Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1931-07-23 · Heft 30 (23.7.1931) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 30 (23.7.1931)
Date
1931-07-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450652-2450682--78088-2535755
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Nr. 30 Der Israelit 23. Juli 1931 tion macht. In seinem, zum größten Teil in der Festungshaft geschriebenen Buche „Mein Kampf" weiß sich Hitler nicht genug lustig zu machen über die übrigen völkischen Bewegungen, die er als „verbürgerlicht" und „verspießert" diskreditiert, weil sie glauben, den Kampf gegen die festen Organisationen des Proletariats mit dem offenen Bekenntnis zur sozialen Reaktion, mit dem unumwundenen Eingeständnis ihrer arbeiterfeindlichen Absichten gewinnen zu können. Zwei Ziele hat sich Hitler gesetzt, als er die Festung verläßt: erstens die Zusammenschmiedung einer geschlossenen „anlimarxistischen" Front; d. h. die organisatorische Sammlung aller rechtsradikal eingestellten Gruppen, Bünde und Cliquen hinter dem Banner einer einzigen großen Partei und zweitens den Einbruch in die Reihen des organisierten Proletariats — beide Ziele, er weiß es genau und spricht es in seinen Auszeichnungen immer wieder mehr oder minder offen aus, sind nur auf dem Umweg einer scheinrevolutionären Attrappenpolitik, eines pseudosozialistischen Schemmanövers zu erreichen. In diesem zweiten Entwicklungsstadimn gewinnt der Judenhaß eine ganz neue, eminent politische Bedeutung: er muß zwei ganz bestimmte, höchst konkrete, für die geschilderte Entwicklung des Nationalsoziatismus unerläßliche Funktionen übernehmen. Erstens nämlich die Funktion der scheinrevolutionären, pseudosozialistischen Düpierung der Arbeiterschaft und die Ablenkung ihrer wirklichen und echten fozialrevolutionären Instinkte auf ein Gebiet, wo sie den reaktionären und konterrevolutionären Absichten der Hitlerbewegung ungefährlich sind. Der Antisemitismus wird vom Nationalsozialismus bewußt in die pseudosozialistische Phrase übersetzt, erhält das politisch-ökonomische Gewand eines revolutionären Kampfes gegen die vorgeblich jüdische Herrschaft des Finanzkapitals und der Brechung der Zinsknechtschaft; der Antisemitismus wird zum quasirevolutionären Vorstoßmittel in die Reihen der Arbeiterschaft. Zweitens übernimmt der Judenhaß die überaus wichtige Funktion der politischen Beschwichtigung gegenüber den dem Nationalsozialismus nahestehenden Kapitalkreisen, von deren finanzieller Hilfsbereitschaft die Möglichkeit zur Anlage eines großzügigen politischen Apparats abhängt. Hier heißt es für die Hitlerbewegung ihr revolutionäres und sozialistisches Alibi beizubringen; es ist kaum anzunehmen, daß die Ilnterftützungsgelder fließen, wenn der Schimmer eines Verdachts aufkommen kann, der Nationalsozialismus meine es mit seinem revolutionären und sozialistischen Programm wirklich ernst. Gegenüber den befreundeten Kapitalkreisen erfolgt die Interpretation des revolutionären, antikapitalistischen Kampfes ausschließlich gegen das per 86 raffende jüdische Kapital; nur die jüdischen Banken sollen im „Dritten Reich" sozialisiert werden, erklärt Herr Hitler einem besorgten Bankgewaltigen; das privatkapitalistische Eigentum der Industrie solle keineswegs angerührt werden. Man steht hier sehr deutilich, welchen Funktionswandel der moderne Antisemitismus durchgemacht hat: gegenüber allen früheren Erscheinungsformen des Judenhasses, die im wesentlichen auf biologischen oder psychologischen oder auch nur radaupolitischen Instinkten beruhten, tritt er hier zum ersten Male bewußt politisiert auf und wird mit kühler Berechnung zur Erzielung ganz konkreter politischer Effekte eingesetzt. Vom Standpunkt derer, die ihn zur Erreichung ihrer Absichten gebrauchen, ist der Antisemitismus das denkbar idealste unter allen zur Verfügung stehenden Mitteln; er erlaubt den Arbeitern gegenüber, mit sozialistischer und revolutionärer Terminologie zu arbeiten und gibt gle.chzcitig gegenüber den Kapitalisten das Mittel an die Hand, eine gegenrevolutionäre und antisozialistische Gesinnung zu demonstrieren mit dem einfachen und gern geglaubten Hinweis auf die vorgebliche Tatsache, daß der revolutionäre Marxismus ein Produkt des zersetzenden jüdischen Geistes sei, den es zu bekämpfen gelte. Der Nationalsozialismus in seinem zweiten Stadium unterscheidet sich von den benachbarten reaktionären und völkischen Bewegungen dadurch, daß er den Antisemitismus in hundertprozentig politisierter Form, daß er gleichzeitig Pseudosozialismus und Scheinrevolution zum Fundament einer großzügig finanzierten Agitation macht und seine wirklichen Absichten hauptsächlich mit dem Mittel des Judenhasses tankt. Es erfüllt sich hier das Wort des bekannten österreichischen Politikers Otto Bauer, daß Rassenhaß versteckter Klassenhaß sei, und damit ist gemeint, daß in der geeigneten politischen Situation der Haß gegen eine Rasse (oder Konfession), mit politischen Funktionen geladen, als Mittel zum Zweck der Verwirklichung ganz bestimmter politischer Absichten dient. In dieser Phase seiner Entwicklung, in der er mit den Hilfsmitteln des politischen Antisemitismus und des Scheinfozialismus operiert, gelingt es zunächst dem Nationalsozialismus, sein erstes Ziel zu erreichen: die Schmiedung einer großen und geschlossenen Rechtsfront gegen den „marxistischen" Feind. Die große Reserve, die er zum ersten Male mobilisiert und die bis dahin höchstens als träger politischer Flugsand von der einen Partei zur anderen pendelte, je nach Konstellation und Konjunktur, hauptsächlich der Mittelstand und die im Wirtfchaftsprozeß neugebildeten Zwischenschichten, — sie werden als höchst aktives Clement fernen Absichten dienstbar gemacht. Dabei bilbet sich noch eine weitere, überaus wichtige und höchst interessante Funktion des politischen Antisemitismus heraus, die an unzähligen Beispielen zu erhärten ist und hier kurz skizziert werden soll. Die im Verlause der Entwicklung des deutschen Kapitalismus mit Notwendigkeit auftretende Fortbildung des deutschen Kapitals zum organisierten und modernen Großkapital hat auf der anderen Seite in weitgehendem Maße die Proletarisierung des alten Mittelstandes und die Bildung von Neuschichten zur Folge, die gemäß ihrem ökonomischen Standard zwischen niederem Mittelstand und Arbeiterschaft gelegen sind. Vom Standpunkt und wohlverstandenen Interesse des Unternehmertums aus muß verhindert werden, daß dieses zahlenmäßig recht beträchtliche Element in die Front des revolutionären Proletariats und des organisierten Sozialismus einbezogen wird: der politische Antisemitismus aber stellt die hundertprozentig geeignete Methode dar, diesen durch den Wirtschaftsprozeß radikalisierten Schichten g l e i ch z e i t i q Radikalismus und Sozialismus in wohlberechneten und ungefährlichen Dosierungen zu bieten u n d ihr Abschwenken in das Lager des prinzipiellen Antikapitalismus zu verhindern. Dex Nationalsozialismus benutzt den Antisemitismus, besonders in der Zeit um 1928, da die Folgen des geschilderten Wirtschaftsprozesses sich anzumelden beginnen; höchst geschickt in dieser seiner Gestalt: den im Verlauf eben jenes Prozesses geweckten radikalen Instinkten der Zwischenschichten wird weitgehendst entgegengekommen und gleichzeitig werden sie in die gewünschte Bahn gelenkt, auf ein Nebengeleise verschoben. Es gelingt der Hitlerbewegung, in dieser Phase zur stärksten Rechtspartei zu werden; die alten Freunde und Nachbarn werden völlig verschluckt oder aufgerieben; die Deutschvölkische Bewegung wird fast restlos vernichtet und einverleibt, die Deutschnationalen werden stark reduziert und zum größten Teil in die Hitlerbewegung einbezogen. Der Nationalsozialismus wird zum politischen Gravitationszentrum des Rechtsradikalismus; am 14. September 1930 ist er die stärkste bürgerliche und die zweitstärkste deutsche Parteibewegung — das dritte, das gefährliche Stadium wird ein geleitet. Es ist das Stadium der bewußt angestrebten Legalisierung der N. S. D. A. P. Sie hat iher sektiererische und putschistifche Vergangenheit völlig überwunden; Hitler schwört einen offiziellen und feierlichen Eid ans die Legalität seiner Absichten und entwickelt sich zum legalen Ver- Trauer und Trost. Don Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Alljährlich, wenn der lachende Himmel und die strahlende Sonne den Menschen in G'ttes steie Natur hinausrufen und ihm neue Lebenskraft verheißen, eilen Israels Kinder in ihren Gedanken zu den Stätten ihrer ruhmreichen Vergangenheit, und die Erinnerung an den Glanz und die Pracht von ehedem, die da in ihnen wach wird und den ganzen furchtbaren Ernst des Golus ihnen zu Bewußtsein bringt, stimmt die Saiten unserer Herzen auf den Ton wehmutsvoller Klage und Trauer: »nv, nr by irrgjapn nbs by nvt Darob ist unser Herz krank, darum sind umdüstert unsere Augen. na iaVn o’i>snt7 anrc p’s in bv ob dem Zionsberg, der verödet ist, Schakale ergehen sich auf ihm." ... Jahrhunderte sind vergangen, seitdem der Mann, der das Elend mit eigenen Augen geschaut, auf Zions Trümmern jene aus innigem Weh geborenen Worte gesprochen, sie haben immer wieder allen Geschlechtern und Zeiten den Ausdruck geliehen, daß sie ihren Schmerz ausweinen konnnten, wenn unsere Stammesseele nicht nur um ver» blichene Herrlichkeit und verhallten Jubel trauerte, sondern auch die düstere Gegenwart die Iudennot in besonders grelle Farben zeichnete. . . Was bedeutet es, daß sich neues Leben aus den Ruinen erhebt, daß nicht mehr vereinsamt die Wege der einstigen G'ttesstadt sind, sondern überall im heiligen Lande reges, geschäftiges Treiben Herrscht, solange dort auf der geweihten G'tteserde die Anerkennung der Heiligkeit des Sabbats erst im heißen Ringen erkämpft werden muh? Jst's nicht eine neue Entweihung des Heiligtums unserer Religion die wir zu beklagen haben, gilt nicht Jirmijahus Wort da mehr denn je: „Darob ist unser Herz krank und sind umdüstert unsere Augen — dvvv p'2 -in by ob des Zionsberges, der verödet ist". . . Wie wüst und öde ist noch Ieruscholajim daß noch nicht zur vollen Einkehr und Einsicht gelangt sind die Söhne und Töchter unseres Volkes, die ungehört oder doch unbefolgt verhallen lasten des Propheten Weisung: „njma n’nm msn ospna p-x Zion wird durch Gerechtigkeit erlöst und die dorthin Zurückkehrenden durch Pflichttreue. — Es ist schön und anerkennenswert, daß solche Begeisterung für Mutter Zion unsere Jugend beseelt, — sie soll sich aber durchringen zur Erkenntnis, soll von allen Verständigen zur Überzeugung hingeleitet werden, daß trotzallem der Berg Zion eine Öde ist, der Tummelplatz der Füchse oder (in die Erlebnisse unserer Tage übertragen) der Leidenschaften bleibt, solange wir nicht uns voll und ganz zu G'tt und seiner heiligen Lehre bekennen. nsxai 'p$>s 'i ns a»n onwpai Und ihr werdet von dort suchen den E. deinen G'tt und du wirst ihn finden, wenn du ihn suchen wirst mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele. O daß wir in diesen Tagen der Trauer und Besinnung es gelernt haben, den Herrn zu suchen, ihn zu suchen, wie der große Akiba ihn gesucht mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele, ns sin i^’ss auch dann ihn zu lieben, wenn der Lebensbaum aller Hoffnung gefällt scheint. . . Wieder einmal hat sich in der Zeit unserer Trauer manches Licht innerhalb der Menschheit verdunkelt. Abgrundtief haben sich in den letzten Wochen die Nöte der Menschheit enthüllt. All' dieses vielgestaltige Leid ist im letzten ein deutlicher Hinweis, daß noch immer nicht die Engel der Liebe und des Friedens zur Erde zurückgekehrt sind. Wir glauben, daß.dieser neue Sturm von G'tt gewollt ist, um endlich die Einkehr der Menschheit anzubahnen und die Befriedung der Welt herbeizuführen. Dieser unser jüdischer Glaube lehrt uns hoffen und vertrauen und niemals zu verzweifeln, 'vs vani inni Tröstet, tröstet mein Volk. Die wir an Ihn glauben, der einst vom Sinai machtvoll sein 'aas verkündete, sich als Schöpfer und Meister der Welt wie als Herrn und Gebieter aller Wesen und als Vater, der Menschen offenbarte, wir vernehmen den jesajanischen Zuspruch und öffnen ihm. wenn die dumpfen Töne der Trauer verklungen, an sieben Sabbaten unser Herz und unsre Zuversicht. Damit erweisen wir uns als das würdige r^is os als das ewige Volk, dessen Geschichte und Vergangenheit den Trost verheißt: Aus dem Dunkel zum Licht, durch Kampf zum Siege. Wie einst R. Akiba der späten Zukunft entgegengelacht und auch mitten in der Bedrückung seines Volkes nicht verzweifelte, so gilt es auch für uns, hoffnungsfroh zu bleiben und all' unsere Kraft und Fähigkeit für die Erhaltung unserer Heiligtümer einzusetzen. Dieser unserer Arbeit wird reicher Erfolg erblühen nicht nur für unserer Gesamtheit Ehre, sondern auch zum Segen der ganzen Welt. Wochenkalender. v. 28. Juli - 1. Aug. 1981 / v. 11. Ab bis 18. Ab 8691 Samstag Juli ^5 as 11 nana naw pnnsi Sonntag 26 12 Montag 27 13 Dienstag 28 14 Mittwoch 29 15 asa ip? nemn Donnerstag 30 16 Freitag 31 17 Samstag Aug. 1 18 apy

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.