Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1931)
- Date
- 1931-07-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 25 Der Israelit Ehre Deutschlands vor der Wiederkehr solcher betrüblichen Vorfälle zu behüten, wie sie in Wien und Berlin das Sommersemester beschlossen haben. Aber die tausendjährige Erfahrung der gesetzestreuen Judenheit lehrt es, daß der einzelne Jude vor Uebergriffen in seine Rechts- und Lebenssphäre nur dann gesichert ist, wenn die Ehre des Judentums als Lehre, die Ehre der Thora gewährleistet ist. Wo der Thora mit Hohn oder auch nur mit Nichtachtung begegnet wird, hat es der einzelne Jude immer noch bald danach am eigenen Leibe und Besitz zu spüren gehabt. Wir sind etwas spät aufgewacht,wenn erst die jüngsten Ausschreitungen uns über die Stimmung belehrt haben, die der zünftige Universitätsprofessor gegenüber der Thora empfindet, gleichviel, ob er einer judenfeindlichen Partei angehört oder nicht. Jawohl, der Universitätsprofessor vonrechtsbislinks! Was ist denn unverantwortlicher, — wenn ein Fachgelehrter der theologischen Fakultät wider besseres Wissen die längst gestürzte Wellhausen'sche Geschichtsklitterung als Historie vorträgt, was unsere jüdischen Ehrenverteidiger jahrzehntelang ungerührt mitangesehen haben, — oder wenn ein unreifer Student die rassentheoretischen Konsequenzen daraus zieht und jüdische Mitschüler als Ungeziefer zu vertilgen sich berufen glaubt? Was ist krimineller, — wenn in den Schullehrbüchern der Naturgeschichte die tierische Herkunft des Menschen als Selbstverständlichkeit den Kindern emgeimpft wird, obgleich die wirklich naturgeschichtliche Weltanschauung den letzten Rest davon eben abstreist, und wenn dazu alle Ehrverteidiger des Judentums schweigen, — oder wenn darauf fußend linksradikale Jugend alle Autorität in den Staub zerrt? Die Professoren, die es fertiggebracht haben, jeden Apologeten und jeden nicht entwicklungstheoretisch eingeschworenen Schriftsteller (Hoffmann, Marcus, Jampel usw.) totzuschweigen, haben das Blut mitzuverantworten, das heute eine ihren Worten übertreibend treue Jugend vergießt. Die jüdischen Organisationen, die vor 30 Jahren mehr Eifer darauf anwandten, dem Juden das Recht des ReserveoffiZierwerdens zu erkämpfen, als Werke wie die der Genannten im ganzen Volke zu verbreiten, — sie ernten jetzt ihre giftige Saat. — Heute ist es zu spät. Zu einer literarischen Verbreitung von Apologetik ist kein Geld mehr da. Auch hätten wir nicht Zeit, sie auf diejenigen Volkskreise wirken zu lassen, die uns jetzt nach Leben und Recht trachten. Denn die Gefahr ist täglich aktuell. Was bleibt uns zu tun? Wenigstens eine Lehre sollten wir aus soviel Unglück ziehen: Jüdisches Volk, ehre deine Meister! Wie durfte in einer Zeit wie der heutigen eine so mit der apologetischen Arbeit verwachsene Zeitschrift wie ,jJeschurun" auch nur vorübergehend im Stich gelassen werden? Hier können unsere auf Ehrverteidigung bedachten Organisationen noch etwas von ihrer alten Sünde gutmachen. Ueber außerwissenschaftliche Maßnahmen gegen den Terror (etwa Massenverzicht auf das Führen akademischer „Ehren"-Titel) mögen klügere Takiker entscheiden. Jedenfalls hat die Westkultur wiedereinmal einen Beweis dafür gebracht, wie gering noch die Unterschiede zwischen ihrer und der russischen Religionsfeindschaft sind. Und aller Kampf gegen uns gilt dem G'tt unserer Bibel. Das ist unverkennbar. Sollen wir schon leiden, dann wenigstens für diese unsere ewige Bestimmung. Die wenigen wissenschaftlichen Freunde, die unsere biblische Lehre neustens hat, find oft selbst bei edelstem Willen keine brauchbaren Bundesgenossen für uns oder nur mit Reserve zu genießen: so wenn bei dem Crahner urjüdischer Weisheit, E. Dacque, politisch reaktionäre Redewendungen mit ein laufen. Es ist gerade solchen Leuten aber derartiges nicht zu verargen. Denn eben sie haben die schmerzliche Erfahrung gemacht, daß politisch fortschrittliche Doktrinarität der Wissenschaft die Freundschaft gekündigt und sich handfesteren Argumenten zugewendet hat, seit Wissenschaft nicht mehr gleichbedeutend mit Atheismus ist. Wenn überhaupt dem Judentum als solchem eine nach außen hin zu lösende geistespolitische Aufgabe gestellt ist, so kann es nur die fein, bei'voller politischer Zeitgemähheit für Erleuchtung aller Menschen über die wahren gütlichen Quellen alles Wissens Sorge zu tragen, das in jedem Kulturmenschen als Bluterbteil aus g'ttnäherer Urzeit noch heute nachklingt und vom Worte unserer Bibel zu erwecken ist. Ob uns das immer gelingt, steht beim Allwiffenden; an uns ist es, selber unbekümmert um den äußeren Erfolg in uns dien Brennpunkt solchen Wissens zu pflegen und für den Fall, daß es auf einige Jahrzehnte mit jeder nicht von atheistischer und rassischer Voraussetzung ausgehenden Wissenschaft in Europa vorbei ist, in unserem Kreise die Arche zu bauen, in der sich wahres Wissen in ein besseres Zeitalter rettet. Das Erlaßjahr. Von 3. Raphael in Beckum. Der Präsident der Bereinigten Staaten wagt das Experiment, die fortschreitende Verelendung der Welt durch eine nie dagewesene Wirtschaftskrise mit der Kraft einer Idee aufzuhalten, deren letzter und tiefster Sinn dem jüdischen Gedankengut entstammt. Eipallgemeines Ruhejahr für sämtliche politischen Schulden und- Zahlungen soll der Welt eine Erholungspause und den notleidenden Völkern ein Aufatmen mitten im Chaos eines verfahrenen Wirtschaftssystems bringen. Uns Juden ist der Begriff des Erlaßjahres undfeine Durchführung ßiij wesentlicher Teil sozialer Verwirklichung, und wenn wir auch wissen, daß der Plan Hoovers nicht dem Erlaß, sondern lediglich dem Aufschub dient, so müssen wir jetzt schon feststellen, daß bereits dieser stark verwässerte Gedanke einen ungeheuer wertvllen erzieherischen und psychologischen Eindruck ausgeübt hat. Das Abendland stand kurz vor einer gigantischen Katastrophe. Der Plan des amerikanischen Präsidenten hat mit einem Schlage die Situation der akuten Gefahr behoben, — im Moment zwar erst, und vorübergehend. Aber die moralischen Kräfte der Welt haben nunmehr die Aufgabe, den in die Diskussion der öffentlichen Meinung hineingetellten Plan eines Ruhejahres zum Ausgangspunkt einer Aktion zu machen, die der Gerechtigkeit und damit dem Frieden zum endgültigen Durchbruch verhilft. Der Gedanke hoovers darf auch ganz besonders an unserer jüdischen Lage nicht ungenutzt vorübergehen. Der wirtschaftliche Zusammenbruch Mitteleuropas und des Ostens reißt vor allen, Dingen diejenigen jüdischen Schichten in den Abgrund, die, im Mittelstand vereinigt, die einzig wahrhafte und sichere Phalanx des lebendigen und aktiven Judentums waren. Aus dieser Sphäre heraus entwickelten sich die jüdischen Energien, und Kraftquellen. Cs ist kein Wunder, daß der! religiöse Zusammenbruch zeitlich zusammenfällt mit dem Prozeß der Pauperisierung des jüdischen Mittelstandes. Die Zahlen, die über diese Vorgänge berichten:, sind grauenhaft. Das jüdische Bevölkerungsproblem wird zur Tragödie; Mischehen, Geburtenrückgang, Selbstmorde in aufstergender Linie, — hier liegt nicht bloß eine krasse Formulierung materieller Verelendung, . sondern rm weitaus schlimmeren Sinne die ganze Größe eines seelischen Verfalls. Das Erlahjahr, das der USA-Präsident aus rein praktischen Erwägungen heraus in die Debatte geworfen, hat, muß im religiös-jüdischen Wege, in der engen Anlehnung an das Gebot der Thora einer Auswirkung innerhalb der jüdischen Gemeinschaften und Kreise entgegengeührt werden. Die politische, große Welt wird ohne diese Idee nicht fertig. Die durchaus kranke jüdische Situation, das materielle Elenddas die jüdische Auflösung zwischen völlig: indifferente und rote Assimilationen treibt, wird nicht gemeistert werden, wenn wir nicht unsere Energien in die Brennpunkte sozialer Realisierung stellen. Das Erlaßjahr, diese Idee des gerechten Aus- ___9. Juli 1931 gleichs nach Jahrzehnten eigensinnigen Drauflos- Wirtschaftens, öle entschiedene Gesinnung des Für-Einander muß in allen jüd>ifchen Gemeinden, Körperschaften und Institutionen zunächst einmal in.aller Klarheit d.ie Förderung zur schnellen Rettung d e s jüdischen Kleinbürgers u n d M i t t e l st ä n d l e r s in die Tat umsetz en. Wird diese Tat versäumt, und gerade jetzt unter dem Eindruck eines Ruhejahres der politischen Zahlungen, versäumt,, dann wird' auch die/große WUtpolitik die jüdische' Auflösung in Europa acht aufhalten können. Hoover hat eine uralte Idee geweckt. Unser Judentum darf sich nicht beschämen lassen! ' Die Entwicklung der Verhältnisse der Preußischen Synagogengemeinden. im Geltungsbereich des Gesetzes vom 23. Juli 1847 über die Verhältnisse der Juden. Von Rabbiner Dr. Esra Munk in Berlin. - (Fortsetzung.) Dabei ist die Aufzählung der Bürgschaften,, die in der Verfassung der evangelischen Kirchen. Preußens verankert liegen, noch keineswegs erschöpft. Erleiden dach die Gefahren, die dem väterlichen Erbe von den wechselnden geistigen. Strömungen in den Gemeinden, von zeitlichen Stimmungen und Neigungen, von persönlicher Willkür drohen, eine erhebliche Abschwächung in der Einrichtung des Pfarramt e s. In der seinem Träger eingeräumten Stellung und Bedeutung für das Gememüeleben, und — folgerichtig durchgeführt — in dem Maße der Beteiligung der Geistlichkeit auf allen Stufen des Kirchenregiments und der Selbstverwaltung, von der Kirchengemeinde hinaus bis zur Generalsynode, dem Kirchensenat und dem Oberkirchenrat, hat die Kirche gegenüber schwankenden Bewegungen des Zeitgeistes einen Schutzwall, eine Abwehrschanze zu errichten verstanden, deren, Bedeutung unverkennbar ist. So. hat die einzelne Gemeinde zwei Körperschaften der Selbstverwaltung: Gemeindekirchenrat (Presbyterium) und Gemeindeverwaltung. Nach Artikel 11 sind „die in einem dauernd errichteten Pfarramte der Gemeinde fest angestellten oder mit der Verwaltung eines solchen Amtes vorübergehend betrauten Geistlichen" Mi tg l i e d e r des Gemeindekirchenrats. Wenn mehrere Gemeinden unter einem Pfarramte verbunden find, so ist der Pfarrer Mitglied des Gemeindekirchenrats jeder einzelnen. Da nach Artikel 13 die „Gemeindeverwaltung" aus Gemein'deverordneten und sämtlichen Mitgliedern des Gemeindekirchenrates besteht, so ist der, Pfarrer geborenes Mitglied auch dieser Gemeindekörperschaft. Sogar die Hilfsprediger der Gemeinde sind nach Artikel 13 zu. den Sitzungen beider Körperschaften wenigstens mit beratender Stimme zuzuziehen. Aber nicht nur die Mitgliedchaft sichert die Verfassung dem Pfarrer. Artikel 23 fordert für jede Gemeinde, daß der Pfarrer d e n V o r s i tz inberdenKörperch asten führe Als solcher ist er ferner nach Artikel 37 „jederzeit berechtigt, den Vorsitz in d e n A u s s ch u s s e n zu übernehmen, oder ihren Verhandlungen beizuwohnen." Den Weisungen des Pfarrers haben die K i r ch e n b e a m te n Folge zu leisten (Artikel 34). Also nicht von dem hierarchisch aufgebauten, mit äußerster Konsequenz systematisierten Katholizismus braucht der Beleg erbracht zu werden. Die freiere, den Grundsatz der Selbstverwaltung in den Vordergrund stellende evangelische Kirche ist es, wel-^e das Heiligtum ihrer Glaubensidee in den wogenden Geisteskämpfen nur betreuen und schirmen zu können überzeugt war durch den bestimmenden Einfluß, die maßgebliche Mitwirkung des Geistlichen bei allen Aufgaben der Gemeinden. Er ist die Seele der Gemeinde. Das m a q jeher Religio n gleichsam als