Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1931)
- Date
- 1931-05-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Jeullleton. Beilage ßr.22 i-ri MWMWWW Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines ruenschenschicksals und einer Zeitepoche. "MZ ' Von <§. Jzchaki. (Fortsetzung). XV. Meikemeier matyte zum ersten Mal Bekanntschaft mit einem Gefängnis. Es war nur ein Untersuchungsgefängnis und ein deutsches. Es entsprach nicht den unheimlichen kindlichen Vorstellung von einem russischen „Turme", aber es war immerhin ein Gefängnis, in dem er sein Los und den Raum mit allerlei Menschen teilen mußte, mit denen er sonst im Leben nichts zu teilen hatte. Er kam in die Abteilung, in der Schwerverbrecher, Diebe, Hochstapler und Mörder ihrer Aburteilung entgegenharrten und nahm sich mit seiner blassen Schmächtigkeit und seinem stillen, in sich gekehrten Wesen exotisch genug in dieser herabgekommenen Gesellschaft aus. Das Bett war hart, aber sauber. Durch öie Fenstergitter hoch oben kam spärliche Sonne, aber sie leuchtete in einen blitzblanken Raum, in dem jedes Ding auf seinem richtigen Platze stand. Es roch förmlich nach Sauberkeit im Raume. Der Kaffee morgens und abends war reichlich dünn, aber die Vlechtaffe neu und blank, das Brot gut gebacken. Von der Suppe aß er nichts und wurde auch nicht dazu gezwungen. Der Ton der Beamten war streng und scharf, aber unter Vermeidung jeder unnötigen Härte und Unfreundlichkeit. Die Frage: „Was habe ich getan, und warum bin ich hier?" füllte alle Kammern seiner Seele dermaßen aus, daß kein Raum darin übrig blieb für andere Gedanken, Gefühle und Beobachtungen. Antwort bekam er auf diese Frage auch nicht in den Verhören vor dem Untersuchungsrichter, die oft halbe Tage in Anspruch nahmen. Er war schon bei der ersten Vernehmung durch den Untersuchungsrichter — es war der korrekte Mann mit dem blonden Spitzbart —, von der Taktik des absoluten Verleugnens der Scheunengasse abgekommen. Er gab jetzt unumwunden zu, im Hause verkehrt und gearbeitet zu haben und zog sich auf den wahren Sachbestand zurück. Er war im anderen, inneren Raum, als der Knall ertönte, undals er hinauskam, sah er einen ihm unbekannten Menschen in seinem Blute liegen. In Angst und Entsetzen von dem Anblick lies er davon. Cr kenne weder Mörder noch Ermordeten und wisse nichts, was zur Aufdeckung der Tat beitragen könnte. Er hatte dieses Sprüchlein schon so oft heruntergesagt. Tag für Tag, Wochen und Monate lang, daß es sich schon ganz mechanisch anhörte. Dadurch wurde die Glaubwürdigkeit seiner Angaben nicht gerade gesteigert. Man hielt ihm vor, daß er bei der Verhaftung der Kriminalpolizei gegenüber entschieden bestritt, die Scheunengasse zu kennen. Er erklärte es mit der ersten Angst und Verwirrung. Warum er nicht gleich zur Polizei gegangen sei, um die Sache zu melden. „Ich fürchtete die Polizei, weil ich nicht angemeldet war." „Warum waren Sie nicht angemeldet?" „Ich besitze keinen Paß." „Warum besitzen Sie keinen Paß?" „Weil mein Militärverhäl-tnis in Rußland noch nicht geklärt ist." „Wie sind Sie über die Grenze gekommen?" „Hinüber geschlichen wie viele andere, mit vielen anderen." . . „Auch das ist strafbar, aber das steht hier nicht zur Verhandlung. Was haben Sie in der Scheunengasse für Arbeiten ausgesührt?" „Geschrieben, abgeschrieben, übersetzt." „In wessen Auftrag?" „Im Aufträge eines Mannes, den ich nicht weiter kenne, dessen Namen ich nicht weiß." Hier sah der blonde Spitzbart vielsagend auf. Der erprobte Untersuchungsrichter merkte wohl in diesem letzteren Punkte die Unsicherheit des Tones. Aber er drängte nicht. Er ließ sich Zeit. Oft wurde Meikemeier mitten in der Nacht aus dem Schlafe gerissen und aufgefordert, zu schildern, wie sich die Mordtat zugetragen, wie er es angestellt habe. Er rieb sich die Augen wach und konnte nichts anderes sagen, als was er bei Tag im wachen Zustande aussagte. So ging es bereits Wochen, Monate, ein halbes Jahr vielleicht. Meikemeier hatte längst die Beziehungen zu Zeit und Kalender gelöst. Vielleicht war schon bald ein Jahr verflossen. Tag für Tag das gleiche Spiel, Verhöre, Fragen, Vorhaltungen, Mahnungen, Protokolle. Eine Kette ohne Ende. Der Untersuchungsrichter kam immer mit neuem Material. Er las ihm Zeitungsartikel vor (im Gefängnis bekam er keine Zeitungen zu Gesicht), in denen die politischen Treibereien der russischen Studenten haarklein geschildert, auch Namen genannt wurden. Er sollte sich dazu äußernd Er wußte nichts. Lokalblätter beschrieben alle Einzelheiten der Tat, „seiner Tat", brachten sein Bild, wußten auch über die Hintergründe des „von ihm" begangenen Mordes zu berichten. Rache sür begangenen Verrat. Der Ermordete (zum ersten Mal hörte Meikemeier den Namen des Opfers) hieß Karmasof, stammte ebenfalls aus Rußland und führte ein Doppelleben, als Anarchist und als Spitzel im Dienste der russischen Ochrana. Was er darüber wisse, wurde er gefragt, in gütlichem Zureden und dringlicher Mahnung. Meikemeier mußte lachen über all die Dinge, die ihm so fremd waren wie der Untersuchungsrichter und der Gefängnisraum. Er sollte die Namen seiner Freunde nennen. Er nannte bereitwillig alle, die bei Silbersteins verkehrten, weil ihm dies gänzlich ungefährlich schien, und verschwieg, was er zu verschweigen Grund hatte. Der freundliche Untersuchungsrichter mahnte: „Wenn Sie die Tat eingestehen, dann ist die Untersuchung abgeschlossen und die Hauptverhandlung kann beginnen. Ihre Haft wird dadurch verkürzt. Und war es, wie bis jetzt schon feststeht, eine politische Sache, dann wird es nicht den Kopf kosten. Je mehr Sie aber leugnen, um so schlimmer für Sie." Meikemeier hatte nichts mehr zu gestehen, als er bereits gestanden hatte. Er bekam eines Tages den Auftrag, im Gefängnis feine Lebensgeschichte bis zum Tage der Verhaftung zu schreiben. Er schrieb sie, zuerst mechanisch, ohne innere Teilnahme, dann aber immer interessierter. Sein Leben, in logischen Zusammenhängen gesehen, war kein uninteressantes Buch. Es wurde ein großes vollbeschriebenes Heft daraus, mit Stellen, die schriftstellerischen Schwung hatten. Für die Anklagesache waren aber diese biographischen Angaben ziemlich belanglos. Nervenärzte und andere Aerzte kamen und untersuchten ihn auf Herz, Nieren und Gehirn, nahmen bei ihm Jntelligenzproben ab, stellten heikle Fragen an ihn, die ihm Schamröte ins blaffe Gesicht trieben. Er stellte sich nicht klüger und nicht dümmer als er war. Das Gutachten lautete: „Hoch intelligent, geistig interessiert, alle Zeichen eines aufrichtigen Charakters, körperlich schwach infolge von Entbehrung, aber organisch gesund, von normaler sittlicher und moralischer Veranlagung." Dann bekam er einen umfangreichen Schriftsatz in die Hand. Es war die Anklageschrift, und er hatte Lektüre für Tage und Wochen, bis er sich durch all die verschnörkelten Zeilen und Absätze durcharbeitete. Es war alles mit erstaunlicher Klarheit dargestellt. Und dennoch war alles von Anfang bis zu Ende falsch. Er dachte an einen Lehrsatz: Der Strich kann ganz grade sein und ist dennoch krumm, weil die Prämisse, von der er ausgeht, falsch ist. Er sollte sich zu der Anklageschrift schriftlich äußern. Er schrieb auf die Halbleere Schlußseite: „Alles wäre klar und folgerichtig, wenn die Voraussetzung meiner Tat stimmen würde. Da ich aber die Tat nicht begangen habe, so ist das Ganze falsch." Der Staatsanwalt nannte diese Beharrlichkeit „nach dem niederdrückenden Beweismaterial" pathologische Verstocktheit, und fragte ihn, ob er selbst einen Verteidiger stellen wolle, oder ihm ein solcher von Gerichts wegen gestellt werden sollte. „Ich werde von meinem reinen Gewissen und vom Bewußtsein meiner Unschuld verteidigt werden," gab er stolz zurück. Das war alles Betrieb, Technik, die der Sache Inhalt gab oder ersetzte; die über den Hauptpunkt hinwegtäuschte: nämlich, daß ermitderganzen Sache nichts zu tun hatte . . . Er verstand jetzt, wie etwas härterer Prozedur, mit Zuhilfenahme der Folter — an moralischer Folter fehlte es auch jetzt nicht — Geständnisse zustande kamen. War - er doch oft nahe daran, unter der seelischen Marter selbst an seine Schuld zu glauben und alles einzugestehen, was man von ihm hören wollte. Es kostete zuweilen Ueberwindung, nicht hercmsmplatzen: „So war es, ganz wie Ihr sagt. Nun Schluß mit der Pein! . . Am folgenden Tage erhielt er im Gefängnis den Besuch eines kleinen, schmächtigen, sorgsam gekleideten Mannes mit schwarzem Rundbärtchen, der sich als Rechtsanwalt Dr. Kaplan vorstellte. Dr. Kaplan sprach ein gewähltes Deutsch mit etwas litauischem Akzent und sagte, er stamme selber von drüben, sei aber Deutscher und hier beglaubigter Rechtsanwalt und Notar. Er stehe der Bewegung —, er sprach nicht von welcher Bewegung — sehr nahe, und darum sei ihm die Verteidigung in diesem Prozeßfall übertragen worden. Von wem? Das sei egal, keineswegs sei er vom Gerichte bestellter Offizialverteidiger. „Und nun, junger Freund," sagte er vertraut und verstehend, „gestehen Sie mir alles rückhaltlos ein. Habe bereits die Akten genau studiert und bin im Bilde. Also wie war das? Vor dem Verteidiger dürfen Sie mit nichts zurückhalten. Ich bin Ihr Freund und zu Ihrer Rettung da." „Ich habe dem Verteidiger nicht mehr zu gestehen und zu verschweigen, als dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt," gab Meikemeier etwas kühl zurück. Dann berichtete er Dr. Kaplan alles, was er von der Sache wußte. Es war wenig. Der Rechtsanwalt putzte umständlich seine Brillengläser. An der Richtigkeit der Darstellung war nicht zu zweifeln. Aber er war enttäuscht. Er glaubte vor die schwierige Ausgabe gestellt, aus einem des gemeinen Mordes Angeklagten einen „politischen Attentäter" zu machen, um diesem wenigstens den Kopf zu retten. Nun war es em ganz gewöhnlicher Fall: ein Unschuldiger sollte den Klauen der blinden Justitia entrissen werden. Fast eine Spießersache, der Reiz und Romantik fehlte. „M. W.", sagte er geschäftig. „Machen wir!"; r ifl t.s' \ S jr 4 Ir' }!>■ ,;s Ti; S 1*1 Mi] : üli M