Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1931)
- Date
- 1931-05-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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28. Mai 1931 Der Israeli t Nr. 22 Seite 3 I Erziehern, die ihm bisher vorgesungen und vor-! gelesen haben, geht es nun seinen eigenen Weg in die Welt, macht es eine individuelle Revolution durch, die den großen kollektiven Emanzipationsbewegungen der Geschichte an kultureller Fruchtbarkeit in nichts nachsteht. Von da an scheiden sich die kindlichen Geister.! Mehr als soziale Unterschiede, trennt die Bildung ldie Menschen. Der Prozeß beginnt in jenen Jahren, da die einen sich in die Bücher verkriechen, durstiger Seele aus ihnen den Weg von der mnge kindlichen Horizontes in die Weite der Melt und des Wissens unternehmen, während jtzje andern es vorziehen, ohne die geistige Anstrengung, die das Lesen der nur Kopfweh verlursachenden einförmigen Lettern erfordert, die farbigen Bilder auszusuchen, die in Journalen, sauf der Straße, in Geschäften, auf Spielplätzen es reizen, oder in manueller Betätigung und im 'Sport ihren Bewegungshunger zu stillen, der sie, gerade sie in den Ruf fauler Kinder bringt, weil!sie keine Geduld zum Buche haben! Während diese letzteren nur vom Augenblick iunfc für den Augenblick beschäftigt werden, sind j die ersteren geistig und seelisch in den Bann einer viel länger/ tiefer und weiter wirkenden Kraft l hineingezogen. Was sie lesen, beeinflußt sie sowohl nach der positiven, wie nach der negativen Seite. Verstehen sie es, so ist das nur natürlich. Nehmen sie Unverstandenes in sich auf, so gewöhnen sie sich leicht an das Lesen, Sprechen und Schreiben unverstandener Dinge. Die Lust am Lesen nimmt wie eine verhexende Kraft mit jedem Tage zu, und von ihnen Besitz. Mit dem Buche legen sie sich, mit ihm gehen sie zu Tisch, mit ihm verbringen sie ihre Erholungspausen, und darein vertieft, vergessen sie und überhören sie alles, was um sie her vorgeht. Solche Kinder sind nie allein, nie unbeschäftigt, nie unzufrieden, wenn sie nur Bücher haben. Sie können unausstehlich sein und immerfort quängeln — wenn sie nichts zu lesen haben. Daß eines Tages, wenn 'des Lebens anderes Gesicht geschaut wird, oft .eine Lesescheu eintritt, sei nur nebenbei bemerkt. Während der ganzen Pubertätszeit hält öüe Manie an. Was an Wissen, Geistigkeit und höheren Werten durch solchen Lesehunger den Kindern Zuströmen kann, wissen wir, wallen wir, das Volk des Buches, am wenigsten außer acht lasten. Es gibt ja auch heute, bei der Seltenheit persönlicher Führung, keinen anderen Weg zur Bildung als den über das Buch. Aber das darf uns nicht vergessen lassen, daß nicht jedes Buch den richtigen Weg darstellt, ja, daß nicht das Lesen, sondern das wertvolle Buch zur Bildung führt, und daß das 2.500, Finnland 1.800, Luxemburg 1.750 und Norwegen 1.450. Hinsichtlich der Zahl der jüdischen Bevölkerung in Sowjetrutzland weist Koralnik darauf hin, daß die amtliche Schätzung von 2.700.000 Juden Ende 1930 zu niedrig gegriffen ist, da sie lediglich die Bevölkerung jüdischer Nationalität umfaßt Er ist mit dem bekannten sowjetrussischen Wirtschastspolitiker I. Larin der Ansicht, daß ca. 10°/o des jüdischen Gesamtbestandes sich anderen Nationalitäten zugezählt haben. Als stark übertrieben erweisen sich im Lichte der neuesten Daten die bisherigen Schätzungen der jüdischen Bevölkerung in Rumänien, me von verschiedenen Autoren auf 1.000.000 —1.130.000 bemessen wurde. Bei der Berechnung der Zahl der Juden in Deutschland uägt der Verfasser dem Umstand Rechnung, daß bei der Volkszählung t. I. 1925 ein Teil der deutsch-jüdischen -bevölkerung sich in die Gruppe der Konfessionslosen und unbekannten Glaubensbekenntnisse eingetragen hat. Der ' onülichen Ziffer von 564.000 Juden i. I. 1925 wird man l Mcht mehr als 30.000—40.000 hinzuschlagen müssen. «Uion gewinnt auf diese Weise rund 600.000 Personen mosaischen Glaubens in Deutschland 1925. Ende 1930 ist "lese Zahl auf 585.000 heruntergegangen. Hervorzuheben ist die Feststellung Koralniks, daß die oahl der Juden in Ungarn Anfang 1930 auf derselben Hohe steht wie 1920, infolge der ungünstigen Bilanz der natürlichen Bewegung des ungarischen Judentums und oer Austrittsbewegung Diese hat in den letzten Jahren ..abgenommen. So betrug der Überschuß der Aus. » E über die Wiedereintritte in den zwei Jahren 1919 bis <*0 8766, während diel Jahre 1921—28 einen Überschuß °0n /nUr 1725 Personen ergaben. Ebenso ist die jüdische Einwohnerschaft Oesterreichs "w^derselben Höhe wie 1923 (rd. 220.000 Köpfe) Lesen auch seine Gefahren birgt, wie jeder Weg auch seine Steine hat, aus die es zu achten gilt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß es unter den lessnden Kindern, Knaben und Mädchen, zwei Sorten gibt: Solche, die das Gelesene zu einem Bildungsgute verarbeiten, und solche, die nur lesen, um über die innere Langeweile, die Unlust zu ernster Arbeit, die Unruhe und Unsicherheit eigenen Unvermögens durch die ablenk ende und zu nichts verpflichtende Beschäftigung mit fremden Schicksalen sich und andere hinwegzutäuschen. Diese Scheidung vollzieht sich unter dem Einfluß der ersten Lektüre und bestätigt sich an jedem neuen Buch, das nach den ersten Seiten geliebt oder abgeleljnt wird. In aller Stille, im Gegensatz zu dem leicht kontrollierbaren Umgang mit den Kameraden, wirkt sich der Umgang mit dem Buch, seine Aufbau- oder Wühlarbeit im Innern des Kindes ans. Bei den meisten Büchern, die wir in dieser Zeit den Kindern geben, denken wir uns tzar nichts. Und in vielen Fällen schadet es nichts. Aber dürfen wir darum die Gefahren übersehen/ die in manchen der dargebotenen Bücher liegen? Von den Struwwelpetergeschichten, die mit häßlichen Bildern und maßlosen Uebertreibungen den Keim zu seelischen Erkrankungen und Hemmungen legen, führen Märchen und Abenteurergeschichten, die ohne Maß und Auswahl an das Kind herangebracht werden, oft zur leidenschaftli-chen Hingabe an berauschende Stoffe, zur Ueberhitzung der Phantasie, und beim triebhaften Kind zu Wach- und Tagträumen. Wir ahnen die einzelnen Stadien der Entwicklung gar nicht, sehen eines Tages nur an Tagebuchblättern oder Briefen — das Endergebnis. Oder es entwickelt sich allmählich eine anfangs von uns gar nicht ernst genommene, bald aber nicht mehr zu bannende Renommisterei und Großmannssucht. ' Dann beginnen die Mädchen zu den Pensions- und Backfischgeschichten zu greifen. Und wie wir den Jungen in den ersten Jahren noch Kinderkleidchen angezogen haben, geben wir ihnen jetzt die sicher unschädlichen Mädchengeschichten. Wenn da die Liebe in ihrer seichtesten Form aufgetischt, ihr Hauptwert in Flirt und Poustage gesehen wird, da darf man sich nicht wundern, in der Quarta bereits die Mädchen auf dem besten Wege zu Rorafiguren zu sehen, und Jungen graßzuziehen, die in ihrer femininen Art zu echter, kerniger Haltung, sei es zu Beifall, sei es zu Ablehnung, unfähig sind. Mädchen und Jungen, welche an dieser Lektüre lange gesessen, werden meist unempfänglich für die normalerweise in den 14er Jahren ein-! 01AL2N ‘Puder bewahrt Ihren Liebling vor Wundseih. setzende historische Lektüre. Sie überspringen diese und greisen dafür bald zur erotischen oder mit erotischen Elementen durchsetzten Erwachsenenliteratur. Zu einer Zeit, da der junge Mensch für die ernsten Konflikte des Lebens der Einzelnen und der Gesamtheit, für das Erlebnis der Liebe, ihres Glückes und ihrer Tragik noch lange nicht reif ist, und es organisch und seelisch, biologisch und empirisch noch gar nicfyt sein kann, füttern diese Bücher unsere Jugend mit Worten. Manche verpuffen wirkungslos. Aber es gibt Worte und Vorstellungen, die an sich schon einen von der Erfahrung losgelösten Erlebnisgehalt besitzen, die sich je nach der Struktur des Kindes mehr oder weniger fest in der Seele einprägen. Wo sie lagern, machen sie stumpf für das leichte, dem kindlichen Alter gemäße Erleben. Wo sie nur dem Buchstaben nach ohne Vorstellung bekannt sind, da gibt es kein Wundern und kein Staunen. Die im hohlen Wort vorweggenommene spätere Lebenserfahrung hat den Charakter der Einmaligkeit und Erstmaligkeit verloren, und mit ihm die erschütternde, erziehende Wirkung auf das innere Leben und den Aufbau der Persönlichkeit eingebüßt. Solchen Wirkungen zu begegnen, die Art des Lesens und das Objekt der Lektüre in für das Kind fördernden Bahnen zu halten, dazu genügt nicht die Ablehnung oder gar das Verbot unpassender Bücher. Viel notwendiger ist die Versorgung mit gutem Lesestoff und die Sorge für andere Beschäftigung in der Freizeit, was noch besser ist, um Gehirn und Nerven nicht zu überladen. Zum letzteren ist hier nichts zu sagen. Aber zum ersteren möchte ich doch darauf Hinweisen, daß die in den Salons vor den Augen der Kinder besprochenen und herumliegenden Bücher einen solch starken Anreiz aus diese ausüben, daß bald ein Unterschied zwischen Jugend- und Erwachsenen-Lektüre dem Kind gar nicht mehr plausibel gemacht werden kann. Und daß es ein Buch nicht verstehe, ist für es kein Grund, es nicht um deffentwillen zu lesen, was es versteht. Außer dieser Schwierigkeit kommt für unsere jüdischen Kinder noch in Betracht, daß selbst diejenigen Eltern, die in der Lage und willens sind, ihre Kinder mit genügender jugendlicher und jüdischer Lektüre zu versorgen, so wenig dafür geeignete Bücher kennen. Die jüdische Bevölkerung in der Tschecho-Slowakei hat seit 1921 nur um rund 26.000 Seelen zugenommen. Die skandinavischen Länder weisen einen Rückgang der jüdischen Bevölkerung auf. Die Untersuchungen von Koralnik gewähren einen interessanten Einblick in die Gestaltung der natürlichen Bevölkerungsbewegung bei der jüdischen Bevölkerung Europas. Für die Zeit Ende 1921 bis Ende 1930 stellt sich -die natürliche Zunahme der jüdischen Bevölkerung in Polen auf nicht weniger als rund 509.000 Seelen. Die Auswanderungsziffer während derselben Jahre betrug aber nicht mehr als rund 255 000 Seelen. Der natürliche Zuwachs des rumänischen Judentums ergibt eine Zahl von 110 000 Köpfen für die letzten zehn Jahre bei einer Auswanderung von ca. 60.000 Juden. Das Endergebnis von 9.785.000 Juden bezeichnet Koralnik als die Höchstziffer der jüdischen Bevölkerung Europas Anfang 1931. (Der Bruder des Mikado über die Stellung der Juden in Japan.) Die Newyorker jiddische.Tageszeitung „Der Tag" veröffentlicht ein Interview ihres Mitarbeiters mit dem Bruder des Mikado, Prinz Takamatsu, der sich derzeit mit seiner Gattin in Newyork aufhält. Prinz Takamatsu äußerte sich im Verlauf des Gesprächs folgendermaßen über die Lage der Juden in Japan: Die Juden haben in Japan dieselben Rechte wie die übrige Bevölkerung, wenn sie auch nicht Staatsbürger sind und keine öffentlichen Aemter bekleiden. Das japanische Volk macht keinen Unterschied in der Behandlung der einzelnen Rassen. Allerdings werden alle Personen nichtjapanischer Abstammung, Juden ebensowohl, wie andere Europäer, als Ausländer betrachtet. Jedoch werden alle Ausländer, so lange sie sich den Gesetzen des Landes fügen, in gleicher Weife behandelt, wie die japanischen Bürger. Auf die Frage, ob die Zahl der Juden in Japan wachse und ob sich im Lande ein Widerstand gegen eine jüdische Einwanderung bemerkbar mache, antwortete Prinz Takamatsu: Leute, die zu uns kommen, um uns beim Ausbau unseres Landes zu helfen, sind stets willkommen. Dem japanischen Volk sind nur solche Einwanderer unerwünscht, die uns feindlich gesinnt sind. Nach dem Weltkrieg haben sich Juden aus Rußland und anderen Ländern in Japan niedergelassen. Die meisten von ihnen waren Kaufleute, es gab aber auch Arbeiter unter ihnen. Eine Wirtschaftskrise im eigentlichen Sinn dieses Wortes gibt es bei uns nicht; die Erscheinung» daß Leute aus Mangel an Mitteln hungern, ist uns unbekannt. Es gibt keinen Grund für eine unfreundliche Haltung der japanischen Regierung gegenüber jüdischen Einwanderern, die nach Japan zu kommen und sich dort niederzulassen wünschen, vorausgesetzt, daß sie uns nicht feindlich gesinnt sind. Wochenkalender. v. 80. Mai bis 6. Jnui 1881 I v. 14. - 21. Silvan 5691 Samstag Mai 30 14 Sonntag 31 15 Montag Jun 1 16 Dienstag 2 17 Mittwoch 3 18 Donnerstag 4 19 Freitag 5 20 Samstag 6 21 '3 n pns MVl 'i 'x pis