Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1931)
- Date
- 1931-06-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Jeaflleton. Beüa«( Der k.24 Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines TNenfchenschickfals und einer fe ,_ Zeikepoche. ’ ■ Von G. JzchaN. -- (Fortsetzung). ' Die Zeugenvernehmung war zu Ende. Sachverständige ergriffen das Wort. Ein Psychiater schilderte den Angeklagten als geistig vollkommen gesunden Menschen, der für die Tat, sollte er sie begangen haben, voll verantwortlich wäre. Ein Offizier und Schießlehrer berichtete von seinen Untersuchungen. Der Angeklagte stellte sich bei der Hantierung mit der ihm in die Hand geidrückten Waffe so unbeholfen wie ein kleines Kind. Sie jagte ihm sichtlich Angst ein, wie sie oft unkriegerische Menschen beim Anblick einer Waffe empfinden. Doch könne es auch Verstellung fein. Freilich müßte er dann ein ganz großer Schauspieler fein . . . Kriminalbeamte sagten über die Verhaftung, der Untersuchungsrichter über den Gang der Untersuchung aus. Die Unentwegtheit, mit der der Angeklagte die Tat und das Wissen um dieselbe bestritt, verdiene Beachtung, trotzdem seien die Angaben nicht glaubwürdig. Daß er zu Anfang überhaupt leugnete, die Scheunengasse zu kennen, fei verdächtig und daß er sich beharrlich weigere, Namen von Komplizen anzugeben, lasse auf tiefere Zusammenhänge deuten. Nach einem Ringen von drei Tagen erhob sich der große blonde Mann mit dem vollen, gezeichneten Gesichts zur Begründung der Anklage. Eine harte, messerscharfe, in ihrer Gründlichkeit höchst überzeugende Abrechnung. Der Staat, der große, mächtige, dieser Goliathriese wehrt sich in seinem strengen Talarträger gegen den kleinen litauischen Jünger, der ihn bekriege und aus den Angeln zu heben drohe. Kein Lichtlsin menschlichen Erbarmens leuchtete in diesen dunklen Gängen richtender Logik, jedes Blümlein der Liebe erstarrte und erstarb vor dem eisigen Hauche aus dem anklagenden Munde. Eiseskälte herrschte im Raum. Das rächende Schwert des Gesetzes rasselte hörbar. Die biederen Männer am Geschworenentische sahen.sich vielsagend an. „So war es, der Staat, die-Gesellschaft . . ." Alles andere war vergessen t Und sie, der Schuhmachermeister Schulze und der Schmiedemeister Kunze und der Stellmacher Hubert und der Bierbrauer Klemschmidt und wie sie alle hießen, die heute für würdig befunden und bestellt waren, den Staat, die Gesellschaft, zu schützen, sie fühlten ihre Verantwortung in allen Poren. Liebe und Erbarmen mußte man daheim lassen, wo sie angebracht waren, bei Weib und Kind . . . Der Staatsanwalt schürfte nach den Hintergründen der Tat. Sie lagen in einer Bewegung, die nicht allein gegen einen Staat, etwa gegen Rußland, gerichtet sei; es gehe gegen alles, was Recht und Ordnung.ist. „Wollt Ihr," wandte er sich zu den Geschworenen, „daß Euch die letzte Kuh aus dem Stall geführt, das Dach über dem Hause in Brand gesteckt, Eure Söhne und Töchter entführt werden? Denn diese Jünglings -die unser Kulturland mit ihrem , Revolutionsgeist überschwemmen, - wollen die Köpfe der Größen, damit sie Hab und Gut der Bürger aufteilen können." Er kam auf die Tat selbst und den Angeklagten zu sprechen. Der Mord war die Krönung einer geheimen Wühlarbeit. Der Angeklagte leugne -die Tat. Wer könne es aber sonst getan haben, nachdem kein anderer im . Raume gesehen worden ist? Warum lief er Kopf über Hals davon? Warum leugnete er in der ersten Vernehmung vor der Polizei, die Scheunengasse zu kennen? Und das Blut an der Hose! Es gehe hier weniger um Vergeltung für -das vergossene Blut — sicher war der Ermordete von der gleichen Sorte — als vielmehr darum, ein Exempel zu statuieren: Hand weg von unserem deutschen Boden! Der Angeklagte leugne, innerlich mit der Bewegung verbunden zu sein. Da er aber die Tat erwiesenermaßen dennoch ausgesührt, so verschlimmere es nur seinen Fall. Dann wäre es kein politischer, sondern ein gemeiner Mord, für den es nur eine Sühne gebe: das Fallbeil. Doch wolle er nicht dem Wahrspruch der Geschworenen vorgreisen. S i e sollten ihr Schuldig sprechen; das Strafmaß zu bestimmen, sei Sache des Gerichtes. Eine Todesstille folgte den Worten, wie nach einem Sturm, der alles weggefegt hatte. Dann erhob sich langsam der große Talar, in dem Dr. Kaplan steckte. Eine dünne Stimme entwickelte klare Gedanken in etwas matter Dialektik; es hob sich blaß ab von den in sonorer Stimme wie Kolbenschläge wuchtig hingestoßenen kurzen Sätzen d-es Anklägers. Armer Junge! Im Spiel zwischen Engel und Satan um deinen Kopf hat der Ankläger den Vorsprung! Er sagte, der Teufel des russischen Sozialismus fei lange nicht so schwarz, wie ihn ein Staatsanwalt durch seine schwarze preußische Brille sehe. Und wenn, ginge es an, einen Unschuldigen zu opfern? Denn unschuldig sei sein Mandant. Daß er davongelaufen fei, beweise nur, wie scheußlich er -d-ie Tat empfand. Er leugnete zuerst? Wer würde es in der ersten Verwirrung anders tun? Dann holte er zum Hauptschlage aus. Kapornikow und Kolbaß, des Anklägers Kronzeugen, seien die besten Verteidiger des Angeklagten. Beide bezeugten unter Eid die Harmlosigkeit des jungen Mannes, beide, die Oertlichkeit und Sachlage am besten kennen, feien von der Unschuld des Angeklagten überzeugt, führten sogar unwiderlegliche Beweise dafür an. Man merkte, er rang nach Worten, um diese besten Chancen noch besser auszuwerten, aber das Wort stellte sich nicht nach Wunsch ein. Wärmer wurde Kaplans Stimme, als er von dem Entwurzeltfem des drüben mit allen Hunden gehetzten jüdischen Intellektuellen und dem Martyrium d-es ausländischen Studenten in Deutschland sprach. „Die moderne Gerichtsbarkeit," sagte er, „sucht aus dem Komplex des Gesamtleben eines Angeklagten den Maßstab für feine Schuld oder Unschuld zu gewinnen. Was wissen wir hier vom Leben, von der Jugend des Angeklagten? Kein Vater und keine Mutter sagten über seine Kindheit, kein Lehrer über seine Schulzeit aus. Wer will den ersten Stein werfen gegen einen Menschen, d-en er nicht kennt, der ehrlich, feierlich und beharrlich Tag und Nacht seine Unschuld beteuert?" Nochmals stand der Vertreter der Anklage wie die verkörperte rächende Nemesis auf. Auch diese schwachen Anklänge der Menschlichkeit mußten dröhnend übertönt werden, damit nichts wie Schuld und Sühne übrig blieben. Wieder ein paar wuchtige Kolbenstöße und' sie saßen. „Könnte man Eltern, könnte man Lehrer hören," schloß er seine kurze, grimmige Rede, „wir würden erfahren, daß dieser kleine, schmächtige Jüngling einer der Besessenen ist, von d e m Orkane durchbraust, der droht, unsere ganze Gesellschaftsordnung in Stücke zu reißen ..." Er setzte sich mit wehenden Rockfchößen, ein Donnerg'tt. Das letzte Tor der Hoffnung schien sich damit hinter dem Angeklagten zu schließen... Ob noch der Angeklagte selber was zu sagen hätte, fragte der Vorsitzende. „Ich bin unschuldig," stammelte Meikemeier drei Worte hervor. Schon schickten sich die Geschworenen an, ins Beratungszimmer zu gehen, als Dr. Kaplan aufstand und noch um eine Minute Geduld bat. Man hatte gesehen, wie ihm ein Gerichtsdiener einen Zettel überbrachte, den er krampfhaft in der Hand hielt. Seine Stimme zitterte: „Ein später Zeuge meldet sich zu einer wichtigen Aussage. Ich bitte, ihn zu hören." Der Vorsitzende trug Bedenken. Die Vernehmungen seien abgeschlossen, die Plädoyers beendet, es gehe gegen die Prozeßordnung. Aber Dr. Kaplan gab nicht nach. „Im Namen der Menschlichkeit, die über Prozeßordnungen stehe." Und das. Gericht beschloß, ausnahmsweise den posthumen Zeugen zu vernehmen. Vor die Schranke trat ein kräftiger, schön gewachsener, gutgepftegter und gekleideter blonder Mann mit glattem, sauberen Gesicht und starkem hochgezwirbeltem Schnurrbart. Meikemeier sah von der Anklagebank auf die neue Erscheinung, die zu seiner Rettung oder Vernichtung wie aus fernen Welten auftauchte. Der Mann war ihm unbekannt. „Sie heißen?", fragte, der Vorsitzende. „Heinrich Wolfgang Ammann, Volksschullehrer in Säckenburg bei Königsberg." Es sah und hörte keiner, wie der Mann auf der Anklagebank zusammenzuckte. „Sie wollen für oder gegen den Angeklagten aussagen. Warum kommen Sie erst jetzt?" „Ich habe vom Prozeß in den Zeitungen gelesen und erfuhr erst gestern, um wen es sich handelte. So fuhr ich heute morgen hierher und hörte die Verhandlung hinter der Schranke, wie die andern, an, ohne ein Recht für mich in Anspruch zu nehmen, in diese einzugrelfen. Da höre ich, daß nach alten Freunden, nach Lehrern des Angeklagten gesucht wird, die über sein Vorleben, seinen Charakter und seinen Werdegang etwas aussagen könnten. Ich hielte es danach für eine schwere Sünde, zu schwelgen, denn ich w a r Lehrer des Angeklagten." Die Stimme des neuen Zeugen war von eigenem Wohllaut, seine Sprache gewählt und von innerer Sicherheit und Korrektheit. Richter, Geschworene, wie Publikum im Zuhörerraume horchten berührt auf. Und nun erzählte Herr Ammann, wie er vor etwa fünf Jahren mit dem heute Angeklagten — dieser war damals noch sehr jung — zusammen auf einem litauischen' Gute weilte. Er, Ammann, war damals grade vom Seminar gekommen und hatte dort seine erste Aspirantenstelle. Auch der Jüngling aus Litauen war dort als Lehrer der wenigen jüdischen ^Familien tätig. Er bezeichnet ihn als von allen geliebten, goldreinen Charakter und schilderte, wie gelehrig, wie bildungshungrig er war, mit welcher Liebe und Energie er sich auf die Wissenschaft warf. Ein volles Jahr habe er tagtäglich wie ein- Bruder mit chm verkehrt, und da habe man, in der Einsamkeit jenseits der Welt, wohl Gelegenheit, in das Herz und in die Psyche eines Menschen zu schauen. Er, der jetzt wohlbestaltete Lehrer an einer preußischen Volksschule, der Staatsbeamte, stehe vollkommen ablehnend der Bewegung, die den Hintergrund des Prozesses abgeben soll. Aber er könne hundert Eide darauf leisten, daß dieser Mann keinen Mord begangen habe, daß er nie etwas Böses im Sinne gegen Staat, Gesellschaft oder gegen einzelne Personen gehabt haben konnte. Eine Stille folgte aus dieses klare Zeugnis, die wie stummer Beifall des Auditoriums anmuteie. Dr. Kaplan brach das Schweigen. (Fortsetzung folgt.)