Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1931)
- Date
- 1931-05-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 22 Der Israelit 23. Mai 1931 „Hitler" als Parole, denn sie trägt unverkennbar alle Merkmale deutscher Provenienz. Abgesehen von der moralischen Wirkung sind die ersten angerichteten Schäden so groß, daß, wie uns gemeldet wird, sofort unter den Juden Mexikos eine große Aktion zur Steuerung der bitteren Not der jüdischen Händler, denen die „Propaganda der Tat" kurzerhand den Nahrungszweig abgeschnitten hat, eingeleitet werden mußte. So weit ist es gekommen. Und die Behörden, die Regierung, Wafhing? ton? Vertreter der jüdischen Bevölkerung in Mexiko riefen die höchste Stelle, den Staatspräsidenten Rubio, zur Hilfe an. Er antwortete, wie Staatspräsidenten antworten. Er habe die Petition an das Innenministerium zur Prüfung weitergeleitet. Im übrigen glaube er, daß die aus den öffentlichen Märkten ausgeschalteten jüdischer Händler keine Befugnis zur Betreibung ihres Gewerbes hätten. Keine Befugnis also, gleich den anderen, das Brot für ihre Kinder zu verdienen. In Washington, von wo aus man nach der Stellung der Union immerhin einen gelinden, leider nur sehr gelinden Druck ausüben könnte, hat man einen Bericht des amerikanischen Gesandten in Mexiko über den Stand der Dinge eingeholt. Die Antwort ist im „State Departement" eingetroffen und auch an den Präsidenten der „B'nai Brüh", der Organisation, die bei Hoover intervenierte, weitergeleit-et worden. Ihr Inhalt ist der Oeffentlichkeit noch nicht bekanntgegeben. Man weiß jedoch so viel, daß die ganze Intervention des Weißen Hauses sich auf amerif an i sch e Bürger i n M e x i k o beschränkt. Was aber mit den vielen jüdischen Händlern geschieht, die nicht im glücklichen Besitze eines nordamerikanischen Passes find, bleibt unklar. Bei der Gelegenheit muß das mannhafte Eintreten des polnischen Geschäftsträgers in Mexiko, M e r d i n g e r, für seine betroffenen jüdischen Landsleute, wie für die Juden überhaupt hoch anerkannt werden. Greifbare Resultate hat er, wie er einem Vertreter der ITA. erklärte, bis jetzt nicht erzielt. Er tue aber alles, was in seinen Kräften stehe, und dieses im vollen Einvernehmen mit seiner Warschauer Regierung. Die großen Organisationen in Amerika rüsten sich zu einer Konferenz in Rewyork, in der über das Problem Mexiko verhandelt werden soll. Man spricht auch von der Entsendung einer amerikanisch-jüdischen Delegation nach Mexiko. Der Erfolg bleibt abzuwarten.! Eines wird durch die Vorgänge in Mexiko heute schon klar: Der Antisemitismus ist nicht nur eine deutsche Schande, sondern Me Weltgefahr. Die Kanäle menschlichen Hasses sind so tief und weit gezogen, daß kein Weltteil und kein Land vor der Ueberschwemmung sicher ist. Das Austrocknen der Gefahrherde müßte eine Aufgabe der internationalen Instanzen fein. Mot überall; In Deutschland lastet die katastrophale wirtschaftliche Lage aus Gemeinden, Institutionen und einzelnen Familien in einem' Maße, das das Schlimmste befürchten läßt, wenn nicht ein Wunder geschieht. Der Proletarisierungsprozeß in der jüdischen Bevölkerung schreitet, wie an leitender Stelle unserer Nummer eingehender ausgeführt wird, mit Riesenschritten fort, und davon können auch die Quellen des geistigen Lebens nicht verschont bleiben. Und es ist kein Trost, daß es anderswo noch schlimmer aussteht. Ein Aufruf der Zentralkommission für soziale Fürsorge der Israelitischen Kultusgern e i n d e i n Wien erzählt von den erschütternden Dramen tiefsten menschlichen Leides, die sich täglich in den Räumen der Kommission abspielen- An der Rot sind alle Schichten und alle Altersgrade gleich beteiligt, die jüdischen Angehörigen der freien Berufe, der Industrie und des Handels sowohl wie die Angestellten und Arbeiter. Die Kultusgemeinde fei am Ende ihrer Kraft, und Hilfe aus Staatsmitteln wird nach wie vor verweigert. Greise, Kranke und Kinder sind buchstäblich dem Hunger preisgegeben, ganze Familien entbehren des Obdaches und des täglichen Brotes. Nicht viel anders klingen die Notschreie aus Warf ch a u und Polen. Dort kommen zu dem groß bemessenen Anteil des industrieschwachen Polens an der Weltkrise für den Juden noch eigene schwere Verhängnisse zu, wie die unerträglichen S t e u e r l a st e n , das neue Sonntagsruhegesetz. Es kam in Warf ch a u und Lublin zu Proteststreiks in den jüdischen Gassen. Am hellichten Werktage schlossen die jüdischen Kaufleute ihre Geschäfte und gingen in die Synagogen, um Gebete zu verrichten. Menschen und Behörden, die helfen könnten, stehen still und steif vor der steigenden Not, so schickt man die Bitten zum Himmel hinaus. Eine gut jüdische Art, zu protestieren, die aber die Menschen, sofern sie dazu berufen sind, nicht entlastet, sondern erst recht verpflichtet, Ohr, Herz und Hand der zum Himmel schreienden Not zu öffnen. Wir haben auch in Deutschland unser erkleckliches Maß von der Weltnot abbekommen. Die Lage in der Großstadt kennt man. Aber auch auf dem Land e, wie in der k l e iis nenunb M t ttelft a d t verschlimmern sich die Dinge von Tag zu Tag. Die Tragik hat in Deutschland vielleicht noch ihre eigene Note dadurch, daß die Krisis Menschen trifft, die früher in guter Position lebten, an eine bessere Lebenshaltung gewöhnt sind und den Sturz von einer größeren wirtschaftlichen und sozialen Höhe in die Tiefe um so schmerzlicher empfinden. Eine Tragödie in der Tragödie. Helsen kann bei dem derzeitigen Stande der Weltwirtschaft nur ein Wunder. Wir dürfen-den Glauben an ein Wunder vom Himmel nicht aufgeben, aber fürs erste haben mir selbst ein Wunder in uns und aus uns heraus zu vollführen: das Wunder der jüdischen Liebe und des Erbarmens, der jüdischen Solidarität und des Gemeinschaftsgefühls. Sind es auch nicht mehr viele, so sind immerhin noch Einzelne in Stadt und Land in der glücklichen Lage, zu Steuerung der Not von Gemeinde und Gemeinschaft und innerhalb der Gemeinden etwas zu tun, und diese müßten sich heute bewußt sein, wozu sie ihre bevorzugte Stellung verpflichtet. Es gibt auch falsche Seufzer, heißt es irgendwo in einer alten Moralschrifi, die der Engel der Seufzer und Tränen nicht sammelt, um sie in den Tränenschlauch vor dem Throne G'ttes aufzunehmen. Heute mehr denn je zuvor gibt es „falsche Seufzer", aus der Brust derer entquollen, die im Verhältnis zu den anderen kernen Grund hätten zu klagen, aber unter Berufung auf die Not der Zeit ihre Hilfeleistung einstellen oder reduzieren. Solche Nutznießer der Notlage unedelster Art sollte es in unserer Mitte nicht geben. Gesteigerte Not entlastet nicht, sondern verpflichtet zu gesteigerten Werken der Liebe und der Bruderhilse, zu gesteigertem Dienst an Gemeinde und Gemeinschaft. Zugendenlwicklung und Zugendlekküre. Von Direktor Dr. 21t. Elias in Frankfurt a. IN. 1. Kind und Buch. Tastend und suchend fingert das Kind von Buchstabe zu Buchstabe, von Wort zu Wort und von Bild zu Bild, bis es soweit ist, daß es mit dem im Schweiße seines Angesichts herausgearbeiteten Satzbrocken einen Sinn und Gedanken verbinden kann. Auf der Straße, in der Elektrischen, an Geschäften und Plakaten übt es stolz und freudig die neuerlernte Zauberkunst, die sich zu der kurz vorher gefundenen des Sprechens hinzugefellt und es nun immer weiter vorwärts treibt. Unabhängig von Eltern, Geschwistern und Zur Mschnaordnung. Von Rabbiner Dr. kaah in hindenburg (O.-S.). Ueber die Bezeichnungen und die Reihenfolge der Ordnungen und der Traktate der Mischna ist schon viel geschrieben worden. Besonders interessant ist die Darlegung des Tossafot Jomtow in der Einleitung zu seinem Mischnakommentar, die von dem an Jesaja 33, 6 anknüpfenden Satze des R. Simon ben Lakisch in Sabbat 31a ausgeht, wonach auf Seder Seraim, um auf Seder Moed, auf Seder Naschim, myi-c’ auf Seder Nesikin, r-man auf Seder Kodaschim, nyrt auf Seder Toharot hinweist. Auch die dem Wilnaer Midrasch Rabba beigedruckten Bemerkungen des R. Samuel Straschun zu Bemidbar Rabba 13, 6 enthalten darüber eine zwar kurze, aber sehr instruktive Notiz (Nr. 32). Ebenso haben neuere Forscher mannigfache Untersuchungen über Einzelheiten der Bezeichnungen und der Reihenfolge der Mischnaordnungen und -traktate angestellt. Wenig behandelt ist jedoch meines Wissens die Frage, warum von den sechs Ordnungen fünf die P l u r a l b e - Zeichnung aufweisen, nämlich Seraim, Naschim, Nesikin, Kodaschim und Toharot, während der Name der zweiten Ordnung in der Einzahl steht, also nicht Moadim, sondern Moed.*) Das muß doch wohl seinen *) Zum Unterschied von der Ordnung Moed wurde deren vorletzter, im palästinensischen Talmud letzter Traktat Moed Katan genannt. Grund haben. Man wäre im ersten Augenblick versucht, anzunehmen, daß es deshalb nicht Moadim heißt, weil der erste und umfangreichste Traktat dieser Ordnung der Traktat Sabbat ist und der Sabbat nicht zu den Moadim gehört, diese Bezeichnung vielmehr nur für die Feste gilt, wie ja auch in mehreren Schriftversen zwischen Sabbat und Moadim unterschieden wird, z. B. D-nyn^i 1. Ehr. 31, 3, und wie unsere Weisen in Torat Kohanim zu 3 M. 23, 3 ausdrücklich sagen jup pn n» nnra '“pxk- Aber diese Unterscheidung wird in der Schrift nicht nur zwischen Sabbat und der Mehrzahlbildung Moadim, sondern auch der Einzahlbildung Moed gemacht, z. B. Hosea 2, 13 rnrw i-21 nrae^i. Hierzu kommt, daß auch der Name des Seder Seraim ohne Rücksicht daraus gewählt wurde, daß dessen erster Traktat Berachot seinem Inhalt nach nicht unter den Begriff „Saaten" fällt. Aus alledem dürfte folgen, daß wenn der zweiten Ordnung die Bezeichnung Moed und nicht Moadim beigelegt wurde, dies nicht daher rühren kann, daß der erste Traktat deser Ordnung der Traktat Sabbat ist und der Sabbat nicht zu den Moadim**) gehört. Vielmehr muß ein anderer Grund oorliegen. Ich vermute nun folgendes: Die Mehrzahl von heißt nicht nur rwnyr, sondern auch fmyra z. B. 2. Ehr. 8, 13 nnyia-Vv Insbesondere kommt gerade im Talmud öfter diese Femininendung vor, z. V. Abot 3, 11 nrnnnn ns rn-nn Megilla 31a nvis n-nyi» usw. Ich glaube nun, daß dieses Schwanken der Pluralbildung zwischen Maskulinum und Femininum **) Die wunderbare Akribie des Rambam auch in sprachlicher Beziehung zeigt sich auch darin, daß er das sabbatliche und festtägliche, Gesetze behandelnde dritte Buch seines Jad hachasaka nicht Moadim, sondern Semanim nennt. die Ursache ist, warum die Einzahlbildung Moed vorgezogen wurde. Unsere Weisen haben es für richtig gehalten, bei dieser Vokabel nicht die Mehrzahl, sondern die Einzahl zu wählen, weil diese nicht grammatischen Schwankungen unterliegt. Selbstverständlich wird diese Begründung für die Wahl der Einzahl von mir nur als eine Vermutung und nicht als eine sichere Behauptung ausgestellt. Sollte jemand eine bessere Erklärung geben können, so wäre das sehr erwünscht. Uleines Feuilleton. Neue Untersuchungen über die Zahl der Zuden in Europa. I. K 0 r a l n i k veröffentlicht soeben in der von ihm und Dr. Jacob Segall geleiteten „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" (Berlin) eine eingehende Untersuchung über die Zahl der Juden in Europa zu Beginn des Jahres 1931, in der er auf die Zahl von insgesamt 9.785.000 Juden kommt. Der Stärke ihrer jüdischen Bevölkerung nach lassen sich die Länder wie folgt ordnen: Polen 3.125.000 Juden, europäischer Teil der Sowjet-Union 2 970.000 Juden, Rumänien nicht über 800.000 Juden, Deutschland 585.000, Ungarn 473.000, Tschechoslovakei 380.000, England und Irland 300.000, Oesterreich 220.000, Litauen 167.000, Frankreich nicht über 160.000, Holland 120.000, Lettland 96.000, Griechenland 73.000, Jugoslavien 67.000, europäische Türkei 50.000, Bulgarien 50.000, Belgien 45.000, Italien 45.000, Schweiz 18.000, Danzig 9.000, Schweden 6000, Dänemark 5.500, Estland 5.000, Saargebiet 4.500, Spanien 3.000, Portugal