Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1931)
- Date
- 1931-06-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 24 Der Israelit 11. Juni 1931 was Gunsten des Rabbi etwas schüchtern an, später die Archive vollauf bestätigt haben. Was nützt aber Kiese Darstellung; was nützt die jedem Wahrheitssucher offen liegende Aktensammlung im Frankfurter Städtischen Archiv; was nützts, daß ein jüdischer Schriftsteller unserer Zeit, nach Studium der Akten, eine künstlerische Darstellung der Tragödie der Judengasfe und ihres Rabbi der jüdischen Welt geschenkt hat? Man braucht Romane nicht zu lesen, das Herumstöbern in Archiven und das Enträtseln der Schnörkelschrift alter Gerichtsaktuare ist eine mühsam^ Sache und langweilig. In den Büchern steht es aber schwarz auf weiß geschrieben: „Der Wunderrabbi aus Polen", „Gaßbrenner", „Zeloten", Redewendungen, die sich automatisch fortpflanzen. Es ist der Fluch der Geschichtsfälschung, daß sie fortzeugend Falsches muß gebären . . . Würde es sich nur um diesen e i n e n Fall handeln, wir würden ihn als lokale Angelegenheit nicht an dieser Stelle so breittreten. Es ist aber ein Schulfall, typisch für unzählige andere, die wir beklagen und in Zukunft immer noch zu beklagen haben werden. Wie kommt beispielsweise Lion Feuchtwanger dazu, uns in einem seiner Meisterwerke ein Zerrbild des großenRabbi Jonathan Eibenschütz zu zeichnen, geistig hochstehenden und wissenschaftlich interessierten Menschen kritiklos ausgenommen werden. Ein j ü d i s ch e s, G e s ch r ch t s b u ch tut uns not, zur Verstopfung von unheilbringenden Giftquellen, zur Erschließung reiner Quellen jüdischen Geschichtslebens. Rabbi Jizchok Halevy hat uns in seinem Standardwerk über die talmudische Zeit den Weg gewiesen und eine ungemein große Fülle von Baumaterial Zusammengetragen. Wann kommen die Baumeister, um den Bau weiterzuführen und zu vollenden? Wochenrundschau. Bibel, Antisemitismus und Verbrüderung. Unter dem Titel „Christlich-jüdische Verbrüderung" und „Bibel und Antisemitismus" eröffso! net das „Neue Wiener Journal" eine öffentliche daß jeder, der Eibenschütz und seine Werke kennt,! Aussprache über den Antisemitismus in seiner voll Scham und Schmerz sein Gesicht verhüllt! Einstellung zur Bibel und zum gesetzestreuen Wieso? Feuchtwanger kennt Eibenschütz nicht und ist wahrscheinlich gar nicht imstande, von den Geisteshöhen, die dieser Meister in seinen talmudischen Werken errichtet hat, auch nur die untersten Stufen zu besteigen. Auch kennt er die Einzelheiten des Streites zwischen Emden und Eibenschütz nicht. Wozu auch? G r ä tz, gefühlsmäßig gegen alles, was mit Kabbala zu tun hat, eingestellt, hat Eibenschütz einseitig nach den polemischen Schriften seines unversöhnlichen Gegners gewertet und ihn mit einer abfälligen Handbewegung abgetan. Dieses Werturteil eines großen Geschichtsschreibers, dessen Subjektivismus heute von aller Welt erkannt und. anerkannt ist, genügt dem Dichter des „Jud Süß" als düsterer Hintergrund für das Schattenbild des Altonaer Rabbi. Auch Jakob Wassermann, um ein Gegenstück anzuführen, gebraucht in seinen „Juden von Zirndorf" Aeußerungen Grätzens über „mystische Umtriebe" gewisser jüdischer Zeitepochen sogar im Wortlaute. Auf dem Wege über die Kunst, und gar über den M o d e r o m a n, finden Falschurteile oberflächlicher Historiker Eingang in die Herzen der Massen, und Flachheiten und Unwahrheiten werden zu geschichtlichen Axiomen, die, in Wort und Schrift weiter getragen, auch von ernsten, Judentum. aus Fiume, der Josef Lazarus, ein Ingenieur in Wien Vorträge über Philosemitismus und Antisemitismus hielt, vertritt die Meinung, der Antisemitismus könne nur entstehen, wenn die jüdische Minorität relig i o n s f e i n d l i ch sei. An der Bibelfestigkeit der Juden scheitern alle antisemitischen Versuche. Ein guter Bibel- und Religionsunterricht bei Christen und Juden würde zu einer Verbrüderung der Konfessionen führen. Er führt dafür geschichtliche Beweise an aus der Renaissanceperiode, der alexandrinischen Zeit und des römischen Reiches, wie aus der Zeit der Kalifenherrschaft in Spanien. Er glaubt ferner, seine Auffassung im heutigen England bestätigt zu So schmeichelhaft all das für uns wäre, und so sehr wir überzeugt sind, daß Bibel und Bibeltreue das beste Desinfektionsmittel gegen den antisemitischen Bazillus, wie überhaupt zur Entgiftung der Luft in Europa, sein müßte, so treten leider aus dem Dunkel der gerade von ihm gestreiften Geschichtsperiolden die Blutzeugen auch eines reinen religiösen Antisemitismus hervor, der sich gegen das Alte Gesetz und das Volk des Gesetzes richtete. Im Römischen Reiche gab es einen Hadrian und , einen Domitian, und jüdische Märtyrer aus der Corona der Gesetzeslehrer, von denen zehn in unseren Slichausgebeten für das große Heer der Ungenannten sprechen. Bei dem Uebergang Spaniens aus der Kalifenherrschaft in die der christlichen Gewalt hatte sich ein Wandel nur im Herrschaftshause und im Regierungskurse vollzogen, nicht aber in den frommen Herzen der k a stilischen Jude n. Aber die Inquisition holte sich ihre Opfer nur aus der Schar der Bibeltreuen. Schließlich hatten die Horden der Kreuzzüge das Zeichen ihrer „Religion der Liebe" in der einen und das Mordbeil in der anderen Hand, als sie in die G'tteshäufer stürmten, wohin sich die Glaubenshelden zur letzten Heiligung des G ' t t e s n a m e n s wie in Mutters Schoß flüchteten . . . Das alles nur der historischen Wahrheit und Gerechtigkeit wegen. Gewiß ist es wahr, daß diese Erscheinungen — sie beherrschen leider mit Unterbrechungen das ganze Mittelalter — Abirrungen von G'tt und Geist, von Bibel und Gesetz bedeuteten. Es wird darum wohl stimmen, daß eine zu einer höheren Kulturstufe entwickelte Kirche unserer Zeit im Juden des Gesetzes den Träger der biblischen Gedanken und Wahrheiten achtet; daß gläubige Menschen anderer Konfessionen sich gefühlsmäßig dem religiösen Juden näher fühlen als dem liberalen, der keine geistig-religiösen Fäden auf großer Linie zu ihnen spinnen kann. Die Einstellung des deutschen Zentrums zum Judentum, und ganz besonders zum religiösen Judentum, ist der beste Beweis für diese Entwicklung. Darum ist es höchst beachtenswert, was ein hoher Geistlicher, Pater F i a l a, in einer späteren Nummer des gleichen Blattes in diesem Zusammenhang über „die heilige Schrift als gemeinsames Kulturgut der Juden und Christen" zu sagen hat. Die katholische Kirche begnüge sich nicht mit der Hochschätzung der alten Bibel, sondern lasse ihr entschiedensten Schutz und weiteste wissenschaftliche Pflege angedeihen. Das Alte Gesetz, Propheten und jüdische Geschichte, bilden einen beträchtlichen Teil des katholischen Religionsunterrichtes, was bedingt, daß die katholischen Geistlichen die Bibel im hebräischen Texte erlernen müssen. Daraus ergebe sich die Einstellung der katholischen Kirche zu den Juden, ihre Ablehnung des Antisemitismus, ihre besondere Sympathie aber für den religionstreuen Juden von selbst. Wo Juden die Grundsätze der Bibel zur Richtschnur ihres Lebens machen, werden sie bei den positiv Gesinnten unter den anderen Konfessionen weitgehende Zustimmung und Unterstützung finden. Pater Fiala glaubt. ■'.KS Speisegesetze und moderne Wissenschaft/) Von Dr. M. Ascher. Es gewährt uns hohe Genugtuung, daß der Professor der Hygiene an der medizinischen Fakultät von Paris, Dr. L. Tanon, das Werk des Dr. Schapiro*) und damit die Ernährungshygiene der Juden und alles, was im Pentateuch und in den Deduktionen des Talmuds mit Hygiene zusammenhüngt, als mit den Ergebnissen der modernen Wissenschaft übereinstimmend, hochschätzt. So haben ja auch schon vor ihm tviele bedeutende Geister sich geäußert. Fragen wir nichtjüdische Professoren der Medizin nach ihrer Meinung über die hygienischen Gesetze der Bibel, so hören wir fast allgemein mit größter Hochachtung von den sanitären Einrichtungen im alten Judentum sprechen. Dr. Schapiro sicht in den Ernährungsvorschriften des Pentateuch sogar zugleich ein geistiges und moralisches Ziel, aber der hygienische Wert gilt auch ihm als eigentlicher Wert. Wir müssen uns hier mit dem Verfasser auseinandersetzen, der den „Moreh" III Kap. XXXI zitiert: „Gewisse *) L’Hygiene alimentaire des Juifs devant Ia science moderne par le Dr. D. Schapiro (Paris), Editions Erelji, 122 bd. Murat). Personen besitzen die Schwäche zu glauben, daß die Gesetze des Pentateuch keine rationelle Ursache hätten" usw. und so den gegen Rabb. M. Levy, Essai sur Ia morale du Talmud ausspielt. Dort heißt es nämlich (S. 39): „Die Bibel verbietet gewisse Nahrungsmittel. Man hat behauptet, dies sei aus hygienischen Gründen. Wenn man so aus der Thora ein Handbuch der Medizin macht, so heißt dies nichts Geringeres als die Thora zu erniedrigen." Weiter (S. 40) Ijeißt es im selben Buche: „Warum nur solche Fische essen, die Schuppen und Flossen haben und keine anderen? Wenn da der Verstand stillsteht und sich nicht für kompetent erklärt, so hat der gläubige Mensch zu antworten „wir essen es nicht, weil die Thora so von uns verlangt; Wj'x beugen uns vor ihrem erhabenen Willen." Cs handelt sich hier gar nicht um einen Widerspruch, sondern wohl nur um ein Mißverständnis. Nur ein Schwachgeistiger kann verneinen, ein G'ttesgesetz habe keinen tieferen Sinn. Jeder Vernünftige weiß, daß G'ttes unendliche Weisheit in die Thoragesetze viele Pläne, viele Zwecke hineintegte, die uns kurzsichtigen Sterblichen bei fortschreitender Entwicklung allerdings immer klarer werden, aber auch heute noch viel Herrliches in sich bergen, das erst ein kommender Tag ans Licht führen wird. — Selbstredend sind auch die Ernährungsverfüguugen nicht etwa als nur hygienische Maßregeln aufzufassen, sondern sie genügen neben den hygienischen in erster Linie moralischen Zwecken. — Es war vielleicht etwas unvorsichtig seitens des Rabb. M. Lewy durch seine Ausdrucksweise eine Angriffsfläche zu bieten. In der Tat weist Dr. Schapiro darauf hin, daß die moderne Wissenschaft längst erkannt hat, daß die schuppen- und flossenlosen Fische gesundheitsschädlich sind und einige von ihnen ein Gift ausscheiden, das in seiner Wirkung dem Schlangengift gleichkommt (Newen - Lemaire, les poissons nuisibles, Seite 30 — M. Jacquepee, nouveau traite de medecine VI, Seile 472). Rabbiner Levy war und ist aber sicherlich mit uns davon überzeugt, daß jede Verfügung der Thora einen liefen g'ttlichen Grund hat und daß nur unsere geistige Kraft oft nicht ausreicht, diesen Grund zu erkennen. Levy's Erklärung steht deshalb mit dem rrs keineswegs in Gegensatz. Alle Welt erkennt mit dem in 2"» HI Kap. 26, daß „so wenig man von der Schönheit,, die G'tt ins Dasein gerufen, aussageil könnte, daß sie planlos, zwecklos erschaffen sei, es ebensowenig denkbar ist, daß in dem E'ttesbuch ein Gesetz vorhanden wäre, das nicht seinen weisen Zweck in sich trage." Wir verkennen durchaus nicht den Segen, der sich daraus ergibt, die Thora auch als hygienischen Wegweiser gelten zu lassen. Sicherlich sind die G'ttesgesetze so vollkommen. daß ihre segensreichen Folgen weit über den Bereich ihrer Motive hinausragsn und mit aller Bestimmtheit auch das physische Heil der Menschen im Auge haben. Wir sind davon überzeugt, daß diese Gesetze auch in hygienischer Beziehung unser Glück bedingen. „Wenn du aus die Stimme des Ewigen, deines G'ttes hörst und tust, was in seinen Augen gerade ist, und merkst auf seine Gebote, und wahrst alle Seine Gesetze: so werde ich alle Krankheiten, die ich über Aegypten verhängt, über dich nicht verhängen, denn ich, der Ewige, bin dein Arzt." (mvo 15, 25) Solche Erklärungen aber wie die des Dr. Schapiro, des Professor Tanon und anderer großer Aerzte, daß es sich da in erster Linie um herrliche Hygienemaßregeln handle, müssen mit großer Vorsicht ausgenommen werden. So gelten ja auch die das Kapitel trsm betreffenden g'ttlichen Gesetze seitens der Wissenschaft als trefflichste sanitätspolizeiliche Vorschriften, während z. B. Samson Raphael Hirsch itt nrn 'o beten sanitären Charakter auf Grund von klaren Belegen völlig bestreitet. Abgesehen davon könnte ja aber auch die sogenannt moderne Wissenschaft