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Der Israelit · 1931-06-18 · Heft 25 (18.6.1931) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 25 (18.6.1931)
Date
1931-06-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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18. Juni 1931 Der Israelit Nr. 25 Seite 5 reicht bei weitem nichtan diese Gegensätze innerhalb des heutigen Judentums. Wenn die Anerkennung oder Nichtanerkennung eines großen, folgeschweren Fundamentalgrundsahes das Merkmal einer Konfsssionsverschiedenhnt bildet, so kann es ja keine größere konfessionelle Verschiedenheit geben, als zwischen dem Juden, der die göttliche und daher ewige Unverbrüchlichkeit des auf Bibel und Tradition beruhenden jüdischen Religionsgesetzes anerkennt und diese Anerkennung durch'Unterstellung seines ganzen individuellen und Familienlebens unter dieses Gesetz betätigt, und dem Juden, der die G'ttlichkeit und Unverbrüchlichkeit dieses Gesetzes leugnet und dessen mit, dem ernstesten Ernste gestellten Anforderungen als abrogiert und antiquiert unerfüllt und unbeachtet läßt. Zwischen diesen beiden Richtungen gibt es eine Gemeinsamkeit religiöser Ueberzeugungen längst nicht mehr. Was dem einen ein göttliches Heiligtum ist, ist dem anderen lächerliche Torheit, und was diesem anzustrebenden Fortschritt bedeutet, ist jenem ein Verbrechen. Nicht Rabbiner, nicht Liturgie, nicht Kanzel, nicht Schule, keine einzige der dem gesetzestreuen Juden zur Erfüllung seiner religiösen Eewissenspslichten unumgänglichen Institutionen können sie gemeinsam haben, und man wollte diese so conträren konfessionellen Gegensätze doch nur als parochiale Gliederung eines und desselben konfessionellen Systems behandeln! Man kann sie wohl fiskalisch zwingen, ihren Steuergroschen in eine Kasse zu zahlen, aber man kann keine Religionsgemeinschaft dekretieren, wo die innere Ueberzeugung in solche disparate Gegensätze auseinanderklafft. Es bestehen innerhalb des Judentums verschiedene Konfessionen, deren fortzuerhaltender Zusammengehörigkeitszwang — man verzeihe bei dem hohen Ernst der Sache die Entschiedenheit des Ausdrucks — den härtesten Gewissenszwang involviert, der nur je staatsseitig menschlichem Gewissen gegenüber geübt worden ist. Das ist eine Tatsache, deren folgegebender Anerkennung die heutige Legislatur sich nicht verschließen kann, ohne den ganzen kreist zu verleugnen, der in so beglückender, Erlösung bringender Weise das in Verhandlung stehende kirchenrechtliche Gesetz durchweht." (Fortsetzung folgt.) ^omrponaenre« « nacbricbten. Deutsches Reich. Zweite Bezirkstagung der Freien Vereinigung in Alzenau. F r a n k fu r t a. M., 16. Juni. Auch die zweite Bezirkstagung der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums — nach Hersfeld diesmal Alzenau — war, äußerlich und innerlich gewertet, ein voller Erfolg. Als wir gegen 2 Uljr mittag im Auto in Alzenau eintraten, stand der ganze schöne saubere Ort im Zeichen der großen Versammlung. Man brauchte nur hinaüszurufen- „Versammlung?" und jeder Ortsbewohner, ja jedes Kind, konnte uns den Weg zum Lokale zeigen. Vor dem Hause parkten mehrere Autos, auch in Landauer und Bauernwagen, nach alter Vätersitte, kamen die Menschen an. Im Garten vor dem Lokale wogte das Leben wie auf einem Volksfeste. Sehr viel Jugend dabei, Frankfurter, Aschaffenburger, Hanauer usw., und nicht zuletzt die jüngste Jugend, von Alzenau und Umgebung. Und immer strömten neue Scharen aus den benachbarten Gemeinden herbei. Der Anmarsch dauerte bis in den tiefen Nachmittag hinein, nachdem im Saale die Referate und Verhandlungen bereits im höchsten Schwünge waren. Ein großer Saal, der sonst wohl für andere Zwecke bestimmt ist und andere Töne zu hören bekommt. Ein großes Plakat unter blauweiher Schleife trägt den Namen eines Turn- und Sportvereins. Auf der Bühne, den Brettern, dir die Welt von Alzenau bedeuten, ein Rednerpult in blauweißer Drapierung. Diese Farbe verlangt der bayrische Patriotismus und hat mit dem Blauweiß im anderen Sinne nichts zu tun. An langen Tischen Stuhl an Stuhl, sämtlich besetzt. Nachzügler müssen stehen. Es sind mehrere hundert Menschen im Saale, Männer und Frauen^ Alt und Jung,' man grüßt auch viele bekannte Frankfurter Gesichter. G^en 2.39 Uhr eröffnet Herr Lehrer Wechsler aus ÄDnauichie Versammlung mit einem Grußwort im NamDHler Gemeinde an die F. V., an die Vorstände, RefereMn, Lehrer und Gäste. Darauf trägt ein kleines Mädchen, Alzenauer Heimatgewächs, einen Prolog vor. Herr D.r Ehrmann als Versammlungsleiter macht einige geschäftliche Mitteilungen und verliest einige eineglaufene Begrüßungen, u. a. eine Sympathiekundgebung vom „Bund gesetzestreuer Synagogengemcinden in Bayern" unterzeichnet von Distriktsrabbiuer Dr. Stein, Schweinfurt a. M. Als erster Referent erstattet Herr Emil H. Lehmann, Frankfurt a^ M. Bericht über die Leistungen der F. V. Sie bestanden in Interventionen bei Behörden in Sachen der Sonntagsruhe, der Schechita und in vielen Einzelfällen. Es .wurden Subventionen bewilligt für die Errichtung und Erhaltung von Synagogen, rituellen Tauchbädern, zur Beschaffung von Thorarollen, Tefillin und zur Ausbildung von Schochtim. Die Wirksamkeit der F. V. in den Kriegsjahren bildet ein Ruhmeskaptiel in der Geschichte der Vereinigung. Sie schickte Lektüre und. Ritualien ins Feld und in die Gefangenenlager, zu Pessach auch Mazzo, Wein und Hagadobücher. Die Hoffnung der F. V., daß die Heimkehrenden aus Dankbarkeit alle in die Reihen der Freien Vereinigung treten werden ,hat sich leider nicht im vollen Maße erfüllt. Von den Institutionen, die aus der F. V. hervorgeanggen sind, nannte der Redner das Berliner Schächtkomitee, Schomre Schabbos-Stellenvermittlung in Frankfurt a. M. Die F. V. kann auch als Mutter der Agudas Jisroe! Weltorganisation und der orthodoxen Landesverbände in den deutschen Staaten gelten. Zu ihren jetzigen Leistungen gehört die Beschaffung von billigen Mazzoth für Minderbemittelte — in vielen Fällen auch gratis, — ferner von Tefillin und Mesusoth zu mäßigen Preisen. Redner erwähnt zuletzt, daß Rabb. Dr. S. Breuer V"sr 40 Jahre lang Vorsitzender der F. V. war und schloß i.n Anknüpfung an ein Wort der laufenden Sidro mit einem Appell zur kräftigen Mitarbeit. Ein kleiner Junge aus der Alzenauer Religionsschule trug ein Gedicht „Durch das jüdische Jahr" vor. Ein Mädchen sekundierte ihm mit dem Dortrag eines anderen deutschen 'Gedichtes. Es war die poetische Ueberlejtung zu einer kleinen sachlichen Aussprache, die von Dr. Ehrmann mitf; einigen kleinen Ergänzungen zum Berichte eröffnet wklrde. Herr Eoldschmidt, Aschassenburg, begrüßte die Versammlung im Namen, der Kultusgemeinde Aschaffenburg. Herr Stein dankte als erster Vorsteher von Seligenstadt der F. V. für den Redner (Rabb. Dr. Meier), den die Vereinigung nach Seligenstadt geschickt hatte und der neues Leben in der Gemeinde entfacht hatte. Er rät allen Landgemeinden, sich von der F. V. solche Redner zu verschreiben. Herr Lehrer L e v i s o h n, Seligenstadt, bestätigt die Worte des Vorstehers, grüßt und dankt im Namen der Jugendvereine. Gleichen Gruß und Dank spricht Herr Löwenb e r g als Vorsteher von Groß-Krotzenburg aus. Darauf erhält Herr Distriktsrabbiner Dr. Raphael Breuer das Wort zu seinem Referate über: „Die geschichtliche Ausgabe der Freien Vereinigung". In wuchtiger, zündender Rhetorik, die das Publikum bis zuletzt im Banne hielt, entwickelte der Redner in großen Gedankengängen ein Bild der F. V. in ihrer Geschichte, ihrem Wesen und Wirken. Die Dinge in der großen Politik zeigen den großen Zulauf zu den Extremen und das Versagen der Mittelparteien, worin sich der Schrei des Volkes nach der starken Führerhand widerspiegelt. In dieser Strömung und Stimmung der Zeit müßte auch der Erfolg einer orthodoxen Vereinigung begründet sein, die unerschrocken ein offenes Bekenntnis zum Thorajudentum ablegt. Die F. D. steht allen, die sich zum Thorajudentum finden wollen, offen, ist zunächst noch eine Minorität, aber darum noch keine Partei. Am Charakterbild des zum I o f u a gewordenen Hosea im Wochenabschnitt zeigt der Redner das Recht und die Kraft der Minorität im Kampfe für G'tt und das Judentum. Die Aengstlichkeit vieler in ihrem innersten jüdisch fühlender Menschen, der orthodoxen Organisation beizutreten, hänge mit der Strömung der Zeit zusammen, mit der Angst, als altmodisch zu gelten, überhaupt mit der Angst vor dem Altwerden, als Zeichen unserer Zeit, in der sich die 'Menschen durch Sport und Spiel die Fiktion der Jugendlichkeit zu erhalten suchen. Eine geistvolle Erklärung - des Prophetenfatzes über „die Frauen, die den Tammus beweinen", vertiefte und veranschaulichte diesen Gedanken. Wir Juden kennen auch die Schönheiten des Herbstes, daher unser gewaltiger Respekt vor dem Alter. Nur gegen das Altwerden der Seele wehre man sich, das tue auch die F. V. Redner schloß mit einem Ausblick in die Zeiten, da pirr yn vs min den Triumphzug der Thora auf allen Wegen des Erdenrundes bedeuten wird. Nach dem Beifallssturm, der diesem Referate folgte, erschienen Frankfurter Kinder (Gruppe Lange- Benjamin) auf der Bühne und erfreuten die Versammlung mit ausgezeichneten hebräischen Liedern und jüdischen Tänzen, worauf eine Kaffee-Pause folgte. Die Nachmittagsarbeit setzte mit der Aufführung von „Häusel und Gretel" und anderen Attraktionen durch Schüler und Schülerinnen der Frankfurter Samson Raphael Hirsch-Schule ein. Daraus folgte das Referat von Herrn S. Schachnowitz über das Thema: „Zwischen Leben und Sterben der Landgemeinde". Der Referent ging vom historischen Werden der deutschen Gemeinden in Stadt und Land aus, schilderte die Judengasse im Mittelalter und zeigte dabei auch das Gesicht der Landgemeinde bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts in plastischen Bildern. Er untersuchte die Gründe für den um die Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden Niedergangs der Landgemeinden, um dann auf die Gegenwart überzugehen. Der Schrei „Zurück auf's Land", der heute zu allerlei Siedlungsplänen führt, sei für uns, in den gesetzestreuen Organisationen, zugleich e i n Schrei nach der alten Jüdischkeit, nach den guten Geistern, die früher Familie, Gemeinde und Gemeinschaft in Stadt und Land zusammenhielten. Es gilt für uns, die geistige und wahrhaft jüdische Siedlung zu schaffen oder zu erhalten, woran die noch gesund und jüdisch gebliebenen Landgemeinden zu ihrem Teile tapfer mi. arbeiten werden. Reicher stürmischer Beifall lohnte dem Redner für seine Ausführungen. Es folgte l ie in Kostüm, Geste und Maske ausgezeichnet ausgestattete Aufführung der Kamzageschichte in Traktat Gittin durch eine Frankfurter Esragruppe (Führer Erich Weil!). In vorgerückter Stunde berichtete noch Herr Lehrer Heß aus Miltenberg über das Schächt verbot in Bayern und seine Auswirkungen. Darauf fand die Bezrrkstagung mit einem kräftigen Schlußworte des Vorsitzenden ihren harmonischen Ausklang. Draußen im Garten sammelten sich die Gruppen, um im Auto, per Rad, zu Fuß oder mit der Bahn den Heimweg anzutreten. Es war ein Fest der jüdischen Herzen, das, wie wir hoffen, reiche Früchte tragen wird. Die Schächtverbote und das Ausland. Frankfurt a. M., 16. Juni. In der in der letzten Nummer unseres Blattes veröffentlichten Mitteilung eines Amsterdamer Korrespondenten, die über die Stimmung in den jüdischen Kreisen Hollands gegenüber den Schächtverboten berichtet, ist auch auf ein angeblich in Thüringen bestehendes Verbot des rituellen Schächtens Bezug genommen. Hier liegt ein Irrtum unseres Korrespondenten vor. In Thüringen war zwar unter der Herrschaft der Nationalsozialisten ein Schächtverbot von der Mehrheit des Ausschusses beantragt und bereits auf die Tagesordnung in der letzten Sitzung vor den Ferien gestellt, es gelang den Nationalsozialisten aber nicht, das Verbot vor dem Ausscheiden des.Ministers Frick unter Dach zu bringen. Hoffentlich wird dies auch in Zukunft nicht gelingen. Grotz-Gaglow. Berlin, 16. Juni. Anläßlich der am nächsten Sonntag stattfindenden Grundsteinlegung der ersten Siedlungshäuser in Groß- Gaglow bei Cottbus veröfsentlicht der R e i ch s b u n d für jüdische Siedlung in Deutschlaand e. V. dankenswerter Weise eine Ankündigung in den jüdischen Blättern, wonach in der Siedlung Einrichtungen für die Aufnahme orthodoxer jüdischer Gärtner geschaffen werden sollen, deren Meldungen unter Beifügung von Lebenslauf und Zeugnisabschriften der Reichsbund erbittet. Wir möchten unsererseitsempfehlen, daß diejenigen gesetzestreuen Reflektanten, die zu ihrem Teil dazu beitragen wollen, daß in Eroß-Gaglow ein möglich st geschlossenes religiöses M ihren für orth o^ore Siedler geschaffen wird, .sthre Meldungen zunächst an die gesetzestreuen Organisationen, die sich für die Angelegenheit interessieren, richten, Insbesondere an die Landesorgan i s ation der Agudas JisroeUin Deutschland, die eine eytsprechende Aufforderung bereits vor Monaten veröffentlicht hat. Die Landesorganisation der Agudas Iisroel ist ebenso wie die Leitung der A u l i m bemüht, die notwendigen Bedingungen zu schaffen, die ein gesetzestreues Milieu innerhalb der Siedlung Groß-Gaglow zur Voraussetzung hat.

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