Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1931)
- Date
- 1931-07-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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2. Juli 1931 Der Israelit Nr. 27 Seite 13 Die Woche. Rettet die Samson Raphael Hirsch-Schule! Nachdem bereits von der Kanzel herab und in anderer Weise aus die ernste Gefährdung hingemsesen worden war, die dem Schulwerl der Israelitischen Religionsgeseitschast durch die krisenhafte Zuspitzung der wirtschajtlichen Verhältnisse droht, hatten oie verantwortlichen Gremien zu einer Versammlung aufgerusen, in der oie Lage und die zu ihrer Besserung erforderlichen Schritte zur aus,ührlichen Erörterung gelangten. Die starkbesuchte Versammlung im großen Saale des Zoologischen Gartens wurae von Herrn Jacob Rosenheiin mit einem Hinweis auf den ernsten Zweck eröffnet. Der Gemeinderabbiner, Sr. 'Ehrw. Herr Rabb. Josef Horovitz, richtete sodann erschütternde Worte der Mahnung und des Aufrüttelns an die Versammelten, die er zur Rettung des Heiligsten aufrief, das die Väter der Gegenwart anvertraut haben, zur Rettung der mz bv mpun die im Geiste Rabb. Hirsch's in einer jüdischen Schule erzogen werden müssen, um den Kampf des Lebens bestehen und sich unter voller Wahrung der gottgewollten Isolierung doch in der Umwelt frei entfalten zu können. Der Reoner kennzeichnete die Wirkung der Schule in Gemeinde und Welt und betonte anschließend die unbedingte Pflicht, ein solches Werk, das seit 80 Jahren mit vollem Einsatz aller Kräfte geschaffen und gefördert worden ist. über die Krisenzeit hinweg zu retten, wenn es auch erhöhter Opferkraft jedes Einzelnen hierzu bedürfe. Wie einst das Heiligtum aus den Schekelgaben der ganzen Gemeinschaft errichtet wurde, so müsse ein allgemeines Notopfer helfen, um das Heiligtum des jüdischen Kindes für eine bessere Zukunft ungefährdet zu erhalten. Herr Rosenheim erläuterte alsdann an Hand von etatsmäßigen Ziffern den Sanierungsplan der Gemeindeverwaltung. Danach mutz gefordert werden, datz allein durch die zu zeichnenden wöchentlichen Spenden der wenig oder nicht Begüterten im Jahre Mk. 30 000.— der Schule zuflietzen können,- es soll sich dabei um, den Einzelnen nicht stark belastende, Beiträge, beginnend schon bei einer halben Mark pro Woche, handeln. Wenn, wie empfohlen wird, die Spende auf den Namen eines Kindes geleistet wird, so könnten die Eltern das beglückende Gefühl haben, datz mit dem Wachstum ihres Kindes auch das Hilfswerk wächst, das der Erhaltung der Schule dient. Der Leiter der S. R. Hirsch-Schule, Studiendirektor Dr. Elias, ergriff sodann, das Wort zu dem mittlerweile den Eemeindemitgliedern im Druck zugänglichen Referate über die geistige und kulturelle Bedeutung der S. R. Hirsch-Schule. Es kann hier aus der Fülle des in dem Referate gebotenen Stoffes nur einiges Wenige geschöpft werden, um wenigstens die grotzen Gesichtspunkte erkennen zu lassen. Der Redner ging aus von den heroischen Anstrengungen, die Rabbiner Hirsch machte, um das zu schaffen, was ihm die wertvollste Bürgschaft für die Zukunft des Judentums schien: die jüdische Schule. Diese Schule mutz mit derselben Opsersreudigkeit, die Hirsch und seine Mitkämpfer in die Wagschale warfen, auch heute gehalten werden als Bildnerin neuer Gemeinschaft als Heimat der Tugend, als Zufluchtsort vor feindlicher Umwelt und als geistiger Mittelpunkt der Gemeinde. Die Leistungen der Schule . auf jüdischem Gebiete erschöpfen sich nicht in der Vermittlung von Wissen, es sind vielmehr die Atmosphäre einer reinjüdischen Unterrichtsanstalt und die vielfachen Anregungen zur Erweitetung und Fortsetzung des Lernens, die die stärksten Stützen zur Pflege jüdischer Lebensauffassung bilden. Zwischen profaner und jüdischer Bildung wird eine Synthese hergestellt, damit alle Lebensregungen im Religiösen ihre Wurzel finden. Wichtig und vorbildlich sind auch die Leistungen der Schule auf dem Gebiete hygienischer Förderung, und körperlicher Ertüchtigung. Die jüdische Schule arbeitet daran, dem Konflikt zwischen den Generationen die Schärfe zu nehmen, sie vermittelt das Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen den einzelnen Gliedern der jüdischen Gemeinschaft, sie sorgt in bewußter Ablehnung eines falschen und überlebten Standesbegriffes durch wirtschaftliche Erleichterungen (Freiplätze, Ermäßigungen usw.) für den notwendigen und thoragemätzen sozialen Ausgleich. Das Fehlen einer jüdischen Schule müßte dazu führen, die Schuljugend in den Gemeinschaftsschulen vielen Gefahren geistiger und seelischer Art auszusehen, während die jüdische Schule den Boden zu eigener Entwicklung und Entfaltung der Persönlichkeit bietet. Die Schule, die im In- und Auslande als hervorragende Erziehungsstätte berühmt ist, aus der in 80 Jahren wertvolle Führerpersönlichkei'ten, umfassende Bewegungen und soziale Impulse hervorgegangen sind, muß erhalten werden, wenn die Frankfurter Gemeinde weiterhin als!-ni ->$> gelten soll. In einem packenden Schlußworte wies Herr Rofenheiin noch auf die Bedeutung hin, die der S. R. Hirsch-Schule durch das aufopfernde Wirken eines vorbildlichen Leiters und einer zielbewutzten Lehrerschaft verliehen wird. Im Anschluß an den Brunnengesang des Wochenabschnittes rief er dazu auf, den Ouell nicht versiegen zu lassen, der aus der langen Wüstenwanderung, von den Edelsten des Volkes gegraben, der Gemeinde und der jüdischen Well das sprudelnde Leben der Thora gespendet hat. M. N. Dr. Gustav Stiebe! Begnadete sind es, denen Gunst der Natur und Kraft der Selbsterziehung gestatten, ihr Gemüt zu heiterem, harmonischem Gleichmaß zu entwickeln. Dr. G u st a v Stiebet üver üessen plötzliche Heimoerusung ganz Frank,urt noch in jähem Entsetzen und fassungsloser Trauer verharrt, war einer dieser seltenen Begnadeten. Vielleicht oas Wunderbarste an dem vielfältigen Wunderbaren, das diesen Eoelmenschen auszeichnete, war seine ruhige Ausgeglichenheit. Sie wirkte und strahlte von innen heraus, sie erfaßte und umfaßte sein ganzes Wesen, sie teilte sich unsichtoar, aber deutlich spüroar allen mit, die ihm je nayelraten. Äber dieser Gleichmut erstarrte nicht zur Gleichgültigkeit, erfror nicht zur Ichsucht. Er hatte ja zwei, starke und sich weithin ausdrettende Wurzelstränge von Ehorebsyöhen: die Gottesfurcht und die Demut. Gustav S t i e b e l' s — entkleiden wir hier den Menschen seiner Würde — Denken kreiste um E'ttesgedanken, kreiste um den Gedanken an G'tt, sein jüdisches Tun ordnete sich diesem Denken willig unter, reihte sich ihm ein. Hier kommt der zweite Wurzelstrang zum Vorschein: die Demut. Persönlich gewählter und vornehmer Lebenshaltung nicht abhold und in der Glückslage, dieser Anschauung huldigen zu können, versteinerte sich das nie zur Abwehr gegenüver anderer innerlich herausquillender oder äußerlich aufgezwungener Ansicht, machte er seine Neigung nicht zum Maßstav oder zum Kriterium für Menschenbewertung. Ihm galt der Mensch ganz allein, und nur der Mensch, Rangesunterschiede, Landesgrenzen, Standesunterschiede, ja selbst Glaudensunterschiede kannte der schlicht-vescheioene Helfer in der Not nicht. Es war herrlich wahrzunehmen, wie jeder einzelne der unendlich großen Schar von Patienten unwillkürlich meinte, er sei der Bevorzugte, ihm widme dieser große Arzt des Körpers und zugleich große Arzt der Seele ein besonderes Stück seiner sanften, hingebenden Liebe, und wie es tatsächlich nur Bevorzugte bei ihm gab. Herrlich auch, zu beobachten, wie er mit reifem psychologischen Verständnis der Individualität eines Jeden Rechnung zu tragen, jede in ihrer Besonderheit zu erfassen und zu nehinen wußte. Das führte zu Blüte und Frucht dieses prächtigen Baumes: zu seiner allumfassenden Menschenliebe. Der lebensfrohe und lebensnahe Mann war ein Freund der Menschheit im Allgemeinen, war ein Freund der jüdischen Menschheit, dieser Summe und dieses Inbegriffs reinster und höchster Menschlichkeit, im Besonderen. Jeder Emanation und Aeußerung dieser jüdischen Menschheit war er zugetan und zugewanat. Die Annalen der Israelitischen Kuranstalt in Soden, die damals der Benevolenz derer von Rothschild ihre Entstehung und Erhaltung verdankte, wissen aus den Jahren 1895—1897 beredt und eindringlich zu erzählen, mit welchem sonnenfrohen Mut, mit welcher reichen Güte der Arzt Siechtum und Krankheit bekämpfte. Die stolze Zusammenfassung des gesetzestreueu Weltjudentums, die A g u d a s I i s r o e l, der er in unverbrüchlicher Liebe dis zum Tode treu blieb, kann aus ihren Werdejahren berichten, rne er ihr seine Tatkrast weihte. Die Synagogen gemeinde Israelitische Religions-Gesellschaft in Frankfurt erfreute sich im Schulrat jahrelang seiner wertvollen Mitarbeit. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, mag seine freudige Bereitschaft rühmen. Die Israelitische M ä n u e r k r a n k e u k a s s e, die sogenannte K i p p e st u b , ehrwürdiges Wahrzeichen Altfrankfurter Vergangenheit, das Rothschild'sche Altersheim, diese schöne Heimstätte alleinstehenden einsamen Witwentums, hat seine ärztliche Fürsorge erfahren, die Israelitische S u p p e n a n st a l t, Lebenserhalter von Hunderten für wenige Pfennige, zählte ihn zu ihren Förderern, der Verwaltungsrat der M. A. von Rothschild'schen Lungenheilstätte in Nordrach, die Viele schon dem werktätigen Leben zurückgegeben hat, war stolz auf ihren Vertrauensarzt. In der Mannigfaltigkeit waltete eine große Einheit und Einheitlichkeit: eben die allumfassende Menschenliebe, die Blüte und Frucht an dem Baum, dessen Wurzeln E'itesfurcht und Demut, dessen Stamm harmonische Ausgeglichenheit des Wesens war. Der Baum ist gefallen. Nicht Menschenhand hat ihn gefällt, sie hätte ihn gerne gehegt, gepflegt und erhalten bis ins späteste Alter. G'tt hat ihn verpflanzt in den lichten Garten der Ewigkeit, in Gan Eden. Aber wer je im Schatten dieses Baumes geweilt, wer sich an seinen Blüten ergötzt, an seinen Früchten gelabt hat, dem wird er unvergeßlich bleiben. Und das mag der Gattin, der treuen Gefährtin seines Lebens und Strebens, das mag den Kindern, die sich an ihm aufrankten, das mag nahen Anverwandten, deren gefürsteter Sinn dem seinen adäquat war, ein wenig Trost in der schweren Trauer sein. Eine Welle der Liebe und letzten Verehrung entlud sich in den Reden an der Bahre auf dein Friedhof der Israelit. Gemeinde. Nach dein großangelegten Hesped des Herrn Rabb. Dr. Jakob H o r o w i tz sprachen die Herren Dr. Deutsch für den Äerzteverband, Dr. Weil für die Kuranstalt in Nordrach, I. B. Levy für die Frankfurt-Loge. Robert Strauß für die Kuranstalt in Bad Soden, Dr. Mainzer für den Centralverein, Direktor Dr. Elias für den Schulrat der Israelitischen Religionsgesellschast, dessen Mitglied Dr. Stiebe! war. Zuletzt gab noch Lehrer W e ch s - l e r aus Alzenau dem Schmerz der Familie Ausdruck. ■rraxan Die Bezirkskagung der »Freien Vereinigung" in TMchelstadt. Michelstadt, lieblich eingebettet zwischen den Hügelketten uno herrlichen Wäloern des Oöenwaldes, heute noch eine stattliche jüdische Landgemeinde, hat eine ftolze jüdische Vergangenheit. An einem alten Bau prangt^ eine Tafel, von der Stadt gewidmet ihrem großen Sohn, Rabbi Seckel Löb, der in diesem Haus gewohnt und gewirkt und Michelstadt einen kleinen Weltruhm gesichert yat. Draußen erhebt sich auf welligem Boden terrastensörmig ein Friedhof, wie man ihn malerischer und idyllischer kaum sonst in der Welt sehen kann. Am äußerjlon Ostrande ragt der gutgepflegte weiße Sandstein mit oer Krone aus oem Grabhügel des Vaalfchem, Rabbi Jizchok Arje, genannt Seckel Lob, heraus. Unten aber, nur durch eine ganz schmale Fahrstraße getrennt, ist das Stadion angelegt, das größte in der Gegend, das Stadion mit seiner Arena für Boxkämpfe und Meisterspiele, mit seinem Familienbade, mit allem, was zu einem Olympus der Zeit gehört. Grabstätte und Spielplatz sind so nahe und so fern von einander, wie Tod und Leben . . . Wer stört wen? Von unten dröhnt das losgelassene Getöse des heiteren, leichten Lebens vielleicht zu einer einsamen Frau hinaus, die sich oben mit ihrer Rot und dem Kummer ihres Herzens auf das Grab des großen Wundermannes geworfen hat ... Möglicherweise sieht aber auch manch einer unten mitten im Spiel und frohen Lachen aus, zu den erhobenen steinernen Fingern oben, die an eine allem rauschenden Leben gesetzte Grenze gemahnen, mahnen, daß tosende Hemmungslosigkeit vielleicht nicht ungestraft die heilige Ruhe großer Toten stören darf . . . Man empfindet eine gewisse Disharmonie, man wird sie im gleichen Maße oben wie unten empfinden . . . Unser Weg und unser Blick geht nach oben. In der Glut des Sommernachmittags fahren wir in dem schon fast traditionellen gelben Postautobus gegen 3 Uhr in Michelstadt ein. Einige und 30 Plätze hat der Wagen, annähernd 50 Menschen, auch einige „blinde Passagiere" fahren mit. Sachte Fahrt durch herrliche Waldungen und frohe Worte in bester Gesellschaft trösten über Enge und sengende Sonnengut hinweg. Die Jugend ist vorausgefahren und empfängt uns dort mit freudigem Hallo. Agudas Jisroel-Jugendgruppe, Esra und Schülergruppen sind schon seit Stunden ganz heimisch im Städtchen des Baalschem, fiebern vor Aufregung. Alles ist in Spannung und froher Erwartung. Der ganze jüdische Odenwald scheint sich ein Stelldichein zu geben. Das Darmstädter Auto, vollbesetzt wie unseres, folgt uns auf dem Fuße. Von allen Seiten strömen Menschen, Bekannte und Unbekannte. Eine Huldigung des Baalschem von Mickelstadt. Und weil so gar kein äußerer Anlaß vorliegt, kein Geburtstag und kein Todestag, so ist diese Ehrung, spontan aus dankbarem Herzen einer Nachwelt geboren, wie das plötzliche Erwachen eines Schuldgefühles. Dankesschuld abtragen an einen Mann, der seiner Zeit und seiner Gegend den Stempel seines Geistes, wie es scheint, für Jahrhunderte aufgedrückt hat. Es bedurfte nur eines Rufes der „Freien Bereinigung", sie gab den Rahmen, die Menschen, die Herzen und Seelen, waren da, als hätten sie nur darauf gewartet. Ueber den Verlauf der Tagung geht uns folgender Bericht zu: Gegen 4 Uhr beginnt die Versammlung im Saalbau, einem auch nach städtischen Begriffen schönen und geräumigen Festsaale. Die Teilnehmer, die die Reihen füllen, zählen nach vielen Hunderten. Herr Realschullehrer B i ck richtet an die Versammlung ein kräftiges und äußerst wirksames Grußwort. Die Stadt habe vom Lande so viel an Menschen und geistigen Werten erhalten, daß es schon längst an der Zeit gewesen wäre, daß sie in irgendeiner Weise ihre Dankesschuld an die Nährmutter abträgt. Die Stadt hatte aber das Land vergessen und es gewähren lassen, daß dort eine geistige Oede eintrat, eine Landgemeinde nach der anderen starb und verdarb. Nun kommt die Stadt, und die Beteiligung und das Interesse zeigen, wie sehr man dieses Weckrufes gewartet hatte. Er dankt der Freien Vereinigung und muntert die Jugend auf, in die Reihen der Agudas Jisroel zu treten. Die Freie Vereinigung verdiene wärmste Unterstützung bei all denen, die an der Erhaltung des Judentums auf dem Lande ein Interesse haben. Herr Dr. E h r m a n n übernimmt den Vorsitz und begrüßt die Versammlung. Er verliest ein äußerst herzlich gehaltenes Begrüßungsschreiben des orthodoxen „Hessischen Landesverbandes" und gedenkt mit warmen, ehrenden Worten des plötzlich Heimgegangenen Dr. Gustav Stiebet der stets ein treuer Freund und verständnisvoller Mitarbeiter der „Freien Vereinigung" war. Die Versammlung erhebt sich zu seinen Ehren von den Plötzen. Der erste Referent ist Herr Rabb. Dr. M e r z b a ch , Darmstadt. In Erklärung des Wortes 12»st» nyvrni spricht er von den verschiedenen Tönen — und Mißtänen —, die heute das jüdische Leben beherrschen. Aber der j ü - dische Ton bleibt doch im jüdischen Leben vorherrschend. Und es ist ein Dreiklanq: Agudas Jisroel, Freie Vereinigung und die orthodoxen Landesverbände.