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Der Israelit · 1931-05-28 · Heft 22 (28.5.1931) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 22 (28.5.1931)
Date
1931-05-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 22 Der Israelit 28. Mai 1931 Man bereitete Meikemeier aus die Verhandlung wie auf den letzten Gang vor. Sie mitfre in breitester OeffentlichkM vor dem Schwurgericht stattfinden, a manei beharrlicher Leugnung des Ange m^ien eirtM auf Indizien angewiesen war, und in solchem Falle nur die Geschworenen über.Schuldig oder Unschuldig zu befinden hatten. „Es sind Bürger, Spießer aus der Fleischer¬ oder Brauerzunst, denen jedes Abweichen von der geheiilig-ten Ordnung auf die Nerven geht. Lieben auch den Juden nicht, und den ausländischen schon ganz und gar nicht," erwog Kaplan die Lage etwas pessimistisch. (Fortsetzung folgt.) Reisegebet. Von Heinrich Einstädter. Ein herrlicher Mannorgen. Eine Welle von Licht gießt die Frühsonne durch die weiten Bahnhofshallen. Was noch vor wenigen Stunden düster, grau, verstaubt erschienen war, dem verleiht sie im Augenblick Glanz und Farbe. Sie führt in ihrer Begleitung den sanften Morgenwind, der im Nu die stickige Nachtluft aus dem Wagen drängt und dafür alles in Wohlgerüche badet. Und wie mit einem Zauberstabe berührt sie des Menschen Herz, fegt nächtliche Sorgen und Schmerzen hinweg und streut Frohsinn und Hoffnung. Die feierliche Stille wird unterbrochen. Tine fröhliche Kinderschar wogt plaudernd und plappernd und lachend heran und beseht schnell die noch freien Plätze in unserem Wagen. Die mitgebrachten Etzrorräte werden verstaut und, noch häufiger, bereits in Angriff genommen; Süßig-, keilen werden verteilt und die fleißigen Plaudermündchen kommen nicht zum Stillestehen. Ern Mädchen in unserer Nähe macht eine Ausnahme. . Es entnimmt seinem Täschchen ein kleines grünes Heft, schlägt eine der letzten Seiten auf, und leise bewegt es alsdann die Lippen. Und je weiter es li:st, desto sprechender wird der Ausdruck des lieblichen Gesichtchens. Wahrhaftig! Eine heilige Weihe ist darüber gegossen. Die Augen der etwa Neunjährigen nehmen den Ausdruck an, den man sonst nur bei Mütterr^bemerkt, deren Gedanken sich liebevoll sorgend und betend ihren Kindern zuwenden, und unauffällig führt sie das Büchlein an die Lippen, ehe sie es wieder' in ihr Täschchen zurücklegt. Eine Minutekaum vergeht noch, und das Kind ist nicht mehr von seinen Kameradinnen zu unterscheiden, mit denen und gleich denen es den schönen Tag genießt, den das Maifest der Schuljugend bereitet. Neben mir fitzt ein Reifender, ein älterer Herr, anscheinend ein Glaubensgenosse. Ihm ist auch jenes kleine Mädchen ausgefallen. Ernst und still hat er es beobachtet, und daß ihm auch die Veränderung im Gesichtsausdruck nicht entgangen ist, das zeigt mir das Leuchten in seinen eigenen Augen, das beredte Zucken seiner Mundwinkel. Ich erkenne: Hier hat eine Wechselwirkung stattgesunden, die den Beteiligten nicht zu Bewußtsein gekommen ist. Mein Nachbar blickt noch nach dem Kinde und dann fragend auf mich hin. Ich nicke stumm. Da fragt er mich: „Was hat das Kind gelesen?" „Ein hebräisches Gebet für die Reise." Wieder eine kurze Pause. Der Fremde wendet sich an das kleine Mädchen und läßt sich das Büchlein geben. Er schaut hinein und fragt mich dann: „Können Sie das Gebet übersetzen? Ja? Ich bitte Sie sehr darum." Da gebe ich ihm leise die deutsche Uebersetzung: „Möge es deinem Willen entsprechen, Ewiger, unser und unserer Väter G'tt, daß du unsere Schritte zum Glücke und zum Frieden leitest, uns zu unserem Ziele gelangen läßt, zum Leben, zum Frohsinn und zum Frieden. und uns wieder wohlbehalten nach Hause zurückführst. Rette uns unterwegs vor Feinden, vor Verbrechern und vor Strafen, die oft plötzlich in die Welt kommen. Segne unserer Hände Werk, und laß uns Gunst, Gnade und Erbarmen in deinen Augen finden und auch bei den Menschen, die uns sehen. Erhöre die Stimme unseres Flehens, denn du bist G'tt, der Beten und Flehen erhört. Gepriesen seist du, Ewiger, der das Gebet erhört." Mein Nachbar hatte aufmerksam gelauscht: „Ein schönes Gebet! Ein sinniges Gebet. Und so inhaltsreich." Eine Pause des Nachdenkens. „Glauben Sie, daß jenes Mädchen das Gebet schon übersetzeil kann?" Ich nehme es als sehr wahrscheinlich am Sein Gesichtsausdruck zeugte von inniger Andacht. Aber ich habe schon oft gefunden, daß Leute hebräische Gebete, die sie nicht oder nur teilweise übersetzen konnten, doch mit ein?r Andacht, die dem Inhalt entsprach, verrichtet haben." „Sie wollen damit sagen, daß das hebräische Gebet den Vorzug verdient, und daß die Kinder schon hebräisch beten sollen, bevor sie den Inhalt verstehen können. Meine heutige Erfahrung gibt recht." Und bevor er das Heftchen zurückgab, notierte er; sich sorgfältig — die Buchhandlung, von der es zu beziehen war. Veröffentlichungen der Bibliothek der Israelitischen Kulkusgemeinde WienV. V'NSVNN NNS»: Zur Bibliographie der Gedächtnis- und Traueroorträge in der hebräischen Literatur. Dritte Folge von Dr. Bernhard W a ch st e i n. Ein bekannter Preßburger Maggid, der die bedeutenden Leistungen hervorragender Männer im Gegensatz zu der Kleinarbeit der Durchschnittsmenschen kennzeichnen wollte, pflegte häufig den originellen Vergleich anzurvenden: Es gibt zweierlei Menschen, der eine fährt nach Wien, der andere nach Pest; wobei das in der Nähe Preßburgs liegende, leicht erreichbare Wien die einfache, das entferntere Budapest die höhere Leistung kennzeichnen sollte. Von Regierungsrat Dr. Bernhard Wachstein könnte man — um mit dem Preßburger Maggid zu reden — behaupten, er fahre zugleich nach Wien und nach Budapest. Nebst seinen grandiosen Standardwerken (Die Inschriften des alten jüdischen Friedhofes in Wien, 2 Bde., Eisenstädter Forschungen, 2 Bde., Der Katalog der Salo Cohn'schen Schenkungen, 2 Bde., u. a.) verdanken wir ihm eine große Anzahl kleinerer Abhandlungen und Aufsätze, die er uns in Einzelbroschüren oder als Beiträge in den verschiedensten wissenschaftlichen Zeitschriften beschert. Sie alle einzeln aufzuzählen und gebührend zu würdigen, würde schon jetzt eine monographische Bibliographie seiner Werke erfordern, was bei dem vielen Guten, das wir noch von seiner unermüdlichen Arbeitskraft und Leistungsfähigkeit erwarten dürfen, verfrüht wäre. Sie alle legen aber Zeugnis ab von der umfassenden Gelehrsamkeit und wettspannenden wissenschaftlichen Tätigkeit eines rastlosen Geistes, der auf allen Gebieten der jüdischen Literatur heimisch ist und befruchtend wirkt. Es ist ein wertvolles literarisches Unternehmen, das Wachstein vor nunmehr 8 Jahren begonnen und jetzt mit Herausgabe des dritten Bandes zum Abschluß gebracht hat. In seinem o'isvnn nrwv bietet er uns eine ganz vorzügliche Gabe, durch die er sich erneute Verdienste erworben und uns zu Dank verpflichtet hat. Für die jüdische Religion, zu deren Grundpfeilern der Glaube an die Unsterblichkeit der Seelegehört, ist die Liebe des Nachruhms, den wir Verstorbenen zollen, mit ein Beweis des Zusammenhangs mit dem Erdenleben. Von jeher wurde daher dem Toten am Grabe ein Nachruf gewidmet, in dem feine Vorzüge und Verdienste eine gebührende Würdigung fanden. Bei bedeutenden Gelehrten wurden diese Nekrologe — o-nson — oft von verschiedenen zeitgenössischen Rabbinen an den entferntesten Orten gehalten und teilweise in deren im Druck erschienenen Büchern verewigt. In solchen Gedächtnisreden wurden allerhand Stellen aus dem Schrifttum, die auf Tod, Unsterblichkeit Belohnung und Bestrafung, Wert des hervorragenden Menschen für sein Geschlecht im Leben und im Tode und dergl. mehr" behandelt. Alle solche gelehrten Vorträge in selbständigen und in Sammelwerken sind vom Verfasser, da er schließlich über den engen Rahmen seines ursprünglichen Planes, nur die Bestände der von ihm verwalteten Bibliothek der Wiener Kultusgemeinde zu bearbeiten, hinausgegangen ist und das ihm von den größten Bibliotheken zur Verfügung gestellte Material mitberücksichtigt hat, erfaßt und verzeichnet worden. Die große Fülle des Stoffes, versehen mit gelehrten Noten, ein" alphabetisches Personen- und Ortsregister, welch letzteres im dritten Bande die Ortsnamen auch in hebräischer Schreibung angibt, bieten dem Historiker reiche Anregung, wie auch die Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit des Verzeichnisses der benutzten Bücher eine Fundgrube bibliographischen Materials darstellt. Auch dieser dritte Band zeigt die Vorzüge, die wir den beiden ersten nachrühmen konnten, und wie alles, was aus Wachsteins Feder hervorgeht, zeichnet sich auch dieses nun fertig vorliegende Werk durch systematische Gliederung des Stoffes und wissenschaftliche Gründlichkeit aus. Er hat damit einem noch ungepflegten Gebiete der jüdischen Literatur seine mühevolle und sorgfältige Arbeit gewidmet, aber zur nas*»» paart sich hier die nrwn, weil der Verfasser den Rahmen der einfachen Sammeltätigkeit durch eine ganze Reihe ausgezeichneter eigener Bemerkungen durchbrochen hat. So wenig man bei der Besprechung eines Buches von der Persönlichkeit des Verfassers reden sollte, muß hier doch eine Ausnahme gemacht werden, weil Wachsteins Arbeiten alle eine persönliche Note seines vielseitigen, beweglichen und farbenchimmernden Geistes tragen, so daß man seinen Werken erst gerecht wird, wenn ihre Beziehung zum Verfasser hervorgehoben wird. Dr. P. I. Kohn. (Die jüdischen Religionssteuerzahler in Polen.) Im letzten Heft der „Jwo-Blätter", Wilna, März 1931. veröffentlicht Jacob Lestschinsky, wissenschaftlicher Sekretär der Sektion für Wirtschaft und Statistik des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts, interessante Daten über die Gliederung der Steuerzahler in einigen jüdischen Gemeinden Polens. Im Jahre 1927 wurde eine Enquete durchgeführt, die 313 jüdische Gemeinden umfaßte und zu folgenden Ergebnissen führte: von den 1740 040 Seelen jüdischer Bevölkerung in diesen 313 Gemeinden entrichteten 187.641 (10,7 Proz.) Juden Gemeindesteuer (Religionssteuer) im Betrage von 6.613.000 Zloty, d. i. 35 Zloty pro Steuerzahler. Somit machen die Steuerzahler etwa 11 Proz.. dreimal weniger als die Erwerbstätigen unter der jüdischen Bevölkerung aus. Der Gesamtetat der untersuchten 313 Gemeinden betrug ca. 20.000.000 Zloty; nach den Berechnungen Lestschinskys sollte sich der Gesamtetat aller jüdischen Gemeinden Polens auf etwa 28.000.000 Zloty beziffern, d. s. ungefähr 13 Millionen Mark. Wie gering ein solcher Etat ist, zeigt die Tatsache, daß allein die Berliner Jüdische Gemeinde, die 16 mal weniger Juden zählt als Polen, im Jahre 1929 einen Etat von beinahe 12 Millionen Mk. aufwies. Detaillierte Angaben aus dem Jahre 1929 bringt Lestschinsky für die drei größten Gemeinden: Warschau, Lodz, Lemberg. Die Juden Polens sind derart verarmt, daß die Hälfte der jüdischen Bevölkerung in den genannten drei Gemeinden nicht in der Lage war, das Steuerminimum von 5 Zloty pro Jahr zu entrichten und infolgedessen gänzlich von der Religionssteuer befreit werden muhte: es waren steuerfrei: in Warschau 46 Proz., in Lodz 53 Proz., in Lemberg 49 Proz. der gesamten jüdischen Bevölkerung. In Warschau war die Gesamtzahl der Steuerzahler 43.934, von denen 394 reiche (über 1000 Zloty Religionssteuer) Zensiten, also noch nicht einmal 1 Proz. der Gesamtzahl, 26 Proz. des Gesamtbetrages eingezahlt haben, während 24.903 arme (zwischen 5 und 20 Zloty) Zensiten, ganze 58 Proz., nur 12 Proz. der Gesamtsumme leisteten. Die Steuersumme bettug 2.540.000 Zloty, was einen Durchschnitt von 59 Zloty pro Steuerzahler ergibt. In Lodz war der Durchschnitt 56 Zloty (21.774 Zensiten aus 1.193.000 Zloty). Von den Lodzer Steuerzahlern haben die reichsten 197, auch weniger als 1 Prag, der Gesamtzahl, die über 1000 Zloty Religionssteuer zahlen, ganze 30 Proz. der Gesamtsumme beigesteuert, während 14.637 arme Steuerzahler, die zwischen 5 und 20 Zloty zahlen, nur mit 11 Proz. des Gesamtbetrages beteiligt waren. In Lemberg waren es 10.280 Steuerzahler mit einem Gesamtbetrag von 494.000 Zloty, also ein .Durchschnitt von 48 Zloty. Auch in Lemberg dasselbe Bild: 25 Zensiten, die nicht einmal ein Viertel Prozent der Gesamtzahl ausmachen, leisteten über 7 Proz. der gesamten Steuersumme, während die ganze Masse der 6.756 armen Steuerzahler nicht mehr als 18 Proz. des Betrages beigesteuert haben. (Die Bedürfnisse einer Grotzgememde in Zahlen.) Dem Präsidium der Wiener Israel. Kultusgemeinde liegt jetzt der Rechnungsabschluß für das Verwaltungsjahr 1930 vor. Ihm ist zu entnehmen: A. Kultus- und rituelle Angelegenheiten: In den Gemeindetempeln standen insgesamt 9995 Betsitze zur i Verfügung, die eine Iahresemnahme von 216 273 S bringen sollten, aber infolge Ermäßigungen und unentgeltlichen lleberlassungen im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise nur S 166114.— erbrachten. In den Gemeindebethäusern wurden 693 Trauungen vorgenommen gegen 689 i. I. 1929, ferner 762 Aufgebote gegen 661 i. I. 1929. An Trauungs- und Ausgebotstaren sind S 58 086.— eingegangen. 324 Ehetrennungen wurden vollzogen. 1930 wurden insgesamt 14 649 Stück Großviehs 15 375 Stück Kleinvieh, 96 Schafe rituell geschachtet. Der Rückgang gegenüber 1929 beträgt ca. 2000 Stück Großvieh und 2200 Stück Kleinvieh. B. Unterrichts- und Bibliotheksangelegenheiten: Im Schuljahre 1929/30 hat die Zahl der Schüler und Schülerinnen an Volksschulen 9272, an Hauptschulen 3922 betragen, die Bundes- und Privatmittelschulen verzeichnen 6285, die Bibel- und hebräischen Schulen 1184 und die Privat-Bibel- und hebräischen Schulen 2391 Schüler. An 32 Sabbathtagen haben Jugendg'ttesdienste stattgefunden, die von 59 400 Schülern und Schülerinnen besucht waren. Lehranstalten und Vereine wurden ans dem Kapitel „Unterricht" mit S 149 914.— subver' tioniert. Der Lesesaal der Bibliothek der Isr. Kultusgemeinde war im Berichtsjahre von 9325 Lesern besucht. die 20 623 Werke benutzten. 1605 Werke wurden entlehnt, der Zuwachs der Bibliothek bettägt 927 Bände. C. Fürsorgewesen: Die Zahl der Insassen in der Versvrgungsanstalt der Gemeinde hat 111 Männer und 237 Frauen betragen. In der Anstalt sind 61 Personen beschäftigt (3 Aergte, 3 Beamte und 55 Haus- und Pflegepersonen). Den Gesamtausgaben von S 460 062.— standen Einnahmen an Verpflegungs- und Stiftungsgebühren von S 325 195.— gegenüber, sodaß der Zuschuß aus Gemeindemitteln S 134 867.— betragen hat. Im Spital der Gemeinde hat der Krankenstand am 31. Dezember 1930 174 Patienten betragen. Die Zahl der Verpflegungstage der Patienten belief sich auf 58 437. Durchschnittlich waren in der Anstalt 132 Personen (20 Aerzte, 51 Pflegepersonen, 55 Hauspersonal, 6 Beamte) beschäftigt. Die Gesamtausgaben für das Spital i. I. 1930 haben S 917 735.—, die Einnahmen S 617 528.—, somit der Zuschuß aus Gemeindemitteln S 300 207.— betragen. Verantwortlich für den allgemeine« Teil und das Feuilleto« S. Schachnowttz, Aanksurt a. M.; Inserate 1. B.: S. Schach» nowitz, ebenda. —/Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, ln Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon G. m. b. tz.» Frankfurt a. M. — Druck: Sermon-Druckerei, Frankfurt a. M.

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