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Der Israelit · 1931-05-21 · Heft 21 (21.5.1931) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 21 (21.5.1931)
Date
1931-05-21
Page
– (sequence 22)
Language
German
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lehrsamkeit. Obwohl Thirz-cr seit über einem Jahrtausend dem jüdischen Kulturkreise entschwunden war, gräbt ein Gelehrter den Namen aus der! Vergangenheit aus, um dem Liebenden das Wort in den Mund zu legen: Schön bist du wie Thirza. Welcher echte Dichter kann auf solche ausgefallenen Vergleichsmittel kommen? Wenn der Name noch sonst im heiligen Schrifttum populär gewesen wäre, dann wäre es noch ausdenkbar: aber eine verschollene, nie sonst genannte Stadt wird kein Dichter, als Seitenstück gar zu Jerusalem verwendet haben. Wir glauben im Gegenteil, daß das Lied vom ersten bis zum letzten Wort die Jugendzeit des jüdischen Volkes verrät, wo die Könige Hirten waren und der Weingarten jedes Israeliten Ideal — isch tachas gafnau —, wo die Herrlichkeit Kanaans noch überwältigend zur Seele sprach, wo der Volksmund hebräisch sang, wie im Winzerlied, des Jesajas, wie im Hochzeitskarmen des Ps. 45. Grade das, was man Aramäismus nennt, sind Kennzeichen eines Volksidioms, des hebräischen- Platt, des „Gelbveigleinhebräisch", wie Heine sagt, das die schwere klassische Sprache vereinfachte und so all ist wie das Hebräische selbst. Oder hat vielleicht Debora auch Aramäismen für ihr Heldenlied importiert? Die Charakterisierung als Kunstprodükt soll die weitere Annahme rechtfertigen, daß die Form den amöbifchen Gesang und den Mimos des Theokrit nachgeahmt habe. Bukolische Dichtung trete uns hier in jüdischem Sprachgewande entgegen. Wiederum sollen Einzelwendungen die Abhängigkeit von Theokrit verraten. Ilebereinstimmung zwischen der Sprache und den Vergleichen des Lieds der Lieder und der Idyllen Th'eokrits finden sich mannigfaltig. Als „sonneverbrannt" erscheint die Geliebte fl, 6; I d. X). „Honig" ist ihre Stimme oder ihr Mund (IV, II. Id. XX). Sind die Füße des Geliebten dort „goldene Basen", so werden hier die drr Geliebten mit „Würfeln" (?) verglichen (V, 15; Id. X). Auch die auffallende Vergleichung der Geliebten mit dem Gespann ist Theokrit und dem Lied der Lieder gemeinsam (1,9; Id. XVIII). Die „kleinen Füchse", die die „Weinberge zerstören", erscheinen hier wie dort (II, 15; I d. I und V). Ebenso die Schafe oder Ziegen, „die Zwillinge gebären". (IV, I. VI, 6; I d. I, III, V, VIII). Auch die Nacht im Grünen, bei der Zypressen das Bett umstehen, ist ihnen gemeinsam (I, 16—17; l d. XI und XXVII). Schließlich ist die Verwendung des Apfels oder des Apfelbaums als Liehessymbol, die der griechischen Mythologie entstammt, ber Theokrit ebenso häufig wie im Liede." (S. 19.) Aber um alles in der Welt, ein sonnverbranntes Antlitz kommt doch häufiger vor, da brauche ich doch nicht anderswo borgen gehn, um das zu konzipieren? Unter allen Klimaten, wo man mit Säulen baut, wird die Säule und ihre Basis sich als Bild von Schenkel und Fuß, den Trägern des Leibes, dakbieteü, ustd wo man Wein baut, da, wird sich der Fuchs als Unter- - wühler des Weinbergs leicht einftellen. Mit genau demselben Recht wies der von Gebhardt abgelehnte W e t t st e i n auf, ganz auffällige Parallelen zur arabischen, syrischen und ägyptischen Li-ebespoesie hin. Es reden eben alle Zungen in Bild und Metapher ähnlich, wenn die Liebe sie löst und die Begeisterung für Leib und Wesen der Geliebten, die Gleichschau mit aller Natur ihnen eingibt. Nun soll sogar der Wechselgesang aus Hellas zu Israel gekommen sein!? Was war Israels Poesie mit seinem Parallelismusdenn ursprünglich anders als Wechselgesang? Was hat i Mirjam mit der Pauke in der Hand denn anderes getan, als den jüdischen Frauen vorgesprochen: Singet dem Ewigen, daß der Chor ihr erwidere im Rhythmus und Reigenschritt? War nicht auch! der Trauergesang ein Wechselgesang der Klagefrauen, sind die Psalmen nicht voll mit An- und Gegenrede? Nur Fremdheit mit dem Grundcharakter der jüdischen Dichtung, die überall und in jeder Zeit amöbischer Gesang war, kann auf diese Ungeheuerlichkeit einer Brücke zu Theokrit verfallen. Da erscheint mir die Theorie Wettsteins, welche den schlichten Bauernfang der syrischen Hochzeiten als formales Schema dem Hohenliede l zu Grunde legt, weit bester und einleuchtender. . Aber letzlich ist die Frage der Kunstform und \ der Sprachstufe, des Wann und Wie der poetij fchen Endgestaltung gleichgültig. Gebhardtpladiert für die. späte Ansetzung, weil sie als '„Schöpfung einer kulturellen Spätzeit eine weitgehende seelische Differenzierung und psychologische ^Nuancierung anzunehmen erlaubt." Wir selbst vermissen in keiner Periode des jüdischen Schrifttums die seelische Differenzierung und glauben nicht, daß die Ptolemäerzeit es darin weiter gebracht als Mosche, Jesajas und Jirmija als Hofea und Amos, alä die Psalmen und Klagelieder. Entscheidend für eine Deutung des Hohenliedes ist vielmehr die Fragestellung, die jeden Juden tiefer erfüllen wird: .kommt G e b j Hardt m i t s einer Erk l ä r u n g a ls re iner Li e b e s d i cht u n g zum Ziele? Vermag er, der doch gewiß unbefangen an feine Aufgabe herantritt, der Allegorie aus dem Wege, zu gehn, die in der Fabel eine Anspielung auf ein Außerirdisches sieht? Oder hat der Stoff auch ihm gegenüber seinen A u f t r i-e b bewiesen, daß er wie 'ein Ballon mit leichtem Gas zur Höhe emporgerissen wird? Schon zu Beginn erweist sich, für Gebhardt die „Charakterisierung der Liebenden als Hirten bloß als dichterische Fiktion, wie man überhaupt schwer die Verse des Liedes als Hochzeitsgesänge wirklicher Hirten vor diesem phantastisch-dichterischen Hintergrund der ' „Balsamberge" und „Wcihrauchshügel" sich denken kann." Er muß uns weiter einreden, daß „die Absicht irgendeiner Lokalisierung dem Dichter ferngelegen und unbekümmert um die geographische Lage er Jerusalem und Thirza, Tie Wüste Juda bei Jerusalem und die Küstenebene Saron bei Joppe, die Oase En Gedi an der Westseite des Toten Meeres, die Stadt Hesbon im Ostjordanland und das Dorf Shulem am kleinen Hermon, die Gebirge Gilead, Senir-Hermon, den Karmel, den Libanon, der gen Damaskus schaut und gar das ferne Amanus-Gebirge gebrauche. Das müssen wir schon glauben, daß die ganze Hineinbeziehung des heiligen Landes Zufall, unwesentlich'sei, daß sie mit dem Kern der Dichtung in keinem Zusammenhänge stehe. Nur merkwürdig, warum so viel überflüssige Zutat, soviel gleichgültiges Beiwerk bei einem Dichter, den wir nach Gebhardt doch ernst nehmen sollen. Aber die eigentliche Schwierigkeit ist die Rolle, welche König Salomo im Liede spielt. Ihn einfach als Textverderbnis zu streichen, geht auch für Gebhardt nicht an, der grade das Ganze des Liedes erklären will. Er geht „für die Interpretation von einer Stelle aus, in der über die Rolle Salomos keinerlei Zweifel obwalten kann," die vom Weinberg in Baal Hanzon (Kap, VW. 8 ff). „Diesem realen!-.Weinberg stellt der Webende! seinen Weinberg entgegen, die reine Schönheit der Geliebten, die ja auch 1,6, und II, 15 -als Weinberg bezeichnet wird, um damit zu sagen, .daß 'ihm die Geliebte teurer ist als 'lalle Schätze der. Erde, wieja auch kurz vorher (VIII, 8) Shulammith dienLiebe außerhalb allen Reichtums gestellt hatte. Salomo! kann also hier nichts anderes sein denn eine > K ontxa st f.i gut, bei der die Antithese■ diesmal im sagenhaften Reichtum liegt. Von hier aus versteht sich nun auch ohne Schwierigkeit die scheinbar so. rätselhafte Szene III, 6—11, die 'mit den Worten beginnt: „Wer ist, der da heraufkommt von der Wüste?" Mit diesen Worten beginnt ja auch der Schluß des Liedes der Lieder, nach der Liebeserfüllung: „Wer ist sie, die heraufsteigt von der Trift auf ihren Geliebten gestützt?" , Die Gleichheit der einleitenden Worte, die beidesmal die Töchter Ierushalaims sprechen (?), kann schon darauf Hinweisen, daß auch hier eine R o n t r a st - Wirkung beabsichtigt ist. Auf der einen Seite die beiden Liebenden nach der Nacht ihrer Hochzeit, auf der anderen Seite Salomo mit der „Krone", mit der ihn seine Mutter am Tag seiner Hochzeit gekrönt hat", aber mit welchem Aufwand! In kunstvoller Sänfte, die aus kostbarstem .Material gefertigt ist, in einer Wolke von Wohlgerüchen, und um sie herum eine Leibwache, weil sich König Salomo in der Nacht fürchtet. Hier geht der Kontrast bis zur Satire. Daß die.beiden Schilderungen antithetisch aufeinander bezogen find, ergibt sich nicht nur aus dem) Gleichklang der Eingangsfrage, sondern auch aus der sonst ganzbeziehungslosen Darstellung Salomos in der Hochzeitskrone. (Der Sperrdruck, von uns.) Hier mag sich jeder entscheiden. Es wird zugestanden, daß die Darstellung Salomos in der Hochzeitskrone g a n z b e z i ehun g s 1 ö s dasteht. Als Kontrast zu der fünf Kapitel später geschilderten Heimführung Sulamiths soll - hiev eine Szene Hineinpetragen sein, von der - Hörer und Leser einfach nicht wissenkönnen, was! sie,.beabsichtigt und bezweckt. Eben.ist die Sehnl sucht Sulamiths in Nacht und Traumgesicht ge-? schildert'T'-'Man ist gespannt, -wann werden' die Liebenden ihr Ziel erreichen. Plötzlich, aus hei- : terem Himmel erzählen „die Töchter Jerusalems" etwas von der Hochzeitsfeier Salomos und f o r- : der n sich selbst a u f: geht heraus und schauet den König in seiner Krone. Dannfährt der Dichter in der alten Liebesgeschichte fort. Der Leser oder Hörer stecke sich wohl kstn Sang der Töchter Jerusalems in die Tasche; einige sechzig Verse später, wann er den gleichklingenden Eingangsvers von Sulamiths Hochzeit hört, dann hole er den alten Salomohochzeitsbericht wieder hervor und empfinde tief, welcher Kontrast zwischen beiden besteht. Nein, das ist Unnatur. Wenigstens hätten dann beide Berichte neben einander gestellt werden müssen. So fehlt die Brücke. Da hüpft Gebhardt wie die Gazelle oder der Junghirsch über die Berge; aber wir bekennen, daß .wit .so schnell nicht folgen könnend Hier unterscheiden wir uns wesentlich von Gebhardt. Selbstverständlich ist Salomo, das Gegenstück zu Sulamith, derselbe wie der nach Gebhardt selbst nur-fiktive Hirt des Liedes. Diese Salomoszene ist der echte Hochzeitszug; denn in den folgenden Strophen heißt die Braut Kalla, Braut, junge vermählte Gattin. Auch der Kontrast der äußeren Pracht des ersten Zuges und der stillen Innerlichkeit des zweiten ist richtig gesehen und empfunden. Es ist aber dieselbe Sulamith,. die am Tage der Vermählung alle Ehre und Herrlichkeit der Hochzeit erlebt, aber erst in Leid und Not die echte Liebe des Herzens sich erringen muß, die auf alles Aeußere verzichtet. Die Schwierigkeiten, die wir hier in Gebhardts Deutung angeführt haben, sind von ihm selbst deutlich empfunden und sogar hervorgehoben worden. So zeugt Gebhardts Erklärungsversuch für die innere Notwendigkeit eines andren, den von den jüdischen W e i s e n a u f g e z e i g t e n, den wir zu voller Klarheitherausgearbeitethaben. Aber Gebhardts Werk voll wissenschaftlicher Redlichkeit und poetischemi Feingefühl verdient dennoch große Anerkennung; Es ist der erste Schritt, durch den ein objektiver Denker den Weg zur unbestochenen Würdigung des Hohenliedes zu suchen und zu beschreiten den Mut vor der Welt der Forscher gefunden hat. Das fei, ihm .aufrichtig gedankt. : \ Reue Forschungen zur Lebensgeschichke Rabbi Mosche Ehajim Luzattos. In der Reihe der wertvollen Veröffentlichungen, die wir dem Dropfie College in Philadelphia verdanken, liegt ein, zwar nur gegen 200 Seiten umfassender, aber seinem Inhalte nach besonders fesselnder Band vor, in dem Si.mon Ginzburg das Leben und die Werke Mosche Ehajim Luzattos behandelt. Der Verfasser hatte das Glück, in der reichen Bibliothek, des Jüdisch-Theologischen Seminars in Newyork eine Sammlung von bisher ganz unbekannten Briefen von und. an Mosche Ehajim Luzatto zu finden, die beinahe 200 Jahre lang in irgend einer, privaten Sammlung verborgen waren und erst kürzlich in den Besitz der Seminar-Bibliothek gelangten. Es .sind 130 historische Dokumente, Briefe von Luzatto und seinen Zeitgenossen, sowohl von seinen Freunden als von seinen Gegnern, die damit der historischen Forschung zugänglich wurden, und die neues Licht über die geniale und vielfach rätselhafte Persönlichkeit des an der Schwelle zweier Welten von der Vorsehung zu kurzer Wirksamkeit geweckten Persönlichkeit Luzattos verbreiten. Nachdem diese Briefe qufgesunden waren, entschloß sich der Verfasser, sie in einem besonderen, hebräisch geschriebenen Werke, .das in Kürze im Verlag „Dewir" in Tel Aviv erscheinen Zoll, gründlich zu bearbeiten, einstweilen aber das von ihm als Doktorarbeit gedachte englische Buch über Luzatto unter teilweiser . Benutzung der durch die Briefe gewonnenen, neuen Aufschlüsse herauszugeben. Dieser englische Band ist es, der uns zur Besprechung vorliegt. Er behandelt im ersten Teil das Leben Luzattos, im zweiten seine

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