Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1931)
- Date
- 1931-07-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 27 Der Israelit 2. Julr 1931 eben eine Theokratie, die Herrschaft G'ttes bedeutet und endlich, daß die Verwirklichung der Verheißung der g'ttlichen Freiheit Vorbehalten bleibt als Korrektiv gegenüber den Wirkungen der menschlichen Freiheit, darum ward ihrem Zeitbewußtsein das Reichg'ttesbewußtsein in einem nie gewesenen Maße gegenübergestellt: „wenn G'tt eine Schöpfung schafft", die G'ttheit schuf sichtbar schöpferisch Geschichte. M i t G'tt zu gehen, das ist die Lösung des Führerproblems. Seine Aufgabe ist eben: die ihm Anvertrauten zusammenzuschließen in der Ueberzeugungseinheit von der geoffenbarten Thora, ihnen nicht bloß vorzu r e d e n , sondern vorzu leben, wie die Führung des Einzelnen nichts anderes als die Herrschaft G'ttes, sie aus den niederen Sphären, die aus dem Erfolge schließt auf die Berechtigung der Idee, zu der Höhe emporzuheben, in der zum unverlierbaren Besitz die Ueberzeugung wird, daß aus g'ttlicher und menschlicher Freiheit Geschichte gewoben wird. M i t G'tt gehen, das klingt so schlicht und ist doch so überaus schwer. Das heißt der Vollkommenheit G'ttes sich annähern, dem unendlichen Geiste, und Leib von seinem Leib werden, Anteil haben an seiner Verkörperung in der Thora. M i t G'tt gehen, das heißt: Das Zeitbewußtsein, das im letzten Sinne des überlieferten Judentums, wenn auch nicht gegen G'tt, so doch ohne G'tt ist, eingehen zu lassen in eine höhere Einheit mit dem Reichg'ttesbewußtsein. Dreifacher Art sind die Menschen: Der Durchschnittsmensch, die autoritäre Persönlichkeit und die begnadete. Wenn man sich über den Durchschnittsmenschen zur autoritären Persönlichkei erhebt, wenn man nur Berufs mensch geworden' und nicht das höchste Ziel, B e r u f e n e r zu sein, sich steckt, so ist das noch wenig. Der Berufsmensch, das ist der Mensch der Ratio, der Berufene der des in G'tt sich offenbarenden Geheimnisses, der Berufsmensch, der Mensch der eigenwilligen Macht, der Berufene, der Künder der g'ttlichen Herrschaft, der Berufsmensch, der des Erfolges, der Berufene, der der Verheißung. Die Autorität des nxTin rmai m muß zur Berufung werden. Rur so kann er Anteil haben an dem Ziele: '“Hz? ivota vbip spnb. Zigarren Wolf Zvl "■ V Tel, Hansa 27930 lVochenrundschau. Ein Feierjahr Wie Frühlingshauch weht durch die Welt und läßt aus dem in Rot und' Drangsal erstarrten dunklen Boden Europas neue Hoffnungsblüten emporschießen. Ein Feierjahr, ein Moratorium für die Schulden, unter denen die Völker, vorab Deutschland beinahe zusammenbrechen. Es ist noch nicht ganz das, was uns die heilige alte Lehre mit dem Schmitto- und Jowel-Gesetz als kleinen sozialen Ausgleich alle sieben, als großen Ausgleich alle fünfzig Jahre bietet. Aber sie hat etwas vom Geiste des Schmitto, diese Botschaft aus Amerika, und daß sie schon . in diesem Stadium solche Hoffnungen wecken, solches Aufatmen im politischen und Wirtschaftsleben Hervorrufen konnte, zeigt erst, wie groß und g'ttlich und menschenbeglückend das Schmitto- und Jowel-Gesetz selbst, in seiner g a nz e n bindenden und lösenden Kraft, gewirkt haben muß. Wie könnte jetzt noch ein solches Gesetz, in seiner ganzen Größe und Tiefe erfaßt und zum Lebensgesetz der Menschen und Völker gemacht, die Ruhe und den Frieden in der Welt verbürgen! Wir wollen hier nicht auf Einzelheiten eingehen. Die politischen Zeitungen sind seit jener Sonntagsbotschaft voll der Abhandlungen über die Untergründe, Zusammenhänge, Aussichten und Auswirkungen des Hoover'schen Planes. Er hat in seiner Weiterentwicklung eine historische Rede Brünings, eine kurzfristige Hundertmillionenanleihe für Deutschland und die Möglichkeit einer mündlichen Aussprache zwischen Deutschland und Frankreich bezw. Italien gebracht. Die Wetterwarte kündigt eine bessere Wetterlage für Europa an, deren erste Spuren sich schon in Gesicht und Stimmung widerspiegeln. Die Rede Brünings, eines Mannes, her im religiösen Positivismus wurzelt und darin seinen mächtigen Anker im Wanken der Zeit findet, ist eine Friedensbotschaft für sich. Er sieht in dem vorgeschlagenen Feierjahr den Anfang zu einem Versuche, die politischen Beziehungen zwischen den Ländern von störenden Spannun? gen zu befreien. Er wünscht ein Chequers auch für Deutschland- und Frankreich, eine Aussprache von Mensch zu Mensch und Mund zu Mund über die Rot Deutschlands, die die Rot der ganzen Welt ist. Frankreich verhandelt noch mit Amerika, aber es weist die zum Frieden ausgestreckte Hand nicht zurück. Der erste Anlauf berechtigt zu weiteren Hoffnungen. Aber noch bleibt die Notverordnung und der dunkle Hintergrund, aus dem sie erwachsen ist. Zu diesem gehört auch die geladene Atmosphäre im Innern Deutschlands. Will man aber ein Moratorium, ein Feierjahr, ein Jahr des Menschen und der Menschlichkeit, so wird es vonnöten fein, daß man die Worte Brünings nicht allein über die Vogesen, den Kanal und den Atlantus hinaus hört. Man wird sie auch im deutschen Volke hören und zur Erkenntnis kommen müssen, daß ein Weltfrieden sich nur auf einem Frieden der Klassen und Parteien innerhalb der Nation aufbauen kann. Hier muß eine Befreiung der Spannungen einsetzen und eine Zusammenarbeit zur Beruhigung und Befriedung im Innern die Möglichkeit zur Befriedung Europas schaffen. Möge wahrer Schmittogeist alle Menschen, vorab in unserem geschlagenen Deutschland, ergreifen, daß auch moralische Schuld-, echte oder imaginäre, getilgt wird. Vielleicht ist die Botschaft Hoovers der erste Schritt dazu. Hebron und Frankfurt. Hebron, die Stadt der Väter, von d'er aus das erste Lichtsignal des Tages auf den Opferaltar des Morgendienstes im- Heiligtum leuchtete, ist eine Leidensstation der letzten Geschichte Palästinas. Hebron heißt die Tragödie in der Tragödie von August 1929. Heilige Märtyrer, junge Kinder in Lernhäusern, mußten dort Schuld büßen, die sie nicht begangen hatten. Das neue si">2N 'ran msT wird in der jüdischen Welt nimmer verhallen. Aber dieses Kapitel soll nun zu seinem schwarzen Rande einen etwas hellen Strich bekommen. Fast zwei Jahre lang war Hebron verwüstet, seiner Heiligtümer beraubt, von seinen Söhnen verlassen. Die Slabodkaer I e s ch i w a mit Rabbi Epstein zog aus, die geflüchteten Juden wagten nicht, die Trümmer ihrer Habe, an denen blutige Erinnerungen hingen, aufzusuchen. Die Araber in Hebron litten unterdieser Verödung am meisten und warben um -die Juden. Der Rückzug setzte erst in den letzten Monaten, sehr langsam und vorsichtig ein. Cs find zunächst nur gezählte fephardifche Familien, die mit dem heiligen Boden seit Generationen eng und innerlich verbunden sind, die von der alten Heimat wieder angelockt werden und im Bewußtsein, daß xVx mp: '"X px und im Vertrauen zu jik. Gottlosenkampf schon in früheren Zetten. Von A Mannheimer in Detteibach. Zum Kapitel von Pinchas-Elijahu, den Eiferern und Kämpfern gegen midfanilische Gottlosigkeit und B a a l k u l t sei hier einiges über den G'ttlofenkampf in früheren Zeiten gesagt: Es gab G'ttlofenkämpfe schon in früheren Jahrhunderten. ja Jahrtausenden. Wir schlagen das Buch der Bücher auf, unsere alte, heilige Bibel. Adam und Eva hören die berückenden Flüstertöne der Schlange o;y»7vj ihr werdet g'ttgleich sein, wenn ihr euch frei macht von jeder Bindung; euch werden erst dann die Augen recht aufgehen. G'ttlosenpropaganda schon im Paradies, schon unter den ersten Menschen! Einen größeren Umfang nahm die G'ttlosenbewegung dann im Tn nsS>sn, im Geschlecht des Turmbaues zu Babel. Die stolze Devise av naryj bedeutete nichts anderes als eine völlige Loslöfung von der G'ttheit und dem Glauben an eine solche. Nach dem Midrasch verstieg sich der Wahn der Menschenkraft-Verg'tterung sogar zu der Vermessenheit, Naturkräfte meistern zu wollen. „Wenn wir des Regens bedürfen, so werden wir den Himmel mit Aerten erbrechen und ihn selbst von dorten holen." — Aus Pharaonenmund kam das Wort: ohipu psv« ivx 'n 'ft n« 'UST »V „Wer ist der Ewige, auf dessen Stimme ich gehorchen soll? Ich kenne den Herrn nicht!" Was das bedeutet aus dem Munde eines solch gewaltigen Herrschers? Nichts anderes als Kennzeichnung des Zeitgeistes für Land und Volk im damaligen Aegypten. Kein Wunder, daß im Siegessang am Meere das q!>»' 'n den Schlußakkord bildet, die Quintessenz des großen Erlösungswunders, die Zerschmetterung der G'ttlosigkeitsidee. — In der Periode, die dem Untergang des ersten Tempels voranging, zur Zeit Jirimijahs und des Königs Jojakim riefen Tausende und Abertausende höhnisch und hämisch den Propheten zu: „Wo bleibt das Wort G'ttes? Mag es doch eintreffen! Er (G'tt) ist nicht. Es wird kein Unheil über uns kommen. Die Propheten werden zu Wind werden, denn G'tt redet nicht durch sie." Es fehlte auch nicht die Schandung heiliger Dinge. Jojakim verbrannte öffentlich und Stück um Stück die Rolle, auf die Jirimijahu seine Weissagungen geschrieben hatte. — — Zur Zeit der französischen Revolution 1789 wurde von Staats wegen die Religion abgeschafft und die G'ttm der Vernunft offiziell inthronisiert. Auf einem Prachtwagen wurde eine Frauensperson als „G'ttin der Vernunft" öffentlich herumgefahren, der Kalender, die Monatsnamen verändert, ganz nach bolschewistischer Art veranstaltete man g'tteslästerliche Umzüge mit Meßgewändern und kirchlichen Geräten, zerstörte Bethäuser und kirchliche Denkmäler, wie wir das auch in der Gegenwart sahen. Es gibt also tatsächlich, wie der weise Salomo schon meinte, nichts Neues unter der Sonne. In aufgeregten Zeiten, beim Ausbruch von großen Staatsumwälzungen, in gewitterschwangeren Epochen, wie eine solche doch sicher die Nachkriegszeit darstellt, sind derartige Erscheinungen nichts Ungewöhnliches. Man will Altes und Morsches stürzen und vergreift sich in blinder Wut auch am Heiligsten, am Besten und Festen. Man kalkuliert: eine Welt, die offiziell Religion als das Höchste und Heiligste proklamiert, in Politik, Diplomatie, sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung sich aber von durchaus anderen Grundsätzen leiten läßt als wirklich ethischen, eine solche Welt hat das Recht verscherzt, sich immer auf Religion zu berufen. In ihrem Munde ist das Wort Religion nur Blasphemie, eitel Lüge und Heuchelei. Darum fort mit Religion! Wir lassen uns nicht mehr Sand in die Augen streuen, fort mit dem G'ttesglauben überhaupt. Macht tabula rasa! Dies ungefähr ist die geistige Einstellung der G'ttlosenverbände. Eine Huldigung dem krassesten Materialismus. Das sah schon der Psalmist in seinem g'ttlich erleuchteten Geiste voraus, indem er weltanschaulich prophezeite: o'pim p« -n^a -«sk der welke Mensch spricht in seinem Herzen: „Es gibt keinen G'tt!" (Psalm 14,1) Hierzu Hirsch: Die E'ttesleugnung ist nichts Neues. Sie ist immer hervorgetreten, wenn die Menschen „welk", d. i. geistig, vor allem sittlich entartet waren. bezeichnet em Entschwundensein der freien sittlichen Kraft. Nicht mehr aus der Wurzel des Pflichtgefühls schöpft der Mensch die Meisterschaft über Triebe und Reize und die freie Selbstbestimmung zur sittlichen Tat. Wie ein welk gewordenes Blatt ist er Spielball aller äußeren und inneren Einflüsse, hat mit der sittlich freien Selbstbestimmung das G'ttliche aus seinem Inneren verloren und ist mit all seinem Denken und Wollene einer rein physischen Unfreiheit verfallen. Denn nicht der Verstand ist es, der den Menschen über die ganze übrige geschaffene Welt zn g'ttnaher Ebenbildlichkeit erhebt, sondern die sittlich freie Selbstbestimmung, die alle geistigen- und leiblichen Kräfte und Triebe beherrscht, dem Schlechten „Nein!" sagt trotz seiner verlockenden Reize, sich' mit' freudigem „Ja!" zum Guten entschließt, welche Entsagungen und Opfer es auch verlange. Eine "ba* gewordene Welt hat noch immer gesprochen n=pp*>« pn»- „es gibt keinen G'tt, ihr ging das ohnehin unbequeme G'ttesbewußtfein verloren."- (Schluß folgt.)