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Der Israelit · 1931-06-18 · Heft 25 (18.6.1931) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 25 (18.6.1931)
Date
1931-06-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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13. ^)U!it 1331 Der Israelit Nr. 25 Seite 3 Das Buch V. Jakobs ist eine geistige Tat. Es zeigt die einzigartige Weisheit unserer Weisen, wie unendlich tief sie das Vibelwori verstanden, und wie jede wirklich bis ans Ende gehende Exegese staunend die Resultate des Talmud wiederfindet. Es lehrt uns Vorsicht, wie gefährlich eine nicht in emunas chachomim wurzelnde Behandlung der biblischen Lehre ist. Es zeigt uns an dem Beispiel der Mischpotim, wo Ne menschliche Intelligenz ausreicht, Motive und Zusammenhänge der Gesetze zu verstehen, daß jeder Buchstabe vom G'ttesgeist erfüllt, jeder Satz von unendlicher Bedeutung ist. Es ist falsch, daß der Buchstabe tötet und der Geist belebt, nein, die Buchstaben des Gesetzes machen weife, sie wecken den Geist, und die Theologie hat den Geist getötet, indem sie sich über den Buchstaben hinwegsetzte. Diese Abhandlungen sollten ebenso wie die herrlichen Aufsätze Jakobs im.„Morgen" über unsere Urväter von jedem Lehrer gelesen werden, -der sich überzeugen will, wie unhaltbar die Methoden der fremden Bibelsorfchung sind. Aber ob diese fremde Bibelforschung sich wird belehren lassen, ob sie überhaupt von dem Buche Notiz nehmen wird? Diese Theologie besah und besitzt ein wunderbares Verfahren, es nennt sich — Totschweigen. Sie übt meisterhaft die Vogel Strauß-Politik, sie steckt den Kopf in den Sand, wenn man den Finger auf ihre Wunde legt. Es muß B. Jakob genügen, wenn er im jüdischen Kreise aufklärend und überzeugend wirken kann, es muß ihm genügen, wenn feine Schriften einem Mann wie Franz Rosenzweig Führer und Leitstern wurden. Bis das Licht die Finsternis durchdringt, das währt lange. Wenn wir im Jahre 1931 es erleben, daß ein bayrischer Ministerpräsident in einer öffentlichen Rede ausspricht, .es soll endlich einmal das neutestamentliche Wort „liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" verwirklicht werden, wenn die Aufklärungsarbeit von 150 Jahren nicht hingereicht hat, um einen Mann an solcher Stelle zu belehren, dann muß man in der Tat mit jüdischer Geduld sich wappnen: ib N2N BK Kommen wird er dennoch, der Tag des Lichts. Mochenrundschau. Ei« «euer „Schema Iisroel-Ersatz Frankfurts größtes Spezialhaus bietet „Beste Qualität zu billigsten Freisen". Uhren aller Art ■ I m Gold . Silber _ | f £ Juwelen „-. Bestecke unD SOHn Trauringe Nur Zeil 95 u. Töngesg. 25-27 lefzfdi Es ist schon etwas lange her, daß Walter R a t h e n a u mit einem Aufruf „Höre Israel" die jüdischen Gemüter ein wenig erregte. Nun ist es Constantin B r u n n e r, der den Ruf wieder aufnimmt und ihn, im Zeitalter von Radio und Lautsprecher, mit gesteigerter Schwungkraft durch die Welt trägt. Sein Buch heißt > „Höre Israel — Höre Nicht-Israel!" Die Sache bekommt Bedeutung durch den eigenen Stil des begabten Schriftstellers und durch ein warmes Pathos, das durch keinen Schimmer von Wissen um wahres Judentum in seinem Flusse aufgehaiten wird. Der Zentralverein verschaffte seinerseits dem Brunner'schen „Hör"-Spiel einige Schallweite durch einen Aussprache-Abend, der ein paar bekannte Namen zur Meinungsäußerung über das Werk, seine Tendenz und seine praktische Auswertung zusammenführte. Der Inhalt der Aussprache wird in der Presse des Centralvereins und anderen jüdischen Zeitungen wiedergegeben. Zunächst Brunner und sein Wollen. Er hat bere'ts eine ganze Reihe von philosophischen und politisch apologetischen Werken geschrieben. Sein neues Buch ist Krönung bestimmter Gedankengünge und Fazitziehung. Was Nicht-Israel hören soll, ist klar und einfach. Es soll menschlich sein, menschlich denken und menschlich handeln. Die Predigt an Israel richtet sich aber gegen seinen Separatismus gegenüber den Völkern, der den Haß nähre. Brunner bekämpft in erster Reihe den jüdischen Nationalismus. Aber er sieht diesen Nationalismus in die Religion eingebaut und bezeichnet das Festhalten an der Religion für „eine Sünde wider das eigene Leben". „Ein Ghettofluch zweier Jahrtausende, und kein Messias fei da, das Volk in das Phantasielandl Palästina zurückzuführen." Ja, er war einmal da — mit der Emanzipation, aber die Juden begriffen ihn nicht. Wie könnten sie fönst heute noch um Zion und Jerusalem beten und sich noch den ihnen zum Fluch gewordenen Namen I u d e n beilegen? Die Fortsetzung der Emanzipation müsse von den Juden durch Selbstemanzipation betrieben werden. Eine jüdische Religion als „Interesse geistiger Art" läßt er gelten, mit dem politischen Lebenskampf des Juden habe sie aber nichts zu tun. Letzteres als Warnung an den Cent r a l v s r e i n. Brunner kennt die Grenzen innerhalb des Judentums nicht, was wir ihm auch nicht verargen. Er kann nicht wissen, daß für uns, die Gesetzestreuen, ein gewisses Maß von dem, was er Nationalismus und Volkstum nennt, integraler Bestandteil der Religion und diese selbst die Seele unseres Lebens ist. Der Kardinalfehler der Nationalen besteht eben darin, daß ihr Nationa- . lismus nicht in die Religion eingebaut ist, sondern! umgekehrt, die Religion sich bestenfalls als loser Luxusgegenstand in ihrem nationalen Bau befinde! und zu jeder Zeit, ohne Schaden für den Bau im ganzen, verschoben oder entfernt werden kann. Eines müßte aber Brunner wissen, und er scheint es auch zu wissen: Der Antisemitismus, eine Geißel des Galuth, wurzelt nicht im S o s e i n , sondern im 2)af ein ö es Judentums. (Bet)t aber fern Rat dahin, daß der Jude j zur Abwehr des Antisemitismus sein jüdisches Dasein aufgibt, so wird ihm diese nicht einmal neue radikale Dr. k>i s e n b a r t h - Methode vermutlich wenig Nutzen und noch weniger Ruhm einbringen. Und nun der Widerstreit der Meinungen über das Brunner-Rezept im Aussprache-Abend des Centralvereins. Sehr treffend bewies Rabbiner Dr. Löwenstamm, Spandau, die Unmöglichkeit, ganz der jüdischen Seele zu entraten, mit Brunner s e l ü st, der in seinem ganzen Kampf gegen den Judenhaß und in dem, was er den Juden. selbst ins Gewissen redet, eine heimliche Liebe zum Judentum bekundet. Solche heimliche Liebe sei aber immer unglückliche Liebe. Ein Hermann Cohen habe aus Erwägungen und Ueberlegungen, die den Brunner'schen nicht ähnlich seien, den Weg zurück gefunden zur stärksten Bejahung seines Judentums. Den betont konservativen Standpunkt gegenüber Brunner vertrat Moritz A. L o e b , was gewiß nicht schwer war. Brunners Vorschläge führen mit Notwendigkeit zu einer Selbstaufgabe, zu einer Entäußerung unserer Eigeanrt, zu einem seelischen Selbstmord. Weit schwerer hatten es die Liberalen, den Ausgleich zwischen der eigenen neologen Einstellung und der vom Standpunkt des — heute mehr denn je Religion sich nennenden— Liberalismus gebotenen Ablehnung Brunners zu finden. Unter ihnen sieht Heinrich Stern ein, daß die letzten Konsequenzen der Brunner'schen Deduktion Taufe, Mischehe, Auflösung des Judentums seien. Dr. Mauritius C a h n zieht eine Grenzlinie zwidürfte diese Mischna - Stelle unserer Annahme nicht entgegenstehen. Bemerkenswert ist noch, daß im biblischen Text die Form n i y i» nur e t n Mal in II. Chronik, Kap. VIII, Vers 13 zu finden ist. Schließlich hätte bei Wahl der männlichen Pluralendung entsprechend wie bei f'p'n und T’P“»? der 2. Traktat piyia heißen müssen, was dem allgemeinen Sprachempfinden fremd gewesen wäre. M. C., Berlin Kleines Feuilleton. Aus Büchern. Clemenceau. Kommen dis Juden ins Paradies? — Das war Dreyfus. — „Herr Elemente au, das jüdischeDolk ist das größte der Welt!" Seite 360. . Ein Verdienst hat Mandel: er drängt vorwärts, und es macht ihm nichts aus, allem dazustehen mit seinen Ideen. Das kommt vielleicht daher, daß er seine Ideen nur in sich selbst sucht, statt sie bei anderen zu erbetteln. Kommen die Juden ins Paradies? Das wäre mir ärgerlich. dann würde ich von Hm getrennt werden . . . Seite 361. Als Dreyfus von der Teufelsinsel zurückgekehrt war, schrieb mir Mathieu: „Ich bringe ihn Ihnen." Das war spannend . . . denken Sie doch! Der Verräter, der nicht verraten hat! Mathieu Dreyfus kommt an mit einem Menschen . . . Ich sehe ihn an. Ich sage mir: „Ra, das ist doch nicht sein Bruder . . . Wer kann denn das sein?" Er sah aus wie ein kleiner Krämer. Das war Dreyfus. Er ist der Einzige, der nichts begriffen hat. Er stand abgrundtief unter der Affäre Dreyfus. So ist es übrigens viel besser. Man wird uns nichts vorwerfen können, daß sein Fluidum uns mitgerissen hat. So was hatte er rein gar nicht. Armer Dreyfus. An allem, was geschehen ist, hat er, wie Sie sich denken können, in seiner Torheit volle Schuld. Da läßt man ihn etwas unterschreiben . . . Seine Hand zittert . . . Man sagt ihm: „Aha! Ihre Hand zittert, Hanptmann!" Er stottert irgend was Dummes. Hätte er geantwortet: „Meine Hand zittert? Und wenn schon? Was schließen Sie daraus? Daß ich verraten habe? Eines sage ich Ihnen, Sie können hundertmal mein Vorgesetzter sein, wenn Sie mir auch nur im Entferntesten so etwas zutrauen, kriegen Sie meine fünf Finger ins Gesicht." Das hätte die Leute beruhigt. Seite 424. . . . Edmond de Rothschild ist unter den Juden ein guter Jude. Er blieb eine Weile hier und hat mir Sachen gesagt, die recht verständig waren, und das ist selten von Seiten einer Geldmacht . . . Sachen, in denen, möchte man sagen, etwas Vornehmes war. Edmond von Rothschild vermeidet nicht systematisch die Ideen. Die dreißig Millionen, die er für Laboratorien gegeben hat ... ganz hübsch, finden Sie nicht? Er ist Jude! Und er ist gern Jude! Einmal habe ich schlecht von den Juden gesprochen, da ist er aufgestanden und hat aus den Tisch geschlagen . . . ja. Märtet, und hat gesagt: „Herr Clemenceau, das jüdische Volk ist das größte der Welt!" Und dann sing er an von seinem Judas Makkabäus ... Das habe ich ganz gerne, man soll sich nicht schämen, das zu .sein, was man ist; das ist die einzige Art, es anständig zu sein. Clemenceau, der Skepttker, der Verächter jeder positiven Religion, hatte die Kühnheit, seinem kritischen Verstände zu viel zuzutrauen. Uns interessiert hier folgender Ausspruch (Seite 381): „Es wird immer Leute geben, die einem sagen: „Montag (?) hat G'tt das Licht erschaffen und Diens- Ltag (?) die Sonne." Denn für die Bibel hat der liebe Gttt so gearbeitet. Erst hat er das Licht gemacht und dann die Quelle des Lichts . . ." Dieser Ausspruch ist von einem Kopfe wie Clemenceau amüsant oberflächlich. Die Sonne ist für unsere Erde die Vermittlerin des Lichts. Sie selber mußte einmal das Licht empfangen. Das Licht muß also ein Ding an sich sein. Das Licht muß vor den leuchtenden Himmelskörpern geschaffen worden sein. Das Licht ist die Urquelle jeder Formgestaltung — beginnend von der Formgestaltung der luftförmigen Körper (yypi) — im Weltall; ohne diese Lebensspenderin wäre das Chaos geblieben. Saly Geis. ■>* - '• - 4-r.r!, (Kriegselend in Zahlen.) „Könnten die Toten wieder auferstehen, und ein General würde die Parade über sie abnehmen, dann würden dieselben in Gliedern von zwaiyig Mann zweieinhalb Monate von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang brauchen, um vorbeizumarschieren." „Der gesamte Schaden, der .durch Wettezerstörung und Produktionsausfall der Menschheit erwachsen ist, beläuft sich auf 1680 Milliarden Goldmark. Dafür hätte man jeder Familie in Deutschland, Oesterreich, Rußland, Belgien, Frankreich, England, Eanada, Australien und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ein Haus bauen können im Werte von zehntausend Mark mit einer Wohnungseinrichtung von viertausend Mark und einem Garten zu zweitausend Mark. Von der übrigbleibenden Summe hätten noch in jeder Stadt mit mehr als zwanzigtausend Einwohnern folgende Gebäude errichtet werden können: je eine große Bibliothek, ein Krankenhaus, Pflegeheim und Altersheim, alles mit Einrichtung, dazu höhere Lehranstalten mit freiem Schulbesuch." Diese Sätze stehen in einer am 18. Mai zum „Weltfriedenstage" erschienenen Schrift „Jugend und Weltsriede". ]• x- (| J]i

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