Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1931)
- Date
- 1931-07-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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9. Juli 1931 Der Israelit Nr. 28 Seite 11 anheim, sich zu den Beschuldigungen zu äußern und gegen den Briefschreiber klagbar vorzugehen, da er sich andernfalls auf Grund der Schlußworte in Lev. V, 1 verpflichtet sehen müsse, die Oeffentlichkeit aufmerksam zu machen, um so jedem Interessenten Gelegenheit zu geben, die Behauptung nachzuprüfen. In der postwendend erfolgenden Antwort umging Herr X die Beantwortung der Fragen, da er mir keine Rechenschaft schuldig sei. Ob und wann er gegen den Briefschreiber vorgehe, sei seine eigene Sache. Er sek immer der Ansicht gewesen, daß es im Bestreben eines Rabbiners liege, „ein gutes Einvernehmen und Glattstellung unter uns Juden zu erwirken". Da die Anschuldigungen inbezug auf die schweren Verstöße gegen das Mschrus aufre^terhalten wurden, machte ich Herrn X in einem zweiten Briefe den Vorschlag, die Angelegenheit einem rabbinischen Schiedsgericht st'i n'a) zu überweisem Herr X antwortete auch jetzt wieder alsbald nach Empfang meines Briefes, und zwar diesmal, wie er selbst schreibt, „etwas scharf", d. h. mit mancherlei beleidigenden Wendungen, auf die ich hier natürlich nicht eingehe, ober weder ging er auf den Vor,..,mg des rabbinischen Schiedsgerichts ein noch zeigte er sich jetzt geneigt gegen den „Denunzianten", wie er jetzt den Bri^,--reiber nennt, vorzugehen. Da die Behauptunaen, die auch von anderer Seite als dem Vriefschreiber gestützt werden, von den Betreffenden ««geschwächt aufrecht erhalten werden, sah ich mich gezwungen, diese Zeilen zu schreiben. Möge ein Jeder, der es ernst nimmt, daraus ersehen, daß auch die Bezeichnung eines Betriebes als „streng koscher" oder „streng rituell" noch nicht davon befreit, sich an zuständiger Stelle nach der religiösen Zuverlässigkeit desselben zu erkundigen. Dies gilt besonders für unsere Brüder aus jenen Ländern, in denen man eine „Aufsichtsführung" durch einen Rabbiner nicht kennt, in denen man sich nicht denken kann, daß der Besitzer eines Restaurationsbetriebes es wagen darf und wagen wird, denselben als „streng koscher" oder „streng rituell" zu bezeichnen, wenn er nicht wirklich alle Einzelheiten des Schulchan-Oruch in seiner Küche gewissenhaft befolgt. Jeder, der dazu Gelegenheit hat, sollte es als seine Pflicht ansehen, hier aufklärend zu wirken. Prov.-Rabb. Dr. Cohn- Marburg. Offener Brief an die Redaktion des Hamburger Familienblatts und an die Redaktion des Israelitischen Familienbtatts. Hamburg 36 Hamburg, den 3. Juli 1931. Sie haben auf meinen offenen Brief an Sie vom 2. Juni a. c. mit zwei Antworten, deren eine im Hamburger Familienblatt vom 2. Juli, deren andere im Israelitischen Familienblatt vom 2. Juli erschien, reagiert. Obgleich es mir selbst unangenehm ist, muß ich nochmals die Gastfreundschaft gesinnungsverwandter Blätter in der gleichen Angelegenheit in Anspruch nehmen. Ich würde dieses nicht tun, wenn es sich hier um mich persönlich handeln würde. Die Sachlage zwingt mich aber dazu. Zunächst zwei kurze Vorbemerkungen. Sie können in Ihrem ersten Bericht kein einziges Wort finden, das etwa als Beleidigung hätte angesehen werden könne. In der Redaktionsstube der Familienväter mag es nicht als Beleidigung gelten, wenn man jemandem vorwirst, daß er unter dem „Deckmantel der Frömmigkeit" operiert. Ebenso mag dort auch der Vorwurf des „Mangels an Charakterfestigkeit" oder der „Schwäche des Rückgrats" — siehF Ihre jüngste Stellungnahme — nicht als beleidigend gelten. Hingegen ist es in Ihren Augen Demagogie, wenn man von Ihrem Herrn Chefredakteur Verständnis für den Seelenzuftand eines Austrittlers erwartet, nachdem ihm dieer Zustand bis vor wenigen Jahren nicht unbekannt war. Billigung des Austritts-Standpunktes habe ich von ihm weder erwartet noch erwünscht. „Ueber den Geschmack läßt sich ja nicht streiten." Ich betone gegenüber Ihren Unterstellungen ganz ausdrücklich, daß ich nach wie vor voll und ganz zu den Gedanken stehe, wie ich sie in meinem Vortrag geäußert habe, nicht aber wie Sie sie, unwahr und verzerrt, in Ihrem ersten Bericht und genau so in den jetzt veröffentlichten beiden Aufsätzen wiederzugeben für richtig erachten. 1. Esi st unwahr, daß ich gesagt habe „den Wortführern des Liberalismus, den Rabbinern, die sich Lehrer nennen, müsse der ganze Zorn aller für das Judentum glühenden Herzen gelten." Wahr ist, daß ich Folgendes gesagt habe: „Dem Richtlinien-Jud e n t u m, den Lehren seiner Wortführer, die sich Rabbiner, d. h. Lehrer, nennen, dem r e l i g i o n s - tosen Nationalismus, dem Programm und den Theorien seiner Führer, die G'tt und seinem das Volk gestaltenden Gesetz gleichgültig oder gar negativ gegenüberstehen, ihnen müßte der ganze Zorn aller für das alte Judentum, für die Tauroh glühenden Herzen gelten" Mir scheint, daß es auch dem Gegner gegenüber Iour-- ualistenpflicht wäre, r i ch t i g zu zitieren und nicht Ideen mit Personen zu vertauschen. 2. Es ist unwahr, daß ich es getadelt habe, daß man die liberalen Rabbiner in orthodoxen Synagogen ^ur Tauroh aufrufe. Ich habe mich mit dieser gewiß umstrittenen Frage gar nicht beschäftigt, vielmehr bedauernd festgestellt, daß man ihnen in unseren Synagogen beim Ausrufen den Titel am W’-vi» zuerkennt. Wahri st , daß ich wörtlich gesagt habe: „Damals nannten sie ihre Seelsorger „Prediger", ihre heutigen tragen den Titel „Rabbiner". Ja, in orthodoxen Synagogen ruft man sie zur Tauroh, zu derselben Tauroh, deren Offenbarungscharakter sie nicht anerkennen, unter dem Titel 3. Sie zitieren,, aus dem Zusammenhang herausgerissen und durch Weglassung des jüdischen Kennwortes unvollständig, ein Wort der Mechilta, das ich brachte. Ich lasse das Zitat, so wie S i e es bringen, folgen: „Gegenüber dem Gesetzlosen, nur seiner Willkür Lebenden kein verständnisvolles Einfühlen, kein Versuch, auch seinen Standpunkt als einer Richtung gerecht zu werden, ihm gegenüber Klarheit und deutliche Ablehnung: Hier steht der Feind!" Daraus ziehen Sie den Schluß: „Also deutlich wird hier ausgesprochen, daß derjenige, d e r d e n Liberalismus auch nur als Richtung anerkennt, der „Feind" ist." Steht in diesem Zitat auch nur ein Wort von dem, was Sie hineininterpretieren wollen? Wird eine Unwahrheit wahrer, wenn man sie zweimal ausspricht? Ich wiederhole also: Ihre Behauptung, ich habe jeden, der den Liberalismus duldet und als religiöse Richtung anerkennt, als Feind bezeichnet, ist unwahr. 4. Daß aud) bie Gemeindeorthodoxie, die sich auf den Würzburger Raw berust, den Liberalismus nicht als berechtigte Richtung im Judentum anerkennt, habe ich bei früherer Gelegenheit in der Deutsch-Israelitischen Zeitung, nebenbei bemerkt, ausführlich begründet, so daß also auch Ihre weitere Behauptung, der Vortrag hätte der G e m e i n d e o r t h o d o x i e feindliche Tendenzen, unwahr ist und un° wahr bleibt. 5. Die Unwahrhaftigkeit Ihrer Darstellung tritt weiter in ein grelles Licht, wenn Sie jetzt erneut die l i b eralen Menschen und den Liberalismus in einen Topf werfen. Der Vortrag wandte sich gegen die Gedankensysteme des Liberalismus, gegen k e f i r o und minus, nicht aber gegen die Menschen, wie Ihr er st er Bericht glauben machen wollte. Eine Richtigstellung nach dieser Richtung hin lehnten Sie mit der Begründung ab, daß die Leser Ihres Blattes einen solchen Unterschied nicht verstünden. Es scheint, daß auch Ihnen dieser Unterschied nicht klar ist, oder sollte Ihnen ganz zufällig zu diesem Punkt e i n kleiner Schreibfehler unterlaufen sein? Wer aber intellektuell unfähig ist, die Notwendigkeit des Kampfes der Ideen bei aller duldsamen Schonung der Menschen zu erfassen, der sollte in solchen Dingen gar nicht das Wort ergreifen. 5. Besonders scheint Sie die Bemerkung über den Sinn von «in -rrni»' rrrmv erregt zu haben. Sie stammt aber nicht von dem ergebenst Unterzeichneten, sondern ist im talmudischen Schrifttum und in den Dezisoren allgemein anerkannt. Daß ein «wnisa rcn? a)»nn, jemand, der öffentlich den Sabbat entweiht, in den Vorstand einer jüdischen Gemeinde, die als Zibbur gelten will, nach dem Din nicht wählbar ist, an dieser religronsgösetzl i ch e n Tatsache kann weder der Schreiber ds. etwas ändern, noch wird sie der liberalste Rabbiner, sofern er kein Amhoorez ist, zu bestreiten wagen. Wenn darin eine Friedensstörung liegt, so ist das Religionsgesetz verantwortlich, nicht aber derjenige, der die Wahrheit des Religionsgesetzes verkündet. 6. Die Feststellung: „Wenn das Tauroh- Judentum Wahrheit ist, dann ist ihr Judentum Lüge; wenn das Tauroh- Judentum Treue ist, dann ist ihres Verrat und Abfall", ist und bleibt meine tiefste Ueberzeugung. Dieses Bekenntnis schwäche ich nicht durch „Spitzfindigkeiten" ab, ich wiederhole es in voller Eindeutigkeit und füge dem die Meinung an, daß jeder gesetzestreue Jude auf diesem Standpunkt steht. Für den, der an Tauroh min Haschomajim wahrhaft glaubt, wird es keine andere Alternative geben. Dieses gilt für Austrittler sowie für Gemeindeorthodoxe, für Agudisten wie für Misrachisten, für orthodoxe Bankdirektoren ebenso wie für orthodoxeChefredakteure. Wolf,S. Jacobson. Die Woche. Jüdische Volksbibliothek. Die Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, Frankfurt a. M., Rechneigrabenstr. 10, schreibt uns: Die kürzlich gegründete Volksbibliothek der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums erfreut sich einer solch starken Nachfrage, daß, wie aus dem heutigen Inseratenteil ersichtlich, die Freie Vereinigung sich entschlossen hat, die Bibliothek durch eine Reihe weiterer Werke zu komplettieren. Drei Bändchen von Schachnowitz (Skizzen aus Litauen, Der Rabbi von Suvalki, Im Schatten des Weltkrieges) zeigen uns Heimatkunst im besten Sinne, die der beliebte Erzähler uns hier brachte. Wir blicken in die dunklen Stübchen und in die vom Licht erhellten Seelen der litauischen Ghetto-Bewohner, lachen und weinen mit ihnen und stehen ehrfürchtig vor der Kraft der jüdischen Lehre, die mitten im grauen Weltkriege die köstliche Blüte reinen Menschentums zu erhalten versteht. Eine Reihe von Biographien von Rabb. Dr. W reschn e r, Rabb. Dr. Unna und Dr. Weigel führen uns die Gestalten von Hillel und Akiba, Rabbi Jehuda Hanasi, Rabb Akiba Eger und den Wilnaer Gaon plastisch vor Augen und erfüllen den Leser mit Stolz und Begeisterung für diese Werke jüdischer Nationalhelden. Max Spei er gibt uns in seinen beiden Geschichtenbüchlein gemütvolle Erzählungen für die jüdische Jugend, doch werden auch Erwachsene ihre Freude daran haben. Die Sammlung wird fortgesetzt. Aus der Tätigkeit der Agudiftifchen Frauen-Ortsgruvpe» Frankfurt a. IR. Im nun abgeschlossenen Sommersemester wurden wieder abwechselnd Arbeitsgemeinschaften und Vorträge abgehalten. Herr Konrektor A. Hirschberg verstand es vorzüglich, die Schönheiten und tiefen Gedankengänge der „Sprüche der Väter" seinen Zuhörerinnen darzulegen, welche mit stets wachsendem Interesse und Verständnis seinen Erklärungen folgten. Herr Dr. Willy H o f m a n n gab Erläuterungen über die Dinim bei der Krankenpflege an Sabbat und Jomim Tauwim. Seine für das praktische Leben so gut zu verwertenden Ausführungen wurden von allen dankbar ausgenommen. Die wunderbaren T'filloh-Vorträge von Herrn Jacob R o f e n h e i m bildeten ein großes Ereignis. Das jüdische Leben, erfüllt von g'ttlichem Wirken, wurde in Verbindung mit den täglichen Gebeten vom Redner in vollendeter Rhetorik und tiefem Gefühle geschildert. Die hier gebotenen geistigen Anregungen haben alle Mitglieder in der Vertiefung ihres jüdischen Strebens gefördert und bereichert. Die Agudistifche Frauen-Ortsgruppe, Frankfurt a. M. macht darauf aufmerksam, daß s. G. w., am 25. und 26. August ds. Js. die erste Tagung der „Jnternatonalen Vereinigung der agudistischen Frauen-Gruppen" in Nürnberg stattfindet. Alle Mitglieder sind hierzu herzlichst eingeladen. Näheres über die Tagung wird noch mitgeteilt werden. Hort für jüdische Mädchen. Auch dieses Jahr hat der Hort eine Ferienkolon i e eingerichtet, die beinahe 120 Kinder (Mädchen) umfaßt. Unter dem Schutz der bewährten Leiterinnen verbringen die Kinder im Tivoligarten, Darmstädterlandstraße, den ganzen Tag bei Sport und Spiel in der freien Natur. Sie erhalten ein gutes warmes Mittagessen und ein Vesperbrot. Die Einrichtung, eine Schöpfung der Frau Beschoss, erweist sich gerade dieses Jahr als großer Segen. Weitere Spenden erbeten. Jüdischer Mädchenklub. Langesiraße 3. Am. 2. Juli hielt der Verein seine 29. Generalversammlung ab. Nachdem Frau Irene Darmstädter als 1. Vorsitzende den Abend eröffnet hatte, verlas Frl. Henny Wallerstein als Leiterin des Klubs den Tätigkeitsbericht des vergangenen Jahres. Es war durchaus zu ersehen, daß trotz der herrschenden materiellen Not das geistige Niveau unserer Arbeit nicht gelitten hat. Das beweisen der gute Besuch der Heimabende und die rege Beteiligung der Mitglieder an den Kursen, den Arbeitsgemeinschaften, den Vorträgen, den Führungen und Konzerten sowie die Benutzung der Bibliothek. Der körperlichen Ertüchtigung dienten Gymnastik und Wanderungen. Die Pflege der Geselligkeit wurde nicht vernachlässigt. Oesters wurden gemütliche Abende veranstaltet und zu besonderen Gelegenheiten Theater gespielt. — Die Handarbeitskurse waren derart überfüllt, daß die Anstellung einer neuen Lehrkraft dringend gewünscht wurde. Im weiteren Verlauf der G.-V. wurde der neue Vorstand gewählt/ und statt des sonst üblichen Vortrages entwickelte sich unter Leitung von Frl. Bertha Pappenheim eine Aussprache über die Not der heutigen Jugend. Diese Aussprache erschien einigen Mitgliedern so wertvoll, daß sie sie an anderen Abenden sortzusetzen wünschten. Nachdem Frau Clem Cramer den Kassenbericht verlesen hatte, wurden die Vorschläge für die Arbeit im neuen Vereinsjahr besprochen und diesbezügl. Beschlüsse gefaßt. Unsere Arbeit nach den Ferien soll mit einem Vortragsabend beginnen, an dem Frl. Bertha Pappenheim einen Bericht über ihre Nußlandreise geben wird. Fchs. Dr. Gustav Skiebel n'y zum Gedenken. Soll Deinen Ruhm als Helfer, Mensch, Als Jude ich verkünden? In allem warst erhaben Du und groß! Befcheid'nen Sinn's, ein Herz aus laut'rem Gold, Unbeugsam nur allein, wenn's galt. Dem Unglück einen Weg zu sperren. Der Krankheit Bitternis nahmst Du den Stachel; Mit güt'gem Wort des Schicksals Schwere mildernd, Hast Seelen Du mit neuem Mut belebt, Wenn oft die Hand schon zu erlahmen drohte. Ein strahlend Leuchten war Dein gütig^ Auge, Ein sonnig Lächeln stets Dein Angesicht, Und Deiner treuen Hände Druck Kam einem Bündnis gleich. Verwaist, verlassen eine ganze Welt, Ist Deine Welt, mit Meisterhand erbaut, Mit Güte, Liebe, Hilfe Ausgestattet, Und die nun, ach, in Trümmern liegt- (Sin Heiligtum, ein Tempel ist gefallen! Ein guter G'tt mög' in Erbarmen Aufs Neue ihn erbau'n. B.