Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1931)
- Date
- 1931-06-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 24 Seite 7 11. Juni 1931 die Insassen. Die wenigen Polizisten des Städtchens waren den Exzedenten gegenüber machtlos. Der Pogrom nahm den folgenden Verlauf: Am Donnerstag, während des Fronleichnamsfestes, bewegte sich eine große religiöse Prozession durch das Städtchen, an der zahlreiche Bauern der umliegenden Dörfer teilnahmen. Nationaldemokratische Agitatoren, Mitglieder des Sokol-Vereins, begannen die Massen um sich zu sammeln und erzählten ihnen, daß aus den Fenstern eines jüdischen Hauses Vitriol auf die Heiligenbilder und aus die Teilnehmer der Prozession gegossen wurde. Die Agitatoren riefen der Menge zu, man müsse ein für allemal, und zwar sofort, „mit den Juden abrechnen". Gegen 9 Uhr abends ging, wie auf ein Signal, der Pogrom los. Unter Pfeifen und ungeheurem Lärm schlugen die Exzedenten auf jeden Juden, der ihnen in die Hände fiel, los, zerschlugen mit Stöcken alle Fensterscheiben, demolierten alle Läden, drangen in die Wohnungen ein und mißhandelten alle Familienangehörigen. Eine Frau Großmann wurde durch einen Revolverschuß tödlich verletzt, zwei andere schwerverletzte jüdische Einwohner ringen mit dem Tode. Rutzland. Die Wirkung der atheistischen Propaganda in Sowjetrußland auf die religiösen Funktionäre. Moskau, 5. Juni. Eine soeben veröffentlichte Statistik stellt fest, daß die Kampagne der jüdischen Apikorsim oder militanten Atheisten nicht ohne Wirkung auf die jüdische Bevölkerung der Sowjetunion geblieben ist. In letzter Zeit hätten 16 Rabbiner ihre Funktionen niedergelegt, von denen einige den Austritt aus dem Rabbinat stillschweigend vollzogen haben, indem sie von ihren bisherigen Wohnorten fortzogen und anderwärts neue Beschäftigungen suchten, während andere öffentlich vor versammelter Gemeinde in der Synagoge ihren Entschluß bekanntgaben. Außerdem hätten zahlreiche Schächter ihren Beruf aufgegeben. Die ihren Ueüerzeugungen treu gebliebenen orthodoxen Priester, Rabbiner und Mullahs verlegen vielfach den G'ttesdienst aus den Kirchen, Synagogen und Moscheen aus Sparsamkeitsrücksichten in Privaträume. Dadurch erhalten die G'ttesdienste imer mehr den Charakter von sektiererischen Versammlungen. Im Zusammenhang damit erlebe auch das wirkliche Sektierertum in Sowjetrußland eine neue Blüte. Im Gebiete des Donbeckens hat die Sekte der Khlisti, zu der auch Rasputin gehörte, starken Zulauf. In entlegeneren Teilen der Sowjetunion verkünden mohammedanische Priester das bevorstehende Hereinbrechen g'ttlicher Strafgerichte, insbesondere von Erdbeben über Rußland wegen der allgemein herrschenden G'ttlosigkeit. (ITA.) Kolonisation und Industrie in Rußland. Moskau, 2. Juni. In Tichonkoye, dem Hauptort von Viro- V i d s ch a n, fand dieser Tage anläßlich des dritten Jahrestages des Beginns der jüdischen Kolonisation in Biro-Bidschan eine Feier statt. Katz-Moskau überbrachte die Grüße des Zentralexekutivkomitees der Sowjets, des Komzet und der amerikanischen Organisation Jcor. Gegenwärtig gibt es in Biro-Bidschan fünf Staatswirtfchaften oder Sowchosen, vier Kollektive der jüngst angekommenen Einwanderer, ein halbes Dutzend staatlicher und kooperativer Unternehmungen und ein landwirtschaftliches Technikum. Die Zahl der Juden in Biro-Bidschan, die gegenwärtig 4000 beträgt, ist in den letzten Monaten um 1400 gestiegen. * * * Der Zustrom der Juden in die I n d u st r i e hält mit unverminderter Stärke an. So arbeiten z. B., wie aus einer soeben abgeschlossenen Zählung hervorgeht, in den Fabriken der Stadt Odessa gegenwärtig 42 000 Juden,' während vor einem Jahre erst 19 000 Juden als Fabrikarbeiter in Odessa beschäftigt waren. Frankreich. Die Lage der jüdische« Ausländer in Arankreich. Paris, "2. Juni. In den letzten Tagen fand in Paris eine Sitzung des Zentralhilfskomitees für jüdische Emigranten unter dem Vorsitz seines Präsidenten M. Oualid statt. Aus dem Bericht über die Tätigkeit des Komitees während der ersten vier Monate des Jahres 1931 ging Die Woche. Berlin. Bei der Konstituierung der neugewählten Repräsentantenversammlung wurde H. Stern zum Vorsitzenden, Dr. A. Klee und Dr. F. L o n d o n zu stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. — Am Mittwoch, den 8. Juni, warfen im Warenhaus Tietz am Alexanderplatz einige junge Leute auf Komnkando mit schweren Pflastersteinen vier Schaufenster ein. Zwei Täter wurden erfaßt und vom Schnellrichter bereits zu 5—6 Monaten Gefängnis verurteilt. — Auf dem Nordfriedhof von Halle wurden 32 Grabsteine zerstört. Zugleich wurden auf dem gegenüberliegenden jüdischen Friedhof 8 große Grabsteine demoliert. Es scheint eine Verwechslung vorzuliegen, da die Herren Friedhossschänder im Dunkel der Nacht die Grenze zwischen dem jüdischen und dem großen Friedhof nicht sehen und einhalten konnten. — Die von Goebbels herausgegebene nationalsozialistische Zeitung „Der Angriff" wurde wegen schwreer Beleidigung und Beschimpfung für einen Monat verboten. — Ein Vortrag Prof. L i e tz m a n n s in der Preußischen Akademie der Wissenschaft macht hier viel von sich reden. Lietzmann erbrachte sichere wissenschaftliche Beweise dafür, daß die Verurteilung des Stifters , allein durch d i e Römer, ohne jüdisches Zutun, vor sich gegangen sei. — Herr Rabbiner Dr. Prinz ist von der Gemeinde auf Grund vorhergegangener Beratungen mit dem Allgemeinen Deutschen Nabbinerverband und der Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden zum Studentenseelsorger bestellt worden. Frankfurt a. TR. Das Schöffengericht in Biebrich bei Wiesbaden verurteilte einen Arbeiter zu einem Monat Gefängnis, weil er die Synagogentür mit Hakenkreuzen in Oelfarbe bemalt hatte. Wegen ähnlicher Vergehen waren kürzlich schon einmal drei Arbeiter verurteilt worden. Gießen. In Echzell in Oberhessen wurden auf dem jüdischen Friedhof der Eingang sowie mehrere Grabsteine mit Hakenkreuzen und den dazugehörigen unflätigen Inschriften beschmiert. Die Täter sind nicht festzustellen. Aachen. Der jüdische Friedhof in Fliesteden bei Aachen zeigt vier umgeworfene Grabsteine und mehrere zerbrochene Marmorplatten auf. Die Demolierung ist erst jetzt von Besuchern entdeckt worden. Eine jüdische Gemeinde besteht in dieser Ortschaft längst nicht mehr: so überfällt man die toten Juden. Genf. Das Schweizer Kalenderr e f o r m - K o m i t e e hat durch die Berner Regierung des Völkerbundsekretariat ein Gutachten übermittelt, das sich gegen radikale Aenderungen des bestehenden Kalenders und insbesondere gegen den Blankotag entschieden ausspricht. — Wie die ITA. erfährt, wird die Mandatskommission auf Grund ibrer Tagesordnung ungefähr am 13. Juni in die Beratung der mit dem Palästina-Mandat zusammenhängenden Fragen eintreten. London. Anläßlich des Geburtstages von König George am 3. Juni wurden wiederum führenden englischen Juden hohe Auszeichnungen zuteil. Sofia. Das Kreisgericht der Stadt P l e w n a in Nordbulgarien hat heute den getauften Juden Pawel (Salomon) Aronow, der im November v. I. nachts d i e Stadtsynagoge in Brand gesteckt hatte, zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein angeblicher religiöser Fanatismus wurde als mildernder Umstand anerkannt. Die jüdische Gemeinde trat in dem Prozeß als Zivilklägerin auf. Warschau. Der in Bialystok unter Teilnahme von 50 000 Delegierten aus ganz Polen tagende polnische Katholikenkongreß wurde u. a. auch von einer Abordnung der jüdisch. Gemeinde unter Führung des S t a d t r a b b i n e r s begrüßt. Die Begrüßungsansprache des Rabbiners wurde vom Erzbischof von Wilna erwidert, der u. a. erklärte, er werde sich bemühen, zwischen Juden und Katholiken ein dauerndes Friedensverhältnis zu schaffen. Iohannisburg, In einer Sitzung des Rates für Jugendangelegenheiten in Captown wies B e r m a n darauf hin, daß kein Jude Chancen hat, Staatsbeamter zu werden. Der Rat beschloß, von der Regierung zu fordern, daß bei Ernennung von Staatsbeamten nur die persönliche Qualifikation und das Examen maßgebend fein dürfen. hervor, daß die Lage der jüdischen Emigranten durch die herrschende Arbeitslosigkeit eine weitere Verschärfung erfahren hat. Das Komitee wurde in den ersten vier Monaten des Jahres von 5186 Personen gegenüber 4013 Personen im gleichen Zeitraum des Vorjahres in Anspruch genommen. Trotz der intensiven Tätigkeit des Komitees auf dem Gebiete der Arbeitsbeschaffung, an der auch die in diesem Jahre geschaffenen Zweigstellen in Lille und Marseille hervorragenden Anteil hatten, mußten von Januar bis April bereits 217 Immigranten gegenüber 169 im gleichen Zeitraum des Vorjahres in ihre Herkunftsländer zurückbefördert werden, weil es nicht gelang, ihnen Arbeit oder dauernde Aufenthaltsbewilligung zu verschaffen. Die Kosten des Rücktransports der jüdischen Immigranten hatten Grand Rabbin Israel Levi, Hicem, das Pariser Wohltätigkeitskomitee und eine Reihe von Einzelpersonen auf sich genommen. (ITA.) Spanien. Repatriierung der Sephardim. Madrid, 5. Juni. Der Präsident der provisorischen republikanischen Regierung Spaniens, Herr Z a m'h r a, empfing am Donnerstag, den 4. Juni, den argentinisch-jüdischen Rechtsanwalt Kibrick, mit dem er die Frage der Repatriierung von sephardischen Juden nach Spanien besprach. Alle republikanischen politischen Parteien Spaniens, erklärte Präsident Zamora, treten für die Wiedereinverleibung der sephardischen Juden in die spanische Nation ein. Die spanischen Konsulen im Auslande werden Instruktionen zur Erleichterung der Repatriierung der sephardischen Juden erhalten. Das spanische Parlament wird das Edikt vom Jahre 1492, durch das die Juden aus Spanien vertrieben wurden, feierlich widerrufen. (ITA.) England. Zur englischen Palästina-Politik. London, 5. Juni. Der parlamentarische Korrespondent des Jewish Chronicle weiß wieder einmal von einem starken Stimmungsumschlag in zionistischen Kreisen zu melden. Während man vorige Woche noch reichlich optimistisch war, ist durch die neue Landverkauss-Verordnung, die angeblich im Gegensatz zu dem Briefe Macdonalds an Weizmann stehen soll, wiederum große Erregung ausgelöst worden. Man behauptet, daß die neue Verordnung den Landverkäuf an Juden fast unausführbar mache. In diplomatischen Kreisen betrachte man die neue Verordnung als eine beabsichtigte Abweichung vom Macdonald- Vrief, die durch den ausgesprochen antizionistischen gegenwärtigen Oberkommissar, Sir John Chancellor, im Colonial Office durchgesetzt worden sei. Demgegenüber darf nicht übersehen werden, daß Dr. Shiels im Unterhaus sich zur Begründung der neuen Verordnung ausdrücklich auf Ziffer 12 des Macdonald- Briefes berief, wo in der Tat unbeschadet des Landentwicklungsplanes schon eine vorläufige Verordnung mit der Tendenz des Pächterschutzes als unvermeidlich bezeichnet wurde. In dem Paragraphen des Macdonald-Briefes, auf den Unterstaatssekretär Dr. Shiels Bezug nimmt, heißt es: Um der Politik ländlicher Ansiedlung wie im Art. 11 des Mandates vorgesehen, Wirkung zu verschaffen, ist es nötig, um Desorganisation zu vermeiden und die Möglichkeit eines Erfolges zu haben, daß eine zentralisierte Kontrolle irgendwelcher Art für Transaktionen auf dem Gebiet der Erwerbung und Uebertragung von Grund und Boden während der Uebergangszeit bestehen soll, die vernünftigerweise erforderlich sein dürfte, um dem Landentwicklungsplan eine sichere Grundlage zu geben. Die in Aussicht genommen Kompetenz ist eine regulierende und nicht etwa eine prohibitive, obwohl sie ein Recht einschließt, solche Transaktionen zu verhindern, die mit dem Tenor des Planes nicht zu vereinen sind. Aber die Ausübung dieses Rechtes ist beschränkt und in keiner Weise willkürlich. Sie ist in jedem Falle bedingt durch Erwägungen, wie den Zwecken des Mandats am besten entsprochen werden kann. Jegliche Kontrolle soll mit gehörigen Schutzbestimmungen umgeben werden, um die Gewähr zu geben, daß so wenig wie möglich in den freien Grundstücksverkehr eingegriffen wird. Die Zentralkontrolle'wird erst dann in Kraft treten, wenn de Behörde zur Durchführung ihrer Landentwicklungspolitik ihre Arbeit aufnimmt. Der High