Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1931)
- Date
- 1931-05-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 22 Frankfurt a. M., den 12. Siwan 6891 Ein Centralorgan fOr das orthodoxe Judentum //[0| III Begründe! von Dr. Lehmann in Mainz. Ul I % Mmm ' _\\\ uu»M Monnement ab Juli 1929: Deutschland 1.30 Mark monatlich; Ausland: Ltertelmark zum Tageskurs oder 7 Zloty: Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowakei 25 Äcpttett; Unaarit Pengo 5 ab 1. Juli 1927; Dänemark 3.50 Krön.; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön. Einzelnummer vierzig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 50 Goldpf. für die fiebengesp altene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familtenanzeigen nur itOPf. Die 75 mm breite Rettamezette: letzte Textseite 2.- Mk., vorletzte Textsette 260 Mk.; Chiffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbrtefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufenden Inseratauftrkigen tarlfm. Preiserhöhung jeder!» Vorbehalt. Jnseratenannahme durch den Berlag des Israelit G. m. b. H-, Frankfurt a. M . Nechneigrabenstraße 7. Tel. Hansa 21081 sow. durch sämtl. Annoncen-Exped. d. In» und Auslands. Alleinige Jnseratenann. für Franks. Geschäftsanz.: Jul. Schmidt. Hölderltnftratze 25 Tel. 45886. Platzvorschr. ohne Verbindlichk. nimmt, den Juden, der ja in erster Linie heute Händler ist, ganz besonders schwer treffen mußte, daß dieser Prozeß aber in Deutschland durch den Warner und zum geißelnden Richter unseres Tuns, fei es, daß er den jüdischen Unternehmer registriert, der dem Angestellten den Sabbat wachsenden Antagonismus gegen den jüdischen ■ raubt, oder sei es, daß er den zu hohen Lebens- Mitbürger an Schärfe, wie an folgenschwerer Istandard der bürgerlichen Familien geißelt,oder die Eltern apostrophiert, die ihre Kinder mit fal- Prolekarisierung und Assimilakion. Eine Perspektive, wie sie düsterer nicht sein kann, gibt ein Buch von Dr. Alfred Marcus*) für die Zukunft der deutschen Judenheit, nicht nur nach der wirtschaftlichen Seite hin, sondern — auf der angenommenen Prämisse — in zwangsläufiger Logik auch für den Bestand der Glaubenstreue. Proletarisierung und Assimilation, das sind die Endpole, zu denen die deutsche Judenheit hingedrängt wird! Die häufig beobachtete Fähigkeit des Verfassers, klar und nüchtern in wirtschaftlichen Dingen zu denken, wichtige Entwicklungsfaktoren von Sekundärerscheinungen zu trennen, zeigt sich von neuem in dieser Studie, ebenso wie die Gabe, das, was er zu sagen hat, dem Leser in flüssiger, anschaulicher Sprache darzubieten. Um so deprimierender der Inhalt selbst. Zunächst die Analyse des Jstzustandes von 1930, die in geradezu erschütternden Zahlenbildern klarlegt, wie Positionen, die jüdischer Fleiß und jüdische Intelligenz sich in jahrzehntelanger Arbeit von Generationen errungen haben, gleich Sandgebilden vergehen, wie Erwerbszweige, in denen jüdische Köpfe führend gewesen, oder die gar von ihnen „erfunden" worden sind, durch die, jüdischer Art entgegenstehende Entwicklung des Wirtschaftsdenkens zur Bedeutungslosigkeit herabgedrückt wurden, oder aber auch, wie in den betreffenden Branchen die jüdische Beteiligungszisfer zu Gunsten der nichtjüdischen rapide zurückwich. Eines der Motive für diese letztere Erscheinung ist recht bemerkenswerter Weise der Umstand, daß die Kapitalkraft in dem Bezirke der deutschen Judenheit in den letzten Jahren ungleich stärker «erfdjüttert worden ist, als wie es sonst in Deutschland der Fall war. All dieses mirfr uns in den Kapiteln, welche von den sogenannten führenden Branchen, Metalle, Textilien, Getreide, Bankwesen sprechen, äußerst anschaulich geschildert, imfr das Kapitel, welches den Juden von Berlin, als der Stätte, an der 30 Proz. der jüdischen Bevölkerung Deutschlands zufammengeballt wohnen, gewidmet ist, zeigt die erwähnte, den Dingen innewohnende Tendenz in vielleicht noch ergreifenderer Weife. Der Verfasser weist nach, wie die wirtschaftliche Entwicklung, die dem Handel immer mehr Betätigungsmöglichkeit *) Die wirtschaftliche Krise des deutschen Juden, eine soziologisch? Untersuchung von Dr. Alfred Marcus. Verlag von Georg Stilke, Berlin. Tragik noch gewinnen mußte. Das Kapitel „Wandlungen des jüdischen Wirtschaftsdenkens", das, im Hinblick auf künftige Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten wichtigste des Buches, sucht nun den tieferen Ursachen der ermittelten Tatsachen nachzuspüren und so legt u. a. der Verfasser dar, daß der deutsche Jude nicht berechtigt sei, alles auf Vorgänge zurückzuführen, die außerhalb seines Machtbereiches liegen. Der deutsche Jude ist, immer noch Exponent einer indlvidualistischen Betätigung, einer Einstellung, die ihn allerdings früher innerhalb der deutschen Wirtschaft zum Führer und Pionier werden lassen konnte. Er kann sich nicht hineinftnden, wenigstens in der großen Masse nicht, daß die Wirtschaftsformen anders geworden sind, daß nunmehr als Zeichen einer gewissen Reise das kollektive Denken dominiert. Die Wirtschaftsformen des Kollektivismus sind nun aber auch — das wird sehr gründlich beleuchtet — antijüdisch, und will der deutsche Jude sich ihnen an- und einpassen, so ist dieses letzten Endes nur mit dem Opfer absoluter Assimilation zu erkaufen. Palliativmittelchen, die an des Wesens Kern Vorbeigehen und vom Verfasser mit Recht als solche gekennzeichnet werden, vermögen in einem solchen Entwicklungsprozeß keine Abhilfe zu bringen, und deshalb glaubt er, daß die große Masse der deutschen Juden gezwungen sein wird, sich als Arbeiter — ob als höhere und gelernte, oder ob als niedere Arbeiter, ist hier von sekundärer Bedeutung — in den deutschen Wirtschaftsprozeh wieder einzugliedern, denn die Arbeiterschaft erscheint ihm im Zeitalter des Kollektivismus als die einzige Schicht, die für den durchschnittlich Begabten noch einigermaßen Aussicht auf ökonomische Sicherheit bietet. Das bedingt, wie gesagt, die Proletarisierung und die Assimilation. Verfasser sieht diese Entwicklung auch schon deshalb kommen, weil ihm jene, ehemals vorhandene geistige und seelische Besonderheit des deutschen Juden geschwunden erscheint, die einerseits Kraft und Wege fand trotz ihm abträglicher wirtschaftlicher Entwicklungsvorgänge die Assimilation zu verhüten und andererseits „zusätzliche wirtschaftliche Leistung" zu vollbringen. Und da wird der nüchterne WirtschaftspoMker in seiner Schilderung unserer heutigen Geistesverfassung zum scheu Sentiments in ihr werktätiges Leben entsenden und damit Leistungsminderung und Anspruchsteigerung Hervorrufen. Das Buch ist, kurz gesagt, eine der wertvollsten Neuerscheinungen auf dem Gebiete jüdischer Wirtschaftspolitik und sollte von jedem, dem das Schicksal seiner Brüder in Deutschland das Herz mit Sorge erfüllt, gelesen werden. Wenn auch über die statistischen Tabellen hinaus mancher Gedanke befehdet werden mag, so bietet es doch in seiner interessanten Gliederung eine Fülle von Anregungen und wir können es uns nicht leisten, an ihnen einfach vorüberzugehen und sie ungenutzt zu lassen. Eines aber muh schon jetzt betont werden: Wir vermögen dem Verfasser nicht zu folgen, wenn er feststellt, daß das „Wunder" nicht mehr kommen kann, nämlich, daß das deutsche Judentum aus sich heraus, wie bisher die Kratf schafft, die volle Assimilation zu verhindern. Die jüdische Geschichte hat schon andere Assimilationsperioden durchgemacht und das Wunder kam doch. Aber sollten wir uns irren und die von der Vorsehung der deutschen Erde zugewiesene Ausgabe in der Golusgeschichte unseres Volkes sollte sich wirklich ihrem Ende nähern, nun dann-, tibip nVsm nn ♦1»? NX 'TI TP1D’’ xV^d .NNX ü'rpöö ömT1? Wochenrundschau. Was gehl itt Mexiko vor? Schlimme Nachrichten kommen aus Mexiko, das von antisemitischen Wellen förmlich überschwemmt ist. Es begann damit, daß jüdische Händler und kleine Kaufleute unter Anwendung von Gewalt, erst spontan und dann systematisch vom Markte vertrieben wurden. Andere Schikanen und Rohheitsdelikte folgten. Eine bestimmte Presse schürt das Feuer, an dem gewisse Parteien ihr Süppchen zu kochen gedenken. Die Hetze hat