Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1931)
- Date
- 1931-07-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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jeuilletotu Beilage Der Israelit Dr.27 1931 nicht einmal recht, wo all diese Zeitungen erschie- AlV Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines TIlenschenschicksals und einer Zeilepoche. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). Diie Probleme, die Än Klub zur Diskussion standen, waren: Selbstbestimmung der Völker, Autonomie der Nationalitäten. Die Internationale — sie nannten sie die dritte — mutzte in ihrem weiten Mantel Platz haben für alle. Nichts sei gefährlicher als eine „nationale Internationale" . . . Darum sollte es den Völkern in Rutzland, von wo die Weltrevolution ihren Ausgang nimmt, überlassen bleiben, o b und m t e sie sich in einen russischen Staatsverband emrechen wollen. Das Rätesystem war in der Theorie in allen Einzelheiten ausgebaut. Jeder Nationalität im Staatsverbande stand ihre Autonomie zu. Ob nur eine wirtschaftliche, oder auch eine religiöse und kulturelle, darüber tobte oft der Streit der Freunde ganze Nächte hindurch. „Nur nichts von Religion!" ereiferten sich die meisten. Kultur? Ein gemeinmenschlicher Begriff, der von nationaler Eigenbrödelei nicht eingeengt werden dürfe. Man würde nicht zu-- lassen, daß im weiten Mantel kleinbürgerlicher religiöser Kultur konterrevolutionäre Elemente Unterschlupf finden. Man sprach von all diesen Dingen, als wäre schon der die halbe Welt einnehmende russische Boden befreit und warte nur auf die Konstrukteure für den inneren Ausbau. Wladimir Jljitsch war gerade von London gekommen, wo er einen vollen Sieg errungen und kraft der Theorien seines geschriebenen Buches eine völlige Trennung von den „Menschewiki" und die Gründung der „Bolschewistischen Partei" durchgesührt hatte. Seine Autorität im Klub wuchs ins Unermeßliche. Er war auch sonst viel auf Reisen. Man munkelte, er würde sogar vorübergehend mit Freunden in Rußland zusamrnenlkommen, obwohl er erst vor wenigen Jahren aus Sibirien geflüchtet war. Das wußten vielleicht die Nächsten und Eingeweihten. Er selber sprach von allem anderen eher, als von sich und feinen Fahrten. Meikemeier war der Lehre Jljitsch Lenins, des Bolfchen, ganz ergeben;'von der Kraft, die aus diesem Riesen ausströmte, ganz überwältigt. Er war nicht in der Bewegung, die Bewegung war in ihm. Wie alle im Kreise, lebte auch er in der Vorstellung, als seien alle diese Theorien schon längst realisiert und Triebkraft des neuen Lebens. Er diente ihnen in feiner Art, lange nicht mehr als totes Stück eines Mechanismus, wie etwa in der Scheunengasse zu Königsberg. Er arbeitete in bescheidener Stellung, aber mit der Seele. Skobeljew hatte ihn bei Jljitsch^gut eingeführt, und dieser hatte, wie für jeden, auch für ihn den richtigen Platz. Er war in keinem Büro untergebracht, aber er hatte auf einem ihm zugewiofenen Gebiet nach bestimmten Richtlinien gewisse Arbeiten zu verrichten, und er arbeitete zur vollen Zufriedenheit der „Köpfe". Er schrieb nicht für bestimmte Zeitungey, einmal las er seine Arbeiten und Bearbeitungen in der „Sarja" (Morgenröte), ein anderes Mal in der „Jskra" (Funke), wieder einmal in dem deutschen „Proletarier" und dann in der „Prawda". Er wußte nen, aber das wußte er und wußten alle, daß die in diesen Blättern verbreiteten Gedanken in den „Köpfen", die den Klub beherrschten, entstanden waren. Zu seinen Obliegenheiten gehörte auch, öfters in Sondermission nach Bern und anderen Universitätsstädten hinüberzufahren, um Botschaften zu überbringen, Parolen zu vermitteln und auch sonst die Verbindung unter den Gesinnungsgenossen aufrecht zu erhalten. All das brachte ihm so viel ein, daß es für ein kleines Zimmer reichte und einen bescheidenen Mittagstrsch in eiNem kleinen jüdischen Restaurant im Ausländerviertel. Das frugale Abendbrot bereitet er sich selbst in der Klubmensa zu. Hier lernte er Sonja Pos euer kennen, die ihn stark an Marijaschka in Gelgudischkin, das einzige Weib, das ihm einmal den Weg kreuzte, erinnerte. Zum Zwecken Mal in seinem Leben war nach Jahren das Menschliche und Männliche ein wenig heraufgewühlt und für einige Zeit in den Vordergrund gebracht. 'Sonja Posener war Fabrikantentochter aus Kiew. Sie studierte Chemie, hielt Borträge, in denen sie mit dem ganzen Zorn ihrer neunzehn Jahre gegen die Bourgeois und Exploitation wetterte und bereitete sich nebenbei in aller Sachlichkeit für den Fabrikbetrieb des Vaters vor, den sie als einziges Kind übernehmen sollte . . . Sie war ein gesundes Menschenkind von blühender Jugend, mit rosigen Backen und einer hellen Stimme, die wie Glockenspiel klang. Sie half Meikemeier bei der Zubereitung des Tees und gab auch gern von ihren Teeblättern her. Es war der beste Tee in der Mensa, denn sie erhielt ihn aus Kiew geschickt, sorgsam gepflegt, gelesen und verpackt von Opfern der Exploitation . . . Aber er duftete und schmeckte vortrefflich. Dieses Mädchen hatte noch andere Eigenschaften und Eigenheiten, die fie. von allen anderen unterschied. Sie war gute Ballspielerin, vortreffliche Schwimmerin, Mitglied von Turn- und allerlei Sportvereinen, lernte reiten und hatte im Fechten einen Meisterpreis erworben. Meikemeier dachte jetzt sogar an Wiederaufnahme seiner Studien. Aber zunächst hatte ihn die Politik, die Organisation. Sonja, die an Marijaschka erinnerte, ließ ihn ein wenig erschauern vor den zehn Jahren, die wie ein leerer Raum zwischen damals und heute lagen. ■ Er stand damals an der Schwelle der zwanzig, nun näherte er sich — er erschrak bei dem Gedanken, als hätte ihn das Alter plötzlich überfallen — schon den d r e i ß i g. Für Andere: Jahre der Vollendung, der Entscheidung, der Hausgründung, für ihn ein Jahrzehnt, im Hangen und Harren verflossen, eine Niete am Glücksrade des Lebens. Er wollte eine Welt verbessern, aber in dieser Welt war kein stiller Glückswinkel für ihn. Wer an einem Hause baut, muß außerhalb desselben, draußen auf dem Gerüste stehen. . . Solche Gedanken kamen aber nur nachts über ihn, oder wenn er bei Tag sich in der Nähe Sonjas wußte ... XVIII. Eine . heiße Augustsonne glühte. In Basel strömten Juden aus aller Welt zusammen, um zum siebenten Mule die jüdische Tragödie, wie man groß sagte, vor das Forum der 'Weltöffentlichkeit zu bringen. Seit gut zehn Jahren bohrte der Gedanke des JudenstaatiLs in den Köpfen und Herzen vieler.,An den jüdischen Jünglingen innerhalb der russischen Umwälzerliga in Rußland und der Schweiz rauschten zunächst all die hohen Worte und Begeisterungswellen der Kongresse spurlos vorbei. In den Rahmen der großen Weltpläne paßten Sonderträume eines Volkes, auch Jakobs Traum, nicht hinein. Israels Heil und Hoffnung, sagten sie, seien am besten in dem Weltenheile geborgen, das sie, und nur sie, über Petersburg und Moskau, bringen würden, so nur einmal der Koloß auf tönernen Füßen gestürzt und der Grund für den neuen Aufbau reingefegt sei. Was aber nicht verhindern konnte, daß jedesmal, wenn mit einem Kongresse sich die zionistische Sturzwelle von Basel ergoß, die Brandung auch kleine Teile aus den Berner und Züricher Klubs wegriß. In der letzten Zeit machten sich in der Berner jüdischen Studentenschaft Bestrebungen bemerkbar,' eine sozialistifch-Zlomstische Zelle in die große Internationale hineinzubauen. Andere wollten umgekehrt, den Sozialismus in den Zionismus hineinzwängen, in der Meinung, Palästina eigne sich bestens als Experimentboden für alle marxistischen Gedanken und Zukunftspläne. Nicht Nationalheim, sondern Heim und Keimzelle der Internationale! . . . Bis an die „Köpfe" der Organisation gelangten natürlich diese eigenen jüdischen Fragen und Sorgen gar nicht heran. In Basel gingen diesesmal — es war die Zeck, da man zum ersten Male die Frage der Ansiedlung der Juden in außerpalästinensischen Ländern, etwa auf der Sinaihalbinsel, ventilierte — große Dinge vor. Und Meikemeier beschloß mit vielen anderen, in die nahe Kongreßstadt hinüberzusahren, um, skeptisch und desinteressiert wie sie waren, sich die Vorgänge einmal als Außenstehende anzusehen. Die Stadt zeigte in diesen Tagen beinahe ein jüdisches Gesicht. Judentypen, wallende Bärte und glatte, durchgeistigte Gesichter in allen Gassen der Innenstadt. Ragende, stämmige Gestalten, wie sie Meikemeier weder in Burki noch in Königsberg unter Juden je gesehen, sprachen in scharfakzentuiertem Russisch über jüdische Dinge. Juden in rotem Fez mit braunen Gesichtern unterhielten sich in orientalischem Hebräisch. Zwei phantastisch gekleidete, großgewachsene Männer mit Värenmützen auf dem Haupte, die Kaftanuniform mit Messern und Dolchen behängen, hielt er für Tscherkessen und es waren Bergj u d e n aus dem Kaukasus. Dazwischen Zylinder, Streimel und Zobelmütze. Man redete in allen Zungen der Erde. Der Anblick fesselte Meikemeier, ohne daß er das Jdeenzentrum, das all diese Menschen zusammenführte, erfaßte. Mit einiger Ellenbogengewalt verschafften sie sich Eingang zur Eröffnung auf die Galerie im großen schönen Saal des Kasino. Eine vortreffliche Regie sorgte für Stimmung und Spannung. Die brausenden Wogen im Saale legten sich und machten feierlicher Stille Platz, als oben auf der Estrade die Führer sichtbar wurden. Ein Hammerschlag, und auf dem Podium, umringt vom großen Stabe der Bevorzugten, vor den Tausenden zu seinen Füßen, stand der Mann, hochaufgerichtet, mit dem pechschwarzen schönen Barte, den dunklen, von starken Wimpern beschatteten und etwas schwärmerisch verschleierten Augen, in tadellosem Fracke unfr in königlicher Haltung. " Mit dem Stück Papiere in der Hand, sah er aus wie ein König bei Verlesung der Thronrede. Ein Jubel entrang sich tausend Herzen: ,>Hedäd Herzl!" Dann Todesstille, der Führer sprach. Er sah abwechselnd in den kleinen Zettel und sprach mit weicher, weithörbarer und durchdringender Stimme, jedes Wort eine Verheißung, ein Balsamtropfen — so empfand es wenigstens der dieser Welt fernstehende Jüngling — auf die Wunde eines geschlagenen Volkes: Der Kongreß war eröffne t. Man stieß Jubelruse aus und sang Hatikwahlieder. (Fortsetzung folgt.)