Es hat die Reizbarkeit und Nervosität des Bedrohten. Und wenn heutzutage auch nichtmarxistische Zeitgenossen das Wort anerkennen, daß die Wirtschaft unser Schicksal ist, dann gilt es erst recht, nicht glattweg die Grundsätze von Theoretikern übernehmen, die nicht nur weltanschaulich auf ganz anderem Standpunkte stehen als wir, die dabei auch von ganz anderen Wirtschaftsverhältnissen ausgehen. Innerhalb der deutschen Judenheit machen sich die Niedergangserscheinungen der Juden ganz besonders geltend. Die Tatsache, daß sich in der heutigen Wirtschaft das Kapital in wenigen Händen ansammelt, führt zur Proletarisierung breitester Schichten und zwingt zur Aufgabe selbständiger Stellungen. Der Widerstand der Juden gegen abhängige Berufe vermindert oft ihre sonst vorhandene Anpassungskraft, läßt sie die Notwendigkeit der Zeitverhältnisse nicht kennen und führt neben einzelnen wenigen Aufstiegen zum Verfall zahlreicher Existenzen. Wirtschaftliche Not raubt ihre Festigkeit und Schlagkraft, führt zum Verlust uralter seelischer, religiöser Werte, entwurzelt den Einzelnen, läßt seine Ethik ins Wanken geraten. Infolge der stärkeren Abkehr vom wirtschaftlichen Liberalismus, vom Prinzip des freien Handels und der freien Konkurrenz, infolge der zunehmenden wirtschaftlichen Konzentration, Vertrustung und Vergenossenschaftung büßen die Juden ihre gehobenen wirtschaftlichen Positionen in Handel und Industrie immer mehr ein. Die Erfolgsmöglichkeiten des selbständigen Unternehmertums schwinden von Tag zu Tag als Folgeerscheinung der Kollektivisierung, die nach Arthur Feiler die Kleinbetriebe in konzentrierte Großbetriebe zusammenballt. Die Linie der Wohlhabenheit geht jäh bergab. Die soziale Schichtung der Juden weist bedeutende Veränderungen im Vergleich zur Vorkriegszeit auf. Seit 1907 hat sich nach Dr. Kurt Zielenzieger die Zahl der jüdischen Angestellten fast verdoppelt. Die Verdrängung, Ausschließung und Boykottierung jüdischer Wirtschaftselemente erhöht und verschärft sich zusehends weiter. Dabei ergibt sich für weite Kreise der deutschen Judenheit heutzutage mehr als' je eine unerträgliche Spannung zwischen der wirtschaftlichen Realität und dem qeellschaftlichen Maßstab. Die überwiegende Mehrzahl der jüdischen Berufstätigen muß in Bezug auf ihre wirtschaftliche Existenz damit rechnen, daß sie in abhängiger Stellung verbleiben wird. Hinsichtlich ihres Lebensstiles und ihrer Lebensstellung tut sie aber so, als ob das Ideal einer wirtschaftlichen Selbständigkeit, das durch die Entwicklung erledigt ist, als Ziel vor ihr stände. Als Glied der Wirtschaft müssen wir uns der Unerbittlichkeit der Entwicklung beugen, als Glied der jüdischen Gesellschaft ind wir aber noch in den Anschauungen und Wertbegriffen der Vorkriegsgeneration befangen. Bereiten wir nun unsere Jugend etwa vor für die veränderte wirtschaftliche Situation, bereiten wir sie darauf vor, ihre persönlichen Aussichten und ihre Lebensgestaltung in Rechnung zu stellen, um zu einer freudigen Bejahung innerhalb dieses wirtschaftlichen Rahmens zu gelangen? Handeln deutsche gesetzestreue Juden beispielsweise recht, wenn sie angesichts dieses immer stärker einsetzenden Lebenskampfes die Forderung nach Schulfreiheit am Sonntag erheben? S. R. Hirsch hat schon vor 70 Jahren den Eltern gepredigt: „Habe bei deiner Erziehung die Zukunft deiner Kinder im Auge und lasse die Vorstellung von diesem seinem künftigen Lebensweg dir den Maßstab für deine Erziehung geben. Aber die Eltern vergessen oft zu dividieren. Wenn ein Vater Hunderttausende und zehn Kinder hat, dann müssen die Kinder nach so vielen Hunderten,als die Eltern nach Tausenden zählen." Beobachten wir bei unseren Erziehungsmaßnahmen die Weisheit des unvergeßlichen Gründers unserer Schule? Tun wir das Unsrige, die geistige Umstimmung, die Rückkehr zur Einfachheit, Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit vvrzubereiten, leiten wir an zur Selbstprüsung, zu einer einfachen Lebensführung, die allem Prunk, aller Putzsucht, allem äußerlichen Selbstgeltendmachen abgeneigt ist? Zu diesem langsamen Verdrängen der Juden aus der bürgerlichen Schicht, zu unserer Herabdrückung auf die Stufe des Proletariats tut dann noch der Antisemitismus das Seine. Unzulänglichkeit der Regierenden, das Elend der Parteikämpfe, die Zerrüttung der Wirtschaft vervielfältigen in Deutschland die nationalen Wunden von Tag zu Tag. Auf der Seite der Nichtjuden ist durch schmerzvolle Ereignisse in den Nachkriegsjahren eine Empfindlichkeit, ja Ueberempfindlichkeit in nationalen Dingen erweckt worden, ein Streben nach Erneuerung der völkischen, gesellschaftlichen und religiösen Bindungen, ein nach den Ausführungen des Wiener Nationalökonomen Dr. Weiß an sich vollkommen berechtigtes Streben, das sich durchaus nicht in Judenfeindschast zu manifestieren braucht. Weil aber vielfach Juden diesem Vorgang im Volk verständnislos gegenüber stehen, ergeben sich mannigfache Mißverständnisse, es bildet sicb oft eine seelische Scheidewand zwischen unseren nichtjüdischen Mitbürgern und uns, eine tiefe soziale Kluft, welche nur durch Takt und Feingefühl überbrückt werden kann. Leider lassen manche an exponierter Stelle stehende Schriftsteller, Politiker und Journalisten diesen Takt vermissen. Nun ist es aber unser Schicksal, daß die Entgleisung des einzelnen Juden der Gesamtheit zur Last gelegt wird, und das Sündenregister der Juden wird mit eisernem Griffel geführt. Da wir durch die Jahrhunderte hindurch mehr als einmal erfahren haben, daß vom Lebenswandel der Einzelindividuen die Ehre unseres Volkes abhängt, haben wir um so mehr die Verpflichtung. in unserem Wandel mit Nichtjuden jedes Wort, jede Handlung, jeden Schritt zu überprüfen. Es ist deshalb allen, die in der jüdischen Erziehung tätig sind, dringend anzuraten, daß sie ihre Pflegebefohlenen dahin beeinflussen, im Verkehr mit Nichtjuden jene Unbefangenheit, Schlichtheit und Würde aufzubringen, die notwendig ist, um sicb Achtung und Sympathie zu erwerben. Wir sind in einen schweren Kampf hineingestellt. Unsere Waffen in diesem Kampfe sind Taktgefühl. Anständigkeit, Lauterkeit» Schlichtheit, Natürlichkeit, Geradheit, Verständnis für das Fühlen und Wollen unserer nichtjüdischen Volksgenossen. In der vivvn am nächsten rav*) wird uns das Verständnis erschlossen für die Tragik Sauls, des ersten Königs von Israel. Mit seinem milden Herzen hatte er dem Drängen des Volkes nachgegeven, in vermeintlich menschlicher Gesinnung hatte er vor dem Königspurpur Agags Halt gemacht. Zürnend donnert Samuel dem Könige, den er gesalbt hatte, entgegen: d’Vk aVna a’ffpnS» 210 nata sra» nan Du hast nicht nicht das Dir zu streng erscheinende G'tteswort nach Deinem Sinn umzudeuten, Du hast es in seiner Unbedingtheit durchzuführen. Auch wir haben unsere Erziehungsaufgabe als eine cpbp nxa^a zu erfüllen,. wir dürfen von dem uns von G'tt gewordenen Aufträge nicht Abstand nehmen, wenn auch unsere Jungen und Mädchen es anders wollen . Da hat Johannes Tews schon das Richtige getroffen, wenn er in der ..deutschen Schule" sich dahin ausspricht: „Mit Kameradschaft" und „Hinabkauern zum lieben Kindlein" ist es allein nicht getan. Nur starke und klarblickende Männer und Frauen können der heutigen Jugend geben, was sie braucht. Wer erziehen will, muß stark sein und auch der Jugend stark, groß und gut erscheinen. Wir wollen nicht eine Jugend heranbilden, deren Selbstbewußtsein ins Groteske gesteigert ist, wir wollen keine von Problematik aufgewühlte, sondern eine in jüdischer Lebensanschauung festwurzelnde Jugend. Wir wollen es mit dem Heidelberger Professor Dibelius halten, der jüngst in Mannheim den *) Der Vortrag wurde in der Woche vor tot nena gehalten.