Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1931)
- Date
- 1931-07-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 30 Der Israelit 23. Juli 1931 Wenn Herr Dr. Fromm endlich das von den Etat 31/32 mit rund einer Million Einnahmen und seiner Gesellschaft geforderte Siedlungswerk zu, Ausgaben beraten und angenommen. Durch Einsparun- Gunsten der Juden in Sowjetrußland als besten' gen bei den Verwaltungsspesen ist es gelungen, den Beweis dafür anführt, wie ehrlich es der rufst-! Wohlfahrtsetat der Gemeinde, der stark gekürzt worden schen Regierung um die Besserung der jüdischen war, wieder aus eine größere Höhe zu bringen. 47 Proz. Lage zu tun fei, so gäbe es gewiß einen Weg, um auf Grund dieser Tatsachen Sympathien für der Einnahmen kommen dem Schulwesen zugute, 23 Proz. Wohlfahrtszwecken, 8 Proz. werden für Subventionen die Sowjetunion zu werben. Dazu aber bedürfte i verwendet. Den beiden Kultusverbänden werden Mk. es der Erfüllung zweier Voraussetzungen, über die sich unser Gegner lewer nicht aussprickt. Das Siedlungswerk für die russischen Juden ist ein Unternehmen aus recht lange Sicht. Vis dabei auch nur wirtschaftlich etwas herauskommt, können Hunderttausende von Menschen, Hundemausende von deklassierten unschuldigen Juden verelendet, verhungert, moralisch, relgiiös und Physisch zugrunde gegangen sein. Zugrunde gegangen, nicht weil sie Opfer unentrinnbarer wirtschaftlicher Katastrophen sind, sondern weil man sie durch das fluchwürdige System des Klassenstaates zum Tode verurteilt hat. Wenn man diese Menschen durch philantropische Hilfe vom Auslande retten will, so müßte die Sowjetregierung ein solches Unternehmen, falls sie guten Willens ist, mit allen Kräften unterstützen, nicht aber jeden Versuch nach dieser Richtung unberechUgterweise als „Hetze gegen die Sowjetunion" stigmatisieren. Das zweite wäre, daß mindestens in den geschlossenen Siedlungen, die man errichtet, der individuellen Gewissensfreiheit, auch bei dem Aufbau gesellschaftlicher religiöser Jnstitu- Nonen, vollkommen freie Bahn gegeben würde. Daraus könnte für Rußland selber reicher Segen erwachsen. Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich. Abschluß der drei Wochen-Aktion der Palästina- Zentrale der Agudas Jisroel. Frankfurt a. M., 21. Juli Im Anschluß an die in den letzten Wochen sowohl im Hauptteil als auch in den Blättern der deutschen Landesorganisation der Agudas Jisroel veröffentlichten Aufforderungen erinnert die Palästina-Zentrale nochmals an die „Drei Wochen-Aktion". Auch in der jetzigen schweren Zeit sollte sich jeder Jude dessen bewußt bleiben, daß echt jüdische Tradition kein wirksameres Mittel kennt, um sich des g'ttlichen Schutzes für Leben und Eigentum zu versichern, als die Ausübung von Z e d o k o h. Mindestens sollte jeder Leser des „Israelit" den Betrag, den er am Trauerfasttag, des 9. Aw, im Sinne des Mmsym m-uk am Essen und Trinken spart, dem Schulwerk der Agudas Jisroel auf dem heiligen Boden widmen. Ein Arkeil zum Gemeindeauskritl. Berlin, 18. Juli. Das Kammergericht Berlin hat folgendes Urteil zur Frage des Austrittes aus einer Religionsgesellfchaft Deutlichen Rechts gefällt: Bestehen bei der Ausnahme der Erklärung über den Austritt aus einer Religionsgesellschaft nur Zweifel darüber, ob die Erklärung gültig ist, so ist das Gericht nicht befugt, die Gültigkeit der Erklärung nachzuprüfen oder sogar deren Annahme von der Klarstellung der Zweifel abhängig zu machen. Das Gericht darf die Annahme der Austrittserklärung nur dann ablehnen, wenn sich ohne weiteres zweifelsfrei deren Ungültigkeit ergibt. Dieselben Grundsätze gelten, wenn eine Bescheinigung über den vollzogenen Austritt aus einer Religionsgesellschast zu erteilen ist. (Aktenzeichen: 1a. X 377/31.) Der Etat der Hamburger Jüdischen Gemeinde. Hamburg, 14. Juli. Das Repräsentantenkollegium der Hamburger Deutsch- Israelitischen Gemeinde hat in zwei längeren Sitzungen 33.000 überwiesen, baneben aber an Pensionen unb Darlehen für den Bau eines Resormtempels Mk. 27.000. Die Woche. Berlin. Im Kurort Cranz bei Königsberg hat man die Fenster der Synagoge mit Steinen eingeworfen. — Der Senat der Berliner Universität hat im Zusammenhang mit den Unioersitätskrawallen bei 7 Studierenden und zwar bei 4 Nationalsozialisten und 3 Kommunisten, auf Entfernung aus der Universität Berlin erkannt. — Einer der drei von der Universität Berlin relegierten links gerichteten Studenten der 19jährige Leo Dobr.iner, hat sich aus Verzweiflung über die Abfchneidung seiner Karriere mit Gas vergiftet. — Der „Völkische Beobachter" wurde wegen Beleidigung von Regierungsmitgliedern auf 3 Wochen verboten. — Das Organ des Verbandes ostjüdischer Organisationen in Deutschland, „Jüdische Welt", hat sein Erscheinen vorerst eingestellt. Man hofft, das Blatt im Oktober wieder herausgeben zu können. — Der Stiefvater des Studenten Leo Dobriner, der wegen seiner^Verweifung von der Berliner Universität L-elbstmord beging, hat ein scharfes Anklageschreiben an den Rektor der Berliner Universität, Prof. Deismann, gerichtet. Er beschuldigt den Rektor der Mitverantwortlichkeit an dem Tode seines Sohnes und fordert ihn auf, als Sühne für den bezeigten Mangel an Verständnis für die heutige Jugend fein Amt niederzulegen. Köln. Der Kölner Schnellrichter verurteilte den 24jährigen Reichsleiter des nationalsozialistischen deutschen Studentenbundes zu drei Monaten Gefängnis. Gleiwih. Die hiesige Strafkammer hat eine vom Schöffengericht über Friedhofsschänder verhängte Strafe von 9 Monaten auf 1A Jahr Gefängnis erhöht, weil die Tat von niedriger Gesinnung zeuge. Dem Angeklagten wurden die bürgerlichen Ehrenrechte abgesprochen. Chemnitz. Hier wurde nach dem Muster der Berliner Jvria eine jüdische Volksbank gegründet. Budapest. Der Kaufmann Leo Breitert, der bei dem Bombenattentat auf dem Elisabethstätter Klub schwer verwundet wurde, ist infolge des dadurch eingetretenen Siechtums dieser Tage verstorben. Er hat ein Alter von 77 Jahren erreicht. Saloniki. Die jüdische Gemeinde sieht sich vor die Notwendigkeit gestellt, für etwa 1500 jüdische Familien Wohnungen zu beschaffen. London. Zum Landentwicklungsdirektor für Palästina, dem die Durchführung des neuen Development Scheme obliegen wird, ist Louis French ernannt worden. French war blsher im Indian Civil Service tätig. Schweiz. Die Politik der neuen zionistischen Exekutive und ihr Budget. Basel, 17. Juli. Ueber die Politik der neugewählten Exekutive gab Sokolow vor Schluß des Kongresses folgende Erklärung ab: 1. Fortführung des praktischen Aufbauwerke s in Palästina unter allen politischen Umständen durch Förderung einer ununterbrochenen Einwanderung und Kolonisation. 2. Systematische Anstrengung zur Verstärkung der nationalen Fonds und Vorbereitung neuer finanzieller Aktionen zwecks Stärkung der nationalen Kolonisation und Schaffung der Vorbedingung für die Entwicklung der Privatwirtschaft unter Wahrung des Grundsatzes organisierter jüdischer Arbeit. 3. Konsolidierung der bestehenden Wirtschaften, Fortführung der nationalen Arbeitersiedlung und aktive Maßnahmen zur Heranziehung des Mittelstandes in landwirtfchafticher Kolonisation und Industrie. 4. Anerkennung der Gleichberechtigung aller sozialen Formen der Kolonisation unter der Voraussetzung ihrer Wirtschaftlichkeit. 5. Energische Verteidigung der durch das Mandat dem jüdischen Volke gewährten Rechte und Kooperation mit der Mandata r m a ch t zwecks voller Verwirklichung des Mandates und insbesondere zwecks Unterstützung der Mandatarregierung und der Palästina-Administration im Aufbau des Jüdischen Nationalheims. 6. Aktive Maßnahmen auf ökonomischem, sozialem und politischem Gebiet, um friedliche Beziehungen und die Annäherung zwischen Juden und Arabern in Palästina herbeizusühren, von dem Grundsatz ausgehend, daß ohne Rücksicht auf die numerische Stärke keines der beiden Völker das herrschende, keines das beherrschte sein soll. Der Kongreß nahm diese Erklärung zur Kenntnis. Das Budget der zionistischen Organisation wurde auf Lst. 356.000 festgesetzt. Der Beitrag für landwirtschaftliche Kolonisation ist von rund Lst. 200.000 auf Lst. 70.000, der für Erziehung von rund Lst. 80.000 auf Lst. 50.000 eingeschränkt. Lst. 50.000 erfordert die Administration, Lst. 90.000 die Schuldentilgung, Lst. 16.000 die Einwanderung, Lst. 55.000 das Gesundheitswesen und Lst. 1000 werden für religiöse Zwecke bereitgestellt. Weltkonserenz des Misrachi. Bafel, 14. Juli. Die Weltkonferenz des Misrachi ist nach mehrtägigen Debatten mit der Wahl von Rabbi M e i r Berlin zum Präsidenten und von Rabbi F i s h m a n n zum Vorsitzenden des obersten Rates gewählt worden. Somit hat die deutsch-holländische Opposition nicht durchzudringen vermocht. Zum Vorsitzenden des Komitees für finanzielle Propaganda wurde Rabbi Aron Te t t e l b a u m gewählt, das Kultur- und Erziehungswesen Rabbi F i s hm a n n unterstellt. Innere Krise im Revisionismus. Basel, 17. Juli. Die Revisionisten erklärten innerhalb des neuen Aktionskomitees der zionistischen Organisation, daß sie ihr Verhältnis zur zionistischen Organisation auf einer speziellen Konferenz prüfen wollen, die aber erst im Dezember ds. Js. zusammentreten wird, «ts dahin ist, wie verlautet, Jabotinsky als Präsident der Weltunion der Revisionisten „beurlaubt" worden. Es ergibt sich hieraus, daß innerhalb der revisionistischen Partei starke Meinungsverschiedenheiten darüber bestehen, ob man sich der zionisüicyen Disziplin fügen und weiter Mitarbeiten oder eigene Wege gehen soll. Jabotinsky vertritt offenbar den letzteren Standpunkt. Agency und Fußballspiel. Basel, 16. Juli. Der Weltverband Schomre Schabbos hat an die Jewish Agency eine Eingabe gerichtet, worin daraus hingewiesen wird, daß die öffentliche Entweihung des Sabbats durch Fußballspiele im heiligen Lande in der ganzen Diaspora das schwerste Aergernis erregt und daß durch mese Herausforderung aller religiösen Kreise der Frieden des Landes, die nationale Eintracht und damit das Gedeihen des Aufbauwerkes aufs schwerste bedroht seien. Der Weltverband bittet das Administrativ-Komitee der Agency, Mittel und Wege zu finden, um — nicht im Sinne des jetzt vom Waad leumi geschaffenen unbrauchbaren Kompromisses— sondern im Sinne der völligen Abschaffung der sabbatlichen Fußballspiele eine Entwirrung herbeizuführen. Um den tatsächlichen Bedürfnissen der jüdischen Jugend in Palästina nach sportlicher Betätigung Rechnung zu tragen, müßte dafür gesorgt werden, daß in der Mitte der Woche zu diesem Zwecke ein arbeitsfreier Nachmittag geschaffen wird, wie diese Einrichtung auch in manchen Ländern der Diaspora besteht. Die Tagung der Jewish Agency. Basel, 17. Juli. Der Council der Jewish Agency trat am Dienstag Abend zu seiner zweiten Tagung zusammen. Sie begann mit einer ausführlichen Eröffnungsrede Dr. Cyrus Adlers, der ein eingehendes Referat über die Geschichte, die bisherige Tätigkeit und die Zukunftspläne der Agency erstattete. Adler widmete warme Worte dem Heimgegangenen Louis M a r s h a l l und versicherte, daß Felix Marburg, obgleich er sein Amt als Vorsitzen-