Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1931)
- Date
- 1931-06-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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25. Jun; 1931 Nr. 26. Seite 9 über 100 Pfund StetJing.sj(j)ei amerikanische nichtzionistische Vertreter in der Jewls^-Agency bezieht brutto sogar Pfund Sterling.)''; Auch die r eich e'w Privatleute / mit denen die palästinensische Judenheit beglückt ist — darunter sind auch einige sich orthodox nennende —■, dürften vielleicht nicht eine Persönlichkeit von wachem sozialem Bewußtsein, einen großzügigen Philanthropen, unter sich haben. — Schwere Sorge bereitet weiten Kreisen der jüdischen Bevölkerung die finanzielle Situation der Jewish Agency. Allein achthundertLehrerfamilien haben von vier Mwnaten ihr bescheidenes Gehalt von durchschnittlich zehn Pfund monatlich zu fordern und haben nur durch Kredit seitens ihrer Lieferanten sich vorm Verhungern bewahren können. Aber. auch die Lieferanten leiden sehr. Die Stadt Tel-Awiw hat ihr Jahresbudget für Not st andsar beiten bereits in den ersten vier Monatei: des Jahres verbraucht. Sie hat jetzt die Regierung um ein Darlehen von 6 000 Pfund Sterling ersucht und beschlossen, von der Bürgerschaft eine besondere Steuer zur Linderung der Not zu erheben. Zofe al Zion. Polen. Zu den Exzessen in Zloczow. Warschau, 9. Juni. Der jüdische Parlamentsklub wurde von der jüdischen Gemeinde in Zloczow gebeten, beim Volksbildungsminifterrum dahin vorstellig zu werden, daß der Leiter der Ortsschule I a r m i ck i und der Lehrer Jan K u k l a , die den Pogrom auf die jüdischen Einwohner am Fronleichnamstage mit angestiftet haben und durchführen halfen, von ihren Posten entfernt werden,' die jüdischen Eltern seien entschlossen, ihre Kinder so lange nicht in die Schule zu schicken, als diese Personen an derselben tätig sind. In dem Schreiben wurde ferner mitgeteilt, daß die gesamte jüdische Einwohnerschaft zum Zeichen des Protestes gegen den Pogrom einen Tag lang die Arbeit niedergelegt habe. Sämtliche jüdische Geschäftsläden und Werkstätten waren geschlossen. Der Polizeikommissar hat der jüdischen Einwohnerschaft mitgeteilt, daß die Gerichtsverhandlungen gegen die Teilnehmer am Pogrom schon in der nächsten Woche beginnen werden. Der Klub übergab dieses Schreiben dem Volksbildungsminister Czerwinski und informierte auch den Chef der Sicherheitsabteilung beim Innenministerium über die Stimmung in Zloczow. Der Jahrmarkt in Zloczow am 8. Juni verlief inr allgemeinen ohne große Störungen. Huligans versuchten, jüdische Passanten zu belästigen, die Polizei schritt aber schnell ein und stellte die Ordnung wieder her. Agitatoren mischten sich unter die aus den umliegenden Dörfern zum Jahrmarkt eingetroffenen Bauern und forderten diese zum Boykott der jüdischen Läden auf. Die Polizei war überall bemüht, auch diese Propaganda im Keime zu ersticken. Konstituierung der Warschauer jüdischen Gemeinderepräsentanz. Warschau, 19. Juni. Die neugewählte Repräsentantenversämmlung der Warschauer Jüdischen Gemeinde hielt ihre 'erste Sitzung ab. Zum Präsidenten der Repräsentanz wurde der Aguda- Führer I. M. Lewin gewählt. Der Aguda ist es gelungen, im Verein mit den übrigen Vertretern der Orthodoxie in dieser größten jüdischen Gemeinde des Kontinents eine Mehrheitskoalition zu schaffen, in der bisher die Zionisten tonangebend waren. Der bisherige Präsident der Warschauer jüdischen Gemeinde war der Msrachist I. Farbstein. Die Repräsentanz wählte eine Kommission, bestehend aus den Agudisten Trockenheim und Mase, dem Handwerkervertreter Bürgin, dem Assimilanten Kohn, dem nichtagudistjschen Chassid Feigenblatt, deren Aufgabe es ist, Vorschläge betreffend die Wahl eines neuen Gemeindevorstandes zu unterbreiten. Herr Dr. '.Szyper gab im Namen der Zionistischen Fraktion eine .-Erklärung ab, daß der Sieg der Aguda in der Gemeinde nur durch den undemokratischen § 20 der Wahlordnung ermöglicht wurde (eine offenkundige Unwahrheit! i'Red.), und daß die Zionisten darum die Verantwortung für die .weiteren Wahlen nicht tragen wollen. Nach dieser Erklärung verließen die Zionisten und Misrachisten die Sitzung. Sie werden sich an der Wahl des neuen Gemeindepräsidiums nicht beteiligen. D er Israelit Die Hafflin'fche Erbschaft. Warschau, 16. Juni. Es wurde wiederholt im Nachrichtenteil und im Feuilleton über Proft Haffkin berichtet, der ein Legat von 2.5 Millionen Zloty für die Jeschiwoth im Osten hinterlassen hat. Das Legat befindet sich in der Verwaltung des Hilfsvereins der deutschen Juden, dessen Vertreter Dr. W i s ch n i tz e r, vor kurzem eine Reise durch Litauen und Polen unternahm. Ueber die Art und Verwendung des Legates machte Dr. Wischnitzer Vertretern jüdischer Zeitungen in Warschau einige Angaben: Nach Erledigung der amtlichen Formalitäten tritt nunmehr der Hilfsverein an die Ausführung des Testamentes. Die speziell zu diesem Zwecke gebildete Kommission besieht aus den Herren James Simon, Prof. Mittwoch und Dr. Bernhard Kahn. Die Jeschiwoth, erklärt Dr. Wischnitzer, dürfen sich keine allzugroßen Illusionen machen, denn vom großen Betrag, der als Fonds gedacht ist, kommen nur die Zinsen zur Verteilung, die im ganzen 12- bis 16 000 Dollar jni Jahre ausmachen. Das Legat hat mehr eine - moralische Bedeutung und war auch vom Erblasser mehr als Anspornung zu ähnlichen großzügigen Stiftungen gedacht. Unzählige Lehranstalten in Polen, Litauen, Lettland, Rumänien und Ungarn gehen den Hilfsverein um Unterstützungen aus dem Hafskin-Fonds an, der Hilfsverein ist zur Zeit bemüht, die Unterlagen und Materialien zu prüfen. In den 15 Jeschiwoth des Osten, die er besucht hatte, fand er eine verzweifelte Lage vor. Seit der Einstellung der amerikanischen Unterstützungen sind die Anstalten stark verschuldet. Viele Jeschiwojünger hungern büchstäblich und lernen dabei fleißig. Die meisten Jeschiwoth haben keinen eigenen Bau, wodurch auch die hygienischen Zustände sehr im argen sind. Ueberall über sitzen Hunderte beim Talmudstudium. Den tiefsten Eindruck gewann Dr. Wischnitzer in Radin. Der „Chofez Chajim" hatte 'ihn mit großer Wärme und Herzlichkeit empfangest/ Als er hörte, daß er, Dr. Wischnitzer, Sommerk'okönien für Kinder in Polen organisiere, ries der große Gähn begeistert: So muß es fein " ivn namo n«n min. Dr. Wischnitzer wird über das, was er gesehen und erlebt hat, dem Hilssverein berichten, worauf dieser seine Beschlüsse fassen wird. Sehr lobend sprach sich Dr. Wischnitzer über das prachtvolle Gebäude der orthodoxen Kinderkolonie „Jehudlth" in Dkugo-Schörle aus, zu welcher der Hilfsverein einen Beitrag leistet. Das Sonntagsruhegefeh in Polen. Warschau, 15. Juni. Senator Mendelsohn konferierte mit den maßgebenden Regierungsstellen wegen Erleichterung der Bestimmungen des Sonntagsruhegesetzes für sabbat halten de Juden. Senator Mendelsohn legte das erschöpfende Material, das die Agudas Jisroel auf diesenl Gebiete gesammelt hat, vor, und berief sich insbesondere auf die mustergültigen Gesetze, die England, Holland und einige Kantoye^her Schweiz in diesem Belange geschaffen haben. Die■< Regierungsinstanzen hörten den Bericht mit größter Aufmerksamkeit an untv versprachen, alle Anregungen gründM,zu prüfen. Ein Fußballspiel mit blutigem Ausg-ange. Warschau, 15. Juni. Die jüdische Oefsentlichkeit in Polen, die sich noch nicht ganz über die ungeheuerlichen Vorgänge in Zloczow bei Lodz beruhigt hat, ist nun durch ähnliche Vorgänge in Radom in Aufregung versetzt worden. Auf dem Sportplatz außerhalb der Stadt Radom fand ein Fußballmatch zwischen einer polnischen und einer jüdischen Mannschaft statt, in dein die Juden den Sieg davvontrugen. In dem Augenblick, als der Sieg der jüdischen Mannschaft verkündet wurden, stürzten sich von den Zuschauerplätzen Huligans auf die jüdischen Sportler und griffen sie an. Gleichzeitig überfielen anders Huligans jüdische Zuschauer auf den Zuschauerplätzen. Cs entstand ein ungeheurer Wirrwar. Aber schon hatten sich die jüdischen Sportler und die übrige jüdische Jugend gesammelt' und setzten den Huligans einen organisierten Widerstand entgegen. Daraus waren die Huligans aber nicht gefaßt. Sie ergriffen die Flucht in die Richtung der Stadt. Dort drangen sie in die hauptsächlich von Juden bewohnten Stadtteile ein und schlugen aus Männer, Frauen und Kinder mit Stöcken und Eisenstäben ein. Es brach eine furchtbare Panik aus. Die jüdischen Einwohner flüchteten in die Häuser. Die Huligans begannen mit Stöcken und Steinen die Fensterscheiben in den Wohnungen und Geschäftsläden einznwerfen. Einige jüdische Läden wurden demoliert. Gegen Mitternacht brachen die Huligans wieder m das Stadtviertel e(n, und dtzr Terror begann von neuem. Die Polizei würde überwältigt und entwaffnet und die verhafteten Huligans gewaltsam befreit. Bis drei Uhr morgens dauerten die Ausschreitungen an. Erst als berittene Polizei von auswärts eintraf, kehrte Ruhe ein. Mehrere Huligans wurden verhaftet. Eine Abordnung der Jüdischen Gemeinde von Radom intervenierte bei der übergeordneten Sicherheitsbehörde und bat um Schutz für die in schwerer Panik lebende jüdische Bevölkerung. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde hielt eine Sondersitzung ab, in der beschlossen wurde, eine Aktion zugunsten der materiell geschädigten Juden einzuleiten und den während der Exzesse verletzten Juden unentgeltlich ärztliche Hilfe zu gewähren. Wie es heißt, war der Angriff auf die jüdische Bevölkerung schon eine Woche vorher beschlossen worden, als bei einem Fußballkampf zwischen dem Bar Kochba und einer polnischen Mannschaft zwei polnische Schüler im Spiel, wie dies bei Fußballkämpfen nicht selten vorkommt, verletzt wurden. Ein Kampf um den Sabbat in Lodz. Lodz, 18. Juni. Die Schomre Schabbos-Vereine entfalten einen gesteigerten Kampf gegen die immer mehr über Hand nehmende Sabbatentweihung. Leider wird in manchen jüdischen Fabriken und Betrieben, sogar in den Büros, öffentlich am Sabbat gearbeitet. Was die Sache noch verschärft, ist, daß viele jüdische Fabrikanten ihre jüdischen Arbeiter entlassen, um mit den nichtüdischen am Sabbat leichter arbeiten zu können. Mit solchen Entlassungen wurde auch den Sabbatvereinen gedroht für den Fall, daß sie ihre Propaganda fortsetzen sollten. Unter diesen Fabrikanten befinden sich auch angesehene Persönlichkeiten und Mitglieder des Kehillorates. Das A. E. der Aguda verhandelt mit allen zuständigen und interessierten Stellen über die Mittel zur Lösung dieses schwierigen Problems. Aus der Lodzer kehilla. Lodz, 18. Juni. Die erste Sitzung des Kehillorates nach den Wahlen, die einen vollen Sieg der Orthodoxie gebracht haben, spiegelte den ganzen wilden Kampf noch einmal im Kleinen wider. Dep. M i n z b e r g als Vorsitzender stellt bei der Eröffnung fest, daß sich im Saale 16 Ratmänner befanden. Von der Aguda fehlten zwei. Zionisten, Misrachi und Unparteiische lehnten es ab, sich an der ersten Sitzung zu beteiligen. Dep. Minzberg wird e i n st i m m i g zuni Präses des Kehillorates gewählt. Für das Amt des Vizepräsidenten nomieren die Volkisten Advokat W ei z mann und die Poale Agudas Jisroel d. H. Silb erstein. In geheimer Wahl wird Weizmann mit Stimmenmehrheit gewählt. Auf die Frage, ob er die Wahl annehme, lautet seine herausfordernde Antwort: „Dis zur Annullierung der ganzen Wahlen!" Ratmann Liebermann verliest eine Deklaration, in der die Aguda bei aller Freude über ihren Sieg ihre Bereitschaft erklärt, sich m i t a l l e n anderen Parteien, die einen gesunden Aufbau der Kehilla wünschen, zu verständigen und zusammenzuarbeiten. Man dachte dabei zunächst an die „Unparteiischen religiösen Juden", die sich aber leider bis jetzt ablehnend verhalten. Als bester Beweis für den Verständigungswillen der Aguda möge die Tatsache gelten, daß sie für den Posten des Vizepräsidenten den Kandidaten der Volkisten akzeptierte. Ratmann David Silber stein bedauert iw'einer Erklärung der Poale Agudas Jisroel, daß der 'Kandidat ihrer Partei nicht ins Präsidium hineingewählt wurde. Das orthodoxe Proletariat, dessen Interessen in erster Linie zu wahren sind, bleibe mt Präsidium unoertreten. Nunmehr ergreift der neügewählte Vizepräsident aus der Partei der Volkisten, Advokat Weizmann, das Wort/'angeblich zu einet Erklärung/'die aber in einer Brandtede gegen' die Orthodoxie aüsärtet. Cs entsteht großer Tumult. Diese Antwort auf das Friedensangebot der Aguda erregte auch die anderen Parteien derart, daß man Weizmann nicht weiter reden ließ. Unter großer Unruhe wird die Sitzung vom Vorsitzenden geschlossen.