Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1931)
- Date
- 1931-07-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 Nr. 27 Der Israelit 2. Juli 1931 In ergreifenden, tief zu Herzen gehenden Worten spricht er von der Not der Zeit und dem, was der wahre Jehudi von jeher dieser Notwelle entgegenzusetzen hat: dem unverwüstlichen Bitochaun. Haben wir Anspruch auf mehr Freiheit, mehr Glück, mehr Wohlstand als unsere Väter im Ghetto, unsere Brüder in anderen Ländern? Das Glück, seine Toten bestatten zu dürfen, quittierte jüdische Dankbarkeit in alten Zeiten mit dem Segcnsspruch aivm der heute noch ein Bestandteil unseres Tischgebetes ist. So anspruchslos und dankbar waren die Alten. Zum Schluß hat Redner ein paar eindringliche Worte über das Kapitel des nnsrw.i niov, den Quell unserer Volkskraft, der heute getrübt und gefährdet ist. Die formschöne und inhaltsreiche Rede wird mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Michelstädter Schulkinder tragen einen Prolog sowie jüdische Deklamationen vor und führen auch ein kleines Theaterstück auf, das Elijahu und Elisa zu Helden hat. Dann ergreift Herr Emil H. Lehmann das Wort zu einem sachlichen Berichte über die Tätigkeit der Freien Vereinigung in den letzten Jahrzehnten. Ausgehend von den Schlußworten der Hafthora -121 vsv» wvv legt er das Programm der Freien Vereinigung fest: Wahrung des religiösen Rechtes nach außen, Werke der Liebe und Wohlfahrt, Förderung aller Institutionen, die der Jüdischkeit und dem Zniusideal (Mikwo) dienen. Nach einer kurzen Pause erfolgt das mit Spannung . erwartete Referat des Herrn Red. S. Schachnowitz über das Thema „Wahrheit und Dichtung über den Baalschem von Michelstadt". Schon rein äußerlich zeigte die lautlose Stille, welche während des fast einstündigen Vortrages herrschte, wie sehr Referent es verstand, seine Zuhörer in den Bann dieser eigenartigen Studie zu ziehen. Der gewissenhafte Historiker, der sich auch ncht scheut, liebgewordene Vorstellungen zu zerstören, wenn sie nicht den Tatsachen entsprechen, vereinigte sich mit dem verständnisvollen Hüter und Pfleger alles Wertvollen, was die jüdische Volksseele an lebendiaen Impulsen aus der Vergangenheit sich in die Gegenwart gerettet hat und ließ ein Gemälde entstehen, welches zunächst den bewegten Hintergrund jener Zeit aufzeichnete, in welcher Baal Schem der Welt geschenkt wurde. Aber nicht nur Persönlichkeiten wie der Begründer des Chassidismus der Baal schem tauw in Polen, Rabbi Nathan Adler, Frankfurt, der junge Chasam Sofer und das damalige Frankfurter Judenghetto wurden plastisch gezeichnet, Redner verstand es auch in meisterhafter Weise, die Unterschiede zwischen einem unjüdischen lebensfremden Mystizismus und der echt jüdischen Wissenschaft der Kabbala, welche ein „unschätzbares Repositorium des Geistes von T'nach und Schaß" (Neunzehn Briefe) darstellt, sp herauszumeiseln, daß jeder Hörer Verständnis für die Welt bekam, in welcher Baalschem lebte. In eindrucksvoller Weife schilderte Referent die Jugendzeit im Bes Hamidrasch von Rabbi Nathan Adler, das Verkanntsein in der eigenen Heimat und die schließliche Anerkennung nach einem kurzen Aufenthalt in Mannheim, die Gründung der Michelstädter Jeschiwa mit ihren 70 Bachurim, der allmählich wachsende Zustrom von mit Schicksal und Sünde Beladenen, welche in das kleine Städtchen im Odenwald pilgerten, um dort Rat, seelische und körperliche Heilung zu suchen und zu finden. Zu dichterischem Schwung erhob sich der Referent, als er die Verschwommenheit der Grenzlinien aufwies zwischen dem, was Menschen natürlich und übernatürlich nennen, und an Hand der geschichtlichen Tatsache, daß Baalschem selbst es entschieden ablehnte, als „Wundertäter" im üblicben Sinne zu gelten, den Nachweis erbrachte, daß eine ganze Fülle der überlieferten Erzählungen über den Baalschem sich rationell deuten lassen, wenn man eben daran denkt, daß hier eine Persönlichkeit von außerordentlich suggestiver Kraft diese Kraft duzu verwandte, um allen Suchenden den Weg zu ihrer von G'tt gezeichneten Pflicht sinden-zu lass e n. Ein verständnisvolles Eingehen auf die einschlägige Literatur und speziell auf den „Baalschem von Michelstadt" von I u d ä u s gab dem Referenten Gelegenheit, unbewußt und ungewollt eine Charakteristik jener Geschichtsdarstellung zu geben, die für ihn selber zutrifft. Eine Geschichtsdarstellung nämlich, die nicht bloß zum Kopfe und Gedächtnis spricht, sondern zum jüdischen Herzen und bei peinlicher Berücksichtigung des Tatsachenmaterials doch Ansporn zum Erringen jüdischer Persönlichkeitswerte im reichsten Maße vermittelt. Impulsiver, sich immer wiederholender Beifall beschloß diese Weihestunde, welche eine würdige Introduktion des Besuches der Grabstätte vom Baalschem gab. Es ist zu hoffen, daß Gelegenheit gegeben wird, das Referat durch Druck einer größeren Oesfentlichkeit zugänglich zu' machen. Nunmehr führte eine Frankfurter Esragruppe (Leitung Erich Weil) in bereits bewährter Weise, das Theaterstück „Barkamza", nach dem bekannten Texte im Talmud Gittin, vor einem aufmerksamen und dankbaren Auditorium aus. Es folgt noch ein kurzes Referat des Gemeindelehrers, Herrn Strauß, über die „Pflichten der Eltern den Kindern gegenüber". Er entwirft ein trübes Bild von der geistigen Oede auf dem Lande und den Gefahren für die Zukunst. Retten könne nur das lebendige Beispiel der Eltern, die die Kinder von jüngster Kindheit auf in einer Atmosphäre der praktischen Mizwotat erziehen. ' ' Nun pilgerten die Hunderte auf den „guten Ort" zum Grabe des Mannes, der die ganze Veranstaltung beseelt und sie wie mit unsichtbarer Hand geleitet hatte. Mit einem Minchogebete in der Halle traf man die Weihe und Vorbereitung für den heiligen Gang. Herr Rabb. Dr. M e r z b a ch sprach noch ein paar Worte über die tiefere Bedeutung eines solchen Gräberbesuches und das wahre Leben, das aus heiliger Erde zu uns spricht. Dann standen wir am „Kewer", jeder in seine Gedanken versunken, jeder in seine eigenen Gebete vertieft. Jedermann hat heute manches auf dem Herzen, das er wie Ballast hier zu Füßen des heiligen Mannes abwerfen möchte. Es geht eine Beruhigung aus diesem von Käfern umsunnnten, von wilden Pflanzen umrankten und Erdbeerenstauden umkrünzten Grab aus. Man tritt frisch und aufgerichtet den Heimweg an. Und diese Stimmung hält an während der ganzen frohen Rückfahrt, der untergehenden Sonne entgegen. Links die schwarzen Wände der Wälder, rechts das schönste Abendrot am Horizont. Es war ein Ausflug eigener Art, an' dem Stadt und Land, soweit sie dabei waren, noch lange zehren werden. E. Agudas Jisroel Jugendgruppe in Michelstaot. Im Anschluß an die Tagung der Freien Vereinigung am letzten Sonntag hat die Frankfurter A. I. Jugendgruppe Verhandlungen mit den anwesenden Jugendlichen von Michelstadt und Umgegend ausgenommen, mit dem Ziele, eme gemeinsame Arbeit im Rahmen der Agudas Jisroel Jugendorganisation herbeizuführen. Herr Realschullehrer Biü, der schon auf der Tagung die Jugendgruppe begrüßt und darauf hingewiesen hatte, daß die Agudo die einzige Organisation sei, dje aufgebaut ist aus der Grundlage der Thauro, begrüßte und leitete auch diese Besprechungen. Treffahrt der Agudas Jisroel-Jugendgruppe. Es wird nochmals auf die am Sonntag, den 5. Juli stattfindende Treffahrt mit der Agudo- und Esragruppe in Darmstadt hingewiesen. Treffpunkt für Radfahrer Vz l4 Uhr Uhrtürmchen Friedberger Anlage, für Eisenbahnfähre: V414 Uhr Hauptbahnhof. Die Fahrtkosten betragen für Teilnehmer unter 20 Jahren Mk. 0.50, für Teilnehmer über 20 Jahre Mk. 0.60. Teilnehmer unter 20 Jahren, die auf diese ermäßigte Fahrt reflektieren, müssen sich bis spätestens Sonntag, den 5. Juli, vorm. 11 Uhr im Büro der Jugendgruppe anmelden. Erez Jisroel-Arbeitsgemeinschaft der Agudas Jisroel. Die unter Leitung des Herrn Jsaac Breuer stehende Arbeitsgemeinschaft wurde bis nach den Sommerserien vertagt. Der Wiederbeginn wird den zugelassenen Teilnehmern rechtzeitig mitgeteilt werden. Die Jüdische Wohlfahrtspflege in Nöten. Die jüdische Wohlfahrtspflege Frankfurt a. Main veröffentlicht einen Aufruf, dem folgendes entnommen sei: Wenn ihr nicht in ausreichendem Maße von allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung in großzügiger Weste Mittel zur Verfügung gestellt werden, muß die Jüdische Wohlfahrtspflege in kurzer Zeit ihre gesamte Fürsorgetätigkeit einstellen. Das bedeutet: Hunderte von jüdischen Familien werden auf der Straße liegen, hunderte von unversorgten Kindern werden obdachlos sein. Eine Verelendung wird einsetzen, deren Folgen nicht abzusehen sind. Wollen Sie verantworten, daß Verzweiflungstaten geschehen, die nicht wieder gut zu machen sind? Helsen Sie! Vortrag über das Palästina-Mandat an der Frankfurter Universität. Am 19. Juni hielt aus Einladung von Prof. Dr. Strupp Herr Dr. Ernst Marcus, Berlin, im völkerrechtlichen Seminar der Universität Frankfurt a. M. einen Vortrag über die völkerrechtlichen Probleine des Palästinamandates und staatsrechtliche Gestaltung Palästinas. Der Vortrag behandelte die politischen Grundfragen und vor allem die für das Völkerrecht neuen und von der Wissenschaft noch wenig beachteten Begriffe des „National Home" und der „Jewifh Agency" sowie ihrer Zusammenhänge mit den Prinzipien des Nationalitätenrechts. Hörer aus verschiedenen akademischen Kreisen, darunter die Austanfchprofessorin der Universität Mailand, wohnten dem Vortrag bei. Der Veranstalter des Vortages, Professor Dr. Karl Strupp, ist einer der hervorragendsten deutschen und internationalen Völkerrechtsgelehrten. Goldene Hochzeit. Herr Heineman.n Birnbaum und Frau, geb. Jchenhäufer feierten am 15. Tamus in voller körperlicher und geistiger Rüstigkeit das Fest ihrer Goldenen Hochzeit. Wir u'ünschen dem Jubelpaar, das sich Ehrungen durch Abwesenheit entzogen hat, ein weiteres ungetrübtes glückliches Leben. n® onusi ns» nv Frankfurter Vereinskalender. Verein Mekor Lhajim. Samstag morgen nach Schul im Hörsaal: Dinim, Herr Dr. E. Posen. — nnchm. 3k Stunde vor Mincho im Vereinslokal, Mikro. Herr Dr. W. Hofmann. - 3/4 Stunde vor Nacht im Hörfaal, Midrasch. Herr Leopold Oppenheimer. Sonntag morx-ens nach Schul (ebenso Mittwoch) ms "m Herr Red. Sch<lchnowitz — vormittag 8 Uhr (ebenso Samstag 4 U hr) Gemoro Herr I. Soffer — vormittag 9V2 Uhr (eben.fo Dienstag abends 6V2 Uhr) Gemoro. Herr N. A. Eierson Posen 1 Montag (auch Donnerstag), nach Schul: Mifchna Mitgliederlernen— abends 7 Uhr auch Mittwoch), Gemoro, Herr Rabb. Dr. Jos. Breuer, abends 8 V4 Uhr (auch Donnerstag) Gemoro, Herr Dr. C. Posen. Dienstag (auch Freitag) nach Schul: Mifchna, Herr Dr. E. Posen. Von Montag bis einfchl. Freitag morgens nach Schul, im Sitzungszimmer, Gemoro Herr Dr. S. Ehrmann. Jeden abend 8 3/4 Uhr, im Vereinslokal Schaßlernen, Herr H. Holpern. Jahrzeitsftiftungen. Dienstag, 7. Juli: David Gold-Stiftung. Agudas Iisroel-Iugend- und Mädchengruppe. (Alle Schiurim wie üblich.) Besondere Veranstaltungen der Mädchengruppe. Mittwoch, 201h—2IV2 Uhr Dinim. Dozent: Herr Konrektor Hirschberg (14tägig). Schabbos, y? Stunde nach Schul Mslochim. Dozent: Herr Julius Lewin. 16—17 Uhr Tauroh. Dozent: Herr Konrektor A. Hirschberg. 16—17 Uhr Jeschajo. Dozent: Herr Studienrat Dr. Markus Lange (i. d. Wohnung Obermainanlage 16). Agudistifche Frauenortsgruppe, Frankfurt a. M. * Am Montag, den 6. Juli, findet im Haufe von Frau Heinrich Eisemann, Friedberger Anlage 15, abends 9 Uhr der Pirke Owaus Schiur von Herrn Konrektor A. Hirschberg statt. Gäste, Damen herzlich willkommen. Liwjat- Chen. (Hörsaal Friedberger-Anlage.) Nach Mincho 5^/4 Uhr Vortrag des Herrn S. Schachnowitz (Jirmejahu spricht zu uns.. ) '"-nsn du?/, umpn nsan1? mnn -jurm" pw iü K’ST onrs 's /p n2W2 pan 'iinn Verein zur Pflege der hebräischen Sprache VV" Samstag, 6 Uhr nachm, spricht Herr S. Schwarz über: „Die religiöse Erziehung in Erez Jisroel". Jüdischer Turnerbund E. V. Am Samstag, den 4. Juli, findet eine Nachttour statt. Treffpunkt: 11 Uhr pünktlich am Hauptbahnhof. Gebetzeiten. Freitag abend 7.45 Samstag naarcn 6.30 Samstag morg. 7.45 Samstag nachm. 1.00 u. 5.00 Samstag abend 9.40 Wochengottesdienst: Morgens 6.15 Nachmittags 7.15 Tefillin-Legen am Morgen 2.45 Schiurim de» Gemeinderabbiner». Talmud-Schiur für Fortgeschrittene, vmvs D» Sonntag morg. 9.—, Dienstag und Donnerstag abends 20l/2 Uhr im Iugendlernzimmer Fichtestraße 5. Sefer Chinuch Arbeitsgemeinschaft für junge Leute, Samstag nachmittag nach nma für angemeldete Teilnehmer im Jugendlernzimmer Fichtestraße 5. Ausgewählte Stücke aus Talmud und Pofkim. Schiur für Jugendliche im Alter von 16 bis 25 Jahren. Montag und Mittwoch 20^ Uhr im Jugendlernzimmer Fichtestraße 5. Sprechsaal. •Viipd» Ton1? In der Obstzeit dürfte es am Platze fein, daraus aufmerksam zu machen, daß Erdbeeren nicht wie viele Kreise meinen, gar nicht auf Würmer besehen zu werden brauchen. Es finden sich zuweilen unter dem Blatt, das zwischen Stiel und Frucht liegt, kleinere oder größere schwarze Würmchen, worauf also beim Rohgenuß und beim Einkochen zu achten ist. Ueber den schweren niv« ist wohl hier nicht weiter zu sprechen. Eine zweite Notiz für die eben in Hochkonjunktur stehende Einmachzeit. Das zum Gelieren der Marmeladen empfohlene „Opekta" enthält, wie verlautet, Gelatine, kann daher in jüdischen Haushaltungen nicht verwendet werden. Rabb. Dr. Ansbacher. Briefkasten. Zierchelsoyn in Hfiittkange. Die Adresse des „Ort" ist Berlin W. 57, Bülowstr. 90. Datum. Der 18 Marcheschwan 5654 entspricht dem 28. Oktober 1893.