Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1931)
- Date
- 1931-07-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 28 Seite 9 9. Juli 1931 Der Israelit!trM5 ihrer internen Angelegenheiten ermöglicht. — Die Maßnahmen zur Förderung der allgemeinen Wohlfahrt fntö auch der jüdischen, .Gemeinschaft zugute gekommen. Die Regierung hat die,Fädtische Industrie durch Gewährung von Zollsreiheit aus gewisse Rohmaterialien und > Halbfabrikate, sowie durch Einführung von Schutzzöllen i gefordert. Zollfreiheit besteht außerdem für viele Maischinen, landwirtschaftliche Geräte, Chemikalien, Düngemittel, Röhren und sonstiges Material für Drainage und! Bewässerung. Die Mandatarmacht hat für die Ausdehnung der! zwischen England und verschiedenen , Staaten bestehenden Handelsverträge auf, Palästina Sorge getragen; mit j Syrien wurde freier Händel mit lokalen Produkten und Fabrikaten vereinbart. — Betriebshygiene und Arbeiterin falluersicherung wurden behördlch geregelt. Auf Grund besonderer Bestimmungen des Nationali-! tätengefetzes zur Erleichterung der Erwerbung der pa- 'lüsiinensischen Landesbürgerschaft durch Juden haben 1022 8500 jüdische Familienoberhäupter, die 20 000 l Seelen repräsentieren, für die palästinensische Bürgerschaft optiert. Als Maßnahmen zur Förderung der Landesentwick- >lung werden sodann Steuerreformen, der Ausbau des Straßen-, Eisenbahn-, Telegraphen- und Telefonnetzes,!der Hafenbau in Haifa und die zur Durchführung von Elektrifizierungs- und Vewäfserungsprojekten, zur Verwertung der Mineralschätze des Toten Meeres und der heißen Quellen in Liberias erteilten Konzessionen angeführt. ' ' ■' ' ' Die zionistischen Schulen erhalten eine jährliche Subvention von 20 000 Pfund. Private' jüdische Schulen erhalten Zuwendungen per capita. Oesfentliche Arbeiten dienten der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Das Landwirtschaftsdepartement fördert die jüdischen Siedlungen durch Bekämpfung der Pflanzen- und Tierkrankheiten, der Heuschrecken- und Feldmäuseplage, das Ge-? sundheitsdepartement durch systematische Malariabekämpfüng. Es folgt ein Abschnitt über die öffentliche Sicherheit. Das Polizeikorps besteht aus 692 Engländern und 2028 Palästinensern (unter ihnen 21 jüdische Offiziere und 306 jüdische Polizisten), das Grenzkorps aus 980 Mann (unter ihnen 28 Juden), die Garnison aus zwei Bataillonen der britischen Armee, 2 Luftgeschwadern und einer Panzerwagenkompanie. Jede isolierte jüdische Kolonie besitzt versiegelte Wafsendepots. Für die politische Vertretung der Juden sei sowohl in dem von 1920 bis 1923 bestandenen Beirat wie in dem 1922 geplanten Legislative Council vorgesorgt gewesen. Die vor 1926 ernannten, später gewählten Stadtvertretungen enthielten stets eine entsprechende Anzahl jüdischer Mitglieder. Tel-Awiw besitzt weitgehende Steuerhoheit. Die Juden sind auch im Archäologischen Ausschuß, in der Zentral-Stadt-Planungskommission und im Allgemeinen Landwirtschaftsrat vertreten. Den Repräsentanten der Jewish Agency ist rascher Zutritt zum High Commissioner, zum Chefsekretär und zu den Leitern der Departements zwecks Erörterung der mit der Errichtung des Nationalheims in Zusammenhang stehenden Fragen gewährleistet. Vor gesetzgeberischen und anderen Regierungsmahnahmen wird die Agency zur Darlegung ihres Standpunktes eingeladen. Ungarn. Die „Vereinigung" des kaschruswesens in Budapest. Budapest, 3. Juli. Die Presse bringt die sensationelle Nachricht, daß neologe und die orthodoxe Gemeinde in Budapest >hr Kaschruswesen „vereinigt" hätten. In Wirklichkeit handelt es sich nicht um eine Bereinigung, sondern um die Aufgabe der gesamten rituellen Cchochito und Lebensmittelversorgung durch die neologe Gemeinde, die damit zwar inl wesentlichen Ersparnispolitik treibt, im Grunde aber' d"ch auch aus ihren eigenen „religiösen" Prinzipien heraus nur konsequent handelt. Das gesamte Kaschruswesen in Budapest wird nunmehr in der Hand der auto-, vomen orthodoxen Kultusgemeinde liegen, die gerade auf diesem Gebiete seit Jahrzehnten geradezu mustergültige Einrichtungen geschaffen hat. Einen schweren Schlag bedeutet die Preisgabe des Kaschruswesens durch die neologe Gemeinde für den von dieser Gemeinde angestellten konservativen Rabbiner, Dr. Benjamin Fischer, der sich um die Besserung des Kaschruswesens große Mühe gegeben hatte und der nun durch seine neologen Amtskollegen in optima forma desavouiert worden ist. Der ganze Vorgang ist jedenfalls als ein starker Erfolg der Budapester, ja der ungarischen Orthodoxie überhaupt zu buchen. (Dem Bericht unseres Korrespondenten müssen wir hinzufügen, daß nach offiziellen Auskünften in der Angelegenheit zwar Besprechungen stattgefunden haben, ein Beschluß aber noch in keiner Weise gefaßt worden sei. Red.). Spanien. Konstituierung eines Rates der Sephardim Spaniens. Madrid, 1. Juli. Unter dem Vorsitz des Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Madrid, Jgnaeio Bauer, hielt am Mittwoch, den 24. Juni, der neugebildete Rat der Verbände spanischer Sephardim seine erste Sitzung ab. Dem Rate gehören außer Präsident Bauer die . Herren Coriat, Ayuso, Coinoechea und Ortega an. Es wurde beschlossen, eine Kommission zur Erforschung der nationalen Archive und zmn Studium rabbinischer Angelegenheiten einzusetze'n, ferner jüdische Gelehre aus dem, Ausland einzuladen, die sich dem Studium der Judenfrage und der jüdischen Geschichte in Spanien widmen sollen. An die Weltjudenheit soll der Appell gerichtet werden, Mittel für diesen Zweck zur. Verfügung zu stellen. Das Mitglied des Rates, Ortega, wurde ermächtigt, sich an die Regierung mit der Bitte um Wiedereröffnung der berühmten im Jahre 1357 von Abulafia erbauten Synagoge El Transits in Toledo zu wenden. In dem Beschluß des Rates wird darauf hingewiesen, daß die Wiedereröffnung dieser Ende des 19. Jahrhunderts von der spant-- schen Regierung als Nationaldenkmal erklärten Synagoge einen ungemein günstigen Eindruck auf die jüdische Oeffentlichkeit und die freiheitlichen Kreise der ganzen Welt machen werde. Polen. Die Rabbinatsfrage in Lemberg. Lemberg, 2. Juli. Auf Intervention der Staatsbehörde hat sich die Verwaltung der Lemberger Gemeinde nun endlich entschlossen, einen entscheidenden Schritt hinsichtlich der Wiederbesetzung des Rabbinats vorwärts zu tun. Mit 6 gegen 6 Stimmen, wobei der Präses den Ausschlag gab, ist beschlossen worden,., die Rabbinatsoakanz auszuschreiben. Es ist zu hoffen, daß die Frage nun endlich einmal aus dem Stadium des ewigen Diplomatisierens herauskommen und einer praktischen Erledigung zugeführt werden wird. Tauftragödie in Galizien. Lemberg, 2. Juli. In zwei Fällen, mußte Oberrabbiner Lew in, Rzeszow wegen Entführung von Töchtern frommer jüdischer Familien ins Kloster oder an den Taufbecken intervenieren. Der erste Fall betrisst eine Familie in Prudkin. Ein 18jähriges Mädchen wurde von dem dortigen Schullehrer dermaßen beeinflußt, daß sie im Kloster landete. Leider haben die Bemühungen nur ausrichten können, daß dem Vater noch weiter das Aufsichtsrecht über die Tochter zugesprochen wurde. Sie bleibt aber nach wie vor im Kloster. Der schuldige'Lehrer wurde strafweise versetzt. Der zweite traurige Fall trug sich in Rymanow zu. Dort verschwand ein junges jüdisches Mädchen auf geheimnisvolle Weise. Auf Bemühungen des Herrn Oberrabbiner Lewin wurde die Polizei in Bewegung gesetzt. Man fand die verlorene Tochter im kirchlichen Schutz und brachte sie ihren Eltern zurück. Das sind traurige Belege dafür, wie nötig die Reorganisation der Töchtererziehung in Galizien ist und welche heiligen Aufgaben die Bes Jaakauw- und Benoth Agudas Jisroel-Bewegung auf sich genommen haben. Die neue Kehillohverwaltung in Warschau Warschau, 7. Juli. In einer stürmischen Sitzung wurde am Mittwoch der Vorstand auf Grund der neuen Gemeindewahlen zusammengesetzt. Die Wahlen ergaben folgendes Resultat: Die Agudaliste bekam 26, „Adaß Jisroel" 14, Misrachi 5, Allgemeine Zionisten 12 Stimmen. Danach verfügt die A g u d a über 8 Mandate. Mit dem Mandat der Adaß Jisroel hat die Orthodoxie mit 9 von 15 Mandaten die Majorität im Vorstande. Als neugewählte Vorsteher ziehen in den Vorstand ein: Eli Masur, Mosche Lerner, Efraim Runder, Leo Finkelstein, Meschulem Kammer, A. M. Morgenstern, David Pischitz, Stanislau Rosenberg, Jizchok Stückgold, Heschel Farbstein, Leib Sczaranski, Mosche Feldstein, Menachem Ellenberg, Dr. Drollitsch und Jakob Himmelfarb. Präsident ward Eli Masur. Tschechoslowakei. Große Protestkundgebung gegen die Sabbatschändung in Erez Jisroel. Bratislava, 8. Juli. Die angekündigte Protestkundgebung der religiös gesinnten Juden Bratislavas gegen die organisierte Entweihung des Sabbats durch die zionistische Turnerschaft im Heiligen Lande ries Sonntag, den 13. Tammus, eine große Schar von Juden aller Gesellschaftsklassen in den Turnsaal der orthodoxen Volksschule. Zuerst ergriff der Präses der Agudas Jisroel-Ortsgruppe, Herr Markus Fürst, das Wort zur Begrüßungsansprache. In schlichten Worten schilderte er die letzten Vorgänge in Jerusalem und charakterisierte die Frivolität, mit der man dort fromme Juden, nur weil sie für die Heiligung des Sabbats eintraten, blutig geschlagen und eingekerkert hat. Der Vorsitzende, Herr Oberrabbiner Schreiber, gab sodann dem tiefsten Schmerze der gesamten Judenheit über die Vorfälle beredten Ausdruck. Man dürfe sich mit dem Proteste allein nicht begnügen, sondern man sollte mit gesteigerter Tatkraft die echtjüdische Bevölkerung des Heiligen Landes — den unterstützen, damit sie gegen das Vordringen der Sabbatentweiher gestärkt und gewappnet dasteht. Sodann wandte sich Herr I. I. Braun mit einer Ansprache an die Versammlung. Er beklagte nicht bloß das Vorgehen der zionistischen Turner, die nur'unter Einwirkung und in der Konsequenz der thoralosen neujüdischen Gedankenwelt das tun, was eine klar bewußte kulturpolitische Richtung und ihre unjüdische Phantasie ihnen als „jüdisch" vorgaukelt, sondern vor allem die Macht der Gewohnheit, die auch in den Seelen der religiösen Juden allmählich einen Geist der unerlaubten und verhängnisvollen Duldsamkeit gegen die moralischen und geistigen Verbrechen erzeugt, die täglich und stündlich hier und in.Erez Jisroel an dem jüdischen Volk unter der Maske eines neuerfundenen Judentums begangen werden. An diesem Zustande, der folgenschwerer ist als das, was die Turner in Jerusalem taten, tragen wir selber die Schuld . . . Ihm ein Ende zu bereiten, sei dringend nötig und sollte nunmehr ernster Vorsatz aller ernsten Juden sein. Es wird dann eins Resolution angenommen, in der auf das schärfste gegen die neuerlich demonstrativ fortgesetzte öffentliche Entweihung des Sabbats und die herausfordernde Verletzung der religiösen Gefühle des gesamten jüdischen Volkes durch die Veranstaltung von Turnwettspielen am Sabbat durch Juden in der Stadt des jüdischen Heiligtums Jerusalem und in den anderen jüdischen Siedlungen des Heiligen Landes protestiert wird. Ferner spricht die Versammlung der Agudas Jisroel und dem Waad Hoir Hoaschkenasim in Jerusalem und ihrem ehrwürdigen Führer Oberrabbiner Rabbi Chajim Sonnenfeld Dank und Anerkennung aus für ihren opfervollen Mut, diesen skandalösen Zuständen zur Wahrung der Ehre des jüdischen Volkes mit allen Mitteln ein Ende zu bereiten'!'