Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1931)
- Date
- 1931-07-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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i: Ji.!l . U ji: - r i- II il U 1 Seite 4 Nr. 30 Der Israelit 23. Juli 1931 Frankfurts größtes Spezialhaus bietet „Beste Qualität zu b i I I i gsten P reisen“. Uhren aller Art Gold . Silber Juwelen Bestecke Trauringe Nur Zeil 95 u.Töngesg. 25-27 soMn tet findet, wird die Ordnung „Ser arm", die ganz und gar der landwirtschaftlichen Betätigung gewidmet ist, mit dem Worte Emuno in Gleich klang gesetzt. Der Landmann könnte nicht leben und könnte keinen Schritt tun, wenn er nicht in gläubigem Vertrauen seine Saaten dem mütterlichen Boden der Erde anvertrauen und trotz aller Risiken der langsamen Reise harren wollte Vertrauen ist die Voraussetzung alles menschlichen Seins, Vertrauen auf die unverbrüchliche Waltung eines Höheren Vertrauen auf den Bestand und auf die Höherentwicklung auch der menschlichen und der gesellschaftlichen Ordnung. Der skeptische Rationalismus, der allemal mit der eifersüchtigsten Wah rung des eigenen Interesses Hand in Hand geht und der in der Sicherung des Besitzes und Genusses bis zum äußersten die oberste Richtschnur alles Handelns findet, , führt zum Untergang alles menschlichen Zusammenlebens. Seine mißtrauische Kritik zwingt herbei, was sie vermeiden möchte. Die Krise, die wir durchlebten, und die, es fehlte nicht viel, zum Zusammenbruch Mitteleuropas geführt hätte, war eine Krise des Vertrauens, und es ist für den tiefer Schürfenden schließlich dieselbe Seelenstimmung, die ohne Rücksicht auf das Ganze den Einzelnen, oder besser gesagt Tausende von Einzelnen zum „run“ auf die Sparkassen und zur Kreditkündigung im Großen treibt, wie die skeptisch selbstsüchtige Gesinnung die auch alles Vertrauen auf höhere Mächte und alle Zuversicht in die zweckgerichtete Weltentwicklung zerstört. A r e w u s in Nation und> Menschheit und E m u n o an G'tt und seine Weltwaltung sind die Genien, die das jüdische Volk durch die Jahrtausende geleitet, und die es immer wieder aus der Trauer zum Trost, aus dem Zusammenbruch zum Wiederaufstieg erhoben haben. Arewus und E m u n o sind auch die guten Geister der Menschheit, deren Nationen, ob auch auf getrennten Wegen, zusammen mit dem G'ttesvolke dem E n d z i e l entgegensteuern, das die jesajanifche Verheißung uns nun in unseren G'tteshäusern in siebenfältig gesteigertem Glanze bis zum Heranbruch eines neuen Jahres und einer neuen Schicksalswaltung Woche für Woche in die Seele Das Ende des Atonistenkonsreffes. Wenn wir in unserer vorige Woche veröffentlichten kurzen Betrachtung über die Baseler Verhandlungen das Ergebnis der Tage und Nächte langen Endzieldebatte . dahin charakterisierten, daß die zionistische Organisation mit knapper Not an einem Abgrund vorbeigestolpert sei,so läßt sich die gleiche Kennzeichnung auch aus das realste Ergebnis des Kongresses, auf die Wahl der neuen Leitung nach Weizmanns epochemachendem Rücktritt, anwenden. Auch hier muß man sagen, daß die zionistische Organisation mehr Glück als Verstand gehabt hat. Zunächst einmal ist das eingetreten, was kern Mensch voraussehen konnte: Der Mann, der jahrzehntelang Schulter an Schulter mit Weizmann zusammengearbeitet, ja in politischer Hinsicht niemals eine eigene Note angeschlagen hat, ist anS t el leWerz mauns zum politischen Führer gewählt und zwar von denen gewählt worden, die Chajim Weizmann ihr Vertrauen in der schroffsten Weise verweigern zu müssen glaubten. Dieses Spiel ist dadurch geglückt, daß Herr Sokolow es für richtig fand, im Permanenzausschuß zu erklären, er fühle sich als keines Menschen Platzhalter und werde nur seine „eigene Politik" verfolgen. Wie Herr Sokolow es nun fertig bringen will, ohne sich selber in hoffnungslos kompromittierender Art und Weise zu verleugnen, von der durch die Realitäten gegebenen, von Weizmann verfolgten 'Linie abzuweichen, um, seinen Wählern zu gefallen, bleibt zunächst sein Geheimnis. Daß er rein revisionistische Politik betreibt, ist zum Glück ausgeschlossen. Neben Sokolow hat man noch 5 Männer gestellt, von denen vier ausgesprochene Gegner der revisionistisch-misrachistischen Kraftmeierpolitik sind: außer dem Poalezionisten Berel Locker, den äußerst begabten und vernünftigen Dr. A r l o s o r o f f von der palästinensischen Arbeiterpartei, ferner den bisherigen Weizmann-Politiker Prof. Brodelsky, einen unpolitischen Amerikaner Emanuel N e u m a n n und endlich, als unvermeidlichen Konzessionsschulzen an den Misrachi, Herrn Färb st ein aus Warschau. Diesem letzteren werden in dieser Exekutive die Flügel wohl genügend beschnitten und die Hände genügend gebunden werden, um Schadenstiftung zu verhüten. Fragt man nun, welche Rückwirkungen der Wechsel in der zionistischen Leitung nach den verschiedenen in Betracht kommenden Richtungen ausüben wird, so kommen vor allem die Beziehungen zur Mandatarmacht in Betracht. Hier darf man hoffen, daß die Wahl Sokolows, des intimsten Mitarbeiters Weizmanns, und Prof. Brodetzkys der englischen Regierung Gewähr für eine bescheidene, den realen Machtverhältmssen entsprechende zionistische Politik bieten und England vor allen Dingen die Ausrede nehmen wird, es fei von den Juden selbst in , die Arme der arabischen Maximalisten gedrängt worden. Den Arabern gegenüber wird zwar die Ausschaltung der Revisionisten aus der neuen Leitung nicht viel nützen, denn erstens ist Farbsteins Wahl immerhin ein höchst gefährliches Bekenntnis zu den Plänen der chauvinistischen Politiker und zweitens lassen sich die Schäden, die in dieser Richtung die ganze Dikusstoin über das Endziel an gerichtet hat, überhaupt nicht mehr aus der Welt schaffen. Allein man darf wenigstens hoffen, daß es der neuen Leitung eines Tages, auch wenn sie eventl. Herrn Färb stein opfern müßte, doch möglich fein wird, sich iir ihrer arabischen Politik den Notwendigkeiten der Stunde und den realen Bedürfnissen des Jifchuws anzupassen. Die Erklärung der neuen Exekutive, daß man unter allen politischen Bedingungen an der Besiedlung Erez Jisroels durch Juden festhalten werde, klingt in dieser Beziehung recht beruhigend. Inwieweit die neue Leitung befähigt sein wird, mit der o r g a n i s re r t e n /Orthodoxie außenpolitisch zusammenzuarb eiten, läßt ich im voraus nicht beurteilen. Für den Augenblick find die Fäden in Erez. Jisroel selber völlig gerissen, weil, dtts Berhalten des Waad l-eumi in Sachen der Sabbatentweihung von der Orthodoxie als unerträgliche Herausforderung empfunden worden ist. Wenn man aber auch annimmt, daß diese Lage kein Dauerzustand bleiben muß, ö ist grundsätzlich die neue zionistische Leitung zweifellos für eine Cooperation in wirtschaftlichen und außenpolitischen Dingen mit der Agudas Jisroel weniger befähigt als die alte. Herr Sokolow wird, wenn er auch als Greis sicherlich picht mehr die jugendliche Kampfesfreudigkeit feiner Haskala-Periode besitzt, doch fein Ressentiment gegen eine über die vier Wände des Beshamidrafch hinausstrebende Orthodoxie nicht so leicht los werden können und Farbstein als Mitglied der zionistichen Leitung wirkt trotz feines persönlichen Konervatwismus ungefähr wie ein — Fußballspiel in Jerusalem. Trotz all dem wollen wir die Hoffnung nicht aufgeben, daß dort, wo wirkliche Lebensinteressen der jüdischen Gesamtheit aus dem Spiele stehen, sich von Fall zu Fall, wie in den etzten Zwei Jahren, auch weiterhin die Möglichkeit bieten wird, der Welt das Schauspiel einer Selbstzersleisckung der an Jischuw Erez Jisroel interessierten Gruppen zu ersparen. Die Lage der Deklassierten in Rußland. I , : :'!! . ..»■■; i ..Herr Dr. Erich Fromm, iderstine! frühere zionistische Ueberzeugung mit einer, leidenschaftlichen Liebe und Begeisterung für das bolschewistische Klassensystem in Rußland vertauscht hat, versucht in der Juni-Nummer des „Mitteilungsblattes der Gesellschaft zur Förderung des jüdischen Siedlungswerkes in der Sowjetunion (Geferd)" hie Fragen, die wir zur Klärung, der Lage der Deklassierten in Rußland in Nr. 20 des-„Israelit" an ihn stellten, zu beantworten. Wir sehen über die Grobheiten und Haßausbrüche, die aüch diesmal in seine Ausführungen eingeflochten sind, als unvermeidliche Nebenerscheinungen sowjetrussischer Diskussionsmethoden hinweg' und versuchen, den objektiven Sachverhalt herauszuschälen. Denn es kommt Uns, so wenig Herr Dr. Fromm das auch.begreifen mag, wirkt ich einzig und allein daraus an, die objektive Wahrheit der Dinge festzustellen. Um unseren Lesern ein Urteil zu ermöglichen, wiederholen wir zunächst die Fragen, die wir an Herrn Dr. Erich Fromm gerichtet hatten, in vollem Wortlaut: 1. Ist es wahr, oder ist es nicht wahr, daß in Rußland Tausende von sogenannten Deklassierten existieren, die politisch und bürgerlich rechtlos sind, und für deren Läge es in der Weltgeschichte nur zwei Vorbilder gibt: das der Heloten im alten Sparta und das der Parias in Indien?' 2. Ist es wahr, oder ist es nicht wahr, daß zu diesen „Deklassierten" vor allen Dingen die Träger des höchsten Idealismus in Rußland, die Träger, des Geistes und der Frömmigkeit, die Rabbiner, Lehrer, Melamdim, Schochtim und ähnliche religiöse Funktionäre, sowie Zehntausends von Kleinhändlern und Kaufleuten, zum Teil hochbetagte Menschen, die überhaupt nichts mehr arbeiten können, gehören? 3. Ist es wahr, oder ist es nicht wahr^ daß man diesen Deklassierten, Rabbinen und' sonstigen religiösen Funktionären, auch wenn sie körperliche Arbeit verrichten wollen, diese Möglichkeit bisher verweigert und sie zwangsweise in ihrer Heloten st ellung fest geh alten hat? 4. Ist es wahr, oder ist es nicht wahr, daß man diesen Heloten die Brotkarten verweigert, daß man sie also bewußt und absichtlich zum Hungertode oder zur Beschreitung von Schleichwegen verurteilen will, auf denen sie dann erst recht der Rache des Klassenstaates zum Opfer fallen? 3. Ist es wahr, oder ist es nicht wahr, daß man sogar die unschuldigen, arbeitswilligen Söhne und Töchter dieser Heloten zu dem gleichen Todesschicksal verurteilt wie ihre ebenso unschuldigen Eltern, nur weil sie Söhne und Töchter von religiösen Funktionären oder von ehemalgen Kaufleuten oder Händlern sind? 6. Ist es wahr, oder ist es nicht wahr, daß , sogar, wie in der vorigen Nummer des „Israelit" gemeldet, das. Organ der Apikorfim beginnt, die Mißhandlung und Verfolgung der Deklassierten als unzweckmäßig im Interesse des russischen Staates zu erkennen? 7. Ist es wahr, oder ist es nicht wahr,, daß man den Deklassierten das elementare Recht raubt, ein ständiges Obdach über ihrem Kops zu haben, daß man Ehegatten äüseinastderreißt, wenn die eine Ehehälfte zur Gruppe der herrschenden Arbeiter, die andere zu den Heloten gehört? ' 8. I st es Religionsverfolgung ober eine Neligionsverfolgung, wenn ein Staat „von Rechts wegen" alles religiöse Gemeinchaftsleben gewaltsam unterbindet, Synagogen in Arbeiterklubs verwandelt, Gemeindevorsteher unter nichtigen Vorwänden ins Gefängnis wirst, ja, durch Staatsgesetz den Eltern das elementare Menschenrecht der Schulerziehung ihrer Kinder im G e ist e der eigenen religiösen Ueberzeugung raubt? Zur ersten Frage erklärt Herr Dr. Fromm die.Tatsache des Vorhandenseins von sogenannten „Deklassierten" und ihrer politischen snach Herrn Dr. Fromm nicht bürgerlichen) Rechtlosigkeit, d i e e r u n u m w u tt 5 e n z u - gibt, mit der prinzipiellen VerfassuüF der Sowjetunion. Sowjetrußlcmd sei ein Staat der Arbeiter, d. h. nur der durch seine eigene Arbeit der Gesellschaft nützliche Mensch könne die vollen politischen Rechte besitzen. Herr Dr. Fromm begreift, wie er sagt, daß uns ein solcher Standpunkt schwer verständlich sei. Wir glauben aber, daß die Unverständlichkeit der in Rußland in die Praxis umgefetzten Theorie des Klassenstaates