Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1931)
- Date
- 1931-05-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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28. Mai 1931 D er Israelit Nr. 22 Seite 5 Rabbinatskandidaten ausgearbeitet worden, das mit dem Tage der Veröffentlichung in Kraft tritt. Die Examina werden mündlich und schriftlich oorgenommen. Aus Befund der Kommission kann der Kandidat nach der mündlichen Prüfung von der schriftlichen befreit werden. Der Kandidat muß die polnische Sprache in Wort und Schrift beherrschen. Er muß in der Lage sein, ein kurzes Referat in polnischer-^ Sprache anzufertigen, ebenso Berichte und Meldungen an die Behörde abzufassen. Fällt das Resultat nicht zur Befriedigung aus, kann nach einem halben Jahre das Examen wiederholt wedren. Man kann im allgemeinen mit der .Zusammensetzung der Smicho-Kommission zufrieden sein. Auch ist das Gesetz über die profane Vorbildung und Prüfung der Rabbiner nicht gerade hart zu nennen. Und dennoch wirkt die Tatsache, daß die Regierung dis Regelung rabblNlfcher Angelegenheiten in die Hand nimmt, einigermaßen beunruhigend in weiten, jüdischen Kreisen. Das „Wort" in Wilna befürchtet aus diesen ersten Versuchen eine Umwertung alter heiliger Werte in der jüdischen Gemeinde. Schließlich ist es ja der sehnsuchtsvolle Wunsch gewisser Parteien, daß die Regierung ihre Hand auf die Kehilla, ihre Institutionen und das Rabbinat legt. Wie weit dann die Regierung noch gehen und wie die Smicho- Kommission aussehen wird, wenn die drei Jahre ahgelaufen sind, läßt sich heute nicht übersehen. Ein Wahlsieg der Aguda in Polen. Warschau, 26. Mai. Die Wahlen für die jüdische Gemeinde in der P r o - vinz fanden am letzten Sonntag statt, die Kultusgemeinden in den Großstädten werden erst Mittwoch zu wählen haben. Der erste Wahlgang hat einen so g durchschlagenden Erfolg der Aguda und der ihr verwandten Parteien gebracht, daß man heute schon ohne weiteres sagen kann: In der Provinz ist der religiöse Charakter der jüdischen Gemeinde vor den Anstürmen der Zionisten und Neologen gesichert. Man darf auch dem Wahlresultat in den Städten mit Zuversicht entgegenschauen. Die Situation möge hier durch ein paar aufs Geratewohl herausgegriffenen Zahlen beleuchtet werden: In Szebrezin erhielt die Aguda 6 Mandate, zu denen noch ein frommer Handwerker kommt, während die Zionisten nur ein einziges Mandat erringen konnten. Die gleiche Erscheinung in N e u st a d t. In B l a s ch k i besitzt nun die Aguda vier Mandate, die Handwerker eines und die Vals Battim-Liste zwei. Die Zionisten haben nur ein Mandat. Aehnlich lauten fast alle Nachrichten aus den vierhundert Städten und Städtchen Kongreßpolens. In O t w o ck haben Aguda und Vale Battim zusammen sieben Mandate, die Zionisten zusammen mit Misr.achi nur zwei. R a d z i m i n hat unter seinen acht Ratsmännern sieben Agudisten und religiöse Kaufleute. In Last stellen sechs Agudisten und zwei Unparteiische den Gemeinderat, die zionistische Liste ging leer aus. In Wlozlawek errang die Aguda fünf Mandate, in Vendzin verfügt sie über sechs Mandate, die mit den drei Mandaten der Handwerker und Kleinhändler eine absolute Majorität bildet. Ergötzlich ist der Bericht des „Haint" aus Ger über einen „grandiosen Sieg der Zionisten". Dieser zionistische Sieg sieht so aus: Aguda drei Mandate, Religiöse Juden zwei, Handwerker ebenfalls zwei Mandate. Die vereinigten zionistischen Listen erhielten mit schwerer Mühe durch Llstenverbindungen ein Mandat. Daß nunmehr sich der ganze Kampf der Linksparteien aus die Großstädte konzentriert, ist zu verstehen, doch hofft man, daß sich auch dort der gesunde Sinn der jüdischen Bevölkerung durchsetzt. Es steht Großes und Heiliges auf dem Spiele: die religiöse Autonomie der jüdischen Gemeinde. Gefahr für den Bestand der jüdischen Gesundheitsinstitutionen in Polen. Warschau, 18. Mai. Infolge der wirtschaftlichen Not unter den Juden Polens sind die zahlreichen jüdischen Hospitäler in Warschau un din vielen anderen polnischen Städten in einer Weise notleidend geworden, daß sie in ihrer Existenz bedroht sind. Die Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden „Toz", die Schwestergesellschaft des Verbandes Ose, hat es übernommen, einen Selbstschutz der jüdischen Gesundheitsinstitutionen zu organisieren und zu diesem Zwecke zunächst eine Konferenz der Hospitalsleitungen Die Woche. Berlin. Vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde und dem Kuratorium der „Aktion der deutschen Juden für Erziehung und Arbeit" wurde am Mittwoch, den 20. Mai, die Einweihung des neuen Lehrlings Heimes in der Holzmarktstraße 74 vorgenommen. Der Einladung waren zahlreiche Mitglieder der Ministerien und der städtischen Behörden, sowie zahlreiche Persönlichkeiten der jüdischen Gesellschaft Berlins gefolgt. — In einem konkreten Fall hat neuerdings das Reichsgericht entschieden, daß jüdisch-rituelle Eheschließung ohne Ziviltrauung rechtlich völlig wirkungslos sei. — Wegen grober Beschimpfung der jüdischen Religion hat der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde gegen den Schriftleiter des „Völkischen Beobachter" und der „Nationalsozialistischen Monatshefte", Alfred Rosenberg, Strafantrag gestellt. — Im Alter von 81 Jahren verstarb hier Dr. Feodor Rosenbaum der früher viele Jahre . Redakteur des Hamburger Israelitischen Familienblattes war. Hamburg. Am Sonntag, vormittags in der Zeit von 9.20 bis 10 Uhr findet erstmalig im Hamburger Sender des Norddeutschen Rundfunks eine Veranstaltung über synagogale Musik statt. Herr Oberkantor Hermann Lieber von der Neuen Dammtor- Synagoge in Hamburg wird nach kurzem einleitenden Vortrag liturgische Gesänge vortragen. Breslau. Bei einer Annaberg-Feier am Pfingstmontag kam es während der Rede des Bürgermeisters und des Oberpräsidenten zu schweren Störungen durch antisemitische Zwischenrufe. Ein nationalsozialistischer Umzug wurde von der Polizei verhindert. Danzig. Am Pfingstmontag fanden ernstliche n a t i o - nationalsozialistische Ausschreitungen gegen Juden statt. Mehrere Juden wurden, zum Teile schwer, verletzt. Die Danziger Polizei hat eine Untersuchung eingeleitet. Inzwischen ruft das völkische Blatt „Der Vorposten" zum Boykott gegen Polen und Juden auf. Innsbruck. Im Alter von 61 Jahren verstarb hier der bekannte Arzt und Dichter Dr. Richard H u l d s ch i n e r. Huldschiner machte sich durch mehrere Romane einen guten Namen. Er gehörte in den früheren Jahren auch zu den Führern der zionistischen Partei. Antwerpen. Aehnlich wie in Mexiko, wurden auch in Antwerpen in den letzten Tagen jüdische Händler auf einzelnen Vorstadtmärkten von den Marktbehörden fortgewiesen, nachdem es zu Schlägereien zwischen ihnen und nichtjüdrschen Händlern gekommen war. Direkter Anlaß zu diesen Streitigkeiten ist allerdings die starke Vermehrung der jüdischen Markthändler infolge der schweren Krisis in Der Diamantenindustrie. Man hofft, daß dies nur vorübergehende Erscheinungen sind, die nicht auf ein Eindringen des Antisemitismus in Belgien schließen lassen. London. Lord P a ß f i e l d erklärte all die Gerüchte über seine bevorstehende Demission als frei erfunden. — Die Tagesordnung für den am 30. Juni beginnenden Zionrstenkongreß in Basel ist nun veröffentlicht. Es fällt auf, daß nicht Weizmann, sondern S o k o l o w, als Präsident der Exekutive, den Kongreß eröffnet. Weizmann hält seine Rede über „Die politische Lage" erst am zweiten Kongreßtage. Riga. Aus neuen Aufzeichnungen ist zu ersehen, daß über tausend Juden auf den Schlachtfeldern für Lettlands Befreiung gekämpft haben, von denen 54 gefallen sind. Budapest. Auf Anregung jüdischer Abgeordneter hat der Kriegsminister die Berufung eines jüdischen Feldgeistlichen für die Juden in der ungarischen Armee zugesagt, kowno. Am letzten Sonntag fand die feierliche Grundsteinlegung zum Bau des Jüdischen Kindesheimes in Kowno statt. Der Vau wird vom Hilfsverein der deutschen Juden geleitet, dem mehrere Redner, u. a. auch der frühere Minister und jetzige litauische Generalkonsul, Dr. Rosenbaum, den Dank aussprachen. Jerusalem. Im Monat März d. I. sind 916 Personen, darunter 832 Juden, nach Palästina eingewandert. 110 Personen, darunter nur 13 Juden, haben das Land verlassen. — Die Heuschreckenplage, bisher nur in Transjordanien, greift nunmehr auf die anderen Teile des Landes über. In Damaskus wurde eine Zentralstelle zur Bekämpfung der Heuschrecken in Syrien und Palästina gegründet. Druckfehlerberichtigung. Im Korrespondenzenteil unserer Nummer vom 21. Mai mutz die Ueberschrist der Oldenburger Korrespondenz richtig heitzen: Der nationalsozialistische Landtag in Oldenburg (nicht Braunschweig). und -Aerzte nach Warschau einberufen. Der Konferenz wohnten 71 Delegierte aus etwa 70 Städten bei. Der Präsident von Toz, Dr. G. Lewin, schilderte die katastrophale Lage der Hospitäler, zeichnete die Richtlinien des „Selbstschutzes" und erklärte, es dürfe nicht zugelaffen werden, daß die verelendeten breiten Massen der jüdischen Bevölkerung ohne Gesundheitsschutz bleiben. Er verlas mehrere Begrützungstelegramme. Zum Vorsitzenden der Konferenz wurde Dr. Jan Landau-Krakau gewählt. Der Generalsekretär von Toz, Dr. Wuhlmann, schilderte das jüdische Hospitalswesen in Polen. Es existieren 51 jüdische Hospitäler mit insgesamt 3552 Betten, das jüdische Hospltai in Warschau verfügt allein über 1094 Betten. In den Hospitälern werden 50.000 Patienten, davon 15 Proz. Nichtjuden, gepflegt. Das jährliche Gesamtbudget beträgt 3 Millionen Zloty, wovon ein Drittel von den jüdischen Gemeinden gedeckt wird. 27 Hospitäler verfügen über Ambulatorien, in denen jährlich über 80.000 Patienten, davon 27 Proz. Nichtjuden, behandelt werden. Die Sterblichkeit in den jüdischen Hospitälern beträgt 6—7 Proz. gegen 11 Proz. in den allgemeinen Hospitälern. Die Konferenz wählte eine ständige Hospitalskommission, die der Gesellschaft Toz angegliedert ist, und die einen Plan zur Rettung der jüdischen Hospitäler ausarbeiten soll. Oesterreich. Der Chofez Chajim und Rabbi Grodzenski als Zeugen vor einem Wiener Gericht. Wien, 28. Mai. Der Berliner Vuchverlag Ziegelheim erstand im Jahre 1930 bei der russischen Gesandtschaft in Berlin 6 5 Kisten hebräischer Bücher, darunter viele religiöse Werke und auch Thorarollen, die durch die Firma weiter verkauft werden. Eine Konkurrenzfirma in Wien verbreitete nun das Gerücht, diese heiligen Bücher stammen aus geschlossenen und ausgeraubten Synagogen und Lehrhäusern in Rußland. Sie seien von der Sowjetmacht auf den Markt von Westeuropa und Amerika gebracht worden, unterliegen aber dem Banne, den die großen Rabb'.nen des Ostens gegen die Käufer solcher Bücher erlaßen haben. Durch diese Feststellungen fühlte sich die Berliner Firma geschädigt und verklagte den Wiener Verlag beim Handelsgericht. Die Klägerin fordert von der Wiener Firma 1000 Dollar Schadenersatz. Der Eigentümer der beklagten Firma, ein Herr Graf, will aber den Wahrheitsbeweis für seine Behauptung antreten. Er weist Nach, daß im Jahre 1930 in Wilna eine große Rabbinerkonferenz unter Führung des Chofez Chaim und Rabbi Chajmi Oser Grodzenski tagte, die den Erwerb der von der russischen Sowjetmacht vertriebenen Sesorim unter Androhung des Cherem verbot. Der Prozeß soll dieser Tage zum Austrag kommen und der Anwalt des Beklagten besteht darauf, daß die beiden genannten Rabbis als Zeugen und Gutachter vernommen werden. Da man den greisen Rabbi von Radin nicht nach Wien bemühen kann, so wird die Vernehmung auf diplomatischem Wege erfolgen. Das polnische Außenministerium hat bereits die Prozeßakten in der Hand und ist damit einverstanden, daß die beiden Rabbinen in ihrer Heimat vernommen werden. Ihre Aussagen werden, wiederum auf diplomatischem Wegs, an das Wiener Handelsgericht geleitet werden. Der Anwalt der beklagten Wiener Firma Graf hat sich zu diesem Zwecke bereits nach Polen begeben. Rumänien. Die Sprengung des Wahlkartells der Regierung mit der Anion. Bukarest, 18. Mai. Aus Kreisen der „Union rumänischer Juden" wird mitgeteilt: Die Repräsentanz der „Union rumänischer Juden" in Bukarest hat im Einverständnis mit den ihr angeschlossenen Organisationen in den neuen Gebieten mit der Regierung ein Wahlkartell abgeschlossen, demgemäß die Regierung die programmatischen Grundlagen vom Jahre 1927, aus Grund welcher seinerzeit auch die Vereinbarung mit der liberalen Regierung zustande ge-