Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1931)
- Date
- 1931-07-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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28. Juli 1931 Der Israelit Handlungspartner der Führer großer bürgerlicher Parteien. Das Ziel ist klar: der Nationalsozialismus will, da es anders unmöglich ist, auf dem vorgeschriebenen legalen Wege zur Macht, in die Schlüsselstellung zur Benutzung der Exekutive gelangen. Das Positivum seiner Spekulation, der Aktivposten seiner Berechnung ist die tiefgehende Wirtschaftskrise und sind die sich daraus ergebenden ungeheuren Komplizierungen der politischen Situation. Er wartet darauf, bis er in die Regierung gerufen wird — weil er genau weiß, daß man ihn möglicherweise zum Regieren braucht. In dieser Phase seiner legalen Erwartungen hat er sich sogar, aus leichtverständlichen Gründen dazu verstanden, die vorgeblich harmlose Natur seines Antisemitismus zu betonen. Aber ein Blick auf die wirklichen Verhältnisse lehrt sofort, was es mit solchen Verlautbarungen für eine Bewandtnis hat. Es liegt in der geplanten legalen Machtergreifung durch den ylatlonalsozialismus eine ungeheure G e - f a h r, die trotz aller Legalitätsbestrebungen dringender und ernster zu beurteilen ist als alle b i sh e r i g e n Wirkungen des Radauantisemitismus und des politisierten Judenhasses. Es handelt sich, fürs; um Folgendes. Wenn es dem Nationalsozialismus gelingen sollte, sein Ziel der sogenannten legalen Machtübernahme zu erreichen, so wird er, jeder Kundige weiß es, auch nicht einen Bruchteil seiner den Massen gegebenen Versprechungen einlösen können. Er wird weder die Krise zu beseitigen, noch eine günstige außenpolitische Situation zu schassen vermögen. Wer aber dem Volke Brot zu geben nicht in der Lage ist, der wird nach jahrtausendealter Erfahrung versuchen, es mit Spielen zu beschwichtigen. Hier zeigt sich schon im Voraus eine neue, zukünftige Funktion des politischen Antisemitismus, seine gefährlichste Funktion: dos Judentum als den realen Prügelknaben, als das lebendige Ablenkungsmittel, den in schreckliche und organisierte T a t umgesetzten Judenhaß als die große Entschädigung für unvermeidliche politische Mißerfolge zu benutzen. Roh ausgedrückt heißt das: die Juden werden der vorauszusehenden Unzufriedenheit zum Opfer gebracht. Es wäre dies nicht das erste Mal in der Geschichte der Welt. Aber es würde dies vielleicht der gründlichste und verderblichste Feldzug gegen die Juden, weil die Geschichte und der gesamte Entwicklungsgang des Natlonalsozialismus ihn zur gründlichsten Arbeit in dieser Hinsicht verpflichten und befähigen. Das gegenwärtige Stadium des Nationalsozialismus, seine Erwartung der legalen Machtergreifung, ist sein gefährlichstes, und es ist im Hinblick aus diese Tatsache beinahe überflüssig, zu Aleines Feuilleton. Rätsel des Judentums? Vor mir liegen zwei Bücher, die von zwei verschiedenartigen Ausgangslinien eine Auseinandersetzung mit dem Judentum suchen, und die außerordentlich typisch sind für dieses dekadente Zeitalter einer überspitzten Geistigkeit. Das hat der eine Verfasser, ein junger Renegat, der Sproß einer Berliner bürgerlichen Familie, selbst gemerkt, - allerdings ohne die Konsequenzen gezogen zu haben. Er nennt zwar sein Buch, das eine Art von Rechtfertigung und eine Beruhigungspille für das immerhin nicht ganz lautlose Gewissen darstellen soll, kurzerhand: Kreuz und David st er n. (Der Name des Bekenners: Walter Heinrich Frisdsmann, und der Verlag, der so etwas herausbringt.' Hermann Rauch, Wiesbaden. Außerdem ist das Buch mit dem angezeigten Preis von Mk. 6.60 reichlich hoch bezahlt - .) Für einen Juden bringt das Buch kaum eine interessante Neuigkeit. Der Übliche, seit mehreren tausend Jahren übermäßig bekannte Verlaus: ein Abkömmling des saturierten jüdischen Bürgertums, das keine Sorgen, aber dafür „zuviel Geistigkeit" (Seite 29 des Buches!) mit sich herumschleppt, verliert den Rest des Zusammenhangs, — weil er eben sein Judentum lediglich aus zwei Religionsstunden wöchentlich zusammenkonstruiert sieht, ferner den unästhetischen Antisemitismus spürt und überhaupt nicht „bei der Sache ist". Da fällt eben jemand ab, der am Judentum noch gar nicht gehangen hat. . . Was ist das für ein Abfall?! Oder etwa ein Verlust? Fast mutet dieses etwas in die literarische Länge gezogene Buch wie eine Ueberschätzung der eignen Persönlichkeit und des Renegatentums sagen, daß alle Widerstandsimpulse geweckt, alle Kräfte mobilisiert werden müssen, um sicheres Unheil abzuwenden. Es ist insbesondere die Ausgabe der großen nichtvölkischen politischen Parteien über den Differenzen der Tagespolitik nicht die eine gemeinsame, geschichtliche Aufgabe zu vergessen: den Wall zu bilden, den der Nationalsozialismus weder auf illegalem, noch auf legalem Wege zu überklimmen vermag — denn es droht nicht nur etwa dem Judentum Unheil, sondern es droht dem ganzen Volke das Gespenst der Unkultur und Barbarei, es droht der politischen Freiheit ihr Henker, gerüstet und bereit, sie auf lange Zeit einzusargen. Wochenrundschau. „Sltetous“ und „Emuno" Zur Stunde, in der dieses Blatt in die Hände unserer Leser gelangt, ist der Tag der großen Trauer, der mit seinen düsteren Schwingen die Sommertage des Juden überschattet, wieder einmal Vergangenheit geworden, und es regt sich in jedem wahrhaft jüdischen Herzen das erlösende Gefühl nahen Trostes, wie er aus den Akkorden jesajanifcher Zukunftsschau mit ewiger Kraft in das trostbedürftige Gemüt der um Zion Trauernden klingt. Wieder einmal waren es aber auch, wie vor siebzehn und vor dreizehn Jahren und wie in so manchen anderen bedeutungsschweren Momenten der Weltgeschichte, diese „drei Wochen" mit ihrem Gipfelpunkt, dem T i s ch o b e a w, in denen für die Menschheit, wie für das jüdische Volk schicksalhafte, entscheidende Krisen M ertragen und zu überstehen waren. Was nun die nächsten Tage auch bringen mögen an ehrlich gemeinten Versuchen, die Kulturwelt über die ihr drohende Gefahr ökonomischen Zusammenbruchs, politischen Umsturzes und selbstmörderischer gegenseitiger Vernichtung hmmegzubringen — zwei große Lehren dürfen wir als Weltbürger und Juden aus dem, was sich ereignet hat und was sich zu entwickeln im Begriffe ist, schöpfen, zwei Lehren, die zu dem ureigensten Bestand offenbarten jüdischen Geistesgutes gehören, die aber an. Wem will man damit imponieren? Dem Judentum etwa, das man nie gekannt hat? Oder will man der deutschjüdischen Gemeinschaft einen Streich versetzen? Oder glaubt der junge Renegat, daß das Judentum darüber zugrunde ginge? Derartige Uebertritte haben noch niemals das Judentum erschüttert. Höchstens gereinigt. Und auch jeder ehrlich religiöse Christ dürfte den Kopf schütteln. . . Das andre Buch heißt „Das Rätsel des Judentums", stammt aus der Feder eines Antroposophen, der bei Rudolf Steiner in die Schule gegangen ist und alle Erscheinungen seinem Weltbild unterordnet. (Verfasser: Dr. Ludwig Thieben, Verlag Pflugschar, Düsseldorf). Diese Auseinandersetzung ist durchaus ernsthafter Natur, allerdings von bizarren mystischen Denkspielereien durchsetzt. Die Kabbalah muß herhalten. Ein guter Antroposoph muß noch nicht ein guter Kabbalist sein. Natürlich ist der Endeffekt ebenfalls ein etwas kitschiger Versuch, Propaganda für den Übertritt zu treiben. Das ist schade. Ohne den Pferdefuß des Missionspredigers könnte man wirklich über diese Schrift diskutieren. Versuche, das Judentum mit antroposophischen Ideologien oder mit den Memoiren eines frisch getauften Juden zu unterhöhlen, sind untauglich und unaktuell. So kann man höchstens Fallobst in seine Körbe kriegen. Die wahre Lösung des „Rätsels" Judentum und das Erfassen seiner Größe liegt auf einer ganz andern Linie. I. Raphael. Nr. 30 Sekte 3 die ganze Menschheit in den schweren Wehen der S e l b st e r f a h r u n g sich zu ihrem geistigen Eigentum zu machen hat. D' - eine dieser beiden Lehren ist die Uebersetzung desuralten jüdischen A r e w u s - B e g r i f f e s ins Allgemein-Menschliche. Jahrtausende hindurch haben die Völker geglaubt, daß es höchste nationale Tugend sei, den völkischen Egvlsmuü auf den Thron zu erheben und ihm den Charakter der Heiligkeit zuzusprechen. Noch nach dem mörderischen Ringen vier wehevoller Jahre trat man in Versailles in dem Wahne zuammen, es könnte sich auf dem Elend und der Sklaverei des einen Volkes Glück, Macht und wirtschaftliche Prosperität des anderen Volkes aufbauen. Daß diese Auffassung ein Wahn ist, daß die innere und äußere Verkettung der Wirtschaftsinteressen aller Kulturvölker das Wohl und Wehe des einen von dem des anderen in unentrinnbare Abhängigkeit voneinander bringt, daß somit das Unsittliche letzten Endes auch das Zweckwidrige ist, das ist die Lehre, die die amerikanisch-europäische Kultur-- welt aus den Erfahrungen des letzten Jahrzehnts gelernt hat und die wie eine mächtige M u s s a-r p r e d i g t in die Weltgeschichte hineinwirkt. Vor die Pforten des Paradieses hat, nach dem tiefen Worte der G'tteslehre, der Vater der Menschheit neben den Cheruwim die „Flamme des sich umwälzenden Schwertes" gesetzt, um 'der Menschheit den Rückweg zum Paradies offen zu halten! Diese „Flamme des sich umwälzenden Schwertes", die Katastrophe der Wirtschaftskrise, sie hat wieder einmal als G'ttes Lehrmeister fungiert und sie wird, das ist die Hoffnung, die der nahe Trostsabbat in die Herzen senkt, doch endlich einmal die Menschheit auf den Weg des wahren Friedens und der wahren Solidarität geleiten. Aber noch ein zweites ists, das uns aus den Erfahrungen dieser drei Wochen entgegenguleuchten scheint: die Unentbehrlichkeit dessen, was man in der Sprache der Völker Vertrauen nennt und was die heilige Sprache mit dem viel mißbrauchten Worte „ E m u n o " wiedergibt. In dem bekannten talmudifchen Worte, das den Inbegriff der 6 Mifchnaordnungen in dem jefaijanifchen Satz 'lai nwan jon 7>.nj? ruiag mm angebm- DIA12N-Puder bewahrt Ihren Liebling vor Wundsein. der Abendpost wies jemand, als auf eine unerträgliche Härte, auf die Akedoh hin: welche Grausamkeit, Abraham zu befehlen, daß er seinen Sohn opfere; welch verstärkte Grausamkeit, noch obendrein hervorzuheben, daß es sein einziger Sohn sei, daß er ihn doch liebe! Am andern Abend erschien aus Upsala die Antwort Soederbloms: Auch bei ihm habe diese Bibelstelle zuweilen ein Grausen verursacht. Doch in jenen Monaten des Weltkrieges sei ja an Tausende, an Zehntausende von Vätern die Zumutung ergangen: „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, und bring ihn mir zum Opfer auf einem der Berge, den ich dir zeigen werde." Diese Opfer für dis Genien der kämpfenden Völker feien nicht nur verlangt, sie mußten ausgeführt werden. Da habe er den G'tt Abrahams anders kennen gelernt: Der habe Einhalt geboten vor der Opferung. Es war nur eine Prüfung. Und seitdem liebe er, Soederblom, auch diese Bibelstelle. G. G. (Erzbischof Soederblom.) Eine Erinnerung. Ende 1914 nahte die Zeit, da fünfhundert Jahre zuvor die Bibel ins Schwedische übersetzt worden war. Die Stockholmer Presse würdigte diese Denkwürdigkeit. Cs wurde viel über die Bibel geschrieben, manch Kluges, manch Törichtes. Nicht nur sprachliche Verbesserungen wurden vorgeschlagen, auch an den Inhalt wurde gerührt. In (Amerika einst und jetzt.) Der amerikanische Publizist und Arbeiterführer Ab. C a h a n, der Herausgeber des „Vorwärts", der größten jüdischen Tageszeitung Newyorks, hat dieser Tage in Berlin über das Thema „Amerika einst und jetzt" gesprochen. Er hob hervor, daß die Krise sich in Amerika doch weit weniger ausgewirkt habe, als in den europäischen Ländern. Bedenklich sei allerdings das übergreisen des Antisemit;?-nus auf das Wirtschaftsleben. So könnten z. B. zur Zeit Zehntausende jüdische Stenotypistinen bei keinem nichtjüdischen Unternehmen Unterkunft finden. Auch bei der Aufnahme an amerikanischen Hochschulen begegenen jüdischen Hörern in letzter Zeit Schwierigkeiten, sodaß viele von ihnen genötigt sind, ausländische Universitäten aufzusuchen.