Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1931)
- Date
- 1931-07-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 29 Der Israelit 16. Juli 1931 Moschiach. Dem Hebräischen nacherzählt von ^Schluß.) Erew Tischabeaw war gekommen. In war kein Unterricht, und Schlaumele sorgte dieser freie Tag nicht unbenutzt verstrich. Er setzte sich in eine Ecke, und zählte an seinen Fingern seine Wünsche j der Schule dafür, daß langsam am Himmelsgewölbe dahin wie ein silbernes , klärt ihn aber als unbegabten und taktlosen Schrift- Schiffchen auf blauem Meere und wirft sein glitzerndes : stellervon Pilniak und Ostrower gibt er zu, daß in Licht auf die Fülle des nächtlichen Schweigens. Das! ihren Arbeiten ein antisemitischer Zug nachgerviesen Rauschen der Bäume ringsum vermengt sich mit dem j werden könne, erklärt jedoch, die Politik der kornmu- Tosen der Wellen in dem fernen Meere, und sie beide - nistischen Partei und der Sowjetregierung sei so geartet, vereinen sich zu einer wunderbaren Melodie, wie das ' daß der Antisemitismus auf russischem Boden nicht Wur- Lied der diensttuenden Engel. Tautröpfchen glänzen zel fassen könne. Gorki empfiehlt den Russen, von Enggleich silbernen Punkten auf den Gipfel der nahen Berge, land zu lernen, das dadurch, daß es-feinem politischen und ganz in der Ferne ertönt ein Lied. j und gesellschaftlichen Leben die Dienste „kluger und ener- Und da plötzlich geschieht das Wunder. Die Sterne; gischer Juden" zur Verfügung stelle, ununterbrochen neue ab. „Eins, zwei, drei, ...... zehn." Unsinn, es würde! sammeln sich nach einer Seite wie ein Heer, der Himmel, Kräfte gewinne. Schließlich fertigt Gorki die Behaupkeine Zeit sein, alles zu verlangen. Zuerst einmal mußte j zieht sich zusammen, ein großer Spalt wird sichtbar und. tung pseudowissenschaftlicher Antisemiten, die Juden seien er das wichtigste aussuchen, und wenn dann noch Zeit ein prachtvolles Schauspiel offenbart sich Schlaumeles j eine sterbende Nation, ab. Eine sterbende Mutter, erwäre, könnte er ja immer noch Bitten hinzufügen. Wegen j Augen: Ein hoher, erhabener Thron, ganz von Licht j klärt Gorki, hätte nicht Riesen wie Spinoza, Heine, der Prüfungen würde er gar nicht bitten, er war doch, umflossen, schwebt im All. Und.G'tt, der Allmächtige, Meyerbeer und Marx gebären können, jetzt sicher, versetzt zu werden. Alle Lehrer loben ihn. jsitzt auf dem Throne, verzehrendes Feuer ist sein Mick. (Die Zahl der Juden auf der Erde.) Die „Zeitschrift Geld wollte er auch nicht verlangen. Zu was brauchtZu Seinen Füßen schwebt ein kleiner Schemel, der ganz für Demographie unb Statistik der Juden" bringt eine ein Kind Geld? Großvater kauft ihm doch Bücher und j aus Edelsteinen besteht. Vom einen Ende der Welt bis von Raymond Pearl, Leiter des Bioloqischen Instituts Hefte. So strich er nun nach und nach eine Bitte nach! zum anderen reicht sein Glanz. Und Engel umschweben 1 ~ .. -. - — der anderen, und nur drei Wünsche blieben ihm übrig: , den Thron Serafim, Cherubim, Osanim und heilige Chajoth „sechs Flügel, sechs Flügel hat ein jeder." Schlaumele ist ein Augenblick ganz betäubt von dieser wunderbaren Erscheinung und vor lauter Erstaunen fehlt ihm die Kraft zu sprechen. die Großmutter zu sehen, ein langes Leben für Großvater, und daß G'tt bald Moschiach schicken solle. Doch nach einigem Nachdenken fand er auch schon unter diesen drei Bitten unnütze. Wozu braucht er zu verlangen, daß G'tt ihm die Großmutter zeige. Großvater sagt doch, wenn Moschiach kommt, erstehen alle Toten aus ihren Gräbern und dann wird auch Großmütterchen nach Hause kommen. Sie wird ihn liebkosen und ans Herz drücken, und o, wie wird er sie küssen. Und die Lebenden werden doch nicht sterben. Warum also ein langes Leben für Großväterchen verlangen? Ein schwerer Stein fiel von Schlaumeles Herz. Nun gab es nur die einzige Bitte: Moschiach soll kommen. Schlaumele war voller Glück. Der Erew Tischabeah geht zu Ende. Großväterchen sitzt aus der Erde und ißt die „Scheidemahlzeit", Ei mit Asche. Er hat die Schuhe ausgezogen und seine Füße stecken in Pantoffeln. Auch seinen seidenen Mantel hat er abgelegt, und einen alten, schlechten genommen. Und sie beide, Großväterchen und Schlaumele, gehen nach Schul, um Kinoth zu sagen. Auf dem Wege trafen sie Kinder mit Kletten in der Hand, und sie machten ihm ein Zeichen, zu ihnen zu kommen. Schlaumele aber schenkte ihnen gar keine Beachtung. Was hat er mit ihnen zu teilen? Großväterchen wendet sich ihm zu und fragt ihn mitleidig: „Schlaumele, willst du vielleicht mit den Kindern spielen? Sei nur vorsichtig, daß du dir deine Kleider nicht zerreißt," und erläßt seine Hand los. Schlaumele aber-geht nicht vom Platze. Sein Herz steht nicht nach Spielen. Das Deth Hamidrasch zeigt ein Vild der Trauer. Das Porauches ist vom Oraun Hakaudesch entfernt, vor dem Vorbeterpult brennt eine kleine Kerze. Die Bänke und die Ständer liegen umgedreht auf der Erde, gleichsam als trauerten auch die Wände des Beth Hamidrasch. Und mit trauernder Stimme beginnt der Chasan: „Wie einsam sitzt sie, die einst so volkreiche Stadt, wie ist sie gleich einer Witwe geworden." Und die ganze Gemeinde bricht in Tränen aus. Auch Großväterchen wejnt. Schlaumele hat großes Mitleid mit Großväterchen, und möchte ihm zu gerne Mitteilen, daß morgen um dieselbe Zeit, die Stadt schon nicht mehr einsam trauern wird, denn morgen kommt Moschiach, er, Schlaumele wird ihn bringen, und er wird in das große Schofar stoßen zu unserer Befreiung, und wird das Panier erheben, unsere Verstoßenen zu sammeln, und sammeln wird er uns zusammen von den vier Ecken der Erde, ganz so wie es in der „Schmaunoh Esre" heißt. Aber er hält an sich, denn er ist überzeugt, Grohväterchen wird ihm nicht glauben, ja vielleicht wird er sogar lachen über ihn, und so brächte er Großväterchen zu einer Sünde, am Tischabeaw darf man doch nicht lachen. Und Schlaumele schweigt. Er sieht seinen guten Großvater weinen und hält trotzdem an sich, muß an sich halten! — Die Kinoth sind zu Ende. Einer nach dem andern verlassen die Anwesenden das Beth Hamidrasch gesenkten Hauptes gleich Trauernden. Schlaumele will sich von Großvaters Händen losmachen und außerhalb der ganzen Stadt die ganze Nacht abwarten, bis der Himmel sich öffnet. Aber Grotzväterchen weih doch von nichts und zieht ihn an der Hand. Schlaumele muh wider leinen Willen mitgehen und hört, wie er ihn bei einem Nachbarn, der neben ihnen geht, bedauert: „Das Kind will schlafen, es ist schon spät. Er ist heute zum erstenmal bei den Kinoth. Er wollte keinesfalls zu Haufe bleiben." Und Schlaumele fühlt, daß sein Großvater sich über seine letzten Worte freut, sich aber bemüht, es nicht zu zeigen, denn es ist doch Tischabeaw heute, und Tischobeaw ist Freude verboten. Zu Hause sitzt die Mutter auf der Erde vor der „Kinoh", sie liest und weint, liest und weint. Schlaumele wendet seine Augen ab. Es fällt ihm schwer, die Mutter weinen zu sehen. Ach, wie könnte er sie trösten, wenn er ihr alles verraten wollte. Und er denkt bei sich: Wenn Mutter nur wüßte, daß morgen Moschiach kommt! „Geh schlafen mein Liebling", wendet sich da die Mutter an ibn. Sie legt die „Kinoh" aus der Hand und will anfängen, ihn auszuziehen. Schlaumele ist sehr betrübt. „Ich will nicht schlafen, Mutter," beginnt er sich zu entschuldigen, „es ist draußen so schön, darf ich noch ein wenig spazieren gehen?" Das Glück ist ihm günstig. Mutter will dis Kinoth fertig sagen, und Schlaumele geht ins Freie. Der Himmel ist tief dunkelblau und mit funkelnden Sternen besät, der Mond ist schön und klar, er zieht der I. Kopkih-Universität, hergestellte Statistik der Bevölkerung der Erde, wonach der gegenwärtige Stand der Menschheit auf 1.849.500.000 Seelen bemessen wird. Die Bevölkerung jüdischen Glaubens ist an dieser Gesamtheit mit nur 0,8 Proz. beteiligt. Den 0,8 Proz. Israeliten stehen 36,9 Proz. Christen und 62,3 Proz. Da tönt plötzlich ein donnerndes Getöse an sein Ohr, § Nichtchristen gegenüber. Den absoluten Stand 'des Ge- — und Schlaumele erwacht aus ferner Betäubung. Er; samtjudentums gibt Raymond Pearl mit 15.630.000 schaut sich um, aber am Himmel ist keine Erscheinung mehr zu sehen, ruhig wie zuvor zieht der Mond an dem blauen Gewölbe. Schlaumele hat den Augenblick Erbarmens verschlafen — und Moschiach kam nicht. Mexiko—Neuspanien. Mexiko oder,'wie es lange genannt wurde, Neuspanien, macht in der allerletzten Zeit wieder viel von sich reden durch seinen Antisemitismus. Mexiko war ja den Juden gegenüber stets eine treue Tochter Spaniens. Aber es ist nur wenig bekannt, wie die Inquisition daselbst seit etwa der Mitte des 16. Jahrhunderts gewütet hat. Interessante Details darüber veröffentlicht Teila Breuner in dem eben erschienenen Mai-Juni-Heft der Wiener „Menorah". Die Inquisition in Mexiko behauptete selbst, daß ihre Dienste vor allem der „verfluchten beschnittenen Sekte" wegen nötig seien. Anfänglich veranstalteten sie alle 10 Jahre öffentliche Autodafes, alljährlich kleinere, später aber mehrte sich die Zahl dieser „Glaubensakte". Für die Autodafes war ein ganz besonderer Prunk vorgesehen, die Rangordnung der Zuschauer aus hohen und höchsten Kreisen war durch ein besonderes Zeremoniell gewahrt; nur der Vizekönig durfte beispielsweise einen gepolsterten Fußschemel haben, für Adel und Geistlichkeit wurden prunkvolle, bequeme Logen und Sitzgelegenheiten geschaffen, die misera plebs die bei Androhung „schrecklicher Verdammnis" teilnehmen mußte, bekam den der Sonne ausgesetzten Teil mit rohen hölzernen Brettern zugewiesen; den Vor nehmen wurde ein reiches Frühstück kredenzt. Dis Kosten für all diesen Aufwand konnte man leicht aufbrrngen, da ja die Konfiskation des Vermögens der Verurteilten reiche Einnahmen schaffte. Die Opfer der Inquisition waren oft Juden, die aus Portugal vor der Inquisition geflüchtet waren oder deren Nachkommen. Zumeist waren es Leute in angesehener sozialer Stellung,, bei manchen mag auch die Gier nach ihrem Vermögen die Ursache ibrer Verfolgung gewesen sein. Jüdische Bräuche waren ihnen zum Verräter geworden, oft aber wurden sie erst durch die Folterungen ihnen nachgewiesen. Vor allem waren „Spuren der Veschneidung", Enthalten vom Schweinefleisch, Anzünden der Sabbatkerzen, manchmal auch Lässigkeit im Besuche der Messe und Beichte der Anlaß ihrer Verfolgung: Hostienschändung. Haß gegen den Stifter der christlichen Religion usw. wurde ihnen vorgeworfen, es gab kaum ein bekanntes „Schekerbilbul", um deffentwillen nicht Leute verdächtigt. Verdächtigte grausam gefoltert wurden. Mexiko wandelte treu in Spaniens Spuren. Tausende von Juden und des Judentums Verdächtige wurden auf grausamste Weise gefoltert und gemordet im Namen der alleinseligmachenden Kirche, im Zeichen der christlichen Nächstenliebe. lind die Folge? Mexiko, das alte reiche Land, ist heute ein von Bürgerkriegen zerfleischter Staat, dem auch der blutigste Antisemitismus nicht auf die Beine helfen wird. Wenn feine verantwortlichen Leiter nicht zu denen gehören, die „nichts gelernt und nichts vergessen haben", dann wäre ihnen Spanien ein warnendes Beispiel, Spanien, das sein fanatischer Judenhaß vom großen Weltreich heruntergebracht hat zu einem armen Staate, der heute die Rückkehr der vertriebenen Juden gerne sehen würde. L. eelen an. Die absoluten Zahlen für die anderen Re- , ligionen lauten wie folgt: Römisch - Katholiken — 331.500.000 (17,9 Proz. der Gesamtbevölkerung der Erde); Protestanten — 206.900.000 (11,2 Proz.); Orthodoxe und andere Christen — 144.000.000 (7,8 Proz.); Mohammedaner — 209.020.000 (11,3 Proz.); Buddhisten — 150.180.000 (8,1 Proz.); Hindus — 230.150.000 (12,5 Proz.); Anhänger von Konfuzius und Taoiten — 350.600.000 (19 Proz.); Ammisten — 135.650.000 (7,3 Proz.); sonstige Nichtchristen — 75.870.000 (4,1 Proz.). (Niedergang der jüdischen Bevölkerung Württembergs.) Der ITA. wird mitgeteilt: Die vom Oberrat der Israeliten Württembergs zusammengestellten Daten über die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung des Landes legen von neuem erschreckendes Zeugnis von dem Prozeß ab, den ein vor Jahren erschienenes Buch Dr. Theilhabers unter dem Titel „Der Untergang der deutschen Juden" voraussagt und den das Akademie-Werk von Prof. Heinrich Silbergleit für Preußen ziffernmäßig bestätigt hat. Die württembergische Uebersicht weist für das Jahr 1930 im ganzen 94 jüdische Geburten auf, denen nicht weniger als 171 Sterbefälle gegenüberstehen. Zählt man die 6 Austritte aus dem Judentum hinzu, die von den zwei Uebertritten zum Judentum nicht ausgeglichen werden, fo ergibt sich ein Abgang der jüdischen Bevölkerung, der fast doppelt so groß ist wie ihr Zuwachs. — Eheschließungen werden im ganzen 54 verzeichnet, von denen 42 rein jüdische und 12 Mischehen waren. (Maxim Gorki gegen den Antisemitismus in der Sowjetliterakur.) Als Entgegnung auf die Zuschrift eines Korrespondenten, in der daraus hingewiesen worden war, daß in den Schriften einzelner sowjetrussischer Autoren wie Boris Pilniak, L. Ostrower und Bruewitsch antisemitische Tendenzen zum Ausdruck kommen, veröffentlicht Maxim Gorki in der Ausgabe der „Jsvestija" vom 25. Juni einen Artikel, in dem er erklärt, es sei schmachvoll für Sowjetrußland, das Land, in dem die Grundlage zur Brüderlichkeit der Nationen gelegt wurde, den Makel des Antisemitismus zu tragen. Im Leben der Sowjet-Union und vor allem in der Sowjet-Literatur dürfe für Antisemitismus kein Platz sein. Gorki nimmt Bruewitsch, der mit Lenin eng befreundet war, gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz, er- . •a’Vna nt^K nia Vs? 'UaaV iritpa um» prn rnpy rran nijpy »nrj?a VVn$ Va$V niä? :rrn:n ns inn ntfaV fflWa 'MV icrn njTTS an rnbntf rniA nag« f ja aVa v?p tfjpaV gVsn rnwa ns? *Tia:pV >nVsnV rpan /flyDJ rms? anaV a'tpjn pkd ,y-na n? W pVn nntV rnr gatf nxjV nrnaV tqod5! aW assra B. W. Briefkasten. Skraßburg. Ffs. 50 — für Abonnement 3of. M. in eingegangen. H. C. Der 2. August 1902 war am 3. Aw 5652. P. V. Unseres Erachtens ist in.nV’an die Erklärung Raschis nötig, da man das *mv «in nms xb leicht auf den Text (nicht kürzen und nichts hinzufügen) beziehen könte. In N2V w» wo von Miloh die Rede ist, ist jedes M>tz° Verständnis ausgeschlossen, daher eine weitere Erklärung Raschis überflüssig. Ti. 71 Karlsruhe. 1. 22. Aw 5677. 2. Ob und wo Gelatine rituell hergestellt wird, ist uns nicht bekannt.