Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1931)
- Date
- 1931-07-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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2. Mi 1931 Der Israelit Nr. 27 Seite 3 G'tt und einer besseren Zukunftsgestattung dort ihr Zelt wieder aufgeschlagen haben. Es ehrt diese sephardischen Rückwanderer, CHa!uz im im b esten Sinne, daß sie gleich zu Anfang auf ein geistiges Zentrum ihres jungen Gemeinwesens bedacht sind. Die Schule als Seele der Gemeinde muß entstehen, wenn der Ansiedlung Halt in der Gegenwart und Gewähr für die Zukunft geboten werden soll. Die Palast i n a - Z e n t r a l e?der Agudas Jisroel übernahm diese Ehrenaufgabe, der sephardischen Gemeinde in Hebron eine Knabenschule ZU errichten. Es soll kein Experiment nach Art der Experimente gewisser Organisationen auf geistigem Gebiete sein. Es soll eine alte Schule sein 1111 sephardischen Geiste, ganz nach dem Wunsch der attneuen Gemeinde und ihren Traditionen augepaßt. Und die Agudas Iisroel - Iu - gendgruppe Fra n k f u r t a. M. hat das Patronat über diese Schule übernommen. Eine große Linie der Liebe und Solidarität, die, wie es sich gehört, von Hebron bis Frankfurt a. M. geht, von der Stadt der Väter zur Stadt mit der bald tausendjährigen leid- und glorreichen jüdischen Geschichte; von der Stadt Abrahams bis zur Stadt, wo die Renaissance des jüdischen Geistes im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahm. Der Beschluß der Palästina-Zentrale, der Wunsch der Hebroniten, das Unternehmen der Agudas Jisroel-Jugendgruppe, Frankfurt a. M. verdienen höchste Sympathie und weitgehendste Unterstützung. Wir leben in einer Zeit schwerer wirtschaftlicher Not, und man hat im eigenen Kreise alle Hände voll zu tun, um zu helfen und zu retten. Aber wir wissen, daß nach Vorschrift des Schulchan Aruch die Interessen von Erez Jisroel denen der "u? gleichkommen, und wir werden uns dem Ruf der Agudas Jisroel-Jugendgruppe nicht verschließen —aus Pflichtgefühl gegen Erez Jisroel, aber auch aus Sympathie für eine Jugend, die in ihrer Liebe zu Israel und Jisroels Land keine Entfernungen und keine Grenzen kennt. - JugenSlektüre und Jugendenknncklung. Von Dir. Dr. Elias in Frankfurt a. M. H. D i e Siebzehnjährigen und d a s V u ch. Weitaus schwieriger stellt sich das Problem der Leküre für 15- bis 18jährige Jugendliche dar. War es dort haupfächlich die Praxis, welche Schwierigkeiten bereitete, so ist hier auch theoretisch die Lösung mit den größten SchWierigkeiten verknüpft. Kleines Feuilleton. Karl Freiherr von Stein, der Wegbahner der Judenemanzipation. Dem 109. Todestag des Freiherrn Karl vom Stein (am 29. Juni 1931) widmet „C. V.-Zeitung" mehrere Aufsätze. ' I! Dr. Fritz Friedländer steuert einen Aufsatz bei: ^Hitler oder Stein?" In einem „Der Wegbereiter der Judenemanzipation" betitelten Aussatz führt Dr. Jsmar Freund ungefähr aus: Stein hat an der Emazipation des deutschen Juden unmittelbar nur geringen Anteil. Innerhalb seines gesamten Reformwerkes griff nur die Ctädteordnung vom 9. November 1808 in ihr Schicksal ein. indem § 19 die Erlangung des Bürgerrechts unabhängig machte von Stand, Geburt und Religion. Schon die folgenden Sätze, die ausdrücklich auch der Juden Erwähnung tun, brachten den so bedeutsamen Grundsatz praktisch nahezu völlig um seine Bedeutung: „Kantonisten, Soldaten, Minderjährigen und Juden kann das Bürgerrecht aber nur unter den vorschriftsmäßigen Bedingungen Zugestanden werden. Dieselben sind nach Erlangung desselben in Absicht des Erwerbes von Grundstücken und des Betriebes von Gewerben den Einschränkungen noch unterworfen, welche durch Landesgesetze und Ortsversassungen bestimmt sind." Der Mann, an dessen Namen die Einlertung einer umfassenden Neugestaltung der Verhältnisse der Juden in Preußen sich knüpft, ist nicht Stein selbst, sondern einer seiner hervorragendsten Mitarbeiter, der Staatsminister von Schrötter, der am 20. November 1808 Die Literatur hat heute einen anderen Charakter wie vor 30 Jahren. Es handelt sich heute nicht mehr nur um unterhaltende und belehrende, beruhigende, bestätigende Literatur, sondern um Bücher, M'e mit unerhörter Kraft und Intensität an die Formung des Lebens Herangehen, in Romanen und Dramen kutturpolitiisch, umgestattend lmd lebengestaltend beeinflussen wollen. Das sind die meistgelesenen Bücher, aus denen der Jugendliche sich die Richtlinien und Kräfte fürs Leben holt. Mit der Aktivität und Problematik des jugendlichen Wesens rechnend, bedeutet diese Literatur für ihn eine nicht hoch genug einzuschätzende Freundschaft, aber auch eine nicht zu unterschätzende Gefahr, die in der Zerstörung des Haltes und der Auspeitschung der triebhaften Elemente und in der Banalisierung höherer Werte undernster Dinge, die im Handumdrehen behandelt werden, gipfelt. Diese Literatur wird mit ganzer Seele ergriffen. Die Psychoanalyse gibt als Grund an, weil sie zur Abreagierung tierischer Urkräfte, die sich in vorhistorischer Zeit ungehemmt auslebten, notwendig sei. Die Jugendpsychologie sagt einfach, der Jugendliche neige zum ungelebten Leben, das in der begrenzten Umgebung des Hauses und der Familie keine Nahrung finde. Wie es aber auch fei: die Notwendigkeit eines; Ersatzes in einer Qualität zu geben, die Leben fördernd und Kräfte erneuernd wirkt, die nichts verlogenes und nichts verzerrendes hat, wird von allen anerkannt. Was sich in sogenannter moderner Literatur j an Männern und Frauen bewegt, steht im allgemeinen in der Gewalt der Sinne und Triebe. Ein unlösbarer Widerspruch besteht und muß jedem denkenden Menschen auffallen, zwischen der von den Erwachsenen gepflegten Illusion moderner Jugend, daß dem Reinen alles rein sei-, daß eine geistige und nur geistige Freundschaft zwischen den beiden Geschlechtern so leicht sei, und dem Lebensbild, das dieselbe Jugend aus der modernen Literatur sich bilden muß und bildet: daß der Gewalt der Triebe gegenüber die Seele unterliegen müsse. Wenn Toller in seinem Hinkeniann jene Gewalt gegen die Ohnmacht der Seele, wenn Kaiser in seinem Oliver die harte Herrschaft der Sinne zeigt, wenn Zuckmayer die von -aller Zivilisationsfessel befreite Sinnenfreude, Hasenklever die Macht der Triebe und die in ihrem Banne sich vollziehende Revolution der Söhne verherrlicht, so idealisiert Frank Thieß die verbrecherische Liebe zwischen Bruder und Schwester. Die Helden, mit denen wir es da zu tun haben, sind, wird man sagen, anormale Menschen. Und der Blick in die Tiefen menschlichen Irrsinns und leidenschaftlichen Irrtums, in, von der normalen Basis entwurzelte Häuser, mag für das Geschlecht der Erwachsenen heilsam sein, um jenes Gefühl philisterhafter Sicherheit und idealistischer Utopie nicht auskommen zu lassen, das die größte Gefahr für jedes ältere Geschlecht darstellt. Aber für den jungen Menschen gibt es nichts Berwirrenderes und Gefährlicheres. Er kennt das Leben nicht, wie es ist, er weiß nicht und hat nicht erfahren, daß der Mensch im allgemeinen auch heute noch wie immer gegen die Gewalt der Triebe und Sinne kämpfen und siegen kann, und dem auf Genuß gestellten Dasein das Leben des Geistes und der Arbeit mit Erfolg entgegenzuwirken vermag. Heißt es nicht die Bildung einer Welt- und Menschenkenntnis aus eigener Erfahrung von vornherein unmöglich machen, wenn man ihm Zerrbilder und pathologische Gestalten vor Augen hält? Außer diesem zentralen Problem gibt es aber noch -andere mit ihm eng zusammenhängende Probleme der Weltanschauung und der Politik, die in der Literatur ausgetragen werden. Die Bücher spielen heute eine ganz anl/ere Rolle wie etwa vor 20- Jahren, sie wollen Einfluß nehmen und nicht nur zerstreuen, es handelt sich nicht nur um ästhetisierende Lektüre und belehrende Bücher zur Vermehrung des Wissens, um patriotische Besinnung auf nationalen Geist, sondern in erster Linie um weltanschaulich-kulturelle Werte,! im Ringen und Kämpfen um neue Lebensinhalte. Nicht mehr der Versammlungsplatz, sondern die Literatur bildet heute den Boden, auf dem die Kämpfe ausgetragen werden. Eine einheitliche Stellung und eine entsprechend einheitliche Literatur für unsere Jugendlichen können wir natürlich nicht erreichen. Möglich und notwendig aber ist, die verschiedenen Erzeugnisse auf ihren Wert hin zu prüfen und durch ihre Auswahl zur Urteilsfähigkeit, zur Kritik und zum Bedürfnis nach Qualität zu erziehen. Mit dem Verantwortungsgefühl für die Entstehung und die Vorbereitung morgigen Lebens müssen wir die gestaltenden Kräfte und die geistigen Waffen für den kulturpolitischen Kampf, in den unsere Jugendlichen hine-ingerissen sind, auswählen und empfehlen. Alle weltanschaulichen Gruppen müssen an der Vornehmheit literarischer Zielbilder für diesen Kampf Interesse haben. Daraus ergibt sich 1. die Forderung, eine Stelle zu schaffen, in die der Strom verschiedener Kampfrichtung münde, an der er gewertet und unterstützt wird, ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit. 2. Die verschiedenen Altersgruppen in einem Jmmediatbericht an den König zum ersten Male die Judenfrage im Sinne einer umfassenden Emanzipation in Flutz brachte. Nichtsdestoweniger kann man sich Stein aus der Geschichte der preußischen Judenemanzipatwn schlechterdings nicht fortdenken. Sein indirekter Einfluß war von weitesttragender Bedeutung. Wenn die Juden sich selbst einen Teil des Erfolges zuschreiben dürfen und es ein bleibendes Ehrenzeugnis für sie ist, daß sie ein Menschena-lter hindurch um ihre Freiheit gekämpft haben, so würde doch alle die Mühe der Gemeinden in Berlin, Breslau und Königsberg, zu einem positiven Ergebnis nicht geführt haben, wenn die Zeit nicht reif dafür gewesen wäre. Die Emanzipation bildet ein kaum sortzudenkendes Glied in der Kette des Neformwerkes, das Stein begonnen und Hardenberg zum Abschluß gebracht hat. Dr. Jsmar Freund gibt einen Abriß des Gesetzgebungswerkes von Stein, das, ohne die Juden zu nennen, die logische Grundlage für die Emanzipation der Juden schuf. Deshalb ziemt es sich, daß, wenn am 100 jährigen Todestage des großen Reformators die Nachwelt seines Wirkens sich erinnert, auch die preußisch« Judenheit mit ihrem besonderen Dank nicht fehlt. (Journalistische Angezogenheilen.) Im Hamburger Familienblatt veröffentlicht Herr Esriel Earlebach palästinensische Momentausnahmen, die zum Teil nicht übel beobachtet und meist in geschickt pointierter Form wiedergegeben sind. Leider geht dem jugendlichen Verfasser aber Verstand und Wahrheitsliebe mit seinem Parteifanatismus durch, sobald er der ihm als Schüler Rabbiner Kuks tief in der Seele verhaßten unabhängigen d. h. nicht-zionistischen Orthodoxie Jerusalems eins versetzen zu können glaubt. Dann schreckt er nicht einmal vor der ehrwürdigen Jdealgestalt Rabbi Ehajim Sonnenfeld's zurück, der frisch drauf los verleumdet wird. Da heißt es wörtlich" wie folgt: In dem Hofe, in dem Rabbi Ehajim Sonnenfeld, der Schatzmeister der reichsten altjerusalemer Talmudisten-Siedlung. des „HUD" (Holland und Deutschland) wohnt, wird natürlich nur jiddisch gesprochen. Der Rabbi erlaubt es nicht anders. Deshalb wundere ich mich, als ein kleines Mädchen auf diesem Hof fließend aus hebräisch Auskünfte gibt. „Gehst du denn zur Schule?" frage ich. „(5'tt behüte, nein. Der Rabbi verbietet. Die jüdischen Schulen find ja „frei", (soll heißen: im religiösen Sinne)." „Und wo hast du denn dein hebräisch her?" „So . . . Vom Hören. Auch von meiner großen Schwester ..." „Geht die denn zur Schule?" „Ja. in die französische Mission." Das erlaubt der Rabbi. Französische Missionare von Notre Dame bringen Talmudistenkindern die heilige Sprache bei. Das erlaubt der Rabbi." Die Behauptung, daß Rabbi Ehajim Sonnenfeld, dieser moderne Chanino ben Doßo, „Schatzmeister" einer Siedlung sei, ist ebenso wahr wie das Märchen von einer „reichen" oder gar „reichsten" „Talmudistensiedlung", die den Namen „Hud" führen soll. Beides sind phantastische Erfindungen. Es gibt einen „holländischdeutschen Kolel, der den weitaus größten Teil seiner sehr geringen Einkünfte zur Erhaltung der sefardischeu Doresch Zion-Schule (Bürgerschule und Profanunterricht, der Jeschiwas Zion und anderer Institutionen verbraucht und einen kleinen Rest in Form von Unterstützungen in Höhe von etwa 10 Mark monatlich bedürftigen Juden aus Holland und Deutschland zu-