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Der Israelit · 1931-06-18 · Heft 25 (18.6.1931) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 25 (18.6.1931)
Date
1931-06-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 Nr. 25 Der Israelit 18. Juni 1931 Uinderecke. Die Zizzis. (Für die Kleineren.) Jakob war am mit in der Synagoge gewesen und ging nun mit seinem Vater nach Hause. Auf dem Wege erzählte Jakob, was er von der Sidroh verstand'en hatte, von den Kundschaftern und ihrer üblen Nachrede und von der Bestrafung der Kinder Israel. „Aber das von den Zizzis mußt du mir noch erklären. Papa," sagte Jakob, „ich weiß doch immer noch nicht recht, warum man sie angucken soll." „Ich habe es dir schon mal erzählt," sagte der Vater, „man schaut die Zizzis an, damit sie einen au die Gebote G'ttes erinnern. Vielleicht siehst du einmal irgend etwas, das du zu gern haben möchtest, und das dir verboten ist. Du bekommst so große Lust danach, daß du nur an diesen Wunsch denkst und ganz das Verbot vergißt. Da fallen dir auf einmal die Zizzis sin und die erinnern dich dann an das, was du tun sollst." Jakob hatte gut zugehört und sein Arbah Kanfaus war ihm noch lieber geworden. Ein paar Wochen später ging Jakob an einem heißen Mittag von der Schule nach Hause. Sein Weg führte ihn an einem Obstgeschäft vorbei, vor dem ein pa'.r Körbe mit Kirschen und Johannisbeeren standen. Jakob hatte schrecklichen Durst und die roten Johannisbeeren glänzten und lockten. Sie würden ihm so gut seinen Durst löschen können! Er ging langsamer. Er wußte genau, daß er nichts nehmen dürfe — doch plötzlich dachte er an gar nichts mehr — nahm rasch eine Handvoll Johannisbeeren und lief weiter. Im nächsten Hausgang steckte er sie schnell in den Mund. Aber es wurde ihm gar nicht kühler danach; im Gegenteil, nun war sein Gesicht noch heißer geworden und es war ihm gar nicht angenehm zumute. Schnell rannte er nach Hause. An der Türe traf ihn die Mutter. „Was hat der Bub nur?", dachte sie, „er sieht so sonderbar aus und rote Flecken hat er um den Mund, obwohl ich ihm gar kein Obst mit in die Schule gegeben habe." Aber es war nichts aus dem Jungen herauszubringen. Als der Vater nach Haufe kam, erzählte ihm die Mutter von Jakobs merkwürdigem Aussehen und Jakob mußte gleich zum Vater kommen. „Ich weiß schon, was du getan hast, Jakob," sagte der Vater ernst und traurig, „du hast ganz an deine.Zizzis vergessen. Die Zizzis wollten dir sagen, daß du nicht nachgeben darfst, wenn du Lust nach etwas Verbotenem bekommst. Aber du hast sie mahnen lassen und hast nicht auf ihre Lehre gehört. Meinst du, sie wollen nun noch bei dir bleiben? Schau du mal dein Arba Kanfaus an, ob noch alle Zizzis daran in Ordnung sind!" Aengstlich und in großer Eile zog Jakob sein Arba Kanfaus hervor — da blieb der eine Zizzisbund an einem Knopf hängen — und zerriß! Jakob erschrak furchtbar und> schrie: „Papa, es ist wirklich zerrissen! Ach, mach es mir doch bitte wieder, ich will jetzt auch immer meine Zizzis ansehen und an sie denken und nie mehr Obst nehmen, das mir nicht gehört!" — „Ich will dir wieder neue Zizzis anknüpfen," sagte der Vater, „aber zuerst gehst du mal in das Obstgeschäft und bittest dort um Verzeihung und versprichst, so etwas nie wieder zu tun!" Das tat Jakob dann auch und als er heimkam, war auch sein Arba Kanfaus wieder in Ordnung und glücklich zog es Jakob wieder an. Rabbi Chanino ben Dofo. I. Von unserem Lehrer Chanino ben Doso habt Ihr doch alle schon gehört oder im „Perek" gelesen. Er war ein sehr frommer Mann, aber er war sehr, sehr arm. Einmal saß er ttt seiner Stube beim Lernen, da hörte er plötzlich ein lautes Gackern vor seiner Türe. Das störte den Rabbi Chanino und er ging hinaus und sah eine bunte Henne, die vor seiner Haustüre stand und gackerte. Fragte Rabbi Chanino alle seine Nachbarn, wem wohl die Henne gehöre. Aber niemand wußte es; nur eine Nachbarin hatte einen Bauern gesehen, der Hühner auf einem Wagen durch's Dorf gefahren hatte. Dem war wohl eine Henne entschlüpft, meinten die Leute. Aber nachdem niemand den Bauern kannte, sollte Rabbi Chanino ruhig die Henne behalten. Seine Frau sagte: „Die Henne gehört nicht uns, doch wir wollen sie zu uns nehmen, bis der Eigentümer kommt, um sie abzuholen." Es vergingen 2 Tage, 3 Tage und niemand fragte nach der verlorenen Henne. Diese fing inzwischen an, schöne große Eier zu legen. Da sprach Rabbi Chanino zu seiner Frau: „Du weißt doch, daß diese Eier nicht uns gehören! Du darfst keines davon verbrauchen, hebe sie nur alle schön auf!" Nach einiger Zeit fing die Henne an zu brüten und bald liefen zwölf kleine, gelbe Kücken um sie herum. Die jungen Hühner wurden groß und es war kein Platz mehr für sie, da verkaufte sie Rabbi Chanino uno kaufte, dafür eine kleine Ziege. Die Zeit verging, die Ziege wurde groß, sie bekam Zicklein und auch diese wurden groß, bis schließlich Rabbi Chanino eine ganze Ziegenherde hatte. Da kam eines Tages ein Mann zu Rabbi Chanino und sprach: „Rabbi, vor vielen Jahren fuhr ich einmal mit einem Korb voll Hühnern durch diesen Ort und an diesem Häuschen rastete ich ein wenig und währenddessen ging mir eine bunte Henne verloren. Hast du sie vielleicht zu Dir genommen?" Da erzählte Rabbi Chanino dem Manne von der Henne, die er gesunden hatte und von den Eiern und den Kücken und von der Ziege und den Zicklein und dann zeigte er ihm die ganze Ziegenherde. „Und nun nimm Deine Herde mit", sagte Rabbi Chanino, „ich habe ja all dies nur für Dich aufgehoben." Da staunte der fremde Bauer und sprach: „Behalte doch wenigstens einen Teil der Herde!" „Nein", antwortete Rabbi Chanino: „Du hast etwas verloren und ich. gebe Dir nur zurück, was Dir gehört." Da zog der Mann glücklich und dankbar mit seinen Ziegen fort und alle Leute ehrten den Rabbi Chanino wegen seiner großen. Gerechtigkell. II Nun war Rabbi Chanino immer noch genau so arm geblieben und oft wußte er nicht, wie er seine Frau und seine Kinder ernähren sollte. Manchmal gab eskaum trockenes Brot im Hause. Aber sie erzählten niemand, wie schlecht es ihnen ginge. Jeden Freitag war die Frau von Rabbi Chanino besonders traurig, well sie nichts für Schabbos backen konnte. Damit aber niemand davon merkte, heizte sie am Crew Schabbos den Backofen mit dürren Zweigen, damit es. einen starken Rauch gäbe und die Leute meinen könnten, sie backe Brot und Kuchen.. Eines Freitags sah die Nachbarin der frommen Frau Chaninos wieder einmal Rauch, aufsteigen aus der kl euren Küche und sie dachte sich:- „Ich weiß doch, daß die Leute drüben kein Mehl besitzen! Jetzt möchte ich doch mal sehen, was die Frau in dem Ofen backen kann, der da so raucht!" Ging die böse Nachbarin und klopfte an die Türe des Rabbi Chanino.. Als das die fromme Frau hört, läuft sie erschreckt ins Zimmer, denn sie wlll nicht zusehen, wenn die böse Nachbarin entdeckt, daß der Backofen ganz leer ist! Die Nachbarin aber tritt zum Ofen hm und schaut neugierig hinein. Und was sieht sie? Ein Wunder war geschehen: der Ofen war voll von großen weißen Schabbösbroten, schön gebacken und gerade fertig! Da schrie die Nachbarin: „Komm mal schnell und tu Deine Challos aus dem Ofen, sonst verbrennen sie!" „Eben wlll ich die Schaufel dazu holen", rief die Frau Chaninos zurück. Da schlich die böse Nachbarin beschämt nach Hause und hat sich nie wieder um den Backofen anderer Leute gekümmert. Hl. Einmal sagte die Frau des Rabbi Chanino zu ihrem Manne: „Es geht uns so schlecht und unsere Not wird immer schlimmer, wie lange sollen wir denn noch so große Armut erleiden!" „Was meinst Du denn, was wir tun sollen?", fragte Rabbi Chanmo. . „Ach, bete doch zum Heiligen, gelobt sei er, daß er Dir schon heute einen kleinen Teil des Lohnes gebe, den Du für Deine guten Werke empfangen wirst!" Da betete Rabbi Chanino zu G'tt und sieh — es kam eine Hand aus dem Himmel und reichte ihm einen goldnen Fuß von einem Tische, ganz aus reinem Golde! Da freute sich die Frau des Rabbi Chanino von Herzen. Sie wollte gleich am nächsten Tage den goldnen Fuß verkaufen und hoffte viel, viel Geld dafür zu bekommen. Aber in dieser Nacht hatte die Frau einen sonderbaren Traum. Es träumte ihr, sie säße mit ihrem Manne im Saale des Himmels und alle Gerechten aßen an herrlichen goldenen Tischen mit vier goldenen Füßen. Nur sie und ihr Mann hatte einen Tisch mit drei Beinen, dem das vierte Bein fehlte. Es war abgebrochen und der Tisch konnte nicht gerade stehen. Da erschrak die gute Frau sehr, und erzählte am nächsten Morgen ihrem Manne sofort, was sie geträumt hatte. „Lieber will ich weiter unsre Not ertragen", sagte sie, „als daß es uns einstmals so ergehen soll. Ich bitte Dich, bete doch nochmal zu G'tt, er möge den goldenen Fuß wieder von uns nehmen!" Und wieder erfüllte G'tt den Wunsch des frommen Chanino: die Hand erschien ihnen wieder und holte den goldenen Fuß in den Himmel zurück. Vom inkernakionalen religionspsychologischen Kongreß. Ueber eine Reihe von Vorträgen, die auf dem vor kurzem in Wien abgehaltenen Internationalen religio n s p sy ch o l o g is ch en Kongreß gehalten worden ist, ist folgendes zu berichten: Ueber „Neurose und Unglaube" sprach Dr. Allers (Wien). Er ging von der Erscheinung aus, daß in Zeiten des Unglaubens die Zahl der Neurosen zunehmen. Man kann, meinte der Vortragende, bei jedem Neurotiker das Verlangen beobachten, anders zu sein, als er wirklich ist. eine Erscheinung, die geboren aus der Angst vor seiner Endlichkeit, ihm den Zug der Unechtheit gibt. In der Neurose verleugnet der Mensch seine Endlichkeit, sowie die Unendlichkeit G'ttes vor sich. Durch die Verleugnung G'ttes sucht er sich zu verabsolutieren. Die Erkenntnis der eigenen Begrenztheit ist auch schon der Weg zur Heilung. Unglaube ist zwar nicht immer Neurose, aber Neurose erwächst aus dem Boden des mangelhaften Glaubens. Auch hier finde das Wort des Psalmisten: „Nur ein Narr spricht in seinem Herzen, es ist kein G'tt", seine Bestätigung. Ueber „Unglaube als psychische Ausfallserscheinung" sprach Frau „Dr. Marianne Beth. Die Vortragende meinte, daß der Unglaube bex den einen auf seelische Trägheit zurückzuführen sei, die nur alles handgreiflich anerkenne, bei den anderen fehle es wieder am Ausdruck zur Formulierung des Unbewußten. Der Unglaube in diesem Sinne könne auch Ausdruck eines ganzen Zeitalters sein. Der Genfer Universitälsprofessor Dr. Bergner berichtete in seinem Vortrage: „Das Verhältnis der modernen Zeit zu den religiösen Grundideen" über das Ergebnis einer von ihm veranstalteten Enquete, welche :bte Stellung des zeitgenössischen Menschen zum Sinn des Lebens und zu den religiösen Grundproblemen zum Gegenstand hatte. Es ergab sich, eine große Tellnahms- : losigkeit auch bei Gebildeten gegenüber diesen Pro- ' blemen, die von den meisten überhaupt gar nicht durchdacht worden waren. Eine Analyse des Unglaubens gab Prof. Dr. Clavier; (Montpellier), Er führte ihn hauptsächlich auf den Wunsch nach Verteidigung der persönlichen Autonomie uxrd Autarkie zurück, daneben auch auf politische Gründe (Anarchismus, Kommunismus). lieber „Unglaube in psychoanalytischer Beleuchtung" spprach Di:. Pfister (Zürich), der zu dem Ergebnis kam, daß in vielen Fällen der scheinbare Unglaube nichts anderes ist, als eine Verdrängung des religiösen Bewußtseins. Welche moralische Bedeutung die Religion besitzt, ergab sich aus einer Statistik, die Poltzeivigepräsident Dr. Brand! in seinem Vortrag: Die Glaubensverfassung der Kriminellen" anführte. Von hundert männlichen Eigentumsdeliktsverbrechern, die in der kriminalbiologischen Untersuchuxigsanstatt der Polizeidirektion untersucht wurden, waren 34 gläubig und 66 ungläubig. Von den Untersuchten waren 65 leichtere und 35 schwerere Fälle (Gewohnheitsverbrecher). Elftere setzten sich aus 31 Gläubigen und 34 Ungläubigen, die Gewohnheitsverbrecher aus 4 Gläubigen und 31 Unglauben zusammen! Der Vortragende kam zu dem Ergebnis. daß der innerlich religiöse Mensch in der Derbrechensstatistik keinen Raum hat. In diesem Zusammenhang verdient auch das Referat von Prof. Stransky: „Subordination und Autorität" Erwähung, in welchem der Vortragende die Bedeutung der Religion für die Hygienisierung und Cudaimonisierung der Seele betonte. Mit dem Wesen der Religiosität endlich beschäftigte sich Pros. Dr. Thimme (Münster), der die Frage aufwarft ob Religiosität als produktive „Anlage" für die Religion oder als rezeptives „Organ" für das Objekt der Religion zu fassen ist. Im elfteren Falle läge es nahe, sie als Vorzugsanlage Einzelner zu verstehen (romantische Auffassung), im letzteren Falle gäbe es grundsätzlich keinen religiösen Aristokratismus, für welch letztere Auffassung sich die Bibel entscheidet. Sehr interessant gestaltete sich eine Reihe von pädagogischen Referaten, von denen das des Oberschulrates Schlemmer (Berlin): „Der religiöse Unglaube mx Pubertätsalter" erwähnt fei. Es zeigt sich, meinte der Vortragende, bei Jugendlichen im Alter von elf bis siebzehn Jahren eine spezifische Ungläubigkeit, die folgende Arten aufweist: Unüberzeugtsein von religiösen Wahrheiten, Uninteressiertsein am Gesamtphänomen der Religion und Unfähigkeit zu religiösen Erlebnissen. Der Jugendliche ist in dieser Zeit viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als daß er es zu einem transzendenten Gefühl bringen könnte. In seinem Vortrage: „Die religiöse Beeinflussung des Selbstgefühls", betonte Dr. Capek (Prag) den Wert der Religion für die Persönlichkeitsbildung und die Festigung des Charakters, wobei er Beispiele aus seiner Praxis anführte, in denen es ihm gelungen war, durch religiöse Beeinflussung Selbstmordkandidaten neuen Lebensmut zu geben. Die Arbeiten auf diesem Gebiete werden sicherlich Ergebnisse zeitigen, die speziell für die in unserem materialistischen Zeitalter Heranwachsende Jugend von Bedeutung sein werden.

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