Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1931)
- Date
- 1931-07-16
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Seite 3 16. Juli 1931 orthodoxen Religionslehrerinnen ist Gelegenheit geboten, auch die Erholungszeit der Ferien zur Erweiterung ihres Wissens zu benützen, das Gelernte zu vertiefen und in der freien Natur zum Erlebnis zu gestalten. Außerdem gesellen sich ihnen eine Anzahl § anderer, .zum Teil auch jüngerer, Mädchen zu, die. diese ^wei Monate des Sommers zur angenehmen Erholung verwenden' und dabei einige wenige Stunden im Tage der Pflege bewußter, wissender Religiösität als Vorbereitung fürs Leben in Haus und Gemeinschaft widmen wollen. Frll Eva Landsberg, die zielsichere Leiterin der Lehranstalt und ihre gleichstrebenden Mitarbeiterinnen wissen -die Bedeutung solcher zwei Ferienmonate für die geistige und körperliche Entwicklung der ihnen anverträuten-Mädchen in jeder Beziehung einzuschätzen. Sie trafen dementsprechend auch alle Einrichtungen im Ferienheim auf dem Sobor, um alle sich dort bietenden Möglichkeiten vorteilhaft zu verwetten. Schon am Erössnungstage fanden sich dort 33 Mädchen ein; einige weitere werden noch erwartet.. In einer gesunden, luftigen Billa inmitten eines von Weinbergen umgebenen, Licht und Schatten ausreichend bietenden Gartens befinden sich Gefellfihafts-, Speise- und Schlafräume und ebenso die Küche und die Wirtschastseinrichtungen. Zwei Nebengebäude find' zu Lern- und weiteren Schlafräumen eingerichtet. Lern-, Arbeits- und Erholungsstunden während des Tages find so eingeteilt, daß Körper, Geist und Gemüt'gleichermaßen aus ihre Rechnung gekommen. Unter den Mädchen herrscht der Geist fröhlicher Freundschaft und die Leiterinnen werden von ihnen nicht als gestrenge Lehrerinnen, sondern als gernbefragte Beraterinnen und mitfühlende Führerinnen betrachtet. Schreiber dieser Zeilen hatte am Eröffnungstage Gelegenheit, das Ferienheim zu besichtigen und hat von dort den Eindruck mitgenommen, daß sich mit dieser Institution neue k Wege juri'Stlrf.ung bes Judentums im Herzen der Heranwachsenden Frauengeneration eröffnen. Eltern, die ihren Töchtern während der Ferienzeit körperliche Erholung, geistige Ausrichtung und seelischen Genuß zu bieten wünschen, werden gut tun, sich für das orthodoxe Mädchenferienheim auf dem Sobor zu interessieren. I. I. B. Agudismus. Von Dk. L. L. in A. Lieber Agudist! Du wirst schon manches über den Sinn der Agudas Jisroel gelesen und gehört haben: Du wirst auch selbst darüber nachgedacht haben. Wer aber könnte sagen, daß schon das befreiende Wort gesprochen wäre, das Wort, bei dem jeder sofort sagt: „Ja, so ist es und nicht anders."? Die Thora macht nicht das Wesen der Aguda aus; die Thora ist das Wesen der ganzen Judenheit. Aber halt, die Aguda soll offenbar diejenigen Juden zusammensassen, welche die Thora für das Wesen der Judenheit halten. Jawohl, die Zusammenfassung der Thoratreuen, das ist offensichtlich der Sinn der Agudas Jisroel. Der Forderung nach müßten alle Juden thoratreu sein; da aber viele Juden dieser Forderung nicht entsprechen, so sollen und müssen die gesunden und. nach Gesundheit strebenden Teile der Judenheit geeint und gekräftigt werden; von den so gestärkten gesunden Gemeinschgftsgljedern, soll dann ä wiederum Gesundheit aus die kranken Teile der jüdischen Gesamtheit ausgestrahlt werden, , um auch diese allmählich der Gesundung.zuzuführen. Halten, wir es fest: In der Zusammenfassung, der thoratreuen Teile liegt der Kernpunkt des Agudismus; demgemäß ist die Zusammenfassung die erste und hauptsächliche Forderung -des Programmes der Agudas Jisroel. In der Zusammenfassung als dem wesentlichen Inhalt der Aguda ist auch der Wesensunterschied zwischen dem Agudismus und anderen jüdischen Ismen enthalten. Alle anderen jüdischen Organisationen wollen die Menschen sammeln, einzig zu dem Zweck, um durch die größere Kraft der Vereinigung größere Kraftwirkungen zu erzielen; so z. B. beim Zionismus: um das Ziel, die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina, besser als der einzelne erreichen zu können. Für den Agudismus dagegen ist die Zusammenfassung Selbstzweck. Die Zusammenfassung soll die gesunde jüdische Gemeinschaft schaffen; . die gesunde G e - meinschas 1 zieht schon von selbst die G e - s u n d h e i t der Gemeinschaft nach sich. Im Namen der Agudas Jisroel steckt daher auch ihr Wesen. Sinn der Agudas Jisroel ist die Agudas Jisroel; es hätte eines weiteren Programmes eigentlich gar niHt bedurft. Der Israelit B l äh 1 e r Macht über die' Zusammenfassung den eigentlichen Sinn der Aguda aus, so muß die Zusammenfassung)'? h/ h^ .der Akt des Züfammenfassens selber, ein spezifisch agudjstisches Gepräge tragen. Wenn^.um wieder den /Zionismus als 'Beispiel zu nehmen, die rechtlich gesicherte'Heimstätte in Palästina Inhalt des Zionismus ist, so muh der Aufbau der rechtlich gesicherten Heimstätte, vom Standpunkt des Zionisten aus betrachtet, zionistisch vor sich gehen. Andernfalls würde das Ergebnis des Aufbaus nicht dem zionistischen Programm entsprechen. Falls deshalb bei der Aguda das Zusammenfassen nicht spezifisch agudistisch sein sollte, darf man sich nicht wundern, wenn auch das erstrebte Ziel, die lebenskräftige Vereinigung aller thoratreuen Juden, unerreicht bleibt. Hand aufs Herz! Wird in der Aguda die Arbeit der Zusammenfassung irgendwie anders betrieben als in anderen Organisationen, jüdischen oder nichtjüdischen? Genau dieselbe öde Vereinsmeierei; genau dieselben Methoden der Propaganda: Vorträge, Beitragswerbung, Geldsämmlunen. Was ist die Folge? Genau dieselbe Zweiteilung: Hier Vorstand und einige arbeitsfreudige Bannerträger, dort die übergroße Mehrzahl der passiven, häufig gleichgültigen Mitglieder. Was ist nicht schon alles an Vorschlägen für eine Besserung gemacht worden! Aber alles vergebens! Einfach deshalb, weil man am Kern des Problems vorb erging, nämlich daran, die Zusammenfassung spezifisch agudistisch zu gestalten. Dabei ist die Lösung gar nicht so schwierig. Ueberlegen wir einmal: Wir haben gesunden, daß die Zusammenfassung. der Thoratreuen wesentlicher Inhalt der Aguda ist. Also ist jeder einzelne Agudist zugleich Subjekt und Objekt des Agudismus; denn jeder soll zur Gemeinschaft gesammelt werden und soll zur Gemeinschaft sammeln. Etwas deutlicher ausgedrückt: Jeder Agudist soll in erster Linie sich selbst zur agudistischen Gemeinschaft sammeln. Und hier beginnt ein, ach so moderner, Köhlerglaube: Der Beitrag entscheide über die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft. Praktisch sieht dies folgendermaßen aus: Jemand ist seiner Gesinnung nach thoratreu; er entschließt sich, der Aguda beizutreten und zahlt nun den Mitgliedsbeitrag. Hat er damit in seiner Person die Hauptforderung der Aguda, den Zusammenschluß der Thoratreuen zu einer einheitlichen Gemeinschaft, erfüllt? Nein! Lediglich die Voraussetzung hierzu hat er geschaffen. Jetzt beginnt erst die Arbeit, sich selbst lebendig in die Gemeinschaft einzugliedern und damit die Gemeinschaft selbst zu einem lebendigen Organismus zu gestalten. Denn dies ist ja gerade das Wesen des Agudismus. Glaubt etwa jemand, daß dies durch die Beitragszahlung geschehen kann? Oder durch Dersammlungsbesuche oder durch Propaganda für die Aguda? Die >lebendige Gemeinschaft ist etwas Seelisches; die Gemeinschaftsseele kann' nur dann den einzelnen erfüllen, wenn er der Gemeinschaftsseele in seine eigene Seele Einlaß gewährt und von ihr voll wird. Was ist die aglldistische Gemeinschaftsseele? Wie kann man sich mit ihr anfüllen? Die Seele der Aguda ist, wie die Seele der ganzen jüdischen Gemeinschaft, die Thora. Wer nun meint, daß er Teil an der agudistischen, an der jüdischen Gemeinschaftsseele hätte,, wenn er die Vorschriften der Thora beobachtet, der irrt sich. Auch hier ist die Beobachtung der Thora- Vorschriften nur die Voraussetzung, das Tor, durch das der Weg zur Gemeinschaftsseele führt. Vis dahin übt der Agudist die Thora als die für ihn, wie für jeden Juden, gegebene Vorschrift. Hier beginnt nun die agudistische Gemeinschaftstat. Von jetzt an übt der Agudist die Thora als die Beweg u n g der jüdischen Gemeinschaft; von jetzt cm erlebt er in der Thora die Gemeinschastsbewegung der jüdischen Gemeinschaft und in der Gemeinschaftsbewegung auch die jüdische Gemeinschaftsseele. Dadurch ist es in die Hand und in das Können eines jeden Agudisten in jedem Augenblick feines Lebens gelegt, die gesunden Zellen der jüdischen Gemeinschaft zu einem lebendigen Organ, zu einer wirklichen Gemeinschaft zu einen, aus der Vielheit der Agudisten die, Agudas Jisroel zu gestalten. Versuche es nur; es ist gar nicht so schwer, wie es zunächst den Anschein'Haben könnte. Beginne etwa beim Beten, bei den drei Hauptgebeten' des Tages. Du wirst Dich künftig bemühen. Dein Beten nicht als Dein. Beten, sondern als Beten der jüdischen Gemeinschaft zu erleben; nicht Du betest, nein, die jüdische Gemeinschaft betet; jüdisches Beten ist die Atmung der jüdischen Gemeinschaft; die Agudas Jisroel ist, solange sie noch nicht die gesamte Judenheit umfaßt, etwa die Lunge oder das Herz der jüdischen Gemeinschaft; und Du Agudist bist eine Zelle dieser gesunden jüdischen Lunge, eine Zelle, die beim Beten mitschwingt in der Atmung der Lunge, in der Atmung der jüdischen Gemeinschaft. Die Grundlage aller K'wonoh ist nicht der Inhalt des Gebetes, auch nicht das Beten für die jüdische Gemeinschaft, sondern das Erleben des Betens der jüdischen Gemeinschaft. Du mußt im eigenen Beten das Beten desjenigen Lebewesens erfühlen, das wir das. jüdische Volk nennen. Du fühlst in Deinem Beten, wie das jüdische Volk atmet. Nicht dies ist es, daß viele Juden mit Dir gleichzeitig dasselbe beten, sondern, daß sich in allen Betenden ein Lebewesen offenbart, ein Lebewesen betet und handelt, das über Dir und allen Betenden steht und von dem wir alle nur mitatmende Zellen sind. Wenn Du betest, betest nicht D u, vielmehr betet die jüdische Gemeinschaft. In Deinem Beten erlebst Du die Seele der jüdischen Gemeinschaft. Du wirst diese K'wonoh nicht beim ersten Anhieb erreichen; Du wirst lange Zeit gebrauchen, bis allmählich das Erlebnis des Gemeinfchaftsbetens. in Dir aufsteigt. Vom Beten kannst Du allmählich zum Gemeinschaftserlebnis bei anderen Mizwaus übergehen. Immer stärker wird in Dir das Erleben der jüdischen Gemeinschaftsseele. Diese Seele wird Dich und die anderen Agudisten, die gleich Dir täglich bei den McZwaus dieselbe jüdische Gemeinschaftsarbeit leisten und daher gleich Dir die Gemeinschaftsseele erleben, zu einer lebendigen Gemeinschaft und Einheit zusammenschweißen, lebendiger und kräftiger, als irgend ein organisatorisches Band, irgendwelche organisatorische Tätigkeit sie je zu schaffen vermag. Das läßt sich nicht schildern, das läßt sich nicht beweisen, das läßt sich nur erleben.' Wollt Ihr die Agudas Jisroel verwirklichen, so fei die Zusammenfassung der gesunden jüdischen Teile zu einem gesunden jüdischen Gemeinschaftsorgan, zu dem gefunden Gememschaftsorgan zur jüdischen Gemeinschaftsseele, der Inhalt Eurer Arbeit. Fort mit dem leeren, seelenlosen unjüdischen organisatorischen Neklamebetrieb! Das überlasset getrost den Nichtjuden oder denjenigen Juden, die sich nur dann wohl fühlen, wmn Europa-Amerika ihnen ihre Modernität bescheinigt. Eure Aufgabe ist, die jüdische, die agudistische Einheit nicht durch organisatorische, ökonomische oder politische Mittel, sondern durch seelische Gestaltung zu verwirklichen. Die Arbeit Eures Zusammenfassens sei echt jüdisch und spezifisch angudistisch. Dies ist die vornehmste Erziehungsaufgabe, die alle agudistischen Orts- und Jugendgruppen an ihren Mitgliedern und alle Mitglieder an sich selbst zu leisten haben. Hier ist ein weites Feld ägudistischer Betätigung: hier kann jeder Agudist in sich selbst durch unablässige eigene Tai die Aguda und die gesunde jüdische Gemeinschaft aufbauen. Nur von einer solchen wahrhaft lebendigen agudistischen Gemeinschaft können und werden kraftvolle Strome der jüdischen Gemeinschaftsseele Und der lebendigen Thora auf die ganze übrige Judenheit ausstrahlen und allmählich alle Juden wieder zu mitatmenden Zellen des jüdischen Gesamtorganismus machen, sie zum Mitatrnen mitreihen. Beten muh und wird jeder Agudist mindestens dreimal täglich. Sollte es wirklich so schwer sein, ohne besonderen Aufwand an Kraft, Zeit und Geld, im Beten die jüdische Gemeinschastsseele zu gestalten? Versuchet es alle, alle, die Ihr Euch Agudisten nennt.