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Der Israelit · 1931-07-16 · Heft 29 (16.7.1931) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 29 (16.7.1931)
Date
1931-07-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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£i5T’ Der Jsraelit llr. 29 i-ri Neikemeiers Weg zum Kreml. Wr7*‘. t Die Geschichte eines Atenschenschickfals und einer Zeitepoche. Bon S. Jzchaki. (Fortsetzung). Er machte sich näher an ihn heran, schaute ihm tiefer ins Gesicht. Kein Zweifel, Rifstm Beer. Wie kamen Nissim Beers junge Augen in ein altes, verwittertes und runzeliges fremdes Gesicht? „Nissim Beer?" zog er ihn am Aermel. Dieser sah auf, nahm die Brille ad, und seine Augen waren nur scharfe Spalten, mit denen er Meikemeier zu durchdringen suchte. Sein Gesicht war ein Fragezeichen. Er erkannte Meikemeier nicht. Meikemeier nannte seinen Namen, nannte auch Gelgudischkin, aber Nissim Beer sah verloren in die Ferne, er konnte sich nur schwer entsinnen. Es lag so Vieles und Schweres dazwischen, daß jene Erinnerungen fast einem anderen Leben angehörten. Gefängnis, Verbannung, Sibirien hatten seine Haare vor der Zeit gebleicht, feine Gestalt geknickt, feine Augen halb geblendet. Auch das innere Auge konnte nicht mehr so weit zurückschauen. „Auch Skobeljew ist hier," suchte Meikemeier den alten Freund in die Vergangenheit zurückzusühren. Wieder mußte sich Nissim Beer eine ganze Weile besinnen. Endlich hatte er den Namen gefunden im Schatz der verblaßten Erinnerungen. „Ach ja, Skobeljew, entsinne mich jetzt. Ein braver, sehr fähiger Mensch, aber ein Trinker." „Er trinkt nicht mehr, er ist vollkommen nüchtern." „Ja," seufzte Nissim Beer. „Nüchtern werden wir eines Tages alle, der eine früher, der andrere später, manch einer zu spät. Wie steht es mit Ihnen?" Er fand das „Du" nicht. „Euer Getue hier ist nicht grade auf Ernüchterung berechnet. Es ist mir ganz wirr im Kopf, von all denk, ch'as ich hier sah und hörte. Jch.könnte^ es auch anders und umgekehrt sagen: Jener Vormittag der Eröffnung hat mich in einen Rausch versetzt, Nun stehe ich wieder u.ganz' ernüchtert Euch und Eurer Sache' gegenüber." „Also auch für Uganda?" mißverstand Nissim Beer. „Uganda oder Palästina, die Erlösung kommt nicht von dem einen noch von dem anderen Lande. Jüdische Not ist Not der Menschheit, unser Schicksal Teil des Menschheitsschicksals. Helfet der Menschheit, und auf diesem freien Boden wird auch uns als Menschen Heil erblühen." „Alte Phrasen," schüttelte Nissim Beer den Kvpf, „wußte gar nicht, daß sie noch Menschen im Munde führen. Klingen wie aus einer versunkenen Welt. . ." „Ich konnte nicht finden, daß Eure neuen Phrasen wie Nationalismus, Charter und' Judenstaat schöner und stichhaltiger feien." »Du hast nicht im Gefängnis gesessen, Freund, und das wahre Gesicht jener Weltverbesserer nicht gesehen." »Ich habe im Gefängnis gesessen, und jene -Weltverbesserer waren.die einzigen, die zu meiner Rettung alles aufboten. Dr. Kaplan.-" »Was ist mit Kaplan?" wachte Nissim Beer auf- „Ich kenne Kaplan, ein Besessener und ein wahrer Menschenfreund. Aber Du hast nicht lange g e n u g im Gefängnis gesessen und das wahre Gesicht der Revolution nicht gesehen." „Das wahre Gesicht der russischen Revolution sehen wir nicht in Petersburg und Moskau. Dort ist es von tausend Martern und Aengsten zerschunden und verzerrt. Kommen Sie mit nach Zürich und nach Bern und' Sie werden dort das wahre Gesicht der Organisation sehen." „Was geht mich als Juden die Weltrevolution und ihr wahres oder falsches Gesicht an? Wir werden in ihrem Bereiche so wenig ein Dach für unser Haupt haben wie im Lande des Zaren und der anderen Despoten Europas. Ein eigen Heim ist die einzige Lösung." „Das ist, was ich nie verstand und hier noch am wenigsten verstehe," ließ sich Meikemeier zum ersten Male in eine Auseinandersetzung ein. „Will derfromme Jude fein Ghetto, seine Synagoge, feine Gasse, von der Sonne der Lehre und des Sabbats verklärt, und zieht er dieses kleine eigene Leben all den Freuden und Freiheiten der Welt vor, so mache, ich nicht mit, aber ich begreife es. Mein Vater, G'tt habe ihn selig, sagte: Was geht mich die Welt an? Von meinem Häuschen bis zum Lehrhaufe und von dort bis zur Schul, ist meine Welt. Das versteht man. Wer aber den Blick nicht mehr zurückwendet zum Altgeheiligten, was wollte er mit dem jüdischen Eigenheim anfangen? Und ich sehe doch Hier, wie gut Vielen am Sabbat die Zigarre schmeckt, wie im Kasino die Tische auch für viele Delegierte gedeckt sind ... Ich las die Schrift Eures großen Führers. Religion ist dort Privatsache. Die Rabbinen, als Lehrer der Religion, sollen in ihren Synagogen eingesperrt sein. Es soll ein Volk wie alle Völker, ein Staat wie alle Staaten, eine Kultur wie alle Kulturen sein. Wozu dann das Eigene, das Nationale? Wozu ein Ghetto ohne G'tt? Seid ihr Menschen, Teile des Ganzen, so laßt Euch doch das Heil im Rahmen des Ganzen erblühen." „Du bist der alte Bachur" — er hatte das Du wieder — „der alles nur von der Froschperspektive der Gemoro sieht. Du weißt nicht, daß es auch politische und andere Belange gibt, die uns auf einer Basis sammeln können." „Politik, Wissenschaft und Wirtschaft sind menschliche Angelegenheiten. Wese zu betreuen, bedarf es keines nationalen Eigenheims." Sie redetem lang und weit aneinander vorbei. Der Abstand zwischen den beiden wurde immer größer, zuletzt so groß, wie zwischen einst und jetzt. Sie gingen mit kaltem Händedruck voneinander. —. — — Meikemeier war zwei Jahre später Teilnehmer — -ohne Teilnahme — eines weiteren Kongresses, an dem die Königsgestalt des Führers und feine lenkende Hand fehlte — er war int Sommer gestorben. Man stritt noch mehr um das Wort, das gar nicht mehr bestimmt war, Tat zu werden. -Und als man unter Brausen und Krachen das Wort zerbrach, kroch aus den Scherben ein neues Wort hervor. Uganda war gefallen, der Zorn der ausziehenden Ugandisten schuf die „Jüdische Territorialistifche Organisation". Der englische Schriftsteller stand an deren Spitze/ Nissim Beer, der wieder dabei war, zog mit ihm aus dem Saale ... Meikemeier sah auch noch einen dritten Kongreß und ging nach Zürich zurück, um sich mehr denn je den großen Weltaufgaben zu widmen. Wieder verging ein halbes Jahrzehnt. Er hatte anfänglich noch einige Collegs an der Universität belegt. Als er aber die dreißig überschritten hatte, hing er das : zünftige Studium endgültig an den Nagel.-Er war ein guter Arbeiter, ohne sich zu sehr in den Wolken der Ideologie zu verlieren, darum von den Führern, die über Ueberfluß an Offizieren und Mangel an Soldaten klagten, sehr geschätzt und weidlich ausgenutzt. Bald vierzig zählte er schon. Das Leben lief rascher, als die Sache. Am Baume der Bewegung reiften die Früchte langsam. Wer wird 'sie pflücken, genießen? Diese Gedanken kamen über ihn, als er die ersten einzelnen blaßgrauen Fäden an feinem Haupthaare entdeckte. Er halte der Menschheit gedient und es versäumt, sich als integraler Bestandteil in die Menschheit einzuschalten. Hätte sein Leben den normalen Verlauf genommen, dachte er oft, er stände jetzt daheim im Städtchen, ein Mann unter vielen altengebeugten, lang- und graubärtigen Männern, Vater vieler Kinder, vor der Türe seines Kramladens oder als Kinderlehrer vor der wilden Schar feiner Plagegeister im dumpfen Cheder. Es hätte auch anders kommen können. Marjaschka! Der Name tauchte jedesmal aus, ' wie eine konservierte Blume aus jugendlichem Gefilde. Sonja Pofener war längst wieder in Kiew und als Frau eines reichen Mannes Inhaberin der väterlichen Fabrik. Wenn er an sie dachte, so war der Name nur eine gedankliche Rücketappe zur Jugendzeit, zu Gelgudischkin, zu Marjaschka . . . Und Marjaschka war nicht Eigenname eines Mädchens, es war der Name für blühende Felder, schwellende Hoffnung, werdende und wachsende Kraft, träumende Jugend. Die Zeit war ein träger Gaul, der schläfrig seinen Weg trappelte, dem man zuweilen die Sporen gab,.daß er aufschäumte, oft aber auch ganz plötzlich, ohne sichtbaren Anlaß, scheu und wild in Galopp geriet, um Karren samt Fuhrmann in den Graben zu werfen. Sturm und Gewitter brausten durch die Welt. Am Baume, dem sie in Zürich und Bern für die Menschheit 'hüteten, rüttelte es mächtig. Es fielen die Blätter, es fielen auch die Früchte, es krachten die Aeste ... Der japanische Krieg war für Rußland unglücklich ausgegangen, es verlor seine Flotte in den Fluten. Potemkimausstand in Odessa, Aufruhr in allen Ecken. Wladimir Jljitsch sah in all dem nur Etappen zu seinem Ziele. Gerüstet sein und auf der Hut! Was waren zehn Jahre auf einem Wege zu einem Ziele, dem der Vorwärtsmarsch der Menschheit von Jahrtausenden galt?! Mit jedem Jahre und zuletzt mit jedem Monat, jeder Woche, ja jedem Tage zogen sich die Gewitterwolken am Horizonte-mehr zusammen. Es wetterleuchtete überall. „Die Erde rpankt, Welterneuerung. Alles arbeitet für uns," entschied Jljitsch. „Bolsche bolsche, kracht es von unten herauf und von oben herab. Und ist die Erde rein gefegt, kommen w i r daran ..." Und als der erste August 1914 mit Donner und Blitz und Sturmgetöse kam upd der Club „Liberias" wie von einer Windhose erfaßt und in «die Lüfte gehoben wurde, war Wladimir Jljitsch Lenin nicht in Zürich, nicht in der Schweiz. Es hieß, er war in Lemberg aus einem Kongresse und fei dort als „russischer Spion" verhaftet worden. Rach wenigen Wochen tauchte er aber plötzlich wieder in Zürich auf, kräftiger, blühender, mutiger und tatenfroher denn je. Er arbeitete mit Sinjonew, Kamenew und anderen aus der Reihe der Vertrauten ganze Nächte hindurch. Für die Schwätzer und Jungdachse, Hitzköpfe und Mundhelden waren die Klubräume jetzt so gut wie gesperrt. Man hatte zu arbeiten. Und in diesen entscheidenden Phasen wog die Mitarbeit Meikemeiers mehr, als er selber ahnte . . . (Fortsetzung folgt.)

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