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Der Israelit · 1931-07-09 · Heft 28 (9.7.1931) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 28 (9.7.1931)
Date
1931-07-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 28 Der Israelit 9. Juli 1931 Der Kampf gegen das bayerische Schächlverbot. München, 2. Juli. Der Verfassungsausschuß des bayerischen Landtages beschäftigte sich mit Eingaben einer Viehhändlerfirma in Fürlh, des Viehhändlervereins Mittelfranken und des Bezirksvereins Bayern im Deutschen Fleischerverband, in denen um Aufhebung des durch das Schlachtgesetz vom 17. Mai 1930 vorgeschriebenen Betäubungszwanges beim Schächten ersucht wird. Die Eingaben legen dar, daß seit Inkrafttreten des Gesetzes der Landwirtschaft, dem Viehhandel und den Gemeinden durch Einführung großer Fleischmengen aus außerbayerischen Ländern großer Schaden zugefügt wurde. Der Ausfall für die bayerische Wirtschaft wird mit 15 000 bis 16 000 Stück Großvieh berechnet. Der Vertreter des Innenministeriums teilte mit, daß Erhebungen über die wirtschaftlichen Schäden angestellt wurden, daß sich aber das eingegangene Material nur unter gewissen Vorbehalten verwerten lasse. Der Absatzrückgang der bayerischen Wirtschaft durch Ankauf des Schächtvieys außerhalb Bayerns konnte zahlenmäßig nicht erfaßt werden. Gegenüber den in den Eingaben behaupteten Absatzrückgängen von 15 000 bis 16 000 Stück Großvieh dürfe darauf hingewiesen werden, daß vor Inkrafttreten des Gesetzes in Bayern alljährlich 12 000 Stück Großvieh geschächtet wurden. Der behauptete Absatzrückgang sei also stark übertrieben. Die Jahreseinfuhr belaufe sich vielmehr nur auf etwa 6000 Stück Großvieh und 5000 Kälber. Der Einnahmeentgang der Gemeinde an Schlachthosgebühren werde für ganz Bayern aus 15 000 Mark pro Monat geschätzt. Eine etwas höhere Belastung sei den jüdischen Metzgern dadurch entstanden, daß das von einem außerbayerischen Land eingeführte Fleisch an Stelle der Schlachtsteuer der etwas höheren Ausgleichsteuer unterliegt. Das Finanzministerium hat aber jetzt verfügt, daß für in Bayern ausgekaustes und nach der auswärts erfolgten Schlichtung nach Bayern wieder eingesührtes Schlachtvieh an Stelle der Ausgleichsteuer die Schlachtsteuer zu entrichten ist. Zusammenfassend könne daher gesagt werden, daß zwar das Schlachtgesetz gewisse wirtschaftliche Auswirkungen gezeigt hat, daß aber die Darstellung der Eingaben nach den bisherigen Erfahrungen stark übertrieben ist. Die bisherigen Beobachtungen berechtigen noch nicht zu einer abschließenden Würdigung. Mitberichterstatter Dr. B u t t m a n n (Natsoz.) beantragte, die Eingaben für erledigt zu erklären. Berichterstatter Dr. S ch a r n a g l (Bayer. Volksp.) verwies darauf, daß seine Partei seinerzeit das Gesetz nicht wegen der befürchteten wirtschaftlichen Auswirkungen, sondern wegen des Eingriffes in die Gewissensfreiheit abgelehnt habe. Er empfehle aber der Regierung, die Beobachtungen über die Auswirkungen des Gesetzes noch auf einen größeren Zeitraum fortzusetzen, um hier endgültig Klarheit zu gewinnen. Der Ausschuß kam schließlich zu dem Beschluß, die Eingaben durch die Regierungserklärung für erledigt zu erachten. Schweiz. Internationale Konferenz orthodoxer Frauen. Zürich, 6. Juli. Wie von der Zentrale des Verbandes der Agudlstischen Frauenvereine mitgeteilt wl^, wird am 25. und 26. August ds. Js. eine Internationale V e-r - bandstagung der Agudistischen Frauengruppen in Nürnberg stattsinden. Näheres wird noch bekanntgegeben. Feierliche Grundsteinlegung des Bethamidrafch in Bafel. Basel, 3. Juli. Es war eine überaus seltene Feier, die allen Teilnehmern in unvergeßlicher Erinnerung sein wird, welche die Kreise des Schomre Thora-Männer- und Jünglingsvereins und alle Herren, welche seit Jahren sich im Bethamidrasch zusammenfinden, wie auch eine überaus große Zahl aus allen Kreisen der Baseler Israelitischen Gemeinde am letzten Sonntag Vormittag auf dem Gelände der Liegenschaft Leimenstraße 45 zusammenführte. Galt es doch, den Grundstein zu legen zu dem geplanten Neubau des Bethamidrafch in Basel. Das geräumige Gartenareal, welches das Fundament des Bethamidrafch bilden wird, wurde durch die zahlreiche Festgemeinde gefüllt; viele Damen haben vom Balkon des Vorderhauses die Feier miterlebt. Nachdem Herr L. E i s e n m a n n die Leuchter entzündet hatte, bestieg Herr I. Dreysus-Strauß das errichtete Rednerpodum, um als Präsident des Israelitischen Lehrhauses die Anwesenden, vor allem die Delegierten der Israelitischen Gemeinde Basel sowie alle der andern jüdischen Vereine in Basel, die sich fast vollzählig hatten vertreten lassen, zu begrüßen. Besonders erwähnte er auch die Heimgegangenen beiden Mitglieder der Lehrhausverwaltung Aron Rhein s. A. und Samuel Bloch-Bloch s. A. Sodann beglückwünschte als Rabbiner der Israelitischen Gemeinde Basel sowie gleichzeitig auch im Aufträge des Vorstandes der Israelitischen Gemeinde Herr Rabbiner Dr. A. Weil die Verwaltung des Bethamidrafch zur Grundsteinlegung ihres neuen Baues und erflehte G'ttes Segen auf das heilige Werk. Er gab dem Wunsche Ausdruck, daß auch das neue Lehrhaus, dessen Grundstein gelegt werden soll, im Sinne des Begründers der Stiftung, Rabbiner Dr. A. Cohn s. A., weiterhin für die Sicherung des sinaitischen Erbes sorgen und in reichem Maße Thora verbreiten werde. Als Mitbegründer des Bethamidrafch und langjähriger Präsident des Schomre Thora-Vereins richtete sodann Herr Charles Nordmann einige herzliche Worte an die Versammlung. Nun ergriff Herr M. Schwarz, der Vereinslehrer am Bethamidrafch, das Wort, um in einer zündenden Festrede auf die Bedeutung des historischen Tages für die Bethamidrasch-Freunde hinzuweisen. In wehmütigen Worten führte er die Person des Begründers der Stiftung der Festversammlung vor Augen und schilderte seine Hingabe an das Bethamidrafch. Das neue Bethamidrafch werde ein stetes und schönes Denkmal für den Begründer des ersten Bethamidrafch in Basel bleiben. Zum Schluß richtete namens der anläßlich des Kongresses anwesenden Gäste Rabbi Mosche Ostrowsky aus Jerusalem, Vize-Präsident des Waad Leumi, einige aus dem Herzen kommende Worte der Begrüßung an die Versammlung und überbrachte in klassischem Hebräijch Grüße aus Erez Israel. Sodann wurde zur Grundsteinlegung geschritten. Die Herren Rabbiner, der Gemeindepräsident,, die Mitglieder der Lehrhausverwaltung, Mitglieder der Familie des Begründers, ^uglieder des Vorstandes des „Schomre Thora- Männer- und Jünglingsverein", sowie die anwesenden Delegierten aller jüdischen Vereine in Basel waren die ersten, welche unter Leitung von Architekt Michael Hack den Grundstein legen dursten. Zum Schluß trat auch die Jugend heran, um auch beizutragen zum Bau dieses Hauses, welches, s. G. w., für diese wie auch für kommende Generationen einen Sammelpunkt des jüdischen Lebens in Basel bilden soll. Der Zionistenkongreß. Basel, 2. Juli. Dienstag abend wurde, wie bereits gemeldet, im großen Saale des Messehauses der 17. Zionistenk v n g r e ß in der gewohnten Feierlichkeit eröffnet. Der Delegiertenraum ist voll besetzt, dagegen ist die Beteiligung von Gästen nicht so stark wie in den früheren Jahren. Die Ausmachung ist schon beinahe traditionell. Zionistische Farben und Embleme aus der Estrade, und im Mittelpunkt ein lebensgroßes Bild Theodor Herzls. Es herrscht der Wille vor, die Verhandlungen zu straffen und die Arbeit zu konzentrieren. Die Tagesordnung wurde daher gekürzt. Der Kongreß darf nicht länger als eine Woche dauern. Der Vorsitzende des A. C., Dr. Leo M o tz k i n, eröffnet den Kongreß mit einer kurzen Ansprache, worauf der Präsident der Exekutive, Nachum S o k o l o w, die Eröffnungsrede hält, in der er sachlich schlicht und von dem Wendepunkt im Zionismus spricht, da er das Recht des jüdischen Volkes auf Palästina energisch zu betonen hat. Er geht dann gleich auf die A r a b erfrage ein und auf die zivilisatorische Mission der Juden im Orient. Er erwähnt die Bildung der Jewish Agency vor zwei Jahren. In großen Zügen erörtert er dann die Entwicklung der Dinge seit den Augusttagen 1929. Das jüdische Nationalheim wird trotz allem und allem bestehen bleiben. Die Heimstätte soll so groß werden, wie durch ehrliche Arbeit gemacht werden kann. Für die jüdische Kulturarbeit heiße die Parole nicht: Los vom Orinet, sondern „Mit dem Orient!" Auf die Eröffnungsrede folgen die Begrüßungen.. Regierungsrat Jmhoff begrüßte im Namen der Schweizerischen Bundesregierung. Der englische Botschafter Howard Kennard begrüßte im Namen der englischen Regierung. _ Weitere Begrüßungen halten Vertreter der jüdischen Gemeinde in Basel und des Jüdischen Gemeindebundes in der Schweiz. Auf der Loge sind Vertreter des Völkerbundes und mehrere^ Gesandtschaften anwesend. Gegen elf Uhr abends ergreift Dr. R u p p i n das Wort zu seinem Referate über „Probleme der Palästina- Arbeit". Er entwarf kein erfreuliches Bild übeik die Lage. Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse waren der Entwicklung nicht günstig. Das Budget konnte nicht eingehalten und viele Pläne nicht ausgeführt werden. Dessenungeachtet warnt er vor übertriebenem Pessimismus. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft sei berechtigt. Die zweite Sitzung. Am Mittwoch morgen wird zuerst das Kongreßpräsidium gewählt. Nach einem Beschluß des A. C. können dieses Mal Mitglieder der Exekutive nicht in das Kongreßpräsidium gewählt werden. Zum Präsidenten wird Leo M o tz k i n gewählt, zu Vizepräsidenten U s s i s ch k i n, Julian W. Mack, Färb st ein und- Rabbi Meir Berlin vom Misrachi, S o s k i n und T i o m k i n von den Revisionisten. Von der Linken kommen Kaplan, Reiß und S i l b e r st e i n ins Präsidium, Dr. Eder als Vertreter der englischen Delegation. Gleich darauf ergreift, von frenetischen Jubel der Mehrheit empfangen, Dr. W e i z m a n n das Wort zm seiner dreistündigen Rede über die Gegenwartsfragen des Zionismus. Er gibt einen historischen Rückblick über dreizehn Jahre politischen Zionismus und alle Entwicklungen bis zu den Schwierigkeiten der Gegenwart und der Schwierigkeit aller Schwierigkeiten, das Araberproblem. Er wehrt sich dagegen, das arabische Problem ignoriert und sich einzig auf die britischen Bajonette verlassen zu haben. Er habe stets auf eine Verständigungspolitik mit England sowohl wie mit den Arabern hingearbeitet. Er bespricht dann die Gründung der Jewish Agency und ihr Programm. Es folgt darauf ein Ueberblick über die unseren Lesern sattsam bekannten Ereignisse und Entwicklungen von den Augustunruhen von 1929 bis zum Weißbuch, dem Simpsonbericht und dem Macdonaldbrief. Zur Zeit gelte es, dio im Mandate enthaltenen Rechte zu wahren, unsere Werke und Werte in Palästina auszubauen, die nationalen Fonds zu stärken. Alle maßlosen Forderungen bilden eine schwere Gefahr für die Sicherheit des Mandates. Er gibt zu, in den friedlichen Bemühungen nicht immer erfolgreich gewesen zu sein, er habe aber das Veste gewollt und gewünscht und das Möglichste erreicht. Wenn er heute sein Amt formell und endgültig niederlege, so scheide er doch mit dem Bewußtsein, die Bewegung ihrem Ziele ein wenig näher gebracht zu haben. Nach der Rede Weizmanns entstand mitten im Beifallssturm ein kleiner Tumult, der bezeichnend ist für die Stimmung. Ein palästinensischer Revisionist rief: „Nach dieser Rede wollen wir Kaddisch sagen!" Dr. Holpern schrie ihm zu: „Sie sind ein Schurke oder ein Idiot!" Die beiden feindlichen Parteien stießen auseinander und die Ordner hatten schwere Mühe, Tätlichkeiten zu verhindern. Es folgten dann Referate von Prof. Brodetzky über „Die politische Arbeit", U s s i s ch k i n über „Nationalsond", Dr. Hantke über „Keren Hajessod", F. Rosenblüth über „Die Lage der zionistischen Organisation", Dr. Arlosorofs über „Probleme der Finanzpolitik". Der Legitimationsausschuß stellt 255 giltige Mandate fest. Aus Brodetzkys Referat sind die Maßnahmen für die Sicherung der jüdischen Bevölkerung von einiger Bedeutung. Ganz gelöst ist die Frage der Sicherheit noch nicht. Die Regierung beobachtete bei den Verhandlungen eine Tendenz der Verschleppung. In maßgebenden Kreisen Englands sei man der Ansicht, daß das Weißbuch nicht in Einklang mit dem Berichte der Mandatkommission zu bringen sei. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, die Juden wollten die Araber verdrängen. Es fei gelungen, den Simpson-Bericht als Grundlage für die landwirtschaftliche Politik in' Palästina auszuschalten.

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