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Der Israelit · 1931-07-09 · Heft 28 (9.7.1931) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 28 (9.7.1931)
Date
1931-07-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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9. Juli 1931 Der Israelit Nr. 28 Aus dem Nationalfond-Referat Uffifchkins spricht ein Optimismus auf etwas dunkler Grundlage. „Wir haben 160 Märtyrer begraben und 3000 neue Juden ins Land gebracht". „Man hat jüdisches Eigentum zerstört und 650.000 Pfund wurden zur Erneuerung des jüdischen Besitzes im Lande aufgebracht". Wer den Boden besitzen wird, wird Herr im Lande sein. Hätten ihn dieAraber, so würde auch eine jüdische Millionenbevölkerung in Tel- Awiw mit Wolkenkratzern nichts nützen. 95 Proz. des Bodens liegen brach und man spricht von Ueberfüllung. Die zionistische Leitung sei nicht frei von Schuld zu sprechen. Als Antwort auf das Weißbuch setzte eine Massensammlung ein, die allen Schwierigkeiten zum Trotze, Lst. 2500.— einbrachte. Er bringt zum Schluß drei Resolutionen ein, die alle darauf hinausgehen, den jüdischen Bodenbesitz in Palästina zu vermehren und urbar zu machen. lieber Keren Hajessod konnte Dr. Hantke nicht viel erfreuliches sagen. Die Rückgänge betrugen im letzten Jahre 25 Proz. der Eingänge in früheren Jahren. Freilich sei diese Erscheinung nicht als Krisis des Keren Hajeisod anzusprechen, sondern eine Folge der Weltkrisis, besonders der wirtschaftlichen Depression in Amerika. Er hofft, daß die nächsten Jahre den Ausgleich bringen. Arloforoff weiß in feinem Referate über Finanzprobleme mitzuteilen, daß in den letzten Jahren rund DO Millionen Dollar nach Palästina gebracht wurden. 90 000 Juden find in diesem Zeiträume ins Land gekommen. Es sei unabweislich nötig, daß zumindest 20 000 Menschen jährlich kolonisiert werden, dafür reichen aber die zwei Finanzinstitute, Nationalfond und Keren Hajessod, nicht aus. Er plädiert für eine internationale Anleihe. Felix Rosenblüth konstatiert in seinem Referate auch einen kleinen Rückgang an Schekelzahlern in Amerika, in Polen sei die Zahl der Schekolim gewachsen. Der Zionismus verfüge über einen guten Nachwuchs, der nicht allein den radikalen Flügeln rechts und links zustrebe, sondern auch den Allgemeinen Zionisten zugute komme. Er hält dann eine scharfe Abrechnung mit den Revisionisten, was diese mit Zwischenrufen quittieren, so daß der Vorsitzende, Motzkin, eingreifen muß. Die Generaldebatte. Am Donnerstag beginnen die Generaldebatten mit einer Anklage des Arbeiterführers Ben G u - tion gegen die Palästina-Verwaltung, die keinen Boden und keine Arbeit für die Juden hätte. Die von ihm vertretene Partei ist die stärkste auf dem Kongreß und verfügt über ein Drittel der Mandate. Er wünscht kategorisch die freie jüdische Einwanderung. Gleich nach ihm ergreift Jabotinsky, von einem Beifallssturm empfangen, das Wort zu seiner großen, schon beinahe obligatorischen Oppositionsrede. Sie füllt beinahe den ganzen Donnerstagnachmittag aus. Jabotinsky will vom revisionistischen Standpunkte aus nur zwei Dinge behandeln: den Macdonald- Brief und die Zielsetzung des Zionismus. Er weiß, daß die Beziehungen des Kongresses zum Weißbuch einstimmig ablehnend sei, dagegen enthalte der Macdonaldbrief gewisse Punkte, die man unparteiisch akzeptieren könne. Ueberwiegend seien aber die schlimmen Punkte, die das Weißbuch nur bestätigen. Erkennt man den Macdonaldbrief an, so erkennt man damit auch stillschweigend das Weißbuch an. Das Schlimmste sei, daß der Macdonaldbrief dem arabischen Volk das Vetorecht gebe bei jedem Schritt, den die Regierung zur Ausführung des Mandates tue. Eine gesetzgebende Versammlung in Palästina ohne Nachteile für uns sei eine Illusion. Er geht dann auf die Frage der Zielsetzung über. An Stelle der „Heimstätte" oder „Nationalheim" wünscht er den „Staat". Ein Judenst a a t setze aber erstens eine Mehrheit und zweitens eine Selbstregierung voraus. Auf die Mehrheit kommt es zunächst an. Wer sie durch Einwanderungsbeschränkung verhindert, verstößt gegen den Geist des Mandates, das die Rückkehr der Juden nach Palästina gewährt. Er schlägt eine Resolution vor, wonach das Ziel des Zionismus die Schaffung einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit auf beiden Seiten des Jordans sei. Er definiert noch das Wort „Judenstaat" und begründet mit großer Rhetorik seine Forderung nach einer Mehrheit und seine These, daß ohne England, sogar gegen England, es genau so gut ginge. Tosender Beifall seiner -Freunde quittiert die Worte Jabotinskys. Die Woche. Berlin. Der preußische Kultusminister macht in seinem Erlaß betreffend die Studentenunruhen es den akademischen Disziplinarbehörden zur Pflicht, das Disziplinarverfahren gegen Unruhestifter so schleunig vorzunehmen, daß es innerhalb einer Woche zum Abschluß gebracht werden kann. Er stellt fest, die Skandalmacher zeigen einen Mangel an nationaler Würde, der dem Ansehen der deutschen Hochschulen selbst im In- und Ausland starken Abbruch tut. — 73jährig verstarb Frau Ernestine Eschelbacher, Witwe des Berliner Rabbiner Josef Eschelbacher s. A. Auf sozialem und jüdischem Wohlfahrtsgebiet hoch verdient, war Frau Eschelbacher eine der populärsten jüdischen Frauen in Deutschland. — Eine Gruppe jüdischer Pfadfinder wurde vor einigen Tagen vor ihrem Heime auf dem Viktoria Luisenplatz von Nationalsozialisten angerempelt. Der jugendliche Führer der Pfadfinder wurde zu Boden gerissen und schwer mißhandelt. Als das Ueberfallkommando anrückte, waren die nationalsozialistischen Helden verschwunden. Ueberfälle solcher Art, wobei die Angreifer keinen Laut von sich geben und alle Spuren hinter sich verwischen, mehren sich in letzterer Zeit in bedenklicher Weise. Köln. Die antisemitischen Studentenkrawalle an der Kölner Universität bildeten wohl den Höhepunkt in der Skala der Tumulte der letzten Zeit. Es ist aber erfreulich, zu konstatieren, daß nirgendwo Rektorat und Akademischer Senat Mit solcher Energie durchgegriffen haben wie gerade in Köln. Es ist von den Studenten ein Ordnungsdien st eingerichtet worden, der alle Parteien bis zur gemäßigten Rechte, einschließlich der Asta, umfaßt, hnmhuxg. Am 17. Juli begeht Rabbiner S. B. B a m b e r - g e r, Wandsbeck, seinen 6 0. Geburtstag. Er ist ein Sohn des Würzburger Rabbiners Nathan Bamberger s. A. und seit 1902 Rabbiner der Gemeinde Wandsbeck. Als Vors, des Nordwestdeutschen -Rabbinerverbandes und Leiter mehrerer Kommissionen der Verbandsinstanzen der Hansestädte nimmt er regen Anteil am jüdischen Organisationsleben. Trier. Wie hier berichtet, wurde vor kurzem eine jüdische Wandergruppe aus Trier von völkischen Altersgenossen angegriffen und schwer attakkiert. Das Gericht erkannte jetzt gegen den Rädelsführer, der auch schon ein Sittlichkeitsverbrechen auf dem Kerbholz hat, auf eine Gefängnisstrafe von 5 Wochen. Weitere 5 Angeklagte erhielten Geldstrafen. Wien. Friedrich Austerlitz, ein bekannter Name im politischen Leben, seit vierzig Jahren Chefredakteur der „Wiener Arbeitszeitung", ist gestorben. — Der Herausgeber der jüdischen Wochenschrift „Die Wahrheit" und führendes Mitglied der Union der österreichischen Juden, Ludwig H i r s ch f e l d, ist kürzlich gestorben. Der Verblichene war bei Verbandsgenossen wie bei politischen Gegnern gleich angesehen. Prag. Die medizinische Fakultät teilt mit, daß wegen 8 Ueberfüllung fortan be der Inskription an der medizinischen Fakultät gewisse Beschränkungen für Ausländer eingeführt werden müssen. Es handelt sich natürlich lediglich um jüdische Ausländer. Amsterdam. Ofsiziell wird bekanntgegeben, daß von den infolge der Krise in der Diamantenindustrie insgesamt arbeitslos gewordenen 3500 Diamantenarbeiter 3000 Juden sind. Wilna. Von der Exekutive des Weltkongresses für Frieden zwischen den R e! i g i o n e n . der im Juli in Genf Zusammentritt, wurde Herrn Rabbiner R u b i n st e i n in Wilna das Referat für die jüdische Religion übertragen. Jerusalem. Die Tageszeitung „Haam", die wegen eines Protestpoemes gegen die Entscheidung der Klagemauerkommission eine Zeitlang verboten war, darf wieder erscheinen. — Flüchtlinge aus Kurdiftan berichten über grausame Judenverfolgungen in diesem Lande. In H a m i d i e n wurde fünf Juden getötet, zwei jüdische Frauen geraubt und viele jüdische Häuser wurden in Brand gesteckt. Von Jerusalem aus feien die Kurden aufgefordert worden, das mohammedanische Blut zu rächen, das Juden in Jerusalem angeblich vergossen bätten. Batavia. Die Regierung von Holländisch-Jnd>en bat den Präsidenten der Vereinigung für jüdische Interessen in Eherobo, den Ingenieur F. E. van L i e r, zum Bürgermeister dieser Stadt ernannt. Es ist dies der erste Fall der Bestellung eines Juden zum Bürgermeister einer Stadt in Holländisch-Jndien. Nach ihm ergreift U sl i s ch k i n das Wort. Er vermeidet die scharfen Töne seines Vorredners und begnügt sich mit einem Appell an England. Er wünscht, daß es auf diesem Kongresse keinen Sieger und keinen Besiegten gäbe, die innere Zerfleischung müsie aufhören. Eine innere Genesung würde auch zur äußeren Gesundung führen Die weitere Debatte bis in den späten Abend war mit Entgegnungen an Jabotinsky ausgefüllt. Dr. Eder von der englischen Delegation verteidigt die Annahme des Macdonald-Briefes durch Weizmann. Sodann spricht I. Grünbaum gegen England und gegen Weizmann, aber auch gegen Jabotinsky. Zielsetzend müsse die Aufbauarbeit sein. Revisionisten und Misrachi, die, wie es scheint, in allem einig gehen, unterbrechen den Redner fortwährend. Es entsteht ein schwerer Zusammenstoß, als der Vertreter der Poale Zion, Berl Locker, sich scharf ge-- gen Jabotinsky wendet und die Revisionisten mit der Hitlerpartei vergleicht. Die Revisionisten wollen tätlich gegen ihn vorgehen. Die Ordner müssen in Funktion tre-- ten und die Sitzung wird unterbrochen. Nach Wiederaus^ nähme der Verhandlungen gab Locker eine Erklärung ab, daß es mit dem Ausdruck „Hitlerzionisten" nicht so wörtlich gemeint war, aber eine Warnung an Revisionisten und Misrachi, die Scharfmacherei zu lassen, sei sehr am Platz. Dr. Georg H a l p e r n, der die Allgemeinen Zionisten (60 Mandate) verkitt, tritt für eine Koalition sämtlicher Parteien ein zur Bildung einer Einheitsfront nach außen. Ueber dem politischen Kampf würden die finanziellen Schwierigkeiten vergessen. Die Areitagssihung. Am Freitag wird die Debatte fortgesetzt. Richard L i ch t h e i m tritt energisch für eine Reform der Jewish Agency und die Forderungen der Revisionisten ein. Färb stein spricht im Namen des polnischen Misrachr und kritisiert scharf Weizmann. Kurt Blumenfeld von den Allgemeinen Zionisten verteidigt in äußerst wirkungsvoller Rede Weizmanns Politik und plädiert für positive Palästina-Arbeit. Dr. Eh. Arloferoif wendet sich scharf gegen die Revisionisten und militärischen Jugenderziehungsmethoden in P«mstina. Dr. Ofias Thon sagt, der Zionismus b^ve keinen Grund zur Verzweiflung. Dr. Stefan W i s e erhebt feierliche Anklage gegen die englische Regierung, deren Schriftstücke er einer vernichtenden Kritik unterzieht. Felix Rosenblüth unterbretet in einem Referat ein Resvrnrprogramm für die Organisation und schlägt die Schaffung eines Organifations- und Propagandazentrums vor. Es entwckelt sich noch eine kurze und lebhafte Debatte über die Rede Stefan Wifes. Einige greifen das Präsidium an, das stillschweigend erlaube, eine Regierung zu attackieren, mit der man die Beziehungen doch nicht abbrechen kann. Der Präsident Motzkin erwidert, auch er halte es für untunlich, solche Töne gegen die englische Regierung anzuschlagen, aber man könne Leuten, die aus ehrlicher Erregung sprechen, nicht das Wort entziehen. Mit dieser Erklärung des Präsidenten schließt die Freitagsitzung. Während der Rede Stefan Wises verläßt Dr. Weiz» mann demonstrativ den Saal. Die Sonnkagsverhandlung. ..achdem am Samstag und in der Nacht zu Sonntag viele interne Sitzungen der Fraruonen stattgefunden: hatten, wurde am Sonntag vormittag im Plenum die' Generaldebatte fortgesetzt. Rabbi Meir Berlin: vom Misrachi, Abraham G o l d b e r g für die Ameri-- kaner und Uri Zwi G r ü n b e r g sprachen sich gegen eine Fortführung der Weizmann-Politik aus, aber für eine große Koalition einschließlich der Linken und Revisionisten. Ein Redner der Linken lehnt jede Zusammenarbeit mit den Revisionisten ab. Darauf referiert Dr. Nahum Goldmann im Namen der Politischen Kommission des A. E. Er plädiert in beredten Worten für die Annahme des M a c d o n a l d b r i e f e s und gegen jede parteipolitisch orientierte Außenpolitik. Der Sonntagnachmittag war einer Herzl-Jahrz e i t f e i e r aus Anlaß feines Todestages (20. Tamus), verbunden mit einer Gedenkfeier für die Opfer der A u g u st u n r u h e n, gewidmet. Dienstag nacht schloß die Generaldebatte mit einer Rede Dr. Weizmanns. Weiterer Bericht folgt. Die Lage bleibt weiter ungeklärt. - > jji

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