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Der Israelit · 1931-06-18 · Heft 25 (18.6.1931) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 25 (18.6.1931)
Date
1931-06-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Ttuflleton /•* >7^ MH'' Aleikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Menfchenschickfals und einer Zettepoche. Don S. Jzchali. C'Ha Wi *<j (Fortsetzung). fi] Die Worte des Schullehrers aufgreifend, entwarf Dr. Kaplan noch einmal das Bild feines Mandanten, und der kleine Mann bekam Schwung und Klang. Er wurde hinreißend. Das Blut eines Ahns, der vielleicht vor Generationen in einem litauischen Lehrhaus als Magid die Menschen zu Andacht und Inbrunst hinriß, wurde in seinen Adern laut. Er sprach jetzt nicht mehr von dem Prozeßfall, sondern über diesen hinaus von der ethischen Seite. der Sache, vom höheren Werte eines Menschenlebens, vom höheren Zweck der Gerichtsbarkeit. Und wie der Ahn einmal im Beshamidrasch, riß er mit den menschlichen Tönen die Herzen mit. „Seht doch dahin," wies er zuletzt auf die Anklagebank. „Sieht so ein Mörder aus? Vorgestern war ein greiser, gebrechlicher Jude bei mir. Wie schade, daß ich ihn nicht mitherbringen konnte, er liegt schwer krank in der Klinik. Sie hätten es als absurd zurückweisen müssen, daß dieser Alte, der der Vater des Angeklagten ist und von dem eine höhere Reinheit ausgeht, einen Mörder grohziehen konnte. Wollen Sie es aufs Gewissen nehmen, ein junges Menschenleben zu vernichten, nur weil Staat und Gesellschaft, vielleicht auf Antrieb eines bösen Gewissens, ein Opfer zu ihrem Schutze brauchen? Du sollst nicht morden, ist ein ethischer Imperativ auch für den Staat. Der Angeklagte ist unschuldig!" Der Ankläger im Talare ballte die Fäuste, aber er erhob sich nicht mehr. Der Engel hatte im wilden Spiele um die Seele eines Menschen einen kleinen Vorsprung. Unter dem Eindruck der Worte des Lehrers und des Verteidigers zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Nach einer vollen Stunde erst kamen sie wieder. Der Obmann verkündete unter lautloser, spannungsvoller Stille des Hauses: NachErwägung aller U m st ä n d e haben die Geschworenen in ihrer großen Mehrheit nach bestem Wisse n u n d G e w i s s e n a.1 l e Schuldf ragen verneint. Nur für wenige Minuten zog sich jetzt das Gericht zurück. Dann kündete der Vorsitzende mit ruhiger Würde und nicht ohne Wohlwollen das erlösende Wort: F r e i g e s p rochen! Es folgte eine umfangreiche und umständliche Begründung. Die Indizien waren nicht lückenlos und der Angeklagte nicht überführt. Es sei erwiesen, daß die Tat aus Tiefen komme, in denen der Angeklagte, seinem ganzen Wesen und Vor-, leben nach, nicht wurzele. So müsse der Wahrspruch der Geschworenen als richtig befunden und der Angeklagte freigesprochen werden. Indes, hieß es dann weiter, sei zweifelsfrei festgestellt, daß der Angeklagte zu den Dingen, die mit diesem politischen Morde im Zusammenhang stehen, Beziehungen pflegt, daß er im Dienste von Männern stand, die führend in der Bewegung waren, daß er zudem ohne Papiere über die Grenze gekommen war und unangemeldet mehrere Jahre in der Stadt sein Domizil hatte. Aus all diesen Erwägungen sei es Sache der Polizei, ihn unverzüglich des Landes zu verweisen. Meikemeier war sreigesprochen, wurde aber zunächst zurück ins Gefängnis geschafft, bis zu seiner Abschiebung. Es war um die Mittagszeit. Gegen Abend war Dr. Kaplan wieder bei ihm. im Gefängnis. Er war inzwischen bei der Polizei und hatte bewirkt, daß von einer zwangsweisen Abschiebung an die russische Grenze Abstand genommen wurde — da für politische Vergehen eine Auslieferung ungesetzlich wäre. Es war ihm freigestellt, wohin er sich begeben wollte. „Nach der Schweiz," sagte Meikemeier fast mechanisch.! „Dachten wir auch," meinte der Anwalt, und überreichte ihm einen größeren Geldbetrag. „Das haben die Freunde bei Silbersteins und andere Studenten zusammengebracht," sagte er. Auch Empfehlungen hatte er mitgebracht, an bestimmte Namen in Zürich und Bern adressiert. Eine war von der ihm bekannten Hand Uritzkis geschrieben, dessen Namen zu nennen, er während der Untersuchung und des Prozesses ängstlich vermied. „Ich bringe auch Grüße von Herrn Ammann, dem Lehrer von Säckenburg. Wir haben ihm viel zu danken." „Ist er noch hier?" Mehr als Dankbarkeit regte sich bei Meikemeier bei der Nennung dieses gut deutschen Namens; ein Stück aus der Geschichte seines Werdens wurde in ihm lebendig. „Er hätte Ihnen noch gern die Hand gedrückt," berichtete derü Rechtsanwalt, „aber mir scheint, er fürchtete Dankesbezeugungen. Er sagte, er müsse zu seinen Schulbuben zurück, er hätte nur für einen Tag Uulaub genommen. Ein rechter Schulmeister ..." „Ein Kind an Gemüt und ein Engel." „Solche Ammanns," bestätigte der Anwalt, „söhnen mich mit dem deutschen Bürokratismus aus . . ." Der Nachtzug nach Berlin—Basel fuhr in die Halle, von Eydtkuhnen kommend, ein. Ein Schutzmann begleitete Meikemeier m den Wagen und wartete auf dem Perron unauffällig und unaufdringlich bis zum Abgänge des Zuges. Alle Freunde hatten sich zum Abschiede eingefunden. Meikemeier hatte ein kleines Ränzlein bei sich und fröstelte in seinem dünnen Rocke. Knopping hängte ihm seinen Havelock um und weigerte sich, ihn zurückzunehmen. Die Kowners brachten Zeitungen und Bücher mit, Bummowitz ein ganzes Bündel Eßrvaren. Jeder hatte gutes Wort und klugen Rat für ihn. Dr. Kaplan drückte ihm die Hand und trug ihm Grüße für die Freunde in der Schweiz auf: ' Als der Zug schon langsam im Rollen war, reichte ihm Saul Gold in ein d ickes Heft zum Fenster hinein. Er hatte über seinen Fall und seine Tragödie ein hebräisches Melodram geschrieben . . . * Fast um die gleiche Nachtstunde starb ganz draußen hinter den Eisenbahnschienen, in der Klinik des Professor Mikuliz, ein alter, russischer Jude. Die Schwester hatte ihm Milch gebracht, und er bat sie, ihm aus der Abendzeitung etwas vorzulesen. Ob nicht etwas vom „Prozesse" darin stehe? „Natürlich," sagte die freundliche Schwester, „hier die ganze Spalte. Freigesprochen! steht ganz dick in der Ueberschrift." Der Kranke ließ sich die dicke Ueberschrift zeigen, obwohl er kein Deutsch lesen konnte. Dann erhob er die Hände zum Himmel. „Dem lieben Namen fetz es gedankt!" Und Reb Jechiel schloß die Augen. Sein Herz stand still. XVII. Im kleinen Klubzimmer des Cafe „Libertas", in einem Außenbezirke Zürichs, war die Leidens- Br. 25 MI geschichte Meikemeiers in allen Einzelhellen so bekannt wie ihm selbst. Er brauchte sie nicht zu erzählen, brauchte sich nicht einzuführen. Er gab nur seine Empfehlungsschreiben ab, und kräftiger Händedruck bestätigte ihm, daß er erwartet wurde und willkommen sei. Einer aber schloß ihn stürmisch in seine Arme. Verlegen sah Meikemeier ins robuste, grau verwitterte Gesicht und wußte nicht, aus welchen verklungenen Sphären es ihm auftauchte. Das Erlebnis in Königsberg lag wie, eine schwere Wolke zwischen dem Heute und den Dingen von früher. Erst als der Russe zu sprechen begann und seinen Namen nannte, erkannte Meikemeier Skobeljew, seinen früheren russischen Lehrer in Gelgudischkin. Sechs Jahre waren derweilen indie Lande gegangen, harte Jahre auch für Skobeliew, von denen er aber in wenigen abghackten Sätzen, gleichsam Ueberschristen eines Lebensbuches, seinem Jugendfreunde berichtete. Diese Ueberschriften waren groß, wuchtig, jede eine schwarze Fahne, hinter der sich Großes und Grauenvolles verbarg. Gefängnis, Verbannung, Sibirien, Galgen, Revolten, Flucht, Exil, Arbeit, Kampf. Erst jetzt erinnerte sich Meikemeier, daß Skobeljew eines Morgens mit noch anderen vom Hofgute verschwunden war, daß sich damals mancherlei Kombinationen an fein rätselhaftes Verschwinden knüpften, daß er selbst, Meikemeier, im Zusamenhange damit zum erstenmal in nahe Berührung mit der hohen Behörde kam. Wie harmlos war doch all das, was fein kleines Leben damals erschütterte, gegen das Königsberger Erlebnis! t, „Wo ist Nissim Beer?" fragte er, sich mählich in die Zeit und Situation von Gelgudischkin zurücksindend. „Er war mit mir ins Unglück geraten, hatte aber meine Ellenbogen nicht, sich zu wehren, auch nicht meine Nerven. War im Grunde harmloses Scholast geblieben. Hinter solchen schließen sich mit den eisernen Portalen der Peter Pauls- Festung auch die des Lebens ..." „Er ist tot?" „Möglich, sogar wahrscheinlich, die feigen Helden der Ochrana halten sich immer mit Vorliebe an die Schwächsten und Unschuldigsten. Ich habe ihn seit unserem gemeinsamen Kettenwege nach Petersburg nicht mehr gesehen. Auch unsere Zentrale hier weiß nichts von ihm. Einer der Vielen, die klanglos verschwinden; unsere Vermißtenliste ist groß . . ." Meikemeier erinnerte sich, wie impulsiv und unberechenbar Skobeljew früher war, wie er immer nach Schnaps roch, und er wunderte sich, einen so nüchternen Menschen mit gemessener Rede und vernünftigen Gedanken vor sich zu sehen. Skobeljew erriet vielleicht seine Gedanken, denn er bemerkte: „Die Hölle in Petersburg ist gut geheizt, sie hütet und schürt das Feuer, an dem sie einmal selber verbrennen wird, wenn nicht Rußland und die Welt dabei mitverbrennt. Sie erzieht ihre eigenen Brandstifter. Wer da lebend herauskommt, wird nüchtern am Werke bleiben, wird feine Pflicht gegen seine umgekommenen Kameraden, Blutzeugen der Menschheit, keine Minute mehr aus dem Auge lasten ... Es kommt seitdem kein Tropfen Alkohol mehr über meine Lippen, und ich lebe ganz vegetarisch, habe aber nach gewisser Richtung noch nie so viel Durst verspürt wie heute . . ." Skobeljew führte ihn ein, stellte chn vor und erzählte/ wo man sie noch nicht kannte, seine Geschichte, seine Tragödie, die ihn zum Ritter der „Gilde von der großen Bereitschaft" — wie sie sich in Zürich und Bern nannten — schlug. (Fortsetzung folgt.)

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