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Der Israelit · 1931-07-02 · Heft 27 (2.7.1931) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 27 (2.7.1931)
Date
1931-07-02
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 2 Nr. 13 zu formen, das ist der Inhalt der jüdischen Bestimmung. Heimisch sind wir am Schowuausfeste in den sinaitischen Gefilden, tiefste Ehrfurcht füllt die Seele; — Zittern und Bangen, Reue und Rückkehr packt sie am 9. Aw, und zwischen diesen Denksteinen der Ewigkeit Umschau und Einkehr um uns und in uns. Umschau und Einkehr in heutiger Zeit! Ist es Kühnheit oder Pflicht, jede Zeit zu messen am ewigen Einst, von ihm den Weg über das Jetzt zum Kommenden zu suchen? Die Welt im Chaos. Umwälzung in den Wirtschaftssystemen, tastende Umorientierung in geistig-politischen Bezirken. Und in dieser Welt lebt die Judenheit als Zeugnis zeitloser Ewigkeit, leben die Nachkommen unserer Stammväter! Wunder genug, daß sie leben, Wunder genug, daß sie Lebenswillen bekunden. In diesem Chaos steht A g u d a s I i s - ro e l, den Blick einzig und allein zum, Sinai gewandt, G'ttes ewiges Wort durch die Zeiten zu tragen, um die jüdische Seele des Einzelnen zu ringen, sie dem Ganzen zuzuführen, und dieses Ganze wie einst unter G'ttes Wort zu stellen. Hier und dyft hören wir die Frage: Wozu Agudas Jisroel? Ist sie nicht fremd den Gegenwartszeiten geworden? Hier und dort spüren wir leichte Unruhe, selbst bei Wohlwollenden, die da meinen, Audas Jisroel blickt nur rückwärts, lebt in geistiger Vereinsamung, lätzt die Probleme der Zeit und des Tages nicht an sich herankommen, vergißt über dem Ewigen das Heute; lebt wohl i n G'tt, aber nicht m i t G'tt, der auch diese Zeiten schuf. Ist Agudas Jisroel zeitenfremd, ist sie Theorie nur, Idee, die Uebermenschliches und darum Unmögliches gebietet? Oder ist sie in ihren einzelnen Leistungen, aber vor allem durch ihre bloße Existenz, die Antwort auf alle Fragen der Zeit? Wir glauben: Wenn die Zeiten mit ihrer niederdrückenden Schwere und mit ihrer verwirrenden Fülle von Einzelproblemen das Individuum wie die Gesamtheit zu entwurzeln drohen, dann ist Agudas Jisroel das einzige Mittel, den Einzelnen wie die Gesamtheit wieder wurzelfest und stammtreu zu machen, fest hineinzustellen in den ewigen Boden der jüdischen Verpflichtung in ihrer Einmaligkeit und in ihrer Einzigartigkeit, Agudas Jisroel, so, wie sie ist; Agudas Jisroel, d a sie ist. Gewiß, Menschen haben ihre Form geschmiedet, Menschen ihre Verfassung entworfen. So mögen in Form und Verfassung vielleicht Mängel sein, aber ihre Idee ist g'ttlich, g'ttlich wie das Gesetz, dessen Unverletzbarkeit im Bruch der Zeiten sie sichern soll. Und der, welcher ihren Sinn erkannt hat, steht vor ihr in der Liebe des Kindes zur Mutter. Das Kind fragt nicht warum, es liebt, es liebt, weil es sich aus der Mutter geworden und durch die Mutter geschützt spürt. G'ttes Gesetz ist da, es zieht uns zur Höhe, die Zeit ist da, sie lockt uns zur Tiefe, und Agudas Jisroel ist da, daß der Lockruf den Mahnruf nicht übertöne. Würden wir alle so das Dasein von Agudas Jisroel erleben, wir brauchten keine Propagandawochen, keine Gruppentagungen, keine dem Gesicht des Alltags zugeschnittene Kundgebungen. Da aber tausend Kräfte, sonst einander befehdend, in einem einig sind, diesen hohen Sinn von Agudas Jisroel zu verzerren, da man aus belebtem Organismus ein totes Organ machen möchte, da man den Agudismus, das Gesamtheitsanliegen Aller, zur Parteisache Einzelner erniedrigen will, ist es Zeit, höDte Zeit, daß durch die deutschen Lande wieder der Ruf erklingt: Hier ist Agudas Jisroel, das ist Agudas Jisroel, und so ist Agudas Jisroel! Und darum sind wir der deutschen Landesorganisation innig dankbar, daß sie —es ist schon fast in zwölfter Stunde — sich nun an die breiteste jüdische Oeffentlichkeit wendet, ihr den Sinn : der Agudas Jisroel, den zeitlos ewigen Sinn, wiederum deutlich zu machen, ihre zeitlos ewige Der Israelit _Blätter_ Bedeutung und ihre zeitlich begrenzten täglichen Aufgaben. Auf den Gruppentagungen der Agudas Jisroel'werden daruni. ihre berufenen Führer uns nicht nur zu berichten haben über die Agudas Jisroel, d as Denkmal d er Ewigkeit, sondern auch über die Agudas I i s - ro e i,, den Helfer in den Z e iten. Sie werden uns Antwort zu geben haben, was Agudas Jisroel zu all den Problemen zu sagen hat, die die Judenheit durchwühlen: Gestaltung der jüdischen Volksgemeinschaft, Schabbos-Heiligung, sittliche Not der Jugend, Frühehe, Kapitalismus und Sozialismus, was sie zu ihnen zu sagen hat, und wichtiger noch, was sie an Tat dafür , aus den Kräften der jüdischen Gesamtheit bereitzustellen vermag. Und wir sind überzeugt, daß ihre Antwort auch den, der abseits steht, uns nahebringen wird, daß auch in ihm dann die Erkenntnis von der Agudas Jisroel als Notwendigkeit aller Notwendigkeiten stark werden wird, und aus dieser Erkenntnis die Liebe zu ihr und der bereitwillige Dienst an ihr erblühen wird. Postscheck - Konto der Landesorganisation: Landesorganisation der „Agudas Jisroel“ in Deutschland, Hamburg: No. 50204 Hamburg. Das ostjüdische Mädchen früher und heute. Von S. Ostersetzer in Duisvurg. Es ist in der westjüdischen Welt heute kein Geheimnis mehr, daß die Orthodoxie des Ostens Jahrzehnte lang eine große Sünde gegen ihre Töchter begangen hat. Während der fromme Ostjude all seine Aufmerksamkeit und Sorge dem Unterricht der Knaben zuwandte, den zum „Lamden" zu machen sein sehnlichster Wunsch war, dem er oft die größten und schwersten Opfer zu bringen bereit war, dachte er nicht im Entfentesten daran, den Mädchen irgendwelchen systematischen jüdischen Unterricht zu geben. Diese Behandlung des jüdischen Mädchens gründete sich auf ein mißverstandenes Talmudwort: mafa iVkd min 1712 nx Die Mädchen Thora zu lehren war verpönt, ni^n durfte sie aber in unbeschränktem Maße in sich aufnehmen. War in früherer Zeit schon der Mangel an jüdischer Ausbildung beim Mädchen die Ursache einer unvermeidlichen Gleichgültigkeit vielen religiösen Dingen gegenüber, denen sie ja verständnislos gegenüberstand, so hat sich dieser Zustand in späterer Zeit bedeutend verschlimmert. Das geistige Interesse der Mädchen begann sich bei einem sehr großen Teil aus die profane Literatur zu konzentrieren. Da aber das junge Mädchen ohne jede Führung und Beratung auf sich selbst angewiesen war und ihre Lektüre sich selbst wählen mußte, so ist leicht zu erraten, daß sie nicht immer das Beste der profanen Literatur in die Hand bekam. Die Eltern wieder dachten gar nicht daran, die Lektüre ihrer Töchter zu kontrollieren oder gar zu beaufsichtigen. Abgesehen davon, daß sie in den meisten Fällen nicht dazu imstande waren, weil sie die Sprache, in der diese Bücher geschrieben waren, entweder gar nicht oder nur ungenügend beherrschten, hielten sie eine solche Aufsicht für vollkommen überflüssig und unwichtig. Hatten sie doch nie ein profanes Buch gelesen, — von schlechten Büchern 2. Juli 1931 schon gar nicht zu reden, —so daß sie mom Inhalt jener Bücher auch nur die leiseste Ahnung hätten haben können. Im-den Äugen der Eltern war die Lektüre ihrer Töchter „harmlose Kinderei". Konnten sie doch in ihrer keuschen Naivität nicht wissen, wie diese Lektüre ihre Kinder vergiften und sie ihnen entfremden und wie. schwer sich diese Vernachlässigungssünde rächen würde. Wie katastrophal sich aber dieser Zustand ausgewirkt hat, kann nur der Kenner der.ostjüdischen Verhältnisse der letzten Jahrzehnte beurteilen. Der ungeheure Abfall der letzten Jahre ist zu einem guten Teil auf jenes Konto zu buchen. Die Ideale dieser Mädchen atmeten den Geist jener Romane, die sie verflachten und entgeistigteu. Luxus und Aeußerlichkeit, verbunden mit einem starken Drang nach Assimilation, erfüllte ihr ganzes Streben. Diese Mädchen wurden später Ehefrauen und Mütter und übten ihren verderblichen Einfluß aus Mann und Kinder aus. Glücklicherweise sind nicht alle davon erfaßt worden. Ein großer Teil der weiblichen Jugend, ist aber leider dieser Einstellung zum Opfer gefallen. So sah es bis vor kurzem aus. Wie sieht es aber heute aus? Dank der segensreichen Beis Jaakow-Bewegung ist in den letzten Jahren eine Wandlung zum Güten eingetretsn. Die.Alten hatten ihren Fehler eingesehen und gingen mit großer Energie daran, die ehemalige Sünde wieder gut zu machen und das ist ihnen mit G'ttes Hilfe gelungen. Aber auch die Jugend erkannte ihre Fehler und ließ sich willig führen. In verhältnismäßig kurzer Zeit waren überraschende Erfolge zu verzeichnen, wovon der heutige Zustand der Beis Jaakow-Bewegung und die Bnos Agudas Jisroel-Gruppen beredtes Zeugnis ablegen. Besonderer Erwähnung verdient das „Beis Jaakow-Journal", das in seinen 8 Jahrgängen diese Wandlungsgeschichte verkörpert. Das Journal verstand es, die breite jüdische Oefsentlichkeit für diese Aufgabe zu interessieren und die besten Kräfte in den Dienst dieser Aufgabe zu stellen. Ferner verstand es, das jüdische Mädchen im besten Sinne aufzuklären, den in jüdischen Dingen unwissende Mädchen, Wissen aus allen Gebieten des jüdischen Geistes zu vermitteln. Eine vielfache Aufgabe hatte diese Zeitschrift und man muß sagen, sie hat ihre Aufgabe in glänzender Weise gelöst. Diese Menschen begnügen sich nicht bloß mit schönen Reden, sondern gehen mit allem Ernst und Energie daran, ihre Fehler wieder gut zu machen. So wurde in letzter Zeit dem Luxus in -ernstlicher Weise der Krieg erklärt. Eine Broschüre von - I. L. Orlean „Der farschwindiner gan eidn" gab den Anlaß dazu. Eine weitere Sünde der Vergangenheit war die stiefmütterliche, ja, oft sogar feindliche Stellung zur eigenen Muttersprache, zum Jiddischen. In der weiblichen Jugend hatte man— im Streben nach Assimilation — schon begonnen, die Muttersprache aufzugeben und sie bemühten sich, in der Sprache ihrer nichtjüdischen Umgebung zu leben und zu denken. Wer die ostjüdischen Verhältnisse kennt, weiß, daß die Abkehr vom Jiddischen zugleich eine Abkehr von Jüdischkeit war. Die Sprachenassimilation und der religiöse Abfall gingen Hand in Hand. Auch dieses Unrecht und die Gefahr sah man jetzt ein. Dr. Salomo Birnbaum hat seit Jahren auf die religiöse Bedeutsamkeit der jiddischen Sprache für die Erhaltung und Förderung des Judentums und auf unsere Pflicht hingewiesen, sie in diesem Sinne zu pflegen und zu gestalten und uns dabei vom Einfluß und der Herrschaft der modernen Nationalisten zu befreien. So, hat er das Interesse für das Sprachenproblem im Allgemeinen und für die verschiedenen Fragen der jiddischen Sprache im Einzelnen geweckt. Auch auf diesem Gebiete sind bereits gute Erfolge erzielt worden. Der Kampf gegen sprachliche Assimilation und Pflege des Jiddischen in dem beschriebenen Sinne hat lebhaft begonnen. Die von Birnbaum geschaffene Rechtschreibung des Jiddischen wurde im Beis Jaakow-Seminar und im ganzen Beis Jaakow-Schulwesen eingeführt. Das Bels Jaci-

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