Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1931)
- Date
- 1931-07-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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2. Juli 1931 Der Israelit Nr. 27 Seite 7 Lin ganzes jüdisches Wohnviertel niedergebrannt. Saloniki, 30. Juni. Die Leiden der Judenschaft von Saloniki, die von den griechischen Nationalisten auf Grund erfundener Legenden der Sympathien für Bulgarien und die bulgaromazedonische Bewegung bezichtigt wird, nehmen kein Ende. Nachdem in den letzten Tagen in Saloniki verhältnismäßige Ruhe geherrscht hat, haben die nationalistischen Agitatoren, hauptsächlich Studenten, am Montag wiederum die Bevölkerung gegen die Juden aufgehetzt. Es wurde angekündigt, daß man die jüdischen Stadtviertel Salonikis in Brand stecken werde. Der Oberrabbiner. von Saloniki sandte ein Telegramm an den Ministerpräsidenten Benizelos nach Athen, in welchem er ihn auf die drohende Gefahr aufmerksam machte und um Schutz bat. Die Drohung der Brandlegung wurde noch in der.Nacht zu Dienstag, den 30. Juni, wahr gemacht. Um Mitternacht begann es im jüdischen Teil Salonikis an mehreren Stellen zugleich zu brennen. Bis 1 Uhr nachts waren über 200 kleine Häuser üu ärmsten Teil des jüdischen Saloniki vollkommen niedergebrannt. Mehrere Hundert jüdische Familien sind obdachlos und des Allernotwendigsten beraubt. Während der Feuersbrunst wurden die Juden von Nationalisten angegriffen, dabei wurden zahlreiche Juden verletzt. Sechs jüdische Einwohner erlitten schwere Brandwunden. Am Morgen des 30. Juni durchzogen Militärpatrouillen die Straßen, um einen weiteren Ausbruch der Unruhen zu verhindern. Trotzdem entwickelte sich schon in den Vormittagsstunden nach heftigen Angriffen der Nationalisten auf die jüdische Einwohnerschaft eine regelrechte Straßenschlacht, bei der auch heftig geschossen wurde. Man zählt bis jetzt etwa zehn Tote und über 50 Verletzte. ValSMna. Der Kampf um das Fußballspiel. Jerusalem, 25. Juni. Heute wurden Ankündigungen des Makkabi veröf fentlicht, wonach die Fußballspiele am Sabbat wieder ausgenommen werden und zwar unter angeblicher „Ver meidung eines direkten Chillul Schabbos". Es soll nicht geraucht und es sollen keine Karten verkauft werden. Selbstverständlich sind diese Klauseln in der Praxis völlig wertlos und ändern an dem bisherigen Zustand nicht das Allergeringste. Infolgedessen hat Rabbi Chajim Sonnenfeld eine Kundgebung veröffenlicht, die in wörtlicher Uebersetzung aus dem Hebräischen wie folgt lautet: „Mein Herz ist in meinem Innern gebrochen bei , der furchtbaren Kunde, daß das Ohr der Zügellosen in unserem Volke sich dem Flehen des orthodoxen Judentums verschließt und daß sie wiederum damit beginnen, die Heiligkeit des Sabbats in der heiligen Stadt durch Fußballwettspiele am Sabbat in der breitesten Oefsentlichkeit zu entweihen. Aus diesem meinem tiefen Schmerze heraus halte ich es für meine Pflicht, öffentlich zu erklären, daß diese Zügellosen, die den Sabbat öffentlich entweihen, die selber sündigen und die Gesamtheit zur Sünde veranlassen, als 'vvis asm 'mer» zu gelten fyabert. Sie o & en s i ch ausgeschlossen aus der Gesamtheit Israels. Solange sie nicht in vollkommener T'schuwo zurückkehren, gelten sie im Sinne des Gesetzes als a'nm wvirm und kein gewissenhafter Jude darf sich in irgend einer Weise mit ihnen verbinden. Ich vertraue jedoch auf G'tt, daß sie ihr Vorhaben sicherlich nicht ausführen stattet werden soll, daß an diesen Tagen kein Karten verkauf stattfindet und auf dem Spielfeld nicht geraucht wird. Die Agudath Israel hat sich mit dieser Regelung nicht zufrieden gegeben, sondern dem High Commissioner Sir John Chancellor, ein Memorandum überreicht, in dem die Erlassung eines Gesetzes, durch das Wettspiele am Sabbat verboten werden, gefordert wird. Auch die Oberrab'biner von Jerusalem haben dem Sportklub Makkabi mitgeteilt, daß sie gegen Fußballspiele am Sabbat Einspruch erheben. (I. T. A.) Der mrsrachistische Schulausschuß Palästinas gegen den Leiter detz zionistischen Erziehungswesens. Jerusalem, 23. Juni. Der beratende Ausschuß der misrachistischen Schulen in Palästina hat eine Resolution angenommen, in der der Rücktritt Dr. Berksons, des Direktors der Erziehungsabteilung der Jewish Agency, gefordert wird Diese Forderung wird damit begründet, daß der neue von Dr. Verkson entworfene Plan für die Führung des palästinensischen Schulwesens die Autonomie der Misrachi-Schulen vernichtet und eine Autokratie des Direk toriums des zionistischen Erziehungswesens (Waad Ha chinuch) einführt. Führende Persönlichkeiten des palästinensischen Mis rachi haben sich dem JTA-Vertreter gegenüber dahin geäußert, daß Dr. Berksons Entwurf eines neuen Plans für die Führung des Erziehungswesens durch folgende Bestimmungen die Autonomie der Misrachi-Schulen ge fährdet: Nach dem neuen Plan sollen künftighin Aufnahmen und Entlassungen von Lehrern an Misrachi-Schulen durch den --5aad Hachinuch vorgenommen werden, während des gegenwärtig durch den misrachistischen Beratungs-Ausschuß geschieht: ferner soll der Lehrplan für die Misrachi-Schulen von einem eigenen pädagogischen Komitee enworfen und vom Direktor des Waad Hachinuch bestätigt werden, während er gegenwärtig vom misrachistischen Beratungs-Ausschuß bestimmt wird; schließlich werde durch den neuen Plan auch die administrative Autonomie der Misrach-Schulen beseitigt. Personalien. Jacob Bachrach Hamburg, 23. Juni. Die Kunde von dem plötzlichen, ganz unerwarteten Heimgangs Jacob Bachrachs, die am Freitag Morgen unsere Gemeinde durcheilte, hat bei Allen, die diesen frommen still und bescheiden den Hohenweg jüdischen Pflichtenlebens wandelnden Mann gekannt hatten, tiefste Trauer, schmerzlichstes Mitempfinden ausgelöst. Die Beliebtheit des Verstorbenen kam üverwältgiend zum Ausdruck bei der Uebersührung zum »bis ma, an der sich trotz des Freitag nachmittags Hunderte von Männern und Frauen beteiligten; überwältigend bei der Bestattung selber am Sonntag früh, da man ihn auf dem rna in Langenfelde neben seinem, ihm um drei Jahrzehnte vorangegangenen Vater, dessen Weg er wandelte und dessen Werk er fortsetzte, begrub. Jacob Bachrach war, wie Rabbiner Dr. Vamb e r g e r in feinem Hesped ergreifend ausführte, und wie Benjamin Meyer in den ihm gewidmeten Freundesworten dies treffend ergänzte, ein richtiger und vollwertiger Träger seines Namens Jacob. Er war ein an v'» und ein rn'-n u atpr ein Mann stiller, anspruchslos bescheidener Frömmigkeit, der im jüdischen Zelt wohnte, ein rechter Zeuge für die Kraft des jüdischen Hauses und der maischen Familie. Aus seiner Familie — ein würdiger Träger des Namens Bachrach, eines Namens von bestem und reinstein Klange in unserer Gemeinde, — floß ihm die Kraft zum rechten Handeln, sie bestimmte die Richtung seines Weges; für feine werden, wie es heißt: „Denen, die zurückkehren von! § a m i l ie gab er fein Bestes, ein dankbarer Sohn, ein ~ m u . c, * x _ f. , treuester Gatte und Vater, ein opferfreudiger Bruder wre ihrem Verbrechen m Jakauw und daß sie umkehren einer> rrfi /nu rZjtA Aber diese im Kreise der Seinen bekundete echte Jüdischkeit bewährte er auch in weitesten Kreisen. Er war auch darin der Nachfolger seines frommen Vaters Josef Bachrach Wr Cr war, das darf man wohl sagen, Hamburgs beliebtester und am meisten in Anspruch werden in vollkommener T'schuwo. G't erbarme sich über sein Volk, auch über die Sünder, sie in T'schuwo zurückzusühren, so daß wir der baldigen Erlösung teilhaftig werden." Die Bemühungen, die Fußballspiele auf Sonntag gen'omineüer Vmv, der immer zur Verfügung stand'und Nachmittag zu verlegen, oder einen anderen Wochentag * immer die Mizwo ausübte in dem Ernst und doch in dafür bisher frei zu machen, scheinen bisher zu einem Erfolge nicht geführ zu haben. Bedingte Zulassung der Fußballspiele am Sabbat in Palästina. Jerusalem, 26. Juni. In der Frage der Fußballwettspiele an Sabbattagen hat der Waad Leumi die Entscheidung gerofsen, daß dem jüdischen Sportklub Makkabi die Austragung von Wettspielen an Sonnabenden unter der Voraussetzung geder Freude des wahren Dieners G'ttes. Und während wir ihn bestatteten, vollzog einer seiner Kollegen an eineni Kind die heilige Mizwo als sein Schliach, denn er sollte eigentlich der Vmn sein, und er gab dem Kind den «nip ow des Verstorbenen. Aber nicht nur als bm», auch als ein der heiligen Verantwortung voll bewußter vx>in Vya funoierte er viele Jahre in der Klaus. Den Werdenden prägte er G'ttes Siegel auf, den Gewordenen prägte er G'ttes Schofarmahnung ein; und alles immer in Bescheidenheit, Unaufdringlichkeit. selbstlos, fromm und zuverlässig. Eine wackere Frau und zarte Kinder trauern mit uns allen um ihn. Möge das Verdienst dieses Mannes, der so Viele, Alt und Jung, naiv war, ihr beistehen,, daß sie die Kinder in seinem Geist erziehe zu frommen, jüdischen Menschen, Weiterträgern, innerlich bewußten Weiterträgern eines heiligen Familienerbes. mrnan. Altona, 23. Juni. Heute, am 13. Tamus, dem ersten Jahrzeitstag von Oberrabbiner Dr. L e r n e r, ist im Beisein des Vorstandes der Israelitischen Gemeinde und des Repräsentantenkollegiums und eines zahlreichen Publikums die naxn auf sein Grab gestellt worden. Oberrabbiner Dr. C a r l e b a ch schilderte die Bedeutung des verewigten Oberrabbiners Dr. Lerner und die Bedeutung seiner Werke. Rabbiner Duckesz las den Teil der rmn dem Publikum vor, und der Sohn des Heimgegangenen Oberrabbiners, Herr Rechtsanwalt Dr. Rafael Lerner, hielt das Schlußwort und dankte auch Herrn Dr. Carlebach für seinen großartigen Vortrag. Nürnberg, 25. Juni. Die Gemeinde Adas J;sroel Nürnberg, hat durch das Ableben ihres Oberkantors Jakob Steinfeld, einen schweren Verlust erlitten. Der Verblichene wirkte seit dem Jahre 1919 als mV«? mar in unserer Gemeinde. Ein Mann von seltener n«n\ von tiefster Verinnerlichung ist mit ihm dahingegangen. Im Chassidus erzogen, waren seine Lebensführung und seine Betätigung als am mVv von einer glutvollen Jüdischkeit durchdrungen, die dem wahren Chossid eigen ist. Ein hervorstechender Zug seines Wesens war die nnvV. Selbst in feiner Krankheit, die 3 Jahre währte,, blieb er der stets freudig gehobene Mensch. War er schon früher als v"' hochgeschätzt, so steigerte sich die Achtung in Verehrung angesichts der bewunderungswürdigen Art, wie er sich im Leiden verhielt. Seine Be» suche gingen gehoben und ausgerichtet von dem Schwerkranken fort. Die treue Liebe seiner Familie und die herzliche Anteilnahme seiner Gemeinde milderten die Leiden seiner Prüsungszeit. An der Bahre gab in tief bewegten Worten Herr Rabbiner Dr. Klein dem großen Verlust Ausdruck, den die schwergeprüfte Familie und die Adas Israel zu beklagen hat. Herr Oberstudienrat Dr. Tachauer sprach im Namen der Vorstandschast der Adas Israel Worte des herzlichen Dankes und der tiefen Trauer für den Verblichenen. rraxan- Kitzingen a. M., 25. Juni. Am 16. Juni (3. Tammus) verschied nach längerem, schweren Leiden Frau Zettchen Schönfärber geb. Hamburger im 64. Lebensjahre. Mit ihr ist eine wahre Vm nvn dahingegangen, wie sie heute leider immer seltener werden. Wer sie beim Gebete beobachtete, konnte ihre wahre Frömmigkeit erkennen. Synagoge und Familie waren ihre Heimstätten. Mit Recht konnte man aus sie anwenden na miaa üo «rn-as, da sie ihr Glück nur im Kreise ihrer Familie suchte und fand. Den Armen und Dürftigen war sie eine edle Wohltäterin und ihr Wirken aus dem Gebiete des r-ias bv aon geradezu vorbildlich. In ihrer großen Bescheidenheit hatte sie sich jeden Nachruf verbeten, so daß Sr. Ehrw. Herr Bezirksrabbiner Dr. Wohlgemuth —a ihr nur den Dank ihrer Familie und Gemeinde aussprechen konnte. Die große Beteiligung bei der Ileberführung und Beerdigung im Bezirkssriedhose in Rödelsee zeigte, welch großer Beliebtheit die Entschlafene jra äch erfreute. Möge n"'vn ihrem Gatten und Kindern Trost spenden und ihr mar ihnen beistehen. rraxan- Karlsruhe, 26. Juni. Im Alter von 77 Jahren ist der Geheime Oberregierungsrat, Dr. David Mayer verstorben. Er war der erste Jude, der 1878 ins Badische Ministerium berufen wurde und versah jahrzehntelang einen hohen Posten am Verwaltungsgerichtshos. In der Oefsentlichkeit ist Dr. Mayer jedoch vor allem durch seine langjährige Wirksamkeit an der Spitze des ,Oberrates der badischen Israeliten" hervorgetreten. Von Haus aus mit lebhaftem Interesse an allen Angelegenheiten des Judentums ausgestattet, war er eiu begeistearter Vorkämpfer des religiösen Liberalismus und suchte die mst unbegrenzten Machtbefugnisse des Oberrats zur Durchetzung seiner resormjüdischen Ideale auszunützen. Das verwickelte ihn naturgemäß in schwere Kämpfe mit der Orthodoxie, die zwar innerhalb Badens längst in eine 'chwache Miuoritätsstellung gedrängt war, dennoch aber 'ich eine völlige Vergewaltigung nicht gefallen lassen wollte. Die Aelleren der heutigen Generation erinnern 'ich noch des literarischen Kampfes, den der „Israelit" vor einem Vierteljahrhundert gegen Dr. Mayer führen mußte. Dieser Kamps gipfelte in dem geschichtlich berühmt gewordenen großen Preßprozeß gegen den „Is - r a e l i t", den Dr. Mayer anstrengte und der, dank dem Auftreten hervorragender Führer des orthodoxen Judentums insbesondere des' unvergeßlichen Provinzialrabbiners Dr. Lahn in Fulda, zwar zu einer formellen Verurteilung des beklagten Redakteurs, zugleich aber zu einem großen moralischen Triumphe der Orthodoxie führte. Das wirkte sich dann in dem badischen Gebetbuch st reite aus, bei dem Orthodoxe und Zionisten in Baden Schulter an Schulter gegen den Plan der obligatorischen Einführung eines liberalen Gebetbuches erfolgreich kämpften. Hand in Hand mit der Erstarkung des konservativen Judentums in Baden sank auch der Einfluß Dr. David Mayers innerhalb des Oberrats und er verlor wohl auch allmählich die Freude an dieser wenig fruchtbar gewordenen Tätigkeit. So hat man in den letzten Jahren von dem Alternden in der Oefsentlichkeit wenig gehört. Er hatte zweifellos ein warmes jüdisches Herz und glaubte, mit seinem fruchtlosen Kamps gegen die Orthodoxie dem Judentum, wie er es auffaßte, einen Dienst zu leisten. rraxan*