Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1931)
- Date
- 1931-06-04
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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4. Juni 1931 Nr. 11 Seite 3 vor allem in Deutschland' überzeugen können, Dies habe er auch des öfteren unzweideutig erklärt, so daß ihm dies schon das „Kompliment" des Munkaczer Raw eingetragen hat —. ich zitiere wörtlich —^ „Der Kaschauer Raw;ist auf seine alten Tage geworden" — er ist mit der Errichtung einer 2pyw2-Schule in Kaschau einverstanden, er hält Jacob Rosenheim für den berufenen Führer der Orthodoxie, und wenn er dennoch den organisatorischen Anschluß der Ostslowakei an Agudas Jisroel für unnötig, ja gefährlich hält, so begründet er dies so: im Rahmen der Weltorganisation müssen sich die Gegensätze zwischen deutscher, und slowakischer Orthodoxie —• hier Anerkennung, dort Ablehnung des pur “p-roy rmn Systems — die Gegensätze zwischen polnischer und slowakischer Orthodoxie — diese ist von der prinzipiellen Bedeutung der institutionellen Orthodoxie weit mehr überzeugt, als jene — abschleifen — und dies sei — gerade im Interesse des Ganzen — gefährlich. Und unnötig deshalb: weil die ostslowakische Orhodoxie, soweit er auf sie Einfluß hat, im Kampf gegen die Verfälschung, gegen die Verweltlichung des jüdischen Volksbegriffes neben der Agudas Jisroel, auch ohne die organisatorische Bindung, stets ihren Mann stehen wird', weil sie, soweit es in seiner Macht steht, an der Lösung crgudistischer Aufgaben, soweit er sie gut heißt, stets ihren vollen Anteil nehmen wird. Daß der Kaschauer Raw, dieser Vorzugstalmid eines p'V vnn»' eines nsid pn-nicht der Gegner von Agudas Äisroel ist, wie unsere Feinde so gern behaupten, mag auch folgende Tatsache erhärten: Als ich am Montag früh an der Umstergestation, kurz hinter Presow, den Kaschau-Berliner Schnellzug besteigen wollte, um in schneller Fahrt meiner Heimat — und' meinen lastenden pp mmn Sorgen zuzueilen, wurde ich auf der Station von den Kaschauer wann »ja abgefangen, die, ohne mich viel zu fragen, mein Gepäck und mich in den Zug nach Kaschau dirigierten. Man hatte, mit Recht, mein Einverständnis voraussetzend, Zwischenzeitlich den Kaschauer Raw um seine rroon zur Abhaltung eines von den »in zu veranstaltenden Vortrags gebeten, die er. ohne jede Schwierigkeit erteilte. So konnten meine Gesinnungs- — nicht Organisationsgenossen — und ich ii'MNV machen: es war der erste Vortrag eines Agudisten in Kaschau über den orthodoxen Vx-iw» so lautete das Thema in vorsichtiger, aber unzweideutiger Formulierung. Und obgleich nachmittags um 5 Uhr die polizeiliche Erlaubnis noch nicht erteilt war, konnte ich doch wenige Stunden später vor einem zahlreichen Auditorium, das sich aus allen, auch chassidischen Kreisen zusammeNsetzte, mein Thema absolvieren. Diese plötzliche und unerwartete Reiseunterbrechung gab mir auch willkommene Gelegenheit, , : Kaschau,; . wohl eine der schönsten Städte, aber gewiß eine der blühendsten Gemeinden des Landes, kennen zu lernen. Ein Raw, der nur die Wahrheit und den Begriff Geld nicht kennt, der eine gewaltige führt, für deren Mensa er monatlich -einen großen Teil seines Gehaltes beisteuert, ein rva Win pT Rabbi Schmuel Engel, der frühere Radomisler Raw, eine Größe internationalen Ranges, zwei große Synagogen, die -eine erst jüngst mit aller Pracht erbaut, eine herrliche min Yia^rv eine von fast tausend Baalebattim, von denen keiner maw hbrm ist, so sieht die Gemeinde aus, die jetzt gerade 60 Jahre besteht, während' die neologe Muttergemeinde unddie Status-quo-Gememde, heute nur eine Fraktion der neologen, 'bar allen jüdischen Lebens, bar jedes zukunftsichernden Nachwuchses sind. Und vor 60 Jahren? Damals traten 31 Männer aus der Muttergemeinde aus, sie wurden von ihr verfemt und verfolgt, das Wort orthodox war das größte Schimpfwort, man verbot ihnen das Beten im geschloffenen Raum — denn damals Der Israelit Blatte r_ hatte die Orthodoxie noch kein Organisationsrecht — in einem Garten muhten sie am wnp öy* ihren G'ttesdienft abhalten, die imnn nirrnp unterbrechen, weil plötzlich ein Platzregen herniederbrach — aber es wird ein nmi DWa gewesen sein, unter dem Me nbnp erblühte, erstarkte, zu dem wurde, was sie heute ist. Ich schreibe dies nieder, den Kaschauer Freunden zur Ehre, uns, dis wir daheim fo leicht verzagen, zur Lehre. Und noch Eines fei hier verzeichnet. Seit Jahren bemühten sich die Kaschauer ü'iisrr »12 bei der Stadtverwaltung durchzusetzen, daß im Städtischen Schwimmbad Trennung der Geschlechter, wenigstens für bestimmte Tagesstunden, durchgeführt werde. Dieses Jahr haben diese. konsequent geführten Verhandlungen dazu geführt, daß die Stadtverwaltung den o»:ibx »n das. ganze Bad vermietet hat, mit der. Erlaubnis, die Badeordnung nach eigenem Ermessen zu gestalten. So führt Beharrlichkeit zum Ziel, wenn, wie mein Vater zran immer und immer zu betonen pflegte, alles rein' deP d»öw ist, ohne jede mr nnttma — alles: der tid»' der Weg und das Ziel.- Am mw hörte ich in Presow einen Vortrag des Raw über den Begriff p»vi> jtw ist nicht Strafe, sondern Auszeichnung, nur denen, die standhatten, ausharren können, schickt G'tt minr» Manche Prüfung manche Drangsal ist über Agudas Jisroel in den bald zwei Jahrzehnten ihres Bestehens gekommen, nicht zuletzt von Männern aus diesem Land, das ich soeben verlassen habe. Hoffen wir, daß diese Prüfungen zu Bewährungen werden, an denen Agudas Jisroel ihre ewige Kraft und ihren Wahrheitsgehalt erweist. irfrö Wij? '2SV oounni? 03 -px*r>V »nm Das Palästinensische Dreieck. Bon H. ü: Wir geben den nachstehenden Ausführungen eines bewährten Agudisten Raum, bemerken jedoch ausdrücklich, daß allein der B e r f a s s e r dafür verantwortlich ist, nicht die Redaktion oder die Landesorganisation. Red. I. Der selige Professor de Haan pflegte schon 1921 — zu einer Zeit, in der bei allen Juden (ohne Unterschied der Konfession!) die Schechijonu- Wellen sich noch hoch auftürmten — bei «der Frage: „Und was denken Sie von der Araberfrage in Palästina?" hitzig aufzuspringen und mit erregter Stimme zu antworten: „Araberfrage? Hier in Palästina gibt es keine Araberfrage. Die Araber bilden hier eine fünffache Mehrheit, sie grenzen rings um Palästina an arabische Länder und wenn die Zionisten sich immer weiter nur auf England stützen, dann gibt es hier bald eine Judenfrage — eine Araberfrage gibtes-nicht." Daß dem so ist, wurde seit dieser Zeit mit jedem Jahre deutlicher. Aber Konsequenzen wurden daraus von der für England offiziellen Vertretung der an Palästina interessierten Juden, der zionistischen Leitung, nicht gezogen. Schwache Versuche des alten Jischuw in Palästina, (dem die Araber bis zur Balfourdeklaration politisch nichts zuleide taten) eine Verständigung mit den Arabern herbeizuführen (Delegation unter Führung von R. Chaim Sonnenfeld bei.König Feiful und Emir Abdulla) wurden im Verrat-Gesthrei der zionistischen Machthaber zum Ersticken gebracht und mußten auch sonst fehlschlagen, denn der alte Jischuw in Palästina und' seine politische Vertretung nach außen, Agudas Jisroel, waren ja gar nicht legitimiert, Abmachungen für die silbische Gesamtheit zu treffen. H Das hat sich, wenn nicht alles trügt, geändert Denn die zionistische Politik hat vollends Fiasko erlitten. Wer die zionistische Presse liest und zionistische Versammlungen besucht, erfährt dies auch dort in offenen und weniger offenen Bekenntnissen täglich. So ist der Aufsatz von Schlomo den Ammitai in Nr. 19 des „Israelit" über das jüdisch-arabische Problem mehr als aktuell. Sein Vorschlag aber: das jüdische Volk möge auf die Balfourdeklaration in ihrem gegenwärtigen Wortlaute verzichten, mit dem arabischen Volke gemeinsam eine neue Vereinbarung treffen und diese gemeinsame Vereinbarung von Ser Mandatarmacht und dem Völkerbund sanktionieren lassen, liest sich erschütternd und ist alles weniger als dos. Die Balfourdeklaration — existiert die denn überhaupt noch? Ist sie mehr als eine Fiktion, mehr als ein blutleeres Schemen, in das gestern dies und heute das gepreßt wird. Lord Milner; Lloyd George; Sir Conway; Churchill; Macdonald'. Jeder Name eine neue Interpretation der Deklaration des Lord Valfour. Auf die Balfourdeklaration heute Verzicht leisten, heißt nichts anderes, als ein leeres Gehäuse beiseite zu legen. Aus sie nur formell zu verzichten, wird heute den palästinensischen Arabern nicht genügen. m. Es muß um mehr gehen und geht um mehr: Es geht um die grundsätzliche Stellung zur Araberfrage. Wie lange soll in Erez Jisroel die Zionistische Dreieckspolitik (Juden — England — Araber) fortgesetzt werden? Wie lange noch muß jedes Anstreben von Verhandlungen von Juden zu Arabern durch englische oder palästinensischenglische Behörden gehn und gntgeheihen werden? Auch Schtomoh den Ammitai hat diese Frage in seinen Ausführungen kurz aufgeworfen. Zu kurz, denn sie entspringt der grundsätzlichen Anschauung zum jüdisch-arabischen Problem: will das jüdische Volk mit England gemeinsam Politik treiben und bestimmt es von dieser politischen Basis aus feine Stellung zur Araberfrage (und die offiziellen zionistischen Politiker sowohl wie die agudistische Leitung bejahen in aller Entschiedenheit diese Frage bisher noch) oder will das jüdische Volk mit den palästinensischen Arabern paktieren und läßt von dieser Grundlage seine grundsätzliche Haltung zu England und zum Völkerbund bestimmen? Das ist die Kernfrage und alles wertere ergibt sich von selbst. Wir hoffen auf eine Majorität im Lande, aber eine Majorität ist uns nicht Drehpunkt jeder Arbeit. Denn unser Anspruch auf Palästina stützt sich ja nicht auf die Zahl der Juden im Lande. Unser Anspruch ist ethischer, ist religiöser Art. Und er wird durch die seelisch-geistige Verbundenheit zum Lande erhärtet. Wir wollen die Möglichkeit haben, als Juden frei uns im Lande ausleben zu können, wir können und müssen daraus verzichten, Vorposten Europas in Asien zu sein.. Das aber war und wollte bis zu einem gewissen Grade der Zionismus sein. Aus dieser Tatsache ist der zionistischen Leitung allein ein Vorwurf nicht zu machen. Die Z. L. konnte nach dem ganzen historischen Verlauf, der von der Palsourerklärung über San Remo zu den verschiedenen Weißbüchern führte, gar nicht anders handeln, als wie sie gehandelt. Sie war von Anbeginn an England politisch gekettet. Sie hatte von Anbeginn sich auf englische Macht, auf englische Bajonette gestützt und europäische Politik getrieben, denn sie baute fester auf europäische Konstellationen, und auf Macht, als auf Ansprüche, die aus der Ewigkeit fließen, die auf Ethik und Recht gegründet find. Die zionistisch-enropäische Politik hat sich abgewirtschaftet. Sie mußte es. Ist Agudas Jisroel gewillt und fähig, die politische Führung zu übernehmen? Ist die an Palästina interessierte jüdische Gemeinschaft in ihrer Mehrheit willens 'und fähig, sich psychisch zur Araberfrage völlig umzustellen? Diese Fragen scheinen mir Kernfragen. Nicht von unserem Berh ältnis zu England wird letzten Endes die Palästinafrage uns beantwortet werden, wohl aber von unserem Verhältnis zum a r a b i f ch e n B r u d e rvolk. IV. „Solange die Engländer in Palästina sind, wird die Politik englisch sein. Und sobald Eng-